Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Sonstige

FRANKFURT. Die Präsidenten der Hochschulen in Frankfurt Rhein-Main drücken ihre tiefe Sorge aus über die am Dienstag bekannt gegebene Insolvenz der Frankfurter Rundschau (FR). Die FR gehört zu den meinungsbildenden Medien in Deutschland. Wir appellieren an die Verantwortlichen auf Verlags- und Geldgeberseite, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um ein Überleben des traditionsreichen Blattes als überregionale Qualitätszeitung zu gewährleisten.

Der Ruf Frankfurts und des Rhein-Main Gebiets als herausragender Medienstandort hat in den vergangenen Jahren bereits durch die Abwanderung wichtiger Verlage mit nationaler und internationaler Strahlkraft gelitten. Frankfurt ist die einzige deutsche Stadt, in der zwei überregionale Qualitätszeitungen erscheinen. Diese Meinungsvielfalt ist Ausdruck ihrer besonderen liberalen Tradition. Frankfurt Rhein-Main braucht daher die Frankfurter Rundschau.

Für die Hochschulen und Universitäten der Region ist das Angebot der Frankfurter Rundschau von großer Bedeutung. Die FR hat sich in besonderem Maße um die regionale und überregionale Hochschulberichterstattung verdient gemacht. Dies ist in einer Zeit, in der hochschul- und wissenschaftspolitische Themen auch in überregionalen Leitmedien eher auf dem Rückzug sind, ein nicht hoch genug zu wertender Beitrag zur Meinungs- und Willensbildung.

Wir hoffen daher, dass Belegschaft und Eigentümer einen Weg finden, um das weitere Erscheinen der Frankfurter Rundschau auch über den 31. Januar 2013 hinaus zu ermöglichen!

Dr. Detlev Buchholz (Präsident, Fachhochschule Frankfurt) Prof. Bernd Kracke (Präsident, Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach) Prof. Dr. Georg Krausch (Präsident, Johannes Gutenberg-Universität Mainz) Prof. Dr. Werner Müller-Esterl (Präsident der Goethe-Universität Frankfurt) Prof. Dr. Hans Jürgen Prömel (Präsident der Technischen Universität Darmstadt) Prof. Dr. Detlev Reymann (Präsident der Hochschule RheinMain Wiesbaden) Thomas Rietschel (Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) Prof. Dr. Udo Steffens (Präsident der Frankfurt School of Finance and Management)

 

Veranstaltungen

Nov 13 2012
17:22

Auftakt der Bürger-Universitäts-Hauptreihe „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte“ mit großer Resonanz. Lebendige Diskussion mit OB Feldmann und Experten in der Oper Frankfurt.

Banken- und Finanzkrise gefährdet Vertrauen in Marktwirtschaft

FRANKFURT. Ein Veranstaltungsort, der vor dem markanten Eurozeichen am Willy-Brandt-Platz und der Kulisse riesiger Bankentürme kaum hätte besser gewählt werden können. „Es ist unser Anliegen, mit der Bürger-Universität in der Stadt präsent zu sein“, betonte auch Uni-Vizepräsident Prof. Matthias Lutz-Bachmann in seiner Begrüßung. Unter dem Titel „Am Scheideweg. Krise des Kapitalismus – Krise der Demokratie?“ diskutierten Politik, Wissenschaft und Medien mit Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern über die gegenwärtige Finanz- und Staatschuldenkrise. Moderiert wurde der Abend von FAZ-Redakteur Manfred Köhler. Über 500 interessierte Zuhörer bescherten der Oper Frankfurt ein volles Haus.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte in seinem einleitenden Statement die Bedeutung des Themas für die Stadt Frankfurt: „In keiner anderen deutschen Stadt ist die Diskussion so präsent.“ Alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligten sich mittlerweile an der notwendigen Diskussion, auch Banker. Feldmann kritisierte das Gebaren vieler Akteure auf dem Finanzmarkt, das zu einem massiven Verlust an Vertrauen geführt habe; er betonte aber zugleich, dass ein ausreichender Geld- und Kapitalfluss Voraussetzung sei für eine funktionierende Marktwirtschaft.

