Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Personalia/Preise

Mai 14 2012
10:22

Ron Breaker ist Rolf-Sammet-Gastprofessor an der Goethe-Universität

Er lässt Bakterien tanzen

FRANKFURT. Neue biologische Prinzipien zu finden und zu nutzen, um den Stoffwechsel von Bakterien zu kontrollieren, das ist die Domäne von Ron Breaker, dem diesjährigen Rolf-Sammet-Stiftungsgastprofessor. Er untersucht Ribonukleinsäuren (RNAs), die hoch spezifische Komplexe mit kleinen Molekülen ausbilden. Aufgrund seiner Forschungsergebnisse werden Ansätze, durch kleine Moleküle gebundene RNAs als neue Wirkstoffklasse für Arzneimittel einsetzen, immer wahrscheinlicher. Die Faszination seiner Arbeit wird Breaker in einer öffentlichen Vorlesung am 21. Mai für interessierte Laien vermitteln.

Breaker hat das Vorurteil, dass RNAs nicht gezielt an kleine Moleküle binden können, auf beeindruckende Weise widerlegt. Mehr als 20 verschiedene Riboswitche hat er gefunden: Das sind RNAs, deren Gestalt sich nach Bindung an kleine Moleküle verändert. Infolgedessen ändert sich in der Zelle sowohl die Transkription, also der Umbau von DNA in RNA, als auch die Translation, das heißt die Herstellung von neuen Proteinen aus RNA.  Riboswitche zeigen, wie vielfältig die Komplexe aus RNA und diesen kleinen Molekülen sind. Neben dem Einsatz als neue Wirkstoffe sind Riboswitche als Module für die Synthetische Biologie von höchster Bedeutung. „Ich war überrascht, dass diese RNA-basierten Mechanismen in Bakterien überlebt haben“, erklärt der in Yale, USA, tätige Forscher, „diese alten Mechanismen könnten Überbleibsel einer RNA-Welt am Beginn der biologischen Evolution sein“.

Ron Breaker ist ein weiterer bedeutender RNA-Forscher, der nach den Nobelpreisträgern Venki Ramakrishnan und Tom Cech als Sammetprofessor nach Frankfurt kommt. „Durch Prof. Breaker wird unsere Forschung einen enormen Schub bekommen“, erwartet Prof. Harald Schwalbe, Kurator der diesjährigen Stiftungsprofessur, der den renommierten Forscher nach Frankfurt lockte. „In unserem Sonderforschungsbereich ‚Molekulare Mechanismen der RNA-basierten Regulation‘ untersuchen wir Riboswitche als völlig neue RNA-basierte Regulationsmodule“, ergänzt Schwalbe. Breakers Vorlesungen für Studierende finden auf den Campus Niederrad (22. Mai um 18:15 Uhr) und dem Campus Riedberg (23. Mai um 15:00 Uhr und 25. Mai um 17:00 Uhr) statt.

Ronald Breaker hat an der Universität von Wisconsin, Stevens Point studiert, an der Purdue Universität promoviert und bei Gerald Joyce, Scripps University, einen Postdocaufenthalt abgelegt. Seit 1995 arbeitet er an der amerikanischen Spitzenuniversität Yale, wo er auch Howard-Hughes-Investigator ist, eine hohe Ehre in Amerika. Neben zahlreichen Wissenschaftspreisen ist Ron Breaker ebenfalls Firmengründer.

Der Rolf-Sammet-Preis der Aventis Foundation erlaubt seit 1985 jährlich, herausragende Forscher der Chemie bis hin zur Medizin an die Goethe-Universität einzuladen.

Montag, 21. Mai, 17:00 Uhr
Öffentliche Vorlesung: „Riboswitches: Biology’s Ancient Regulators“
Biozentrum Campus Riedberg, Hörsaal B1
Max-von-Laue Str. 7

Informationen: Prof. Harald Schwalbe, Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie, Zentrum für biomolekulare magnetische Resonanz (BMRZ), DFG-Cluster of Excellence: Macromolecular Complexes. Campus Riedberg, Tel.: (069)798–29737, schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de.

