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Bei der internationalen Jahreskonferenz des Exzellenzclusters geht es am 20. und 21. November 2014 um „Normative Ordnungen im Wandel“
FRANKFURT. Wie könnte ein freies Internet zum Gemeinschaftsinteresse von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen werden? Warum bedrohen internationale Verträge die nationale Souveränität und demokratische Selbstbestimmung? Welche Rolle spielt eine „Rückkehr der Religionen“ in der internationalen Politik? Unter anderem diesen Fragen widmet sich die siebte internationale Jahreskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität. Sie trägt den Titel „Normative Ordnungen im Wandel: Globale Herausforderungen“ und findet am 20. und 21. November im Gebäude des Exzellenzclusters auf dem Frankfurter Campus Westend statt.
Ziel der Jahreskonferenzen ist es, zentrale Themenstellungen des geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsverbundes mit Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland zu diskutieren. Auf dem aktuellen Programm stehen vier Panels mit insgesamt zwölf Vorträgen, in denen aktuelle Konfliktlinien im Transformationsprozess normativer Ordnungen thematisiert werden. Die gegenwärtige Zeit ist durch vielförmige gesellschaftliche Umbrüche und politische Verschiebungen geprägt.
Im ersten Panel „Die Verrechtlichung der Welt und ihre Kritiker“ geht es etwa um die Rolle des Rechts bei der Finanzkrise, Legitimationsprobleme informeller Beziehungen und die Zukunft des Völkerrechts. Eine schon länger geäußerte Kritik bemängelt, dass mächtige Staaten internationale Rechtsnormen weitgehend folgenlos missachten können. Mittlerweile gibt es aber auch viele Stimmen, die eine Bevormundung der Bürger und eine Aushöhlung der parlamentarischen Demokratie befürchten – gerade weil Staaten die Normen des internationalen Rechts regelmäßig beachten. Ist die „Verrechtlichung der Welt“ nun zu weit gegangen? Oder geht sie, im Gegenteil, noch nicht weit genug? Koordinator dieses Panels ist Jens Steffek, Professor für Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Transnationales Regieren“.
Ausgehend von den Stichworten „Multinormativität – Konstellationsanalysen“ beschäftigt sich das zweite Panel unter Leitung von Thomas Duve, Professor für vergleichende Rechtsgeschichte, mit dem Nebeneinander und der Verflechtung verschiedener Normen. Dieser Rechtspluralismus betrifft beispielsweise das Spannungsfeld von staatlicher und nicht-staatlicher Regulierung. Immer aktueller wird auch die Frage, wie die einzelnen Staaten, die zunehmend multiethnisch sind, aus rechtlicher Sicht mit der kulturellen Vielfalt umgehen. Ein besonders interessantes Beispiel für Multinormativität ist wohl die Mode: Ihre Regeln haben zwar ebenfalls mit Recht und Moral zu tun; sie scheinen aber auch der Ausdruck einer höchst wandelbaren sozialen Selbstregulierung der Gesellschaft zu sein.
Am Beispiel der Rollen von Staaten, Unternehmen und der Zivilgesellschaft unternimmt das dritte Panel („Herausforderungen der Normativität im Internet“) eine Bestandsaufnahme des World wide Web als Medium und Gegenstand des Prozesses um die Herausbildung seiner eigenen normativen Ordnung. Auch hier stellt sich die Frage, wie sich jenseits eines zunehmend an Bedeutung einbüßenden Nationalstaates eine legitime Repräsentation konzipieren lässt. Von zentraler Bedeutung ist der Schutz der Integrität des Internets, verstanden als Mittel zur Erreichung einer menschenzentrierten und entwicklungsorientierten Informationsgesellschaft. Zu dieser Art Internet gehört freilich auch die Berücksichtigung des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte. Die Koordination des „Internet-Panels“ liegt in den Händen des Rechtswissenschaftlers Matthias C. Kettemann.
