Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Apr 24 2012
16:52

Archäologen der Goethe-Universität berichten in „Forschung Frankfurt“, wie sich die Kulturlandschaft im Hessischen Ried über 500 Jahre verändert hat

Wirtschaftsboom zur Römerzeit

FRANKFURT. Das Hessische Ried ist nach dem rheinischen Kohleabbaugebiet die am intensivsten erforschte Landschaft im römischen Deutschland. Wissenschaftler des Instituts für Archäologische Wissenschaften unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel haben die Entwicklung dieser Region im rechtrheinischen Vorfeld der Garnisonsstadt Mogontiacum/Mainz von der Zeitenwende bis um 500 n. Chr. in einem mehrjährigen Projekt rekonstruiert. Über die wichtigsten Ergebnisse ihrer Arbeit berichten sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“.

Die Archäologen sind bereits vor 15 Jahren angetreten, die Siedlungsgeschichte des Rieds, dieser flachen, wasserreichen Landschaft zwischen Rhein, Main und Odenwald, über einen Zeitraum von gut 500 Jahre zu erforschen. Inzwischen konnten sie bemerkenswerte Ergebnisse vorlegen. Die Aktivitäten in dieser Region waren auf die mächtige Stadt Mogontiacum, das Tor zur „Germania Magna“, ausgerichtet. Dort waren im ersten Jahrhundert n. Chr. über 10.000 Soldaten stationiert, die durch ihren regelmäßigen Sold und ihre Ansprüche des täglichen Bedarfs einen Wirtschaftsboom in dieser um die Zeitenwende sehr dünn besiedelten und kaum strukturierten Region auslösten. Im Gebiet des heutigen Landkreises Groß-Gerau wurden zunächst für kurze oder längere Zeit besetzte Militärlager angelegt – insgesamt 13 sind bisher entdeckt worden, an wenigen Orten entstanden Dörfer, in denen die Angehörigen der Soldaten lebten. Nach dem Abzug der Truppen im frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. wurde das Ried mit Gutshöfen („villae rusticae), die von Bauern und auch Veteranen bewirtschaftet wurden, aufgesiedelt. „Die Äcker des Rieds bilden ein Bodenarchiv ersten Ranges, das wir mit unseren systematischen Feldbegehungen erschlossen haben“, sagt Dr. Thomas Maurer, der seit 1998 die Erkundungen vor Ort leitet. Er konnte 200 römische Fundplätze nachweisen und mehr als 8000 Fundobjekte publizieren; im Vergleich zu einer Veröffentlichung von 1989 hat sich die Zahl der bekannten Fundplätze damit fast verzehnfacht.

Am häufigsten stießen die Forscher auf Keramikscherben, deren Alter und Herkunft in der Regel exakt zu bestimmen sind, vielfach ist auch der Inhalt der Gefäße zu ermitteln. Mit Hilfe modernster Keramikanalytik konnte zudem die lokale Keramikproduktion im Ried rekonstruiert werden. Nachweisen lässt sich, dass die Soldaten in römischen Diensten, unter ihnen viele aus dem Mittelmeerraum, nicht auf die kulinarischen Köstlichkeiten ihrer Heimat verzichten wollten: Olivenöl, Fischsoßen und Wein wurden in großen Amphoren aus Südspanien an den Rhein transportiert. Aber ohne Getreideanbau und Viehwirtschaft im Ried hätten viele Menschen darben müssen. Mit der Analyse von Pollen-Ablagerungen im Boden hat die Frankfurter Archäobotanikerin Christiane Singer die Vegetationsentwicklung und Nutzung des Rieds nachzeichnen können.

