Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Dez 16 2014
14:52

Wie der Computer mit den „Digital Humanities“ Einzug in die Geisteswissenschaften hält – Bundesministerium für Bildung und Forschung bewilligt „e-Humnanties-Zentrum“ an der Goethe-Uni

Der tut nix, der will nur rechnen

FRANKFURT. Immer mehr Texte, Töne und Bilder liegen in Bits und Bytes vor. Die Methoden der „Digital Humanities“, der computergestützten Geisteswissenschaften, ermöglichen bislang kaum bearbeitbare Fragestellungen. Auch an der Goethe-Uni scheint die damit verbundene „empirische Wende“ unaufhaltsam zu sein. Vier Jahre arbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem LOEWE-Verbundprojekt an diesem Thema. Seit Beginn dieses Monats ist nun das „Frankfurter eHumanities-Zentrum“ unter Federführung der Goethe-Universität erste Anlaufstelle für Geistes- und Sozialwissenschaftler, die sich diesem Trend nicht verschließen wollen. Das Zentrum wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über drei Jahren mit 2,1 Mio. Euro gefördert.

Was hat es eigentlich mit diesem Forschungsgebiet auf sich? Darauf gibt der Beitrag „Der tut nix, der will nur rechnen“ in der aktuelle Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ Antworten. Was mit den Methoden der „Digital Humanities“ möglich ist und woran in Frankfurt gearbeitet wird, wird im Wissenschaftsmagazin an einigen Beispielen gezeigt: So lässt sich die Entstehung von Goethes ‚Faust’ nachvollziehen und die zahlreichen Illustrationen zum Drama können mit den jeweiligen Szenen in Verbindung gesetzt werden; auch Stammbäume alter Handschriften können die Wissenschaftler erstellen oder dem Bedeutungswandel politischer Begriffe durch die Jahrhunderte nachspüren.

In dem Verbundprojekt „Digital Humanities – Integrierte Aufbereitung und Auswertung textbasierter Corpora“, das in den vergangenen vier Jahren von der hessischen „Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz“ (LOEWE) finanziert wurde, forschten Wissenschaftler der Goethe-Universität, des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethe-Museum und der Technische Universität Darmstadt. Das neue „Frankfurter eHumanities-Zentrum“, an dem neben der Goethe-Universität auch wieder die TU Darmstadt und außerdem das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) beteiligt sind, hat nun eine etwas andere Ausrichtung. Dazu Jost Gippert, Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Goethe-Universität, der seit dem Start des Schwerpunkts dessen Koordinator ist und nun auch das neue Zentrum leitet: „Hier bieten wir Wissenschaftlern aus den Geistes- und Sozialwissenschaft im gesamten Rhein-Main-Gebiet die Infrastruktur und das Know-how an, um eigene Projekt realisieren zu können.“ Rund 40 Anträge für ein solches eHumanities-Zentrum gingen beim Bundeswissenschaftsministerium ein, der Frankfurter war einer von drei erfolgreichen.

Mit dem LOEWE-Schwerpunkt hatten die Frankfurter gute Vorarbeiten geleistet. „Wir haben eine Spitzenposition in der sich schnell entwickelnden Landschaft der Digital Humanities in Deutschland errungen“, sagt Jost Gippert, der das Forschungsgebiet „in einer stürmischen Entwicklung begriffen“ sieht. Vor rund zwei Jahren wurde der Verband „Digital Humanities im deutschsprachigen Raum“ gegründet. Mittlerweile gibt es an rund einem Dutzend deutscher Universitäten entsprechend ausgerichtete Studiengänge. Auch in Frankfurt wird ein Curriculum vorbereitet.

„Die neuen Möglichkeiten sind die Erfüllung eines Traums. Es eröffnen sich ganz neue Felder“, sagt Anne Bohnenkamp-Renken. Die Germanistin ist Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und Professorin für Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität. Gemeinsam mit Alexander Mehler, Professor für Texttechnologie/Computational Humanities an der Goethe-Universität, engagiert sie sich auch im neuen Zentrum mit dem Pilotprojekt „Academic Trails in Multimedial Spaces“. Dabei geht um die Verarbeitung von komplex verknüpften Bild- und Textdaten. Ziel ist ein Informationssystem, das es Wissenschaftlern erlaubt, hochstrukturierte Teilkorpora aus großen Archiven von Bild-Text-Medien für ihre Forschungsaufgaben halbautomatisch zu extrahieren und rezipierbar zu machen.