Ob man zutreffend von einer „Rückkehr der Religionen“ sprechen kann, gehört schließlich zu den Schwerpunkten des vierten Panels mit dem Titel „(Post)Secularism – Theoretical and Empirical Findings on a Contested Category“. Hier wird unter anderem der Umstand thematisiert, dass Religion auch Pate bei der Begründung weltlicher Normen stehen kann. Ein weiteres Erkenntnisinteresse bezieht sich auf das Ausmaß der Vermischung von Staat und Kirche in verschiedenen Ländern. Unter der Federführung der Ethnologie-Professorin Susanne Schröter werden aktuell höchst virulente Konfliktlinien westlicher wie nicht-westlicher Gesellschaften thematisiert. Und falls die Religion wirklich zurückkehrt, tut sie das – zumindest auch – in einem neuen Gewand. In Südostasien gibt es Bewegungen, die konservative religiöse Anschauungen mit Mitteln des Marketings, der Musik und der Neuen Medien verbreiten. Das wäre dann kein „Post-Islamismus“, sondern ein „Pop-Islamismus“.
Die Vortragenden sind Mitglieder des Exzellenzclusters und die folgenden Forscherkolleginnen und -kollegen: Jocelyne Cesari leitet das „Islam in World Politics Program“ am Berkley Center der Georgetown Universität in Washington, D.C. Michelle Everson ist Professorin für Europäisches Recht am Birkbeck College der University of London. Marie-Claire Foblets leitet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale die Abteilung „Recht & Ethnologie“. Jeanette Hofmann leitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung die Projektgruppe „Politikfeld Internet“. Miloš Vec, assoziiertes Mitglied des Clusters, lehrt europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien. Hartmut Zinser ist emeritierter Professor für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Exzellenzclusters.
Die Konferenz steht Interessierten offen. Eine vorherige Anmeldung wird erbeten unter: office@normativeorders.net
Kontakt: Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin), Tel.: 069/798-31401, rebecca.schmidt@normativeorders.net; Bernd Frye (Pressereferent), Tel.: 069/798-31411, bernd.frye@normativeorders.net; www.normativeorders.net
Programm: www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/jahreskonferenzen
Veranstaltungen
Populärwissenschaftlicher Vortrag über den Frankfurter Physiker und Politiker Friedrich Dessauer
FRANKFURT. Er entdeckte, welche enorme Bedeutung die Röntgenstrahlung in der medizinischen Diagnostik und Therapie hatte, und gilt als Urvater des Frankfurter Instituts für Biophysik: Friedrich Dessauer (1881-1963). Über sein Leben und Wirken spricht die Wissenschaftshistorikerin Anne Hardy am Montag, 17. November, im Rahmen einer Vortragsreihe im Otto-Stern-Zentrum auf dem Unicampus Riedberg.
Die Röntgenstrahlen waren die aufregendste Entdeckung seiner Jugend. Schon als 14-Jähriger baute der von allem Technischen begeisterte Friedrich Dessauer in seinem Zimmer einen Röntgenapparat nach. Den Wert dieser Technologie für die medizinische Diagnostik erkannte Dessauer in den ersten Semestern seiner Studienzeit: Als er an das Krankenbett seines Bruders gerufen wurde, diagnostizierten die Ärzte mit Hilfe seines transportablen Röntgengeräts eine tödliche Krankheit. Wenig später brach er sein Studium ab und gründete noch minderjährig eine Firma für Röntgenapparate. Erst mit 34 Jahren holte er seine Promotion nach und gründete an der Universität Frankfurt ein Institut, aus dem das Max Planck-Institut für Biophysik hervorgegangen ist. Dessauer war auch politisch engagiert und gehörte als Abgeordneter der Zentrumspartei bis 1933 dem Deutschen Reichstag an. 1934 emigrierte er in die Türkei.
Der Vortrag „Friedrich Dessauer. Röntgenpionier, Biophysiker und Demokrat“ ist Teil der Reihe „Wissenschaft für die Gesellschaft“ aus Anlass des Universitätsjubiläums. In loser Folge finden jeweils montags Vorträge statt, die ein lebendiges Bild der Frankfurter Naturwissenschaften in Vergangenheit und Gegenwart vermitteln sollen. Zum Ausklang der Reihe spricht der Initiator Physikprofessor Horst Schmidt-Böcking über den späteren Nobelpreisträger Hans Bethe, der in Frankfurt promoviert wurde und nach seiner Emigration in den USA am Bau der Atombombe mitgewirkt hat. Nach dem Krieg setzte er sich für Abrüstung ein und wurde zum „Gewissen der US-Wissenschaft“. Die Veranstaltungen wenden sich an ein allgemeines Publikum.