Einen kleinen Raum westlich des Groß-Gerauer Ortsteil Wallerstädten haben sich die Wissenschaftler besonders gründlich angeschaut und konnten im Detail nachweisen, wie ein Siedlungsschwerpunkt im Laufe von 500 Jahren „gewandert“ ist. Nach einem kurzzeitig besetzten Militärlager (30/40 n. Chr.) wurde leicht versetzt ein Kastell (40 bis 75 n. Chr.) gebaut, im zweiten/dritten Jahrhundert lag dort eine Siedlung mit einer bunt zusammengesetzten Bevölkerung (Gallo-Römer, Germanen) und im vierten/fünften Jahrhundert lassen die Funde darauf schließen, dass sich hier Alamannen nieder gelassen haben; beim heutigen Ortsrand von Wallerstädten leiten Funde des 6./7. Jahrhunderts über in die Zeit der Merowinger.

Die Blütezeit der Zivilbesiedlung des Rieds, das Teil einer nach römischem Vorbild organisierten Gebietskörperschaft (»civitas«) war, endete um die Mitte des dritten Jahrhunderts unter dem Eindruck von Bürgerkrieg und Germaneneinfällen. Zu Beginn des vierten Jahrhunderts kam es im Ried zu einem Wiederaufschwung; das Gebiet profitierte ganz offensichtlich erneut von seiner Nähe zu Mogontiacum, zu dessen Brückenkopf es gehörte. Neben spätrömischen Militäranlagen entstanden nun auch Siedlungen zugewanderter Germanen (Alamannen). In der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schwindet der römische Einfluss mehr und mehr. Das Ried steht von nun an unter alamannischer Herrschaft und wird um 500 n. Chr. Teil des fränkischen Merowinger-Reiches.

Informationen: Prof. Hans-Markus von Kaenel, Institut für Archäologische Wissenschaften  (Abt. II), Campus Westend, Tel. 069-798-32265, v.kaenel@em.uni-frankfurt.de; Dr. Thomas Maurer, Institut für Archäologische Wissenschaften (Abt. II), Campus Westend, Tel. 069/ 798 32262, t.maurer@em.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Apr 24 2012
16:44

Nach Vortrag im Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften wird Ausstellung zu Snyders Film „Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars“ in der Studiengalerie 1.357 eröffnet

Keplers Brief an eine anonyme Dame: Innenansicht eines Gelehrtenhaushalts

FRANKFURT. Auf Einladung des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität hält Gadi Algazi, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Tel Aviv, einen öffentlichen Vortrag

am: Mittwoch (25. April) um 18 Uhr
Ort: IG-Farben-Haus, Raum 411, Campus Westend, Grüneburgplatz 1
Thema: „Kepler und die Keplerin: Wissenshaushalt und Geschlechterordnung um 1600“.

Keplers Brief an eine anonyme Dame (1612) bietet eine außergewöhnliche Gelegenheit, einen Gelehrtenhaushalt von innen zu betrachten. Dabei wird es nicht um die objektiven Begebenheiten allein gehen, sondern zugleich um Keplers Text, eine einzigartige Mischung aus Apologie und kritischer Selbstbeobachtung. „Keplers Text öffnet den Blick für intime Abhängigkeiten und die konstitutiven Widersprüche einer geschlechtsspezifischen Ehrenökonomie der Wissenschaft“, verspricht der Gast aus Israel.

Im Anschluss an diesen Vortrag wird um 20 Uhr die Ausstellung zu Sean Snyders Film „Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars“ in der Studiengalerie 1.357 im ersten Stock des IG-Farben-Hauses (Raum 1.357) eröffnet. Die Studiengruppe „Zeitgenössische Videokunst und die Methoden historischer Forschung“ stellt Inhalte, Absichten und künstlerische Umsetzung des Films von Sean Snyder vor, der dokumentarisches Foto- und Filmmaterial über Afghanistan und den Irak untersucht. Die Details haben Studierenden im vergangenen Semester unterstützt von Lehrenden unterschiedlicher Fachrichtungen erarbeitet. Der 13-minütige Film ist vom 26. April bis zum 7. Juni montags bis donnerstags zwischen 12 und 17 Uhr in der Studiengalerie 1.357 im I.G.-Farben-Haus zu sehen.