Neben seiner Kooperation im nun ausgelaufenen LOEWE-Schwerpunkt arbeitet das Hochstift an einer digitalen Edition des ‚Faust‘. Es handelt sich um ein DFG-Projekt in Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar und dem Lehrstuhl für Computerphilologie an der Universität Würzburg. Unter dem LOEWE-Dach arbeitete das Hochstift an dem Projekt „Illustrationen im Umfeld von Goethes ‚Faust’“. Rund 2500 grafische Blätter und Buchseiten wurden auf einer Online-Plattform frei zugänglich gemacht. Eine spezielle Software macht es möglich, Verknüpfungen zwischen den Bildinhalten und den korrespondierenden Textstellen herzustellen.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Digital Humanities zu etablieren scheinen, werden auch kritische Stimmen laut. In der geisteswissenschaftlichen Community gibt es eine lebhafte Diskussion über eine „feindliche Übernahme“ durch die Informatik. Prof. Alexander Mehler plädiert für einen „interdisziplinären Dialog zwischen den Wissenschaftskulturen“, der von „beiden Seiten selbstbewusst“ geführt wird. Manche der neuen Vorgehensweisen und Fragestellungen, so der Informatiker, erhielten ihre Prägung erst an der Nahtstelle zwischen Geisteswissenschaften und Informatik. Das zeige sich etwa bei intertextuellen Strukturen, die allein an Textmengen beobachtbar sind, deren Größe nur computerbasiert zu bewältigen ist.

Es ist einem Menschen nicht möglich, Millionen Wortpaare miteinander zu vergleichen, wie es beispielsweise für die Erstellung von Stammbäumen zum Verwandtschaftsgrad bei Textüberlieferungen nötig ist. Ähnliches gilt für Suchabfragen, die es der Historischen Semantik erlauben, Phänomene des Sprachwandels zu erforschen. „Ein Computer versteht nichts von geisteswissenschaftlichen Deutungstraditionen, er zählt einfach“, sagt Bernhard Jussen, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität. Auf diese Weise könnten tradierte, aber bislang empirisch noch nicht überprüfte Annahmen korrigiert werden.

Ob Goethes ‚Faust’ nach dem Studium der Digital Humanities gewusst hätte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, bleibt eine offene Frage.

Informationen: Prof. Jost Gippert, Institut für Empirische Sprachwissenschaft an der Goethe-Universität, Tel. (069) 798-25054, gippert@em.uni-frankfurt.de, http://www.digital-humanities-hessen.de/, http://www.dhhe.de/

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.

Veranstaltungen

Dez 16 2014
14:49

Wissenschaftsstadtplan: Goethe-Universität präsentiert im Jubiläumsjahr Gedenk-Plaketten für Forschungspioniere an deren ehemaligen Wohnhäusern

Neue Adressen für Frankfurts Wissenschaft

FRANKFURT. Der Wissenschaftsstadtplan soll Frankfurts Ruf als Wissenschaftsstadt stärker in den Fokus rücken. Zu ihrem Jubiläum hat die Goethe-Universität mit Unterstützung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Stadtspitze daher ein besonderes Projekt auf den Weg gebracht: Mit dem Wissenschaftsstadtplan sollen im Lauf der nächsten ein bis zwei Jahre insgesamt bis zu 50 prominente Forscherinnen und Forscher mit Bezug zur Goethe-Universität im Frankfurter Stadtbild präsenter werden. Allein 19 Nobelpreisträger haben an der Goethe Universität studiert, gelehrt oder geforscht. An ihren früheren Wohnorten und denen weiterer Meisterdenker sollen dafür eigens angefertigte Plaketten angebracht werden, auf denen neben einem Bild kurze biografische Texte in Deutsch und Englisch angeboten werden. Ergänzt werden die Plaketten von einer eigenen Webpräsenz mit einem Stadtplan, auf dem die einzelnen Wohnorte verzeichnet sind. Hier sind auch umfassenderes Textmaterial sowie weitere Hintergründe zu den einzelnen Persönlichkeiten hinterlegt. In Zukunft sind zudem Führungen für Gäste und auch Einheimische geplant. Das Projekt wird von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit insgesamt 45.000 € unterstützt. Weitere 45.000 € realisiert die Goethe-Universität aus Mitteln des Jubiläums.