Montag, 17. November
Dr. Anne Hardy: „Friedrich Dessauer. Röntgenpionier, Biophysiker und Demokrat“
Montag, 1. Dezember
Prof. Horst Schmidt-Böcking: „Hans Bethe – ein Frankfurter Physiknobelpreisträger“
Die Vorträge finden im Otto-Stern-Zentrum, Hörsaal 5, auf dem Campus Riedberg statt und beginnen um 19 Uhr.
Informationen: Prof. Horst Schmidt-Böcking, Institut für Kernphysik, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798-47002, hsb@atom.uni-frankfurt.de.
Veranstaltungen
Neuer Jahrgang des Mentoren-Programms SciMento-hessenweit startet an der Goethe-Universität
Presse-Einladung
FRANKFURT. Am Freitag, den 14.11.2014, findet in der Frauenlobstr. 1 (Gästehaus der Goethe Universität Frankfurt) ab 10.00 Uhr die offizielle Eröffnungsveranstaltung von SciMento-hessenweit für den Mentee-Jahrgang 2014 statt. Insgesamt 76 Wissenschaftlerinnen aller hessischen Universitäten beginnen, aufgeteilt auf 17 Gruppen und mit 17 Professorinnen als Mentorinnen das zweijährige Mentoring.
Der Auftakt beginnt mit einer Eröffnungsrede des Vizepräsidenten der Goethe Universität Frankfurt, Prof. Enrico Schleiff, und der Initiatorin des Programms, Prof. Anna Starzinski-Powitz, danach stellen sich die Mentees des Jahrgangs einzeln vor (siehe Einladung). Pressevertreter sind herzlich eingeladen, im Rahmen des Opening Seminar 2014 Mentees und Mentorinnen zu dem Programm zu befragen.
SciMento-hessenweit wird gemeinsam, als Instrument zur Förderung des weiblichen Wissenschaftlichen Nachwuchses, von den fünf hessischen Universitäten in Frankfurt, Darmstadt, Marburg, Gießen und Kassel finanziert und angeboten. SciMento bietet ausgewählten Doktorandinnen und Post-Doktorandinnen die Möglichkeit, an einem Gruppenmentoring teilzunehmen. Drei bis fünf Mentees bilden gemeinsam mit einer Mentorin oder einem Mentor für die Dauer von zwei Jahren ein Karriere-Team, in dem sie sich gegenseitig unterstützen und beraten. Ziel von SciMento-hessenweit ist es, Frauen an dem entscheidenden Punkt ihrer Laufbahn – während und kurz nach ihrer Promotionsphase – genau die Unterstützung zu bieten, die sie benötigen, um sich für eine weitere wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Karriere zu entscheiden.
Weitere Informationen: Claudia Miebach, Koordination SciMento – hessenweit, Goethe-University Frankfurt am Main, Senckenberganlage 33 | Juridicum, 60325 Frankfurt am Main Postfach 61 - 60054 Frankfurt am Main. Tel (069) 798 49441. miebach@scimento.dewww.scimento.de
Forschung
Goethe-Universität, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Sigmund-Freud-Institut unterzeichnen Kooperationsvertrag
FRANKFURT. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität, des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und des Sigmund-Freud-Instituts arbeiten weiter eng zusammen, wenn es darum geht, individuelle Entwicklungsprozesse von Kindern in den ersten zwölf Lebensjahren zu erforschen und Ansätze zur individuellen Lernförderung auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Heute unterzeichneten die drei Frankfurter Forschungseinrichtungen einen Vertrag, der die Fortführung der erfolgreichen Kooperation im Rahmen des interdisziplinären Forschungszentrums „Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk“ (IDeA) festhält.
„Unser besonderes Interesse gilt weiter Kindern, die ein erhöhtes Risiko aufweisen, in der Entwicklung schulischer Fertigkeiten beeinträchtigt zu sein“, so der Bildungsforscher Prof. Marcus Hasselhorn. Er ist Geschäftsführender Direktor des DIPF und Sprecher von IDeA. „Mit diesem Kooperationsvertrag knüpfen wir an die guten Erfahrungen an, die wir miteinander seit der Gründung des Zentrums im Jahr 2008 gesammelt haben“, betont die Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber. Und Prof. Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Goethe-Universität, ergänzt: „Das gewachsene Netzwerk und den Austausch zwischen Disziplinen und Institutionen hinweg zu erhalten, lag meinen Kolleginnen und Kollegen in den Fachbereichen Erziehungswissenschaften, Psychologie und Gesellschaftswissenschaften sehr am Herzen. Deshalb war es auch keine Frage, im neuen Scientific Board von IDeA mitwirken und sich an der weiteren strategischen Ausrichtung beteiligen zu wollen.“ Darüber hinaus wird die Goethe-Universität Mittel zur Förderung der Nachwuchswissenschaftler bei IDeA bereitstellen. „Dazu gehört unter anderem die Finanzierung von jährlich bis zu acht dreimonatigen Auslandsaufenthalten“, erläutert IDeA-Koordinatorin Dr. Ulrike Hartmann.