Der größte Teil des Films setzt sich aus statischen Bilderreihen zusammen. Vergrößerungen und Detailaufnahmen vorgefundener Reportage-Fotos machen die Omnipräsenz von Markenprodukten deutlich. Am Schluss des Films erscheinen Filmbilder einer Bombardierung Bagdads. Selbst während der Kriege blieben Irak und Afghanistan Teil einer globalen ökonomischen Sphäre. Deren visuelle Codes zeigen sich – so hat die Studiengruppe analysiert – noch in den entferntesten Gebirgsdörfern und an den Handgelenken der radikalsten Bekämpfer des Westens. Der Filmemacher Sean Snyder ist in den USA geboren, lebt und arbeitet in Kiew, Berlin und Tokio.

Die Studiengalerie 1.357 ist Teil einer Kooperation des Historischen Seminars der Goethe-Universität und des Städel Museums Frankfurt. Die Studierenden konzipieren das Programm, verfassen Ausstellungstexte, erstellen Plakate und Pressemeldungen, organisieren die Eröffnungen und halten die Einführungsvorträge. Auf diese Weise können sie sich die Grundlagen kuratorischer Tätigkeit und der Kunstkritik erarbeiten. Initiiert wurde die Gruppe von Prof. Dr. Bernhard Jussen vom Historischen Seminar und Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am StädelMuseum. Sie versammelt Studierende und Lehrende verschiedener Disziplinen zur längerfristigen gemeinsamen Arbeit. Dabei stehen Fragen nach dem bildlichen Umgang mit Geschichte und dem Verhandeln von Geschichte und Erinnerung in der aktuellen Videokunst im Mittelpunkt.

Informationen: Zum Vortrag: Dr. Falk Müller, Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften, Campus Westend, Tel: (069) 798-32411, falk.mueller@em.uni-frankfurt.de, www.fzhg.org

Zur Studiengalerie: Prof. Dr. Bernhard Jussen, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel.: 069/798-32427, jussen@em.uni-frankfurt.de; Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Tel.: 069/605098210, engler@staedelmuseum.de; Dr. Henning Engelke, Kunsthistorisches Institut, Campus Bockenheim, Tel 069/798-23470, engelke@kunst.uni-frankfurt.de

Bild- und Textmaterial: Studiengruppe „Zeitgenössische Videokunst und die Methoden historischer Forschung“ unter www.geschichte.uni-frankfurt.de/studien/studiengalerie/index.html.

Personalia/Preise

Apr 24 2012
12:47

Unabhängige Auszeichnung für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus wird 2012/13 zum dritten Mal vergeben

Goethe-Medienpreis geht in die nächste Runde

FRANKFURT. Als der Goethe-Medienpreis für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus 2008 auf Anregung der Goethe-Universität und der FAZIT-Stiftung Premiere feierte, war er die erste Auszeichnung seiner Art im deutschsprachigen Raum. Die mit 5.000, 2.500 und 1.250 Euro dotierte Auszeichnung hat ausdrücklich nicht Wissenschaftsjournalisten im Fokus, sondern Redakteure, die die politischen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Hochschulen analysieren. Der wissenschafts- und hochschulpolitische Journalismus erlebt in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung. Vermutlich sind deutschlandweit inzwischen mehr als 250 Journalisten in diesem Segment tätig, regional wie überregional.

Nach zwei erfolgreichen Runden hat sich die unabhängige Auszeichnung inzwischen im breiten Feld der mehr als 300 deutschen Journalistenpreisen etabliert. Das zeigt insbesondere der mit inzwischen 70 Prozent sehr hohe Anteil von Bewerbungen aus überregionalen Leitmedien. Ob Süddeutsche Zeitung oder Der Spiegel, ob Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Focus: Journalisten mit wissenschafts- und hochschulpolitischem Schwerpunkt beteiligten sich in der letzten Runde mit deutlich über 50 Einsendungen.