Am Dienstag (16. Dezember) fand im Beisein des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt, Peter Feldmann, des Universitätspräsidenten Prof. Werner Müller-Esterl sowie des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Dr. Roland Kaehlbrandt, die Enthüllung der ersten beiden Plaketten zu Ehren des Nobelpreisträgers Max von Laue und Erwin Madelung statt. Anlässlich eines Medientermins vor den ehemaligen Wohnorten der beiden Physiker in der Frankfurter Beethovenstraße und Bockenheimer Landstraße hob Oberbürgermeister Peter Feldmann die besondere Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die nationale und internationale Strahlkraft Frankfurts hervor:

„Seit 100 Jahren erhält Frankfurt von der Goethe-Universität und ihren führenden Köpfen viele entscheidende Innovationsimpulse. Was wäre zum Beispiel die Frankfurter Pharmazie, die einmal als Apotheke der Welt bezeichnet wurde, ohne den Nobelpreisträger Paul Ehrlich, den Vater der Chemotherapie? Und ist es nicht großartig, sich vorzustellen, dass weltweit angesehene Forscher und Denker wie Max von Laue, Otto Stern, Ruth Moufang oder auch Theodor W. Adorno, Paul Tillich oder Karl Mannheim hier gleichsam in der Nachbarschaft gewohnt haben? Die Tatsache, dass sie alle an der Goethe-Universität gelehrt und geforscht haben, hat nicht nur das intellektuelle Klima dieser Stadt, sondern sogar das der Bundesrepublik Deutschland geprägt. Und diese Frauen und Männer haben auch eine große Zahl weiterer herausragender Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland angezogen. Es ist bemerkenswert, dass die Goethe-Universität diese große Sogwirkung heute wieder ebenso entfaltet wie in ihrer Gründungszeit. Dank ihres weltweiten Rufes konnte sie im Jahr 2013 40 % ihrer neuen Professuren mit ausländischen Bewerberinnen und Bewerbern besetzen. Als Oberbürgermeister freue ich mich sehr, dass der Wissenschaftsstadtplan dieses große Potenzial stärker ins Bewusstsein der Stadt zu rücken versucht. Frankfurt ist auch eine Stadt der Wissenschaft und Ort wegweisender Forschung.“

Universität Präsident Professor Werner Müller-Esterl sagte, im universitären Jubiläumsjahr sei der Wissenschaftsstadtplan ein Geschenk an die Stadt, sich ihrer eigenen Potenziale in Wissenschaft und Forschung noch besser bewusst zu werden. Die Goethe-Universität sei heute wieder in der Mitte der Stadt angekommen und das intellektuelle Zentrum des Rhein-Main-Gebiets. „Diese besondere Rolle hätte sich nicht entwickeln können ohne das Wirken jener historischen Forscherpersönlichkeiten, von denen wir zwei mit den heutigen Plakettenenthüllungen ehren.“ Der Präsident dankte der Stiftung Polytechnische Gesellschaft für die großzügige Unterstützung des Vorhabens und ebenso dem Oberbürgermeister für sein persönliches Engagement. Dank richtete er auch an die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Häuser zur Verfügung stellen: „Die Hausbesitzer reagieren sehr offen, teilweise begeistert auf unser Vorhaben. Ich bin mir sicher, dass wir nach dem schönen Auftakt am heutigen Dienstag sehr bald eine größere Zahl von Plaketten an Frankfurter Gebäuden finden werden. Derzeit liegen bereits 14 weitere Zusagen von Frankfurter Hauseigentümern vor, mit 30 weiteren stehen wir in Kontakt.“