Veranstaltungen

Mai 10 2012
16:00

Hauptreihe der Frankfurter Bürger-Universität startet am 14. Mai mit Einblicken in die bewegte Biographie von Pina Bausch

„Tanz, tanzt, sonst sind wir verloren“

FRANKFURT. Als Auftakt zur Hauptreihe der Frankfurter Bürgeruniversität im Sommersemester 2012 - Wie wir wurden, wer wir sind – Deutsche Biografien, ist Tilman Allerts Vortrag über eine der größten Bewegungskünstlerinnen unserer Zeit absolut beispielhaft. Die Tänzerin, Choreographin und Gründerin des Wuppertaler Tanzensembles, zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des internationalen Tanzes. Mit ihrem Namen verbindet sich die Öffnung der klassischen Choreographie des Balletts zu einer Inszenierung alltäglicher Körperbewegungen. Der berufliche Werdegang Pina Bauschs verkörpert eine ästhetische Reflexion auf die Umbrüche der deutschen Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg.

An insgesamt sechs Abenden wird die von Tilman Allert erdachte Vortragsreihe bekannte Biografien aus unterschiedlichsten Bereichen vorstellen und dabei exemplarisch Stationen der deutschen Sozial- und Kulturgeschichte entwerfen.

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ - Vortrag über das bewegte Leben der verstorbenen Pina Bausch

 am: Montag, 14. Mai 2012, um 19.30 Uhr,
Ort: Zentralbibliothek der Stadtbücherei, Hasengasse 4, 60311 Frankfurt

Weitere Vorträge:

  • 22. Mai 2012
    Dr. Friederike Sattler
    Alfred Herrhausen – Leben und Werk eines Bankiers
  • 4.Juni 2012
    Wolfgang Schopf
    Alexander Kluge – Ein Archivar der Lebensläufe
  • 11. Juni 2012
    Dr. Ferdinand Zehentreiter
    Michael Gielen – Die Partitur als heiliger Text
  • 18. Juni 2012
    Prof. Tilman Allert
    Jil Sander – Die neue Sprache der Eleganz
  • 25. Juni 2012
    Dieter Bartetzko
    Herbert Grönemeyer – Bochum für alle

Beginn jeweils um 19.30 Uhr / Eintritt frei / Anfahrt: www.stadtbuecherei.frankfurt.de

Das komplette Programm der 7. Frankfurter Bürger-Uni: www.buerger.uni-frankfurt.de

Forschung

Mai 8 2012
14:53

Neuer Biodiversitäts-Atlas als Grundlage für Entscheidungsträger vor Ort

Flora und Fauna West-Afrikas sinnvoll schützen

FRANKFURT/WÜRZBURG. 10 Jahre lang haben rund 150 deutsche Wissenschaftler zusammen mit afrikanischen Partnern die biologische Vielfalt Westafrikas und deren Wandel untersucht. Die Ergebnisse dieses vom Bundesforschungsministerium geförderten Mammutprojekts „BIOTA (Biodiversity Transect Analysis) West“ liegen nun in drei Atlanten vor. Das umfangreiche Kartenmaterial und detaillierte Analysen zur Vielfalt und zum Zustand der Flora und Fauna von Benin, Burkina Faso und der Côte d’Ivoire sollen Entscheidungsträgern vor Ort helfen, Schutzkonzepte zum besseren Erhalt bestehender oder zur Regeneration bereits verlorener Artenvielfalt umzusetzen.

Ein Beispiel für die Bedrohung der Westafrikanischen Artenvielfalt ist die Fledermaus Megaloglossus woermanni. Sie ist eine von 120 Fledermausarten, die in Westafrika heimisch sind. Das nur 15 Gramm schwere Tier hat im Ökosystem eine wichtige Rolle, beispielsweise als Samenausbreiter oder Insektenräuber. Die Region, aus der sie stammt, insbesondere der Guineische Waldgürtel, ist einer der 34 globalen Biodiversitäts-Hotspots für biologische Vielfalt. Da sie aber zugleich wirtschaftlich eine der ärmsten Regionen der Welt ist, sind dort auch viele anderen Pflanzen- und Tierarten durch den Wandel der Landnutzung bedroht, die ihren Lebensraum immer mehr einengt.

Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2000 das deutsch-afrikanische Großprojekt BIOTA West ins Leben gerufen. Über 150 Botaniker, Zoologen, Meteorologen, Fernerkundler, Geographen, Ökonomen und Ethnologen erhoben vollständige Datensätze zur biologischen Vielfalt und wichtigen Einflussfaktoren in Westafrika. Dazu wurden unter anderem Observatorien entlang eines Klimagradienten vom Rand der Sahara bis zum Regenwald eingerichtet. Die Bestandsaufnahme brachte Überraschungen mit sich: „Beispielsweise ging man davon aus, dass in Burkina Faso nur knapp über 1200 Pflanzenarten vorkommen. Inzwischen wissen wir, dass es fast 2000 verschiedene Arten in dem Land gibt“, so Dr. Karen Hahn, Goethe-Universität Frankfurt und Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F). Außerdem wurde untersucht, wie sich die Artenvielfalt im Lauf der Zeit durch Landnutzung und Klimawandel verändert, um bessere Ansätze für Schutz und nachhaltige Nutzung entwickeln zu können.

Die Ergebnisse dieser umfangreichen Forschungsarbeit liegen nun in drei BIOTA West Atlanten vor, die vor kurzem erschienen sind. Die insgesamt über 2100 Seiten starke dreiteilige Buchreihe bildet damit erstmals den gesammelten Stand des  Wissens zur biologischen Vielfalt und ihrer Bedrohung in Benin, Burkina Faso und der Côte d’Ivoire ab. Die Atlanten beinhalten jeweils einen allgemeinen Teil mit Daten zur westafrikanischen Biodiversität und deren Einflussfaktoren. Darüber geben das Kartenmaterial sowie Angaben zum Vorkommen und zur Verbreitung von Pflanzen- und Tierarten Auskunft. Außerdem werden Schutzkonzepte zum besseren Erhalt bestehender oder Regeneration bereits verlorener Artenvielfalt vorgestellt. In einem regionsspezifischen Teil werden jeweils die für das Land bedeutendsten Herausforderungen, der Status der Biodiversität vor Ort, Schutzgebiete und Naturschutzstrategien in Analysen dargelegt.

Zielgruppe der allgemein verständlich geschriebenen Atlanten sind Biodiversitätsforschende, Entscheidungsträger in Ministerien, Naturschutzbehörden, Nicht-Regierungsorganisatoren sowie Lehrer und die breite Öffentlichkeit. Neben der Bereitstellung von Information sollen die Atlanten vor allem die Grundlage für den nachhaltigen Schutz der biologischen Vielfalt geben. „Wissenstransfer ist ein essentieller Bestandteil des BIOTA West Projektes. Um das zu erleichtern, wurden die Atlanten auf die Bedürfnisse der Praktiker zugeschnitten. Deshalb haben auch unsere Partner vor Ort den Löwenanteil bei der Zusammenstellung des Inhalts geleistet”, erläutert Prof. K. Eduard Linsenmair, Universität Würzburg, der das zugrunde liegende Großforschungsprojekt BIOTA West koordiniert hat. Um größtmögliche Einsetzbarkeit zu gewährleisten, sind die Atlanten bilingual (Englisch und Französisch) ausgelegt und werden in vierstelliger Auflage vor Ort verteilt.

Erstellt wurden die Atlanten von der Goethe-Universität (Prof. Jürgen Runge, Dr. Dorothea Kampmann, Dr. Joachim Eisenberg) in Zusammenarbeit mit allen BIOTA-West Beteiligten. Sie wurden dabei vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) sowie dem IUCN Burkina Faso unterstützt. Herausgeber sind neben der deutschen Seite die jeweiligen Partner in Benin (Prof. Brice Sinsin), Burkina Faso (Prof. Adjima Thiombiano) und der Côte d’Ivoire (Prof. Souleymane Konaté).

Bilder zum Download finden Sie hier.

Informationen: Prof. Jürgen Runge, Institut für Physische Geographie, Campus Riedberg, Tel.:( 069) 798-40160; j.runge@em.uni-frankfurt.de.

Forschung

Mai 7 2012
10:56

Neuronale Netzwerke für Raumwahrnehmung sind bereits vor dem ersten Flug angelegt

Echoortung ist bei Fledermäusen angeboren

FRANKFURT. Fledermäuse verwenden einen großen Teil ihrer Großhirnrinde dazu, reflektierte Echosignale zu verarbeiten und daraus ein Abbild des externen Raums zu erzeugen. Wie Neurowissenschaftler der Goethe-Universität im Rahmen einer internationalen Kooperation nachgewiesen haben, ist das aus Hörsignalen entstandene Raumabbild bereits bei der Geburt angelegt. „Dies ist erstaunlich, da die Tiere zu diesem Zeitpunkt noch nicht echoorten und flugunfähig sind“, erklärt Prof. Manfred Kössl vom Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft. Die Echoortung beginnt erst etwa eine Woche nach der Geburt.

