Forschung
Die Politikwissenschaftlerin Sigrid Roßteutscher zu den Ursachen der veränderten Wahlverhaltens – Beitrag in der neuen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“
FRANKFURT.Wähler gelten heute als unberechenbar und launisch, aber auch als empfänglich gegenüber Lockrufen populistischer Alternativen. Die Wähler von heute sind Wechselwähler und entscheiden häufig erst an der Wahlurne, wem sie die Stimme geben. Die Mobilität der Wähler gehört zum politischen System der heutigen Bundesrepublik und ist das Ergebnis massiver Veränderungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten abgespielt haben. Details beschreibt die Frankfurter Politikwissenschaftlerin, Prof. Sigrid Roßteutscher, in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt mit dem Schwerpunktthema „Mobilität“.
In ihrer Diagnose des gesellschaftlichen Wandlungsprozesses spielen auch die massiven Veränderungen in der Medien- und Informationslandschaft eine entscheidende Rolle: Im Zuge der Liberalisierung des Medienmarkts ab 1990 nahm die Zahl der frei empfänglichen privaten Rund- und Fernsehkanäle explosionsartig zu, es folgte der Siegeszug des Internet sowie die Verbreitung der „social media“, was das potenzielle Angebot an Informationen drastisch ansteigen ließ. Dazu die Politikwissenschaftlerin er Goethe-Universität: „Die politischen Signale, die Bürger aus den Medien empfangen, sind somit weniger homogen und damit potenziell auch schwieriger einzuordnen und zu bewerten, als dies für lange Zeit der Fall war. Außerdem können Bürger, die sich nicht für Politik interessieren, intensiv andere Angebote in den vielfältigen Medien nutzen und Politik ausblenden.“
Für die Volksparteien sind die guten Jahre seit den 1990er vorbei: So sind beispielsweise immer weniger Arbeitnehmer gewerkschaftlich orientiert, weil viele klassische Arbeiterberufe verschwunden sind; damit schrumpft auch die Kernklientel der SPD. Ähnlich geht es der CDU/CSU, dort macht sich der Rückgang der aktiven Kirchgänger bemerkbar. „Diese sozialstrukturelle Veränderungen tragen zur Erosion traditioneller politischer Milieus bei, die über lange Zeit das Rückgrat der etablierten Parteien bildeten“, analysiert Roßteutscher.
Mit der schwindenden Bindungskraft der großen Parteien nimmt die Zahl neuer kleinerer Parteien zu, die sich nahe der Fünf-Prozent-Hürde bewegen – Ergebnis: die Fragmentierung des Parteiensystems. Im Zuge der deutschen Vereinigung etablierte sich über die SED, PDS dann schließlich „Die Linke“. Da die neue linke Partei ihre Klientel verstärkt im Osten hat, trug dies nachhaltig zur Regionalisierung des Parteiensystems. Die allmähliche Etablierung der Grünen und dann der Linkspartei führte zu einem graduellen Zuwachs der kleinen Parteien auf Kosten der Großparteien – zumindest bis zur Bundestagswahl im September. „Ob der erstaunliche Zuwachs der ‚Großen‘ bei der Bundestagswahl 2013 eine Trendumkehr signalisiert oder eher einmaliger Ausreißer ist, bleibt abzuwarten“, so die Wahlforscherin. Roßteutscher gehört zu den führenden bundesdeutschen Wissenschaftlern, die in der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten „Deutschen Nationalen Wahlstudie kooperieren.