FAZ-Redakteur Andreas Platthaus verglich in seiner Einführung das Finanzkrise des Jahres 2008 mit der von 1931. Damals wie heute hätten Staaten als letzte Instanz einschreiten müssen, um das wirtschaftliche Gefüge wieder zu stabilisieren. In den 30er Jahren seien es allerdings kriminelle Machenschaften gewesen, 2008 hätten neuartige Finanzinstrumente die Krise herbeigeführt. Die Finanzkrise, so Platthaus‘ Kritik, werde heute als Schuldenkrise der Staaten wahrgenommen, obwohl Staaten wie Spanien vor der Finanzkrise geringer verschuldet waren als beispielsweise Deutschland.

Hat die Finanzkrise ihre Wirkung in den Wissenschaften gehabt, fragte Moderator Köhler den Wirtschaftswissenschafter Reinhard Schmidt (Goethe-Universität). „Die Diskussion hat ganz gewiss stärker die Frage in den Fokus gerückt, wie Finanzsysteme gestaltet sein sollten. Da das mein Forschungsthema ist, bin ich gewissermaßen ein Krisengewinnler“, erläuterte Schmidt augenzwinkernd.

Ist die Gier der Banker der Hauptgrund für den Ausbruch der Krise? „Diese moralisierende Erklärung überzeugt mich nicht. Es geht um das System. Banker sind nicht zuletzt auch Getriebene von ihren Kunden, die auf der Suche nach höheren Profiten sind“, unterstrich  der Soziologe Christoph Deutschmann.

Erik Buhn, Frankfurter Occupy-Aktivist, betonte dagegen, dass die Finanz- und Staatschuldenkrise nicht automatisch zu einer Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts führen müsse. Länder wie Island hätten auf die hohe Verschuldung von Staat und Banken nicht mit einem radikalen Sozialabbau, sondern mit einem hohen Maß an Solidarität reagiert.

In der sich anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde von vielen Beiträgern der Zusammenhang von Finanzkrise und Krise der Demokratie in den Fokus gerückt. Viele wünschten sich ein dauerhaftes Forum der Frankfurter Stadtgesellschaft, um bürgernah zentrale Fragen der Finanz- und Staatsschuldenkrise zu diskutieren.

Der nächste Termin der Diskussionsreihe „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte“ ist am 26. November. Thema des Abends wird dann sein: „Ohnmächtige Demokratie – autistische Ökonomie. Wer kontrolliert Finanzsystem und Ratingagenturen?“.

ACHTUNG: Neuer Veranstaltungsort: Campus Bockenheim, Hörsaalzentrum, Raum V!

Das komplette Programm der 7. Frankfurter Bürger-Universität zum Download: http://www.buerger.uni-frankfurt.de/39805965/programm_BuergerUni_WS_12-13.pdf

Weitere Informationen: Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main, Tel: (069) 798-23935, Fax: (069) 798-28530, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de

 

 

Veranstaltungen

Nov 13 2012
17:19

Vortrag des Wirtschaftsprofessors Reinhard H. Schmidt am 21. November am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität

Mikrofinanzierung: Gutes tun und Geld verdienen?