Die Fähigkeit, im Gehirn ein internes Abbild des externen Raumes zu schaffen, begründet den evolutionären Erfolg vieler höher entwickelter Tiere. Dazu werden vor allem Sinnesreize von Augen, Ohren und Tastsinn miteinander verrechnet. Fledermäuse erkunden den Raum darüber hinaus aktiv, indem sie Ultraschallsignale aussenden und über die Echo-Verzögerungszeiten in ihrem Hörkortex ein präzises Abbild der Raumtiefe erstellen. Allerdings ist das Innenohr der Fledermäuse in der ersten Lebenswoche noch relativ unsensitiv für die Wahrnehmung von ortungsrelevanten Schallfrequenzen. Umso erstaunlicher ist es, dass die zur Verarbeitung dieser Frequenzen vorhandenen Neuronen in den höheren Hirnregionen bereits funktionsfähig sind. Das haben die Forscher nachgewiesen, indem sie die Reaktion der jungen Fledermäuse auf Verzögerungssignale untersuchten. Ein wichtiger Teil der Daten wurde dabei in der Doktorarbeit von Cornelia Voss erhoben.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis der Studie: Derartige angeborene neuronale Schaltkreise zur Echoortung finden sich bei Fledermausspezies, die völlig unterschiedliche Echoortungsstrategien zur Futtersuche verwenden. Die in Kössls Frankfurter Institut heimische Fledermauskolonie der Gattung Carollia perspicillata ernährt sich von Früchten, während die auf Kuba ansässige Pteronotus parnellii ein Insektenfresser ist und dementsprechend eine größere Geschicklichkeit beim Jagen braucht. Es ist also anzunehmen, dass die bereits bei Geburt angelegte Fähigkeit zur Raumwahrnehmung die Überlebenschancen der jungen Fledermäuse generell erhöht, sobald sie mit der aktiven Erkundung ihrer Umgebung beginnen – nicht nur bei der Nahrungssuche, sondern auch auf der Flucht. „Es scheint ein allgemeines Prinzip zu sein, dass Raumwahrnehmung auch in einem aktiven Sinnessystem im Kant'schen Sinne a priori festgelegt ist und vermutlich eine evolutive Schwerpunktsetzung widerspiegelt“, folgert Kössl.

Die Forscher schließen nicht aus, dass sich die bereits angelegten neuronalen Netzwerke durch spätere Erfahrungen verändern, wie dies auch in anderen Säugetieren der Fall ist. Vermutlich kommt es zu verstärkter Ausbildung neuer Verknüpfungen zwischen Nerven (neuronale Plastizität) während der ersten Jagdflüge junger Fledermäuse im Alter von etwa vier bis sechs Wochen.

Publikationen: Manfred Kössl, Cornelia Voss et al.; Nature Communications, online Publikation: 10.4.2012, DOI: 10.1038/ncomms1782. Cornelia Hagemann(Voss) et al.; Journal of Comparative Physiology A 197:605 2011

Bilder zum Download finden Sie hier.

Bildtext für alle Bilder: Kubanische „hot cave“ mit einer Wochenstube junger Schnurrbartfledermäuse. Die etwa zwei bis drei Wochen alten Tiere sind noch nackt und warten auf die von der Jagd zurückkommenden Mütter. Aufgrund der hohen Fledermausdichte in diesen Höhlen liegt die Temperatur bei etwa 40 Grad Celsius mit 99 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Informationen: Prof. Manfred Kössl, Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft, Campus Riedberg, Tel.: (069)798–42052, koessl@bio.uni-frankfurt.de.

Forschung

Mai 7 2012
09:10

Seltene Thrombosen können genetische Ursache haben

Wenn das Blut in den Adern stockt

FRANKFURT. Die meisten Thrombosen entstehen im höheren Lebensalter, als Folge einer längeren Ruhigstellung oder der Einnahme von Hormonpräparaten. Bei einigen aber wird das Gerinnsel, das Venen oder Arterien verstopft, durch eine angeborene oder erworbene Thrombophilie verursacht. Manche dieser Gerinnungsneigungen sind häufig, andere sehen selbst die Ärzte im Schwerpunkt Angiologie/Hämostaseologie des Gefäßzentrums der Frankfurter Uniklinik höchstens ein-, zweimal im Monat. Daher fehlen auch belastbare Erkenntnisse zur Therapie dieser seltenen Thromboseformen. Dies zu ändern, ist das Ziel des Teams um Prof. Edelgard Lindhoff-Last. Wie die Wissenschaftlerin in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichtet, sind genetische Untersuchungen und die Einrichtung eines webbasierten Thromboseregisters wichtige Schritte zum besseren Verständnis dieser lebensbedrohlichen Erkrankung.