Preisträgerinnen und Preisträger der letzten Jahre haben sich auf höchst anschauliche, hintergründige und zugleich kurzweilige Weise vertieft in herausfordernde Themen wie die Präsenz von Humboldts Denken in deutschen Unis („Goodbye Humboldt“), das Germanistik-Studium nach Einführung des Bachelors („Lesen ist kein Modul“) und die fatale Wirkung der so genannten Kapazitätsverordnung auf das deutsche Hochschulwesen („Die fiese Formel“). Die Autoren haben der universitären Wissenschaft aber auch kriminalistische Seiten abgewonnen („Der Fall Christoph Broelsch“) oder das immer schneller rotierende Berufungsgeschäft an deutschen Hochschulen mit dem Transfergeschäft im Fußball verglichen („Das Millionenspiel“). Bei aller Unterschiedlichkeit im Thema verbinden jedoch zwei Kriterien alle diese Arbeiten und viele, die in die engere Wahl kamen: Das unbedingte Streben nach Qualität und das Bemühen um eine neuartige Perspektive.

Die Ausschreibungsrunde 2012, die bis zum 31. Juli läuft, startet Ende April mit einer Ausschreibung im Fachmagazin „Der Journalist“. Im November kommt die Jury in Frankfurt zusammen, um die Preisträger zu bestimmen, im Januar 2013 ist die feierliche Preisverleihung an der Goethe-Universität.

Bewerber schicken bitte ihre formlose Bewerbung mit dem entsprechenden Beitrag zusammen mit einer maximal einseitigen Begründung, weshalb sie Ihre Arbeit für preiswürdig halten, unter dem Stichwort „Goethe-Medienpreis“ an folgende Adresse: Goethe-Universität Frankfurt, Abteilung Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main.

Je Bewerber ist nur ein Beitrag zulässig. Im Falle einer thematisch orientierten Artikelserie eines Autoren-Teams wird der Preis auf die Mitglieder der Autorengruppe aufgeteilt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Preisträgerinnen 2010:

  • Andrea Lueg( Deutschlandradio),
  • Martina Keller (Westdeutscher Rundfunk),
  • Christine Prußky (Deutsche Universitätszeitung)

Mitglieder der Jury:

  • Prof. Dr. Bernhard Kempen (Präsident des Deutschen Hochschulverbandes),
  • Prof. Dr. Margret Wintermantel (Präsidentin der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz),
  • Werner D‘Inka (Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung),
  • Prof. Dr. Christian Floto (Abteilungsleiter Wissenschaft und Bildung, Deutschlandfunk),
  • Dr. Reinhard Grunwald (Generalsekretär a.D. der Deutschen Forschungsgemeinschaft),
  • Dr. Martin Doerry (Stv. Chefredakteur DER SPIEGEL)
  • Dr. Wolfgang Heuser (Herausgeber DUZ)

Informationen: Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter Marketing und Kommunikation,
Campus Bockenheim, Tel: (069) 798-23935, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de, http://goethe-medienpreis.uni-frankfurt.de/

Forschung

Apr 24 2012
10:48

Neue Ausgabe von Forschung Frankfurt mit Beiträgen zur Gefäßforschung und zur Archäologie

Gefäßerkrankungen: Radikale können auch nützen

FRANKFURT. Gefäßerkrankungen geben der Forschung immer noch Rätsel auf. Zwar sind die meisten Risikofaktoren für Arteriosklerose, Herzinfarkt oder Schlaganfall schon lange bekannt, aber auf der zellulären Ebene sind die Ursachen noch längst nicht lückenlos erforscht. Hier spielen Enzyme, komplexe Signalkaskaden und Regelkreise eine entscheidende Rolle. Sie im Detail zu kennen, ist nicht nur die Voraussetzung dafür, Gefäßerkrankungen gezielt vorzubeugen, sondern auch durch Medikamente regulierend eingreifen zu können. In der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Forschung Frankfurt“ berichten Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Herz-Kreislauf-System“ über den aktuellen Stand der Forschung.