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Dr. Roland Kaehlbrandt, bemerkte: „Als Stiftung Frankfurter Bürger für ihre Stadt ist es uns ein Anliegen, den Ruf der Mainmetropole als Wissenschaftsstandort zu pflegen und zu stärken. Deswegen haben wir zum Beispiel das MainCampus-Stipendiatenwerk zur Förderung der besten Frankfurter Nachwuchswissenschaftler gegründet oder der Goethe-Universität die Alfred Grosser-Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung gestiftet. Weil wir uns zugleich für die Pflege des kulturellen Erbes unserer Stadt einsetzen, möchten wir aber auch dazu beitragen, dass das Andenken an große Wissenschaftler der Frankfurter Geschichte gewahrt bleibt. Deshalb haben wir mit besonderer Freude der Förderung des Wissenschaftsstadtplans zugestimmt, weil er sichtbar, informativ und originell beide Felder miteinander verbindet. Gemeinsam mit der Unterstützung der Tagung ‚The University and the City‘ im Juni ist dies unser Beitrag zum 100. Geburtstag der Universität, mit der die Polytechnische Gesellschaft seit ihrer Gründung eng verbunden ist.“

Personalia/Preise

Dez 15 2014
16:33

Bernd Skiera, Professor für Electronic Commerce, kommt beim aktuellen BWL-Forschungsranking des Handelsblatts auf den ersten Platz

Forschungsstark: Betriebswirtschaftler der Goethe-Universität führt Ranking an

FRANKFURT. Bernd Skiera, Professor für Electronic Commerce an der Goethe-Universität Frankfurt, belegt im aktuellen BWL-Forschungsranking des Handelsblatts den ersten Platz für die aktuelle Forschungsleistung. Grundlage der Bewertung sind die Veröffentlichungen aller Betriebswirte im deutschsprachigen Raum in den angesehensten internationalen Fachzeitschriften im Verlauf der letzten fünf Jahren.

Skiera hat seit 1999 den damals ersten Lehrstuhl für Electronic Commerce in Deutschland an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Er ist außerdem Vorstand des eFinance-Lab, Leiter des Real-Time Advertising Competence Center und Mitwirkender am LOEWE-Zentrum SAFE. Seine Forschungsinteressen umfassen insbesondere die Bereiche Electronic Commerce und Online-Marketing, Kundenwert- und Preismanagement. Dabei befasst er sich unter anderem mit Versandkostenoptimierungen, Real-Time Advertising, Suchmaschinenmarketing, Viralem Marketing und Social Media. Skiera forscht vor allem empirisch und arbeitet bei der Entwicklung seiner Modelle eng mit der Unternehmenspraxis zusammen.

Ebenfalls im aktuellen Forschungsranking platziert sind auf Rang 86 Roman Beck (inzwischen IT University of Copenhagen) und Andreas Eckhardt auf Rang 100. In der Rangliste der besten BWL-Forscher unter 40 Jahren konnten sich Roman Beck (39), Jan Landwehr (48) und Christian Schlereth (83, inzwischen WHU) platzieren. In der Rangliste für das gesamte Lebenswerk, in das alle Publikationen einfließen, die ein Forscher je veröffentlicht hat, befindet sich Bernd Skiera inzwischen auf Rang 9. Weitere Platzierungen Frankfurter BWLer: Martin Natter (109), Wolfgang König (122), Michael Kosfeld (138), Holger Kraft (143), Reinhard H. Schmidt (189), Guido Friebel (191), Günther Gebhardt (197), Roman Beck (242).

Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Jahre ein Forschungsranking unter allen Betriebswirten, die aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz stammen oder dort forschen. Die Wissenschaftler bekommen für jeden Artikel, den sie in einem Fachjournal publiziert haben, Punkte. Die Punkte richten sich zum einen nach dem Renommee des Journals und zum anderen danach, ob der Forscher seine Studie alleine oder mit Koautoren veröffentlicht hat.