FRANKFURT/BAD HOMBURG. Die Mikrofinanzierung ist in die Kritik geraten. Lange Zeit sah man in dem Angebot von Kleinstkrediten an Menschen, die für traditionelle Banken als Kunden nicht interessant sind, eine geradezu ideale Kombination aus unternehmerischem Handeln und sozialem Engagement, um auch den Armen eine Existenzperspektive zu eröffnen. Entwickelt wurde dieser Ansatz der Mikrofinanzierung von Muhammad Yunus, Ökonomieprofessor aus Bangladesch. Im Jahr 2006 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis. Doch mittlerweile mehren sich die Stimmen, die von einer unzulässigen Kommerzialisierung der Grundidee mit negativen Folgen für die Bedürftigen sprechen. Gibt es einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Profitstreben und Entwicklungshilfe? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines öffentlichen Vortrags des renommierten Frankfurter Wirtschaftsprofessors Reinhard H. Schmidt zum

Thema:   „Banken für alle – Mikrokredite zwischen Wohltätigkeit und Profit“

am:         Mittwoch, dem 21. November 2012, um 19.00 Uhr

Ort:        Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität,

Am Wingertsberg 4, 61348 Bad Homburg vor der Höhe.

Reinhard H. Schmidt ist Professor für Internationales Bank- und Finanzwesen an der Goethe-Universität und Inhaber der Stiftungsprofessur für Finance and Accounting am House of Finance der Universität. Er gehört zu den profiliertesten Experten auf dem Gebiet der Mikrofinanzierung, und er hat auf diesem Gebiet seit vielen Jahren auch Erfahrungen in der Praxis gesammelt. Von ihm stammt die Studie „Microfinance, commercialization and ethics“. Am Forschungskolleg hat Schmidt im September als Fellow gearbeitet, sein Thema: „Genossenschaften und Sparkassen als Vorbilder moderner Mikrofinanzkonzepte?“ Während seines Forschungsaufenthaltes kooperierte er mit weiteren Experten. Gemeinsam betreiben sie ein Buchprojekt mit dem Arbeitstitel: „Was kann man aus der Geschichte der Sparkassen und Genossenschaften für die Gestaltung und die internationale Förderung von Mikrofinanzbanken in Entwicklungs- und Transformationsländern lernen?“

In seinem Vortrag zeichnet Schmidt die Entwicklung der Mikrofinanzierung nach, beginnend bei der von Yunus gegründeten Grameen-Bank und einiger anderer Mikrofinanzinstitutionen, die mittlerweile auf eine fast 30-jährige Geschichte zurückblicken können. Diese Institutionen vergeben teilweise sehr kleine Kredite an Kunden, die von herkömmlichen Banken nicht als kreditfähig angesehen werden. Lange Zeit galten Mikrokredite und die Institutionen, die sie vergeben, allgemein als ethisch gut. Doch mit der Zeit gingen die Meinungen darüber auseinander, ob man sie auch so betreiben sollte, wie Yunus es mit seiner Bank vormacht. Einige Finanzexperten, darunter Prof. Schmidt, vertraten den so genannten „kommerziellen Ansatz“ mit der Begründung, man könne noch viel mehr Menschen helfen, wenn sich Mikrofinanzinstitutionen eher geschäftsmäßig und nicht nur wie Wohltätigkeitsorganisationen verhielten. „Auch diese Position ist ethisch respektabel, und zudem überzeugt sie jeden, der ökonomisch denkt“, so der Wirtschaftswissenschaftler Schmidt.

Aktuell gibt es schätzungsweise 10.000 Institutionen, die auf die eine oder andere Weise Mikrokredite anbieten. Sie sind in allen Entwicklungsländern und in den meisten ehemals kommunistischen Ländern in Osteuropa und in Asien zu finden. Viele von ihnen haben sich inzwischen zu richtigen „Banken für kleine Leute“ entwickelt. Sie bieten neben Krediten auch Sparbücher und Versicherungen an und sie erreichen heute weite Bevölkerungskreise. Das ist ein unbestreitbarer Erfolg der kommerziellen Umorientierung der Mikrofinanzierung. Zumindest in einigen Fällen scheint die kommerzielle Orientierung aber Überhand genommen zu haben. Der eigentliche ethische und entwicklungspolitische Anspruch dagegen geriet mehr und mehr in Vergessenheit oder war wohl gar nicht intendiert. Schmidt: „Wenn es, wie in Indien, zu Selbstmorden kommt, weil arme Leute die Last der ihnen aufgedrängten Kredite nicht mehr tragen können, wird plötzlich nicht nur der ‚kommerzielle Ansatz’, sondern die ganze Mikrofinanzierung ethisch fragwürdig.“