In der „German Longitudinal Election Study“ (GLES), dem bislang umfassendsten und ehrgeizigsten Projekt der deutschen Wahlforschung, werden als Datenbasis Querschnitts- und sowohl kurz- als auch langfristige Längsschnittumfragen eingesetzt und mit einem Kandidatensurvey, einer Analyse von TV-Duellen sowie Inhaltsanalysen der Medienberichterstattung kombiniert. Mit Blick auf die Bundestagswahlen 2009, 2013 und 2017 untersucht die GLES, wie die mobilere Wählerschaft auf die Herausforderungen der neuen, sehr komplexen Konstellation elektoraler Politik reagiert. Bisher liegen intensive Untersuchungen zur Bundestagswahl 2009 vor, die Daten zu 2013 werden für die Analyse aufbereitet, eine erste gemeinsame Veröffentlichung zu den Besonderheiten dieser Wahl erscheint im Sommer 2014. Die Langfristperspektive wird dann vor allem nach der Bundestagswahl 2017, wenn Daten für drei aufeinanderfolgende Wahlen vorliegen, im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Analyse stehen.Drei von insgesamt neun Studienkomponenten der GLES werden unter Leitung von Roßteutscher an der Goethe-Universität realisiert. Zu den Kooperationspartnern gehören die Universität Frankfurt und Mannheim (Prof. Hans Rattinger, Prof. Rüdiger Schmitt-Beck) sowie das Wissenschaftszentrum Berlin (Prof. Bernhard Weßels) und das GESIS – Leibniz Institut für Sozialwissenschaften (Prof. Christof Wolf).
Festgesellt haben die Politikwissenschaftler und Soziologen auch, das mehr Parteien im Angebot nicht zu einer höheren Wahlbeteiligung führen. Gingen in den 1980er Jahren noch Bürger aller Schichten zur Wahl, sind es heute insbesondere die Wähler mit niedrigem Bildungsstatus, die zur stetig wachsenden Gruppe der Nichtwähler gehören. Dazu die Frankfurter Wissenschaftlerin: „Da die soziale Schere bei Jungwählern bis 29 Jahren noch sehr viel deutlicher zu erkennen ist als bei älteren Wählern, spricht viel dafür, dass diese Ungleichheit ein bleibendes Merkmal des politischen Systems Deutschlands wird.“ Die weiteren Untersuchungen der Wahlstudie werden auch darüber detaillierte Auskunft geben können.
Informationen: Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 798- 36628, Rossteutscher@soz.uni-frankfurt.de
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Forschung Frankfurt im Web: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe
Sonstige
Erfolgreiches Projekt der hessischen Universitäten für Professorinnennachwuchs startet neuen Durchgang.
FRANKFURT. ProProfessur, ein Projekt der fünf hessischen Universitäten, richtet sich an hoch qualifizierte fortgeschrittene Postdoktorandinnen, Habilitandinnen, Privatdozentinnen und Juniorprofessorinnen aller Fachrichtungen, die in einem Zeitraum von 18 Monaten gezielt an ihrer Karrierestrategie in Richtung Professur arbeiten möchten. Denn: Geschlechtsspezifische Studien und Statistiken bestätigen nach wie vor: Trotz hervorragender Fachexpertise gelingt noch immer viel zu wenigen Wissenschaftlerinnen der Sprung in die akademischen Spitzenpositionen. Mit einem kombinierten Angebot aus Qualifizierung in den soft skills für den Wissenschaftsbetrieb, strategischem Networking und One-to-One-Mentoring durch erfahrene Professorinnen und Professoren aus einem fachnahen Kontext erfolgt eine passgenaue Förderung. In einem vertrauensvollen Umfeld wird eine individualisierte Potenzialanalyse die sowohl die vorhandenen Kompetenzen sichtbar macht, als auch Felder identifiziert, auf denen vor dem Hintergrund der konkreten Anforderungen für eine Professur im jeweiligen Fach (z. B. Publikationen, Drittmittelakquise, Auslandsaufenthalte) verstärkt gearbeitet werden sollte.
Die bisherigen Durchgänge waren sehr erfolgreich. Aus dem Pilotdurchgang von ProProfessur 2008/2009 sind inzwischen 44 % der Teilnehmerinnen (21) in eine Professur berufen worden. Dieses Ergebnis liegt weit über dem bundesweiten Neuberufenenanteil an Professorinnen von derzeit 29,2 % (Stand 2012).