Von seltenen Thrombosen sprechen die Ärztinnen des Gefäßzentrums, wenn die Armvenen, die Bauchvenen oder die Hirnvenen betroffen sind. Verursacht werden diese Thrombosen meist durch eine gestörte Regulation der Gerinnung. Wiederkehrende Thrombosen, oft sowohl im arteriellen als auch im venösen System, führen zum Verlust von Extremitäten oder gar zum Tod zum Beispiel durch eine Lungenembolie oder durch einen Schlaganfall, manche Mutation lässt bei einer Schwangerschaft den Fötus bereits im Mutterleib sterben.

Ein Beispiel ist die Krankengeschichte der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Sie erlitt zwei Fehlgeburten, die man damals auf die schweren Verletzungen nach einem früheren Unfall zurückführte. Dass es sich um eine noch nicht bekannte seltene Form der Thrombose, ein sogenanntes Antiphospholipid-Syndrom handelte, legt der weitere Krankheitsverlauf nahe: 1953 wurde ihr vermutlich wegen eines arteriellen Verschlusses am rechten Bein der Unterschenkel amputiert. Ein Jahr später erkrankte sie an einer Lungenentzündung. Kurz nach ihrem 47. Geburtstag starb sie mutmaßlich an einer Lungenembolie.

Das Antiphospholipidsyndrom (APS) wird durch Antikörper verursacht, die gegen körpereigene Phospholipid-Gerinnungsproteinkomplexe gerichtet sind. Diese können unter anderem sowohl an Blutplättchen als auch an Endothelzellen binden, die das Innere der Blutgefäße auskleiden, und dadurch eine vermehrte Thromboseneigung verursachen.  Wie bei  vielen anderen Autoimmunerkrankungen bietet auch das erworbene APS ein buntes Bild an Symptomen: Der Erkrankungsgipfel liegt bei etwa 34 Jahren, Frauen sind viermal so oft betroffen wie Männer, die Thrombosen können sowohl in Arterien als auch in Venen auftreten.

Seltene angeborene Thromboseneigungen wie der angeborene Antithrombin-, Protein-C- oder Protein-S-Mangel geben darüber hinaus den Wissenschaftlern auch heute noch Rätsel auf: „Es gibt über 200 verschiedene Mutationen allein am Protein-S-Gen, die alle zu einem Mangel führen können. Fast jede Familie hat ihre eigene Mutationsvariante“, so Edelgard Lindhoff-Last. Diese frühzeitig zu entdecken, ist wesentlich für das Rezidivrisiko, das Wiederauftreten der Thrombose, das die Angiologen durch eine geeignete Therapie verhindern wollen. Dabei genügt es nicht allein, den Mangel eines Proteins für die Blutgerinnung festzustellen. Denn offenbar hängt es auch von der Art der Mutation ab, wie schwer die Gerinnungsstörung ausgeprägt ist. Die Forscherinnen setzen deshalb auf eine konsequente Sammlung aller seltenen Thrombosen und die genetische Kartierung der zugrunde liegenden Mutationen. Dafür arbeiten sie eng mit dem Blutspendedienst in Frankfurt zusammen.

In diesem Jahr ist MAISTHRO, das von Lindhoff-Last initiierte Main-Isar-Thromboseregister, in die zweite Runde gegangen. Das Register gibt es schon seit zehn Jahren. Dafür haben die Frankfurter Angiologen zusammen mit den Unikliniken Würzburg und München bereits Daten von 1400 Patienten erhoben. Während einer Pilotphase des nun webbasierten Systems werden zunächst drei Abteilungen der Frankfurter Uniklinik, die Angiologie, die Kinderklinik und das Hämophiliezentrum ihre Datensätze einbringen. 2013 soll das Register dann auch für andere Zentren außerhalb der Frankfurter Uniklinik offen stehen.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

 Informationen: Prof. Edelgard Lindhoff-Last, Gefäßzentrum, Schwerpunkt Angiologie/Hämostasiologie, Universitätsklinik, Sekretariat: Vera Neumann, Tel. (069) 6301-5096; vera.neumann@kgu.de.