Prof. Ralf Brandes erklärt in seinem Beitrag, warum die Einnahme von Vitaminpräparaten in klinischen Studien keine positiven Wirkungen zeigte. Vitamine machen im Körper  entstehende Sauerstoffradikale unschädlich. Da diese reaktiven Moleküle für Alterung, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich gemacht werden, lag es nahe, auf die schützende Wirkung von Vitaminen zu bauen. Allerdings fand unter anderem die Arbeitsgruppe von Ralf Brandes am Institut für Kardiovaskuläre Physiologie heraus, dass Sauerstoffradikale nicht nur schädliche Nebenprodukte des Stoffwechsels sind, sondern auch lebensnotwendige Funktionen übernehmen. Sie werden daher im Körper in einem eng regulierten Bereich aktiv produziert.

Eine besondere Rolle spielt die Radikal-Produktion durch Nox-Enzyme – sie stehen im Zentrum der Forschung von Brandes. Bei systemischen Entzündungen der Gefäße produzieren sie überschüssige Radikale. Diese schädigen dann die Gefäßwand und führen zur Arteriosklerose. Um diesen Prozess aufhalten zu können, empfehlen die Wissenschaftler die Entwicklung von Nox-Hemmern.

Gefäßschäden gehören zu den häufigsten Folgen des Metabolischen Syndroms, des tödlichen Quartetts aus Fettleibigkeit, Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Insulin-Resistenz. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko, Typ-II-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Doch wie hängen diese auf den ersten Blick recht unterschiedlichen Phänomene zusammen? Die Arbeitsgruppe von Prof. Ingrid Fleming am Institute for Vascular Signalling fand einen Zusammenhang über das Enzym AMPK. Es spielt sowohl bei der Cholesterin-Produktion als auch bei der Entwicklung einer Insulinresistenz eine Schlüsselrolle. Durch einen erhöhten Blutfluss, beispielsweise durch Sport, entfaltet das Enzym seine schützende Wirkung auf das Gefäßsystem, indem es Entzündungsreaktionen eindämmt und die Produktion freier Radikale hemmt. Ebenso fand die Forschergruppe erste Hinweise, warum der Verzehr von Fischölen, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, die Gefäße schützt.

Weitere Beiträge zum Thema Gefäßforschung in „Forschung Frankfurt“

  • Wenn das Blut in den Adern stockt
    Seltene Thrombosen können genetische Ursache haben
    Eva-Maria Siefert
  • Kleine Schnipsel mit großer Wirkung
    Wie microRNAs Herz-Kreislauf-Erkrankungen steuern
    Prof. Stefanie Dimmeler und Dr. Reinier Boon

Vom Hessischen Ried über die Eurasische Steppe bis zur nigerianischen Subsahara: Schwerpunkte archäologischer Forschung

Die Frankfurter Archäologen erforschen Lebensbedingungen und Kulturen in ganz unterschiedlichen Regionen der Welt und zu verschiedensten Epochen. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ werden drei große Schwerpunkte ihrer Arbeit vorgestellt:

Das Hessische Ried ist nach dem rheinischen Kohleabbaugebiet die am intensivsten erforschte Landschaft im römischen Deutschland. Wissenschaftler des Instituts für Archäologische Wissenschaften unter Leitung von Prof. Hans-Markus von Kaenel haben die Entwicklung dieser Region im rechtsrheinischen Vorfeld der Garnisonsstadt Mogontiacum/Mainz von der Zeitenwende bis um 500 n. Chr. in einem mehrjährigen Projekt rekonstruiert. Als die Römer zwischen 17 und 13 v. Chr. die erste Legion in Mainz stationierten, profitierte auch das Ried von der neuen Wirtschaftskraft. Im frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. wurden dann Dörfer und zahlreiche Gutshöfe gegründet. Nach einem Rückgang der Besiedlung erlebte das Ried im vierten Jahrhundert eine neue Blütezeit.