Die fünf hessischen Universitäten finanzieren bis Ende 2015 das ProProfessur-Projekt in einem weiteren Durchgang mit insgesamt 45 Plätzen. Die Bewerbungsfrist läuft bis 27.01.2014. Zu den Bewerbungsmodalitäten und Programmschwerpunkten findet auch an der Goethe-Universität Frankfurt eine Informationsveranstaltung statt:
Dienstag, 14. Januar 2014, 17.00-18.30 Uhr, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt, PEG-Gebäude, Raum 135.
Potenziellen Bewerberinnen wird die Teilnahme empfohlen. Neben der Projektleiterin und der Frauenbeauftragten der Goethe-Universität Frankfurt stehen zwei ehemalige Teilnehmerinnen für Fragen und Auskünfte zur Verfügung. Nähere Informationen zum Projekt sind auf der Homepage www.proprofessur.de zu finden.
Weitere Informationen: Dr. Astrid Franzke, Projekt ProProfessur, Goethe-Universität, Tel. (069) 798- 18117. franzke@em.uni-frankfurt.de; www.proprofessur.de
Forschung
Soziologe Tilman Allert entwickelt eine Typologie der Passagiere – Beitrag in der neuen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“
FRANKFURT. Fliegen ist für viele längst zur Routine geworden. Wer denkt schon darüber nach, um welchen Preis Menschen ihre Flugunfähigkeit und Bodenhaftung überwinden und dass sie ihre Autonomie des freien Agierens in einer bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft aufgeben müssen? Soziologen thematisieren dies und stellen fest: Fliegen stürzt Menschen in eine „transitorische Verortungskrise“, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst werden. „Beim Fliegen verlässt der Mensch seine raumzeitliche Verortung, er wird unverrückbares Mitglied in einer losen Gruppe, der er sich nicht entziehen kann, und ist angewiesen auf die Dienstleistung der ebenfalls fliegenden Gastgeber“, so der Soziologe Prof. Tilman Allert in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (2/2013), die sich ganz dem Thema „Mobilität“ widmet.
„Das Bemerkenswerte am Fliegen ist der scharfe Kontrast zwischen maximaler Überwindung von Raumgrenzen und dem Minimum an Eigenanstrengung“, charakterisiert Allert die Situation über den Wolken. Extremer geht es in keinem anderen Verkehrsmittel zu: Das Höchstmaß an Mobilität im Flugzeug versetzt die Passagiere in einen beschäftigungslosen und bewegloses Zustand. Und das bezeichnet der Frankfurter Soziologe als „idiosynkrasieverdächtige Sozialsituation“: „Der Umstand, dass Menschen in einer anonymen Gruppenkonstellation mit erheblich eingeschränkter individueller Handlungsautonomie eingebunden sind, steigert das Bemühen, eigenwillige normative Strukturierungen der Situation zu entwerfen, normalitätsentlastet und in der Extraterritorialität befreit vom Sanktionsdruck der gewohnten ‚significant others‘.“
Sechs Reaktionstypen sind – nach Allert – zu beobachten: Flugreisende, die die Situation als handlungsentlastend empfinden, die Auszeit genießen und sich ihren Tagträumen hingeben. Dann die Querulanten, die bewusst abweichendes Verhalten zeigen, sich über irgendwelche nichtigen Dinge oder den schlechten Service lautstark beklagen und so die erzwungene Untätigkeit versuchen zu kompensieren. Der dritte Typus überdeckt die enge unbehagliche Zwangssituation mit besonderer Kommunikationsfreude, sprich mit Geschwätzigkeit. Dazu schreibt der Soziologe: „Dadurch treten diese Menschen aus der Anonymität der Mitgliedschaft aus und unternehmen Versuche vorübergehender Geselligkeit – nicht nur unter ihresgleichen, sondern auch mit dem Servicepersonal, das unter diesen Voraussetzungen den Wunsch nach individueller Ansprache und Kommunikation mit der gleichzeitig wirksamen Verpflichtung zur Gleichheit in der Kundenbetreuung zu überprüfen hat.“ Zur vierten Gruppe: Diese Passagiere nutzen das „normative Niemandsland des Fliegens“, um eine sublime Form der Flegelei und Vulgarität zu erproben – und nicht selten auch zu kultivieren. Sie nehmen sich Dinge heraus, die sie sich mit beiden Beinen auf der Erde nicht trauen würden. Der fünfte Typus neigt zur exzessiven Konsumfreude: Die Aura des Außeralltäglichen („Der Himmel steht ihm offen!“) scheint ihm die Legitimation zu verleihen, einfach mehr zu kaufen, als er es gewöhnlich tun würde. Und als letzte Gruppe stellt Allert noch die Menschen vor, die auf den Verlust der Bodenhaftung panisch reagieren: „Nicht etwa die Technologie des Flugzeugs, die Erschütterungen bei Start und Landung oder Ähnliches, vielmehr die konkretistisch wahrgenommene Entfernung von ‚significant others‘ beschwört die Panik herauf. Somit kristallisiert sich in der Flugangst eine Disposition gewordene Sehnsucht nach Verortung.“ Es kann also nicht verwundern, dass der Frankfurter Soziologe das Fliegen als „transitorische Verortungskrise“ bezeichnet!