Weitere Informationen: Dr. Muriel Büsser, Head of Communication, Research Center SAFE / Center for Financial Studies. Tel. (69) 798 33868; presse@hof.uni-frankfurt.de 

Forschung

Dez 15 2014
12:04

Warum „Citizen Science“ Bürger an der Forschung beteiligt/ Neue Ausgabe von Forschung Frankfurt zu Wandel in den Wissenschaften soeben erschienen

Die Rückkehr der Hobby-Forscher

FRANKFURT. Forschende und sammelnde Bürger legten seinerzeit das Fundament des Senckenberg-Instituts und der Goethe-Universität. Unter dem Label „Citizen Science“ werben Wissenschaftler neuerdings wieder um die Beteiligung von Hobby-Forschern. Das Internet macht es möglich. Die aktuelle Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (Heft 2/2014) fragt, wie Bürger- und Profi-Wissenschaftler Hand in Hand arbeiten. Dies ist eines der Themen im zweiten Jubiläumsheft, das den Wandel in den Wissenschaften in den Mittelpunkt stellt.

Der pensionierte Mathematik-Lehrer Heinz Kalheber kümmert sich ehrenamtlich um das Herbarium der botanischen Abteilung des Senckenberg-Instituts. Der mittlerweile 80-Jährige wird gerne gerufen, wenn eine Pflanzenart als unbestimmbar gilt. Er ist das, was neuerdings als „Citizen Scientist“ bezeichnet wird. Kein bezahlter Forscher und trotzdem ausgewiesener Experte mit Kontakten zu den Universitäten in Athen, Patras und Berlin.

Für das Senckenberg-Institut sind Kalhebers Fachkenntnisse von unschätzbarem Wert. Sie fließen ein in wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden ebenso wie in Forschungsprojekte. „Wir leben davon, dass interessierte Bürger bei unseren naturkundlichen Sammlungen mitarbeiten und zu der Forschung beitragen“, bestätigt Georg Zizka, Leiter der botanischen Abteilung und Kooperationsprofessor an der Goethe-Universität. Er, Zizka, erkenne neidlos die Leistung fähiger Laien an. Manchmal seien sie auf manchen Gebieten sogar besser als er selbst.

Die mehr als 1,2 Millionen Herbar-Belege des Senckenberg-Instituts kann Zizkas Vier-Mann-Team nicht alleine betreuen. Die Etats sind nicht üppig, Drittmittel für die Pflege des Herbariums gibt es nicht. Dieses aber müsste dringend aktualisiert werden. Außerdem ist auch die Biotopkartierung nicht mehr auf dem neuesten Stand. 400 Pflanzen allein im Raum Frankfurt sind verschwunden, andere sind hinzugekommen. Umweltschutz und Klimawandel werfen neue Fragen auf.

Forschende Bürger liegen bundesweit im Trend. Immer mehr Menschen unterstützen freiwillig die Arbeit von Wissenschaftlern. Da helfen Seeleute, Plankton-Populationen zu kartografieren, wühlen sich Kernkraftgegner durch Leukämiestudien, lassen Apotheker historische Persönlichkeiten ihrer Stadt wieder aufleben, astronomisch Interessierte kartieren den Sternenhimmel. Das Internet ist dabei das effektivste Werkzeug der Citizen Science: Interessierte Bürger können orts- und zeitunabhängig an Forschungsprozessen teilhaben. Profis profitieren von der riesigen Datenmenge, deren schiere Summe allein verlässlichere, belastbare Messungen erlauben. Eine große Chance für die Wissenschaft. Und gleichermaßen ein Gewinn für die vielen Freiwilligen.

Eine völlig neue Dimension in der Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ergibt sich für Prof. Volker Mosbrugger indessen nicht. Der Generaldirektor des Forschungsinstituts und Naturmuseum Senckenberg sieht in der Citizen Science jedoch das Potenzial, die Forschungslandschaft langfristig zu modernisieren. Noch sind keine Qualitätsstandards für Forschungsprojekte definiert, an denen sich Bürger beteiligen. Aber nur von Profiforschern gesteuerte Laien-Aktivitäten, die zentral ausgewertet werden, ergeben wissenschaftlich Sinn, sagt der erfahrene Forscher. Allerdings gibt es derzeit zu wenige Mitarbeiter in den Forschungseinrichtungen, die all die Daten auswerten.