Mit der Region im Trans-Ural an der Grenze zwischen Europa und Asien beschäftigt sich das deutsch-russische Forscherteam um Prof. Rüdiger Krause. In dieser zunächst nahezu unbesiedelten Region erblühte zu Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. für mehr als zwei Jahrhunderte eine Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht. Wer waren ihre Bewohner und woher kamen sie? Was wollten sie in dieser Gegend? Wie kommt es zu den zahlreichen Innovationen? Die Forscher sind angetreten, diese Rätsel der Eurasischen Steppe zu lösen; über erste Ergebnisse berichten sie in „Forschung Frankfurt“. Besonders aufschlussreich sind die gefundenen Gräber mit ihren reichen Kupfer- und Bronzebeigaben. Zu den besonders aufregenden Funden gehören zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt und eine echte Innovation!

Seit 2005 Jahren erforschen Frankfurter Archäologen die Nok-Kultur in Nigeria, und sie können ihre erfolgreiche Arbeit auch in den nächsten Jahren fortsetzen: Mit circa 1,6 Millionen Euro unterstützt die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auch die zweite Phase des bis 2020 konzipierten Langfristvorhabens. „Die aus gebranntem Ton hergestellten Plastiken der Nok-Kultur sind über 2000 Jahren alt und verkörpern die älteste großformatige Figuralkunst im subsaharischen Afrika“, berichtet Forschungsleiter Prof. Dr. Peter Breunig. Seine Professur ist die einzige deutschlandweit, die ganz der afrikanischen Archäologie gewidmet ist. Einige der kunstvollen, bis lebensgroßen Terrakotta-Figuren von Menschen und Tieren werden 2013 bei einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein, anschließend wird die gesamte Ausstellung nach Nigeria gehen. Die Nok-Kultur gehört zu einer der bekanntesten bisher archäologisch untersuchten Kulturen Afrikas.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Mehr Informationen im Internet

Informationen: Dr. Anne Hardy, Ulrike Jaspers, Abteilung Marketing & Kommunikation, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798-23266, hardy@pvw.uni-frankfurt.de, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de.

Forschung

Apr 20 2012
11:19

Urahn lebte bereits vor 600.000 Jahren

Eisbären sind älter als gedacht

FRANKFURT. Eisbären, die größten landlebenden Raubtiere der Arktis, sind evolutionsgeschichtlich etwa fünf mal älter als bisher angenommen. Das ist das Ergebnis des bisher ersten umfassenden Vergleichs von Braun-und Eisbären anhand des Erbguts aus dem Zellkern. Beide Arten haben gemeinsame Wurzeln. Die Studie von Wissenschaftlern des Frankfurter Biodiversität und Klimaforschungszentrums (BiK-F), der Goethe-Universität und weiterer internationaler Forschungseinrichtungen erscheint heute als Titel der Fachzeitschrift „Science“.

Wer zur Abstammungsgeschichte des Eisbären forscht, hat es nicht leicht. Der weiße Riese lebt und stirbt auf Meereis; seine Überreste sinken auf den Meeresgrund, wo sie entweder durch Gletscher zermalmt werden oder unauffindbar sind. Statt mit Fossilien zu arbeiten, vollziehen Forscher die Geschichte der Eisbären daher primär anhand molekularbiologischer Methoden und damit Erbgut-Analysen nach. Fest steht, dass Eisbären mit Braunbären eng verwandt sind und sich als eigene Art von ihnen abgespalten haben. Wann das war, ist bisher umstritten.

Eine 2010 veröffentlichte Studie zeigte, dass der letzte gemeinsame Urahn von Braun- und Eisbär vor 150.000 Jahren lebte. Die Forscher stützten damals ihre Ergebnisse allein auf DNA aus Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Einen umfassenden Blick ins Erbgut erlangten nun Wissenschaftler des BiK-F und der Goethe-Universität in Kooperation mit weiteren Forschern aus den USA, Schweden und Spanien. Dr. Frank Hailer, BiK-F, Leitautor der Studie: „Statt wie bei klassischen Erbgut-Studien nur kleine Stücke mitochondrialer DNA miteinander zu vergleichen, haben wir uns viele unabhängige Stücke aus der DNA des Zellkerns von Braun- und Eisbären angesehen. Dies ist methodisch neu.“ Die Forscher untersuchten zudem eine Vielzahl von Individuen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet beider Arten.