Informationen: Prof. Dr. Tilman Allert, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, , Campus Westend, Tel. (069) 798- 36691, tilman.allert@t-online.de
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Forschung Frankfurt im Web: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/
Forschung
Auch Wissenschaftler gehören zur kleinen Gruppe der Hochmobilen
FRANKFURT. 60 Prozent der Flugmeilen, Bahn- oder Auto-Kilometer, die jährlich von Bundesbürgern zurückgelegt werden, entfallen auf eine kleine Gruppe sogenannter „Hochmobiler“. Sie sind Fernpendler, müssen aus beruflichen Gründen viel reisen oder können es sich einfach leisten, überall auf der Welt unterwegs zu sein. Ab circa 40.000 Kilometern im Jahr zählt man zu dieser privilegierten Gruppe. Auch Professoren gehören dazu. In der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Forschung Frankfurt“ überprüfen wir die Aussagen einer quantitativen Befragung der Mobilitätsforschung am Beispiel vielreisender Professoren.
Große repräsentative Befragungen wie die Erhebung „Mobilität in Deutschland“, bei denen etwa alle vier Jahre 60.000 deutsche Haushalte befragt werden, liefern die Eckdaten zum Verkehrsgeschehen in Deutschland. „Hochmobile sind dabei jedoch in der Regel stark unterrepräsentiert. Sie werden daher auch kaum bei der Verkehrsplanung und Erstellung von Szenarien zukünftiger Entwicklungen im Mobilitätsbereich berücksichtigt“, weiß Robert Schönduwe, Doktorand in der Arbeitsgruppe Mobilitätsforschung von Prof. Martin Lanzendorf.
Verkehrsforscher gehen zumeist von traditionellen Haushaltsformen und Lebensstilen aus. Heute peitschen jedoch die Wogen der Globalisierung durch die Biografien hoch spezialisierter und hochmobiler Wissensarbeiter. Multilokale Lebensphasen werden häufiger, beispielsweise, wenn nach dem Kauf des Eigenheims ein beruflich bedingter Ortswechsel notwendig wird. Dadurch werden viele zu Fernpendlern. Andere Menschen leben zwar über Jahre mit ihrem Partner am gleichen Ort, zählen aber durch ihren Beruf zu den Hochmobilen. Dieser Typus ist auch unter Wissenschaftlern weitverbreitet, insbesondere, wenn sie in internationalen Projekten arbeiten.
Was Mobilitätsforscher wie Robert Schönduwe aus dem Verhalten von Hochmobilen lernen, ist, dass es für eine nachhaltige und ressourcenschonende Mobilität nicht reicht, Menschen aus dem Auto zu holen. In seiner Online-Befragung, in der er die Mobilitätsbiografien von 745 Hochmobil-en in den letzten zehn Jahren ermittelte, fand Schönduwe heraus, dass ein Viertel der Befragten kein Auto besitzen. Sie wohnen aber in Städten, die wie Frankfurt mit Autobahnkreuzen, ICE-Anschluss und Flughafen den Zugang zu genau den Transportmitteln erleichtern, die eine hochmobile Lebensform erst ermöglichen.