Der Prozess steht noch am Anfang, ist in der Orientierungsphase. Volker Mosbrugger erkennt vor allem bei den Naturwissenschaftlern, vielleicht noch den Sozialwissenschaftlern, Schnittmengen zwischen Bürgerforschern und Profiwissenschaftlern. „Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass ein Kernphysiker einen Laien in seiner Beschleunigerhalle herumschrauben lässt.“ Der größte Teil der Spitzenforschung ist eben doch zu spezialisiert.

Einige weitere Themen aus Forschung Frankfurt 2/2014, das sich im Jubiläumsjahr mit dem Wandel in den Wissenschaften beschäftigt: 

  • Wozu noch Intellektuelle? Für Relevantes auch jenseits der Talkshows
  • „It’s your turn“ – Von den Moden in der Wissenschaft
  • „Der tut nix, der will nur rechnen“ – Über die „empirische Wende“ in den Geisteswissenschaften
  • Mit Hartnäckigkeit zum Erfolg: 100 Jahre Frauen an der Goethe-Universität
  • Der vergessene Retter. Philipp Schwartz und seine Liste
  • Der Freiherr und der Jude: Mediziner im Nationalsozialismus

Mitmachen bei der Leserumfrage:

Wie gefällt Ihnen das neue Konzept von „Forschung Frankfurt“? Beteiligen Sie sich bis zum 20. Januar 2015 an unserer Online-Umfrage. Als Dankeschön verlosen wir einen Gutschein für das Restaurant Sturm&Drang auf dem Campus Westend über 30 Euro. https://ww3.unipark.de/uc/forschungfrankfurt/

Forschung Frankfurt kostenlos bestellen:
Helga Ott, Abteilung Marketing und Kommunikation, Campus Westend, Tel: (069) 798-12472; ott@pvw.uni-frankfurt.de.

www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

Forschung

Dez 15 2014
10:44

Forscherteam um Prof. Werner Mäntele hat neue Blutzuckermessmethode für Diabetiker gefunden

Zuckermessen ohne Pieks

FRANKFURT. Diabetes mellitus ist nicht heilbar. Man kann jedoch gut mit der Zuckerkrankheit leben – vorausgesetzt, man ernährt sich richtig und setzt immer die richtige Menge Insulin zu. Um die Insulindosis ermitteln zu können, mussten Diabetiker sich bislang mehrmals täglich in den Finger stechen. Das ist schmerzhaft und teuer – und vielleicht bald Vergangenheit: Biophysiker der Goethe-Universität können den Blutzucker seit neuestem mit Licht messen.

Urin? Speichel? Tränenflüssigkeit? In welcher Körperflüssigkeit kann der Zuckergehalt ebenso gut gemessen werden wie im Blut? Diese Frage stand am Anfang der Überlegungen von Prof. Werner Mäntele und seinem Team. Und vor allem sollte diese Substanz ohne Eingriff zugänglich sein. Doch Urin reagiere erst bei sehr hohem Blutzucker, Speichel ist ebenso wenig aussagekräftig wie Tränenflüssigkeit. „So kamen wir auf die so genannte interstitielle Flüssigkeit, die sich sehr nah an der Oberfläche unter den abgestorbenen Hautzellen der obersten Hautschicht befindet“, erzählt Mäntele. Diese Flüssigkeit kennt jeder, der sich schon einmal die Haut aufgeschürft oder beim Wandern eine Wasserblase zugezogen hat, sie ist klar und durchsichtig, und – so der Wissenschaftler – dieses sogenannte Interstitium habe sogar weniger Störfaktoren als das Blut. Will heißen: Ändert sich der Blutzuckergehalt im Blut, ist das hier besonders gut und ohne Verzögerung ablesbar. Die Frage ist nur: Wie?