Das Forschungszentrum IDeA bleibt in Frankfurt bestehen, auch nachdem die Förderung des Landes Hessen in diesem Jahr ausgelaufen ist: Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern hatte sich für eine Verstetigung der IDeA-Infrastruktur im DIPF, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft, ausgesprochen – was nun am 1. Juli 2014 auch umgesetzt wurde. Damit ist unter anderem die dauerhafte Finanzierung einer Professur für „Methoden der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie“ sowie der Koordinations- und Laborinfrastruktur gesichert. „Auf Grundlage dieser hervorragenden Voraussetzungen ist es für uns alle nun eine wichtige Aufgabe, Fördermittel für die künftigen Forschungsarbeiten einzuwerben“, ist sich Hasselhorn mit den anderen Unterzeichnern des Kooperationsvertrags einig. Dieser Herausforderung begegnet er – wie seine Kollegen – mit Zuversicht: Schließlich könne sich IDeA mit den bisher erzielten Ergebnissen sehen lassen, und das Interesse von Wissenschaftlern, Praktikern und Bildungsexperten an der Fortsetzung dieser Arbeit sei groß.
Von den 40 bislang in dem Zentrum angesiedelten Projekten wurden bereits 20 abgeschlossen; die anderen werden fortgesetzt, außerdem sind weitere Vorhaben in Planung. Der innovative Ansatz des Zentrums ist die Kombination aus langfristigen Projekten, die die Entwicklung der Kinder über mehrere Jahre begleiten, und fokussierten experimentellen Studien, die die Wirksamkeit pädagogischer Methoden zum Beispiel im Unterricht überprüfen. Dabei werden vielfältige Methoden eingesetzt, zum Beispiel Verhaltensbeobachtungen, Befragungen und Leistungstests sowie moderne Verfahren aus den Neurowissenschaften. Die Forscherinnen und Forscher des Zentrums – zurzeit sind es knapp 100 Personen – verbinden das Fachwissen zahlreicher Disziplinen: Dazu gehören Psychologie und Psychoanalyse, Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken, Soziologie, Psycholinguistik und Neurowissenschaften.
Informationen: Dr. Ulrike Hartmann, Koordinatorin von IDeA, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Tel. (069) 24708-390, u.hartmann@dipf.de, www.idea-frankfurt.eu
Bilder zum Download hier.
Bildtexte:
Bild 1: Vertragsunterzeichnung auf dem Campus Westend (v.l.n.r.): Prof. Marcus Hasselhorn, Geschäftsführender Direktor des DIPF und Sprecher von IDeA, Prof. Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Goethe-Universität, und Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.

Bild 2: Nach der Vertragsunterzeichnung für IDeA-Kooperation (v.l.n.r.):, Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, Geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Dr. Ulrike Hartmann, IDeA-Koordinatorin, Prof. Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Goethe-Universität und Prof. Marcus Hasselhorn, Geschäftsführender Direktor des DIPF und Sprecher von IDeA.
Forschung
Software identifiziert wirksame Bestandteile in komplexen Molekülen
FRANKFURT. Antibiotika-resistente Keime, gefährliche Viren, Krebs: Ungelöste medizinische Probleme erfordern neue und bessere Arzneimittel. Inspiration für neue Wirkstoffe könnte aus der Natur kommen. Dabei hilft nun die computerbasierte Methode eines Forscherteams unter Beteiligung der Goethe-Universität.
Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen wendet sich die Pharmaforschung wieder der Quelle zu, aus der die meisten unserer Arzneimittel ursprünglich kommen: der Natur. Aktuell sind Hunderttausende aus der Natur stammende Wirkstoffe bekannt, jedoch ist bei den meisten nicht klar, wie sie genau wirken. Ein Forscherteam der ETH Zürich, der Goethe-Universität, der Universität Jena und des Helmholtz Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland hat nun eine computerbasierte Methode entwickelt, um den Wirkmechanismus solcher Naturstoffe vorherzusagen. Damit hoffen die Wissenschaftler auf neue Ideen, um Arzneistoffe zu generieren.