Die klassischen Strategien für eine nachhaltige Mobilität – Vermeidung und Verlagerung – sind bei hochmobilen Wissenschaftlern wie dem Kernphysiker Henner Büsching nur schwer zu verwirklichen, weil sie sonst nicht in internationalen Kooperationen wie dem CERN bei Genf arbeiten könnten. Sie sind, trotz täglicher Kommunikation über virtuelle Plattformen, darauf angewiesen, ihre Kollegen aus ganz Europa, den USA und Japan regelmäßig zu treffen.
Unterwegssein gehört auch für die meisten Geisteswissenschaftler zu ihrer Profession. Das Reisen hilft ihnen, Bekanntes mit anderen Augen zu sehen und neu zu reflektieren. Anders als einst Immanuel Kant, der ja Königsberg nie verlassen haben soll. Aber letztlich ist auch für die Philosophen heute – so Rainer Forst im Interview –geistige Mobilität wichtiger als geografische: „Es gibt ja auch Leute, die sehr viel reisen, aber dennoch von der Welt nicht viel mitbekommen. Wenn Mobilität überhaupt einen Vorteil hat, dann nur, weil sie den Geist erweitert. Und ein erweiterter Geist ist auch immer ein Geist, der gewisse Wurzeln hat.“
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Informationen: Robert Schönduwe, Institut für Humangeographie, Campus Westend, Tel.: (030) 238884107, schoenduwe@em.uni-frankfurt.de
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Personalia/Preise
Astrophysiker überprüfen Einsteins allgemeine Relativitätstheorie/ EU bewilligt Synergy Grant von 14 Millionen Euro
FRANKFURT. Für den Aufbau eines Beobachtungssystems, mit dem erstmals exakte Bilder eines schwarzen Lochs aufgenommen werden können, hat der Europäische Forschungsrat (ERC) 14 Millionen Euro bewilligt. Das Team unter der Leitung von Prof. Luciano Rezzolla, Goethe-Universität und Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, Prof. Heino Falcke, Radboud-Universität Nimwegen und Prof. Michael Kramer, Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn, wird damit Vorhersagen der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins überprüfen. Der ERC fördert ihre Arbeit durch ein “Synergy Grant”. Dies ist die höchstdotierte und begehrteste vom EU-Forschungsrat vergebene Forschungsförderung.
Schwarze Löcher können nicht direkt beobachtet werden, weil ihr Gravitationsfeld so stark ist, dass selbst Licht verschluckt wird. Für die Grenze, an der Licht-Teilchen dem Sog nicht mehr entkommen können, den Ereignishorizont, gibt es bisher nur theoretische Berechnungen. Astrophysiker wollen ihn nun erstmals messen, indem sie ins Zentrum unserer Milchstraße schauen. Dort befindet sich Sagittarius A*, ein schwarzes Loch mit der Masse von vier Millionen Sonnenmassen.
Das Schwergewicht macht sich bemerkbar, indem es ständig Radiowellen aussendet. Es sind die letzten Lebenszeichen von gewaltigen Gasmassen, die den Ereignishorizont überqueren. Indem Astrophysiker mit verschiedenen Radioteleskopen weltweit die Radiowellen von Sagittarius A* bis an ihren Ursprung verfolgen, erwarten sie, den Ereignishorizont als einen schwarzen Schatten sichtbar machen zu können. In der Entfernung zum Galaktischen Zentrum erscheint dieser nur etwa so dick wie ein Apfel auf dem Mond, den man von der Erde aus betrachtet.
Um so kleine Strukturen detektieren zu können, hat Heino Falcke von der Universität Nijmegen schon vor 15 Jahren vorgeschlagen, die von Hochfrequenz-Radioteleskopen weltweit gemessenen Signale mit genauen Zeitangaben zu speichern und dann rechnerisch zu vergleichen (Langbasisinterferometrie, VLBI). Inzwischen gibt es internationale Bemühungen, ein Ereignishorizont-Teleskop nach diesem Prinzip zu konstruieren. „Mit den Mitteln des ERC-grants können wir die Pläne nun verwirklichen“, so Falcke.