Die technisch anspruchsvollerer Methode belegt nun erstmals, worüber vorher nur spekuliert wurde: Der Eisbär hat sich bereits von etwa 600.000 Jahren vom Braunbär abgespalten. Sein weißer Pelz, fellbesetzte Pranken und seine Vorliebe für Seehunde als Nahrung zeugen davon, wie gut er sich seitdem in der Arktis akklimatisiert hat. Mit der neuen Datierung ihrer Evolution ist der Mythos vom besonders schnell anpassungsfähigen Eisbär nun widerlegt. Tatsächlich ist der Eisbär in etwa so alt wie der ebenfalls an die Arktis hervorragend angepasste Polarfuchs.

Eine Erklärung, warum frühere Studien ein jüngeres Alter für den Eisbären annahmen, liegt vermutlich darin, dass beide Arten sich im Laufe der Zeit mehrmals miteinander gepaart haben – ein Vorgang, der heute wieder in der kanadischen Arktis zu beobachten ist. Dadurch wurden Teile der mitochondrialen Braunbär-DNA an Eisbären vererbt. Gerade dieses Stück DNA wurde aber bisher zur evolutionsbiologischen Untersuchung herangezogen. „Die von uns herangezogene DNA aus dem Zellkern wird von beiden Elternteilen vererbt. Wie unsere Studie zeigt, liefert sie ein detaillierteres und genaueres Bild der Evolutionsgeschichte einer Art als mitochondriale DNA, die nur mütterlicherseits vererbt wird“, erklärt Prof. Axel Janke, BIK-F und Goethe-Universität. Er leitete die Forschungsgruppe, die 2011 auch das Braunbären-Genom entschlüsselt hat.

Zu einer zeitweiligen Überlappung der Lebensräume von Eisbär und Braunbär könnte durch frühere Klimaschwankungen hervorgerufen worden sein. Die genetischen Daten weisen auch darauf hin, dass es für den Eisbären im Laufe der letzten 600.000 Jahre vielleicht schon ein- oder mehrmals knapp wurde. „Die geringe genetische Variabilität innerhalb der Art zeigt, dass die Bestandsgröße zeitweise stark dezimiert war. Möglicherweise fiel dies mit früheren Warmzeiten zusammen“, so Hailier. Er ergänzt: „Ob der Eisbär auch den derzeitigen Klimawandel überleben wird, ist ungewiss.“ Erstens läuft die globale Erwärmung deutlich schneller ab als jemals zuvor in der Evolutionsgeschichte des Eisbären. Zweitens ist der Einfluss des Menschen auf den Bären heute viel größer, weil er einerseits Eisbären jagt und andererseits Schadstoffe in den Nahrungskreislauf einbringt.

Publikation: Hailer, F. et. al. (2012): Nuclear genomic sequences reveal that polar bears are an old and distinct bear lineage. Science, DOI: 10.1126/science.1216424

Bilder zum Download finden Sie hier.

Bildtexte:
Eisbär-1: Den Eisbären - das Symbol der Arktis – gibt es bereits seit 600.000 Jahren. (Bildrechte: Hansruedi Weyrich/www.weyrichfoto.ch)

Eisbär-2: Das Erbgut zeigt, dass Eisbären schon mehrere Klimaschwankungen hinter sich haben. (Bildrechte: Alan Wilson/www.naturerpicturesonline.com)

Braunbär: Um mehr über die Abstammungsgeschichte des Eisbären zu erfahren, wurde dessen DNA aus dem Zellkern mit dem Erbgut vom Braunbär verglichen. (Bildrechte: Hansruedi Weyrich/www.weyrichfoto.ch)

Informationen: Prof. Axel Janke, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Universität, Campus Bockenheim, Tel. (069) 7542 1842; axel.janke@senckenberg.de.