Was aber ist die Alternative? Reinhard H. Schmidt will in seinem Vortrag darlegen, wie die negativen Folgen der seiner Meinung nach unvermeidbaren geschäftsmäßigen Ausrichtung vermieden werden können und sich dadurch der ethische und entwicklungspolitische Anspruch der Mikrofinanzierung bewahren lässt. Die Einführung und Moderation des Abends hat der Frankfurter Rechtsprofessor Klaus Günther, Mitglied des Direktoriums am Forschungskolleg und Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität.

Die interessierte Öffentlichkeit ist nach vorheriger Anmeldung herzlich willkommen.

Anmeldung:

Andreas Reichhardt, Tel: (06172) 13977-16, Fax: (06172) 13977-39, a.reichhardt@forschungskolleg-humanwissenschaften.de, www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de

Informationen:

Prof. Dr. Klaus Günther, Direktorium, Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe- Universität, k.guenther@jur.uni-frankfurt.de; Ingrid Rudolph, Geschäftsführerin des Forschungskollegs, Tel.: 06172-13977-10, i.rudolph@forschungskolleg-humanwissenschaften.de 

 

Personalia/Preise

Nov 13 2012
11:54

Früherer Universitätspräsident und Professor für Physikalische Chemie im Alter von 79 Jahren verstorben.

Goethe-Universität trauert um Hartwig Kelm

FRANKFURT. Am 11. November 2012 verstarb Prof. Dr. Hartwig Kelm, Ehrensenator und Präsident a. D. der Universität Frankfurt. „Die Goethe-Universität wird ihren Ehrensenator Hartwig Kelm als herausragende Persönlichkeit stets in bester Erinnerung behalten. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt seiner Familie“, sagte Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl.

Professor Dr. Hartwig Kelm studierte an der Frankfurter Goethe-Universität Chemie und promovierte dort 1962. Danach wechselte er als Assistant Professor an die State University of New York, kam jedoch 1970 als Professor für Physikalische Chemie nach Frankfurt zurück. Schon fünf Jahre später rückte er in das Präsidium der Goethe-Universität auf, zunächst als Vizepräsident von 1975 bis 1977, dann als ihr Präsident von 1979 bis 1986. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Stiftung zur Förderung der internationalen wissenschaftlichen Beziehungen der Goethe-Universität, die Prof. Kelm als Vorsitzender viele Jahre lang leitete. In Dankbarkeit und Anerkennung seines Engagements ernannte ihn der Senat der Goethe-Universität 2002 zum Ehrensenator.

Professor Dr. Hartwig Kelm hat sich zudem als Intendant des Hessischen Rundfunks verdient gemacht sowie als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland.

 

Forschung

Nov 12 2012
11:48

Frankfurter Soziologe erforscht, was eine geänderte Bestattungskultur über den sozialen Wandel der Gesellschaft aussagt

Handy statt Engel – Uniformität der Friedhöfe war gestern, heute dominiert individuelle Gestaltung

FRANKFURT. Der Tod beendet das Leben – aber muss dies auch zwangsläufig das Ende der Individualität bedeuten? Wenn Menschen meinen, in traditionellen Ritualen keine Orientierung mehr zu finden, suchen sie auch für den letzten Gang ihrer Angehörigen einen ganz eigenen Weg. Die Bestattungskultur als Seismograph für sozialen Wandel – der Frankfurter Soziologe Dr. Thorsten Benkel ist davon überzeugt, dass Friedhöfe sich bestens eignen, um „Transformationsvorgänge“ in der Gesellschaft zu diagnostizieren. „Friedhöfe sind eben nicht die Endstation der Gesellschaft“, so der Wissenschaftler, der im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität forscht. Die Uniformität der Friedhöfe war gestern, heute dominiert zusehends die individuelle Gestaltung der Gräber.