Mäntele und sein Team beschäftigen sich schon seit längerem mit den Möglichkeiten der Analyse von Flüssigkeiten durch Spektrometrie, also durch den Einsatz von Lichtstrahlen. Dabei wird unter anderem infrarotes Licht, also Wärmestrahlung, verwendet, weil diese besonders spezifisch von Molekülen absorbiert wird. So kommen Entwicklungen aus Mänteles Denkfabrik inzwischen in sehr unterschiedlichen Anwendungsbereichen im Einsatz: zum Beispiel bei der Blutgerinnungsmessung während einer Operation und zur Qualitätskontrolle beim Bierbrauen. Neben nationalen Patenten wurden der Goethe-Universität für die neuen Messmethoden schon vor einigen Jahren mehrere Patente zugesprochen. Dass auch Glukosewerte auf diese Weise gut gemessen werden können, ist seit längerem bekannt. „Glukose hat eine fantastische Signatur, so spezifisch wie ein Fingerabdruck“, schwärmt Professor Mäntele.

Auf dieser Grundlage hat das Team der Biophysik nun auch ein Verfahren zur Blutzuckermessung entwickelt: Gemessen wird zum Beispiel an der gut durchbluteten Fingerkuppe. Sie wird auf ein optisches Element, ähnlich einem Prisma, aufgelegt, ein Infrarot-Laserstrahl wird gezielt auf die Haut gelenkt und dort in der interstitiellen Flüssigkeit von der Glucose absorbiert. Diese Absorption ist mit einer sehr geringen Wärmeentwicklung verbunden und die Wärme geht von der Haut auf das Prisma über. Im Prisma entsteht eine sogenannte thermische Linse, vergleichbar mit dem Mirageeffekt bei der flimmernden Luft auf heißem Asphalt im Sommer. Durch diesen Mirageeffekt im Prisma wird ein zweiter Laser abgelenkt; aus der Ablenkung kann die Glucosekonzentration bestimmt werden.

Für die neue Methode, die von der Arbeitsgruppe in der renommierten Fachzeitschrift „Analyst“ veröffentlicht wurde, hat Mäntele bereits im Sommer ein weiteres Patent eingereicht. „Wir sind überzeugt, dass unsere Methode breite Resonanz finden wird, nicht nur für die Glucosemessung, sondern auch für die Untersuchung von Salben und Kosmetika auf der Haut“, sagt Mäntele.

Aber auch wenn der Markt für solche Methoden sehr groß ist und zahlreiche Firmen an Entwicklungen auf diesem Gebiet interessiert sind, sucht das Team noch nach einer Finanzierung für die Entwicklung eines Prototyps. In drei Jahren könnte dann als Zwischenstufe ein Gerät in der Größe eines Schuhkartons zur Verfügung stehen, das dann auch klinisch erprobt werden kann. Parallel dazu finden erste Studien mit Diabetikern statt, die unter unterschiedlichen Bedingungen immer wieder zum Test vorbeikommen.

Sollte das Verfahren eines Tages mit Hilfe eines industriell gefertigten Geräts Eingang in den Alltag von Diabetikern finden, würde das nicht nur manchen schmerzhaften Pieks überflüssig machen, sondern auch viel Geld sparen: Derzeit zahlen allein die gesetzlichen Krankenkassen jährlich etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr für die notwendigen enzymatischen Blutzucker-Messstreifen. Das möglichst häufige Messen aber wird weiterhin notwendig bleiben, denn ein dauerhaft zu hoher Blutzuckergehalt kann unter Umständen verheerende Folgen haben, ebenso wie eine starke Unterzuckerung. Auch global wird das Interesse an einem besseren Diabetes-Management wachsen: In den USA, in Afrika und China steigen die Diabetikerzahlen weiterhin an.

Informationen: Prof. Dr. Werner Mäntele, Geschäftsführender Direktor
Institut für Biophysik, Goethe-Universität Frankfurt, Tel. ++49 (0) 69 798 46410

Bild zum Download unter: www.muk.uni-frankfurt.de/53440462