Darüber hinaus möchte die Gruppe mithilfe von Radioteleskopen neue Pulsare in der Nähe des schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße aufspüren. Pulsare sind schnell rotierende Neutronensterne, die als präzise Uhren im All genutzt werden können. Sie erlauben es, die von der Allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagte Krümmung von Raum und Zeit in der Nähe eines schwarzen Lochs mit bisher unerreichter Genauigkeit zu vermessen. Merkwürdigerweise hat man aber bisher im Zentrum der Milchstraße kaum Pulsare gefunden. Eine Ausnahme ist der kürzlich von Michael Kramer und seiner Bonner Gruppe in der Nähe von Sagittarius A* gefundene Pulsar. „Wir vermuten, dass es davon noch mehr gibt. Und dann werden wir sie auch finden“, erwartet Kramer.
Um sicher zu sein, dass im Zentrum der Milchstraße tatsächlich ein schwarzes Loch und nicht etwas anderes ist, wollen die Astrophysiker die experimentellen Daten vom Schatten des Ereignishorizonts und der Bewegung der Pulsare und Sterne im Umkreis von Sagittarius A* mit Computersimulationen vergleichen. Dafür ist Luciano Rezzolla der Experte. Der Professor für Theoretische Astrophysik an der Goethe-Universität leitet auch am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam eine Arbeitsgruppe. „Wir können inzwischen sehr präzise berechnen, wie Raum und Zeit durch das immense Gravitationsfeld eines schwarzen Loches gekrümmt werden und wie Licht und Materie sich in dessen Umfeld bewegen“, erklärt Rezzolla.
„Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie ist die beste Gravitationstheorie, die wir kennen, aber es ist nicht die einzige. Wir werden diese Beobachtungen nutzen, um herauszufinden, ob schwarze Löcher, eines der Lieblingskinder unter den astronomischen Objekten, wirklich existieren“, so Rezzolla weiter. Schließlich will er mit seinen Kollegen die Gravitationstheorie in einem Bereich überprüfen, der früher dem Science Fiction angehörte. „Das wird ein Wendepunkt in der modernen Wissenschaft“, prognostiziert der italienischstämmige Astrophysiker.
Am ERC-grant sind weitere Partner in Europa beteiligt:
* Robert Laing von der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Garching, Wissenschaftler bei ALMA, einem neuen Hochfrequenz-Radioteleskop in der chilenischen Atacamawüste,
* Frank Eisenhauer, Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching, leitender Wissenschaftler des GRAVITY-Projekts, das eine neue Kamera für optische Teleskope der ESO baut, um die Masse von Sagittarius A* mithilfe der Bewegung von Sternen präzise messen zu können, und
* Huib-Jan van Langevelde, Direktor des Joint Institute for VLBI in Europa.
Der ERC vergibt Synergy grants für wissenschaftlich exzellente Forschungsvorhaben in einem aufwendigen und durch starke Konkurrenz geprägten Auswahlprozess. Die Zuwendungen betragen höchstens 15 Million Euro und verlangen die Zusammenarbeit von zwei bis vier hauptverantwortlichen Forschern. In der aktuellen Auswahlrunde wählte der ERC von 449 Forschungsanträgen aus allen Bereichen der Wissenschaft 13 Projekte aus. Das entspricht einer Erfolgsquote von weniger als drei Prozent. Zum ersten Mal wurde ein Antrag aus der Astrophysik berücksichtigt.
Bei Bedarf können wir Ihnen ein Foto zur Verfügung stellen (hardy@pvw.uni-frankfurt.de)
Informationen: Prof. Luciano Rezzolla, Institut für Theoretische Physik, Campus Riedberg, (069)-798-47871; rezzolla@th.physik.uni-frankfurt.de.