„Natürliche Wirkstoffe sind meist sehr große Moleküle, die man chemisch oft nur in langwierigen Prozessen synthetisieren kann“, erklärt Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität. Wenn man verstehe, wie genau ein Naturstoff wirke, könne man kleinere, einfachere Moleküle entwerfen, die sich leichter synthetisieren lassen. Sobald ein Stoff chemisch synthetisierbar wird, lässt er sich auch für den medizinischen Einsatz optimieren.
Um den Wirkmechanismus zu verstehen, untersuchen Forscher, mit welchen Bestandteilen eines Erregers der Naturstoff wechselwirkt, um beispielsweise sein Wachstum zu hemmen. Bisher dienten dazu aufwändige Laborversuche, und meistens erkannten die Wissenschaftler dabei nur den stärksten Effekt eines Stoffs. Diese eine Wechselwirkung allein kann aber oft nicht die gesamte Wirkung eines Naturstoffs erklären. Auch schwächere Wechselwirkungen mit weiteren Zielstrukturen können zur Gesamtwirkung beitragen.
210.000 Naturstoffe analysiert
Mithilfe der computerbasierten Methode konnten die Forscher nun eine Vielzahl möglicher Zielstrukturen von 210.000 bekannten Naturstoffen vorhersagen. Die Software arbeitet dabei mit einem Trick: Anstatt von der kompletten, oft komplexen chemischen Struktur der natürlichen Stoffe auszugehen, zerlegt sie diese in kleine Fragmente. Diese benutzt der Algorithmus als Grundlage, um chemische Datenbanken nach möglichen Interaktionspartnern zu durchforsten.
Die Fragmente wählt der Algorithmus nicht zufällig, sondern nach dem Prinzip der sogenannten Retrosynthese. Das Konzept stammt aus der organischen Chemie: Wenn ein Chemiker eine Substanz synthetisieren will, überlegt er, über welche Zwischenmoleküle er ans Ziel kommt. „Wir wollten die Moleküle in bedeutungsvolle Grundbausteine zerlegen“, erklärt Schneider. Daher errechnet die Software, aus welchen Einzelbausteinen sich die Substanz theoretisch synthetisieren liesse.
Gemeinsamkeiten entdeckt
Die Forscher prüften ihre Methode im Detail an einem aus Myxobakterien stammenden Wirkstoff, der das Wachstum von Tumorzellen bremst: Archazolid A. Von dieser Substanz ist eine Zielstruktur bekannt. Es gibt jedoch Hinweise, dass auch die Interaktion mit weiteren Zellfaktoren eine Rolle für die Anti-Tumor-Wirkung spielen muss. Welche diese anderen Faktoren sind, konnten die Forscher nun mithilfe der Software identifizieren und einige davon anschließend in Laborversuchen bestätigen. Dabei stellten sie überraschend fest, dass die Wirkweise des Archazolid A derjenigen eines viel kleineren und einfacheren Moleküls ähnelt, der Arachidonsäure, einer ungesättigten Fettsäure – eine Bestätigung dafür, dass sich eine gewünschte Wirkung oft auch mit einfacheren Substanzen erreichen lässt. Letztere könnten wiederum als Inspiration für neue Wirkstoffe dienen.
Zwar muss die Software noch optimiert werden — einige der vorgeschlagenen Wechselwirkungen konnten in biochemischen Versuchen nicht bestätigt werden — aber schon jetzt reduziert sie die Zahl der möglichen Kandidaten, mit denen eine Substanz interagieren könnte. Und damit verringert sich der Aufwand für anschließende Laborversuche, um die tatsächlichen Wechselwirkungen experimentell zu bestätigen. So wird es künftig leichter, den Wirkmechanismus natürlicher Substanzen zu entschlüsseln.
Publikation: Reker D et al.: Revealing the macromolecular targets of complex natural products. Nature Chemistry, Online-Publikation vom 2.11.2014. doi:10.1038/nchem.2095
Informationen: Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz, Institut für Pharmazeutische Chemie, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798-29339, Schubert-Zsilavecz@pharmchem.uni-frankfurt.de.