Benkel hat in den vergangenen eineinhalb Jahren „Feldforschung auf dem Friedhof“ betrieben: 160 Friedhöfe insbesondere in bundesdeutschen Großstädten und im Rhein-Main-Gebiet erkundete er – manche auch mehrmals. Er hat mit Bestattern, Steinmetzen und Angehörigen gesprochen. Noch ist die Studie nicht abgeschlossen, aber einige wichtige Tendenzen lassen sich bereits ablesen: „So sind an die Stelle religiöser Symbole und der damit verbundenen Dokumentation einer Religionszugehörigkeit Verweise auf die individuelle Persönlichkeit getreten“, konstatiert Benkel. „Zwar ist das Symbol des Kreuzes nach wie vor weit verbreitet; es gilt allerdings eher als ein Zeichen des Verlusts und der Trauer.“ Fotos auf Grabsteinen sind in einigen Regionen Deutschlands schon im 20. Jahrhundert üblich gewesen, doch inzwischen findet man sie häufiger – und auch die Art der Fotos spiegelt wider, dass die Angehörigen den Verstorbenen individueller und leibhaftiger darstellen wollen, ein einfaches Porträtfoto reicht dafür nicht aus. Beliebt sind Fotos beispielsweise in vertrauter Umgebung, bei Freizeitbeschäftigungen, sogar im Kreis von Freunden oder in alltagstypischen Situationen. Hobbys werden sehr häufig und in verschiedenster Weise dargestellt: das geliebte Kleidungsstück, der Geigenkasten, die Rockgitarre, Golf- und Hockeyschläger, Snow- und Skateboards und militärische Devotionalien werden in die Grabgestaltung integriert. Es gibt Grabsteine in Form von Autos, Gebäuden, Mänteln, Tieren, Instrumenten, Rechenschiebern, Schiffen, menschlichen Körpern oder – was in der Welt der ständigen Erreichbarkeit auch an Orten der letzten Ruhe nicht ausbleiben darf: in Form eines Mobiltelefons.

„Friedhofsbesuchern bleiben die Vereinszugehörigkeiten, individuelle Ansichten und gar Lebensphilosophien der Verstorbenen nicht verborgen“, berichtet Benkel. Nicht jede intime Zuneigungsbekundung, jedes Zitat, jeder Racheschwur oder Sinnspruch lässt sich entziffern; kryptische Formulierungen, die nur den Eingeweihten vorbehalten sind, wecken gleichermaßen erhöhte Aufmerksamkeit bei zufälligen Besuchern. Ist diese neue Bestattungskultur nicht die reale Fortsetzung der virtuellen öffentlichen Darstellung – vom Facebook zum Friedhof? Dazu Benkel, der sich seit Jahren in seiner Forschung auch mit Praxen der individuellen Selbstpräsentation im Internet beschäftigt: „Die individuelle Lebenswelt der Menschen dringt immer mehr nach außen; die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre durchläuft einen Wandel – im Leben und auch danach.“ Zu Zeiten, als mit der Herkunft auch schon der spätere Beruf oder der Wohnsitz und damit die spätere Grabstätte fest stand, gehörten diese Angaben auch ins Repertoire der Grabinschriften – doch auch das hat sich mittlerweile geändert: „In der Bestattungskultur geht es nicht mehr so sehr darum, dass die Angehörigen den Verstorbenen in einen gemeinschaftlichen Rahmen, zum Bespiel in die Dorfgemeinschaft, eingliedern, im Vordergrund steht heute vielmehr die Feier der persönlichen Einzigartigkeit“, erläutert der Soziologe.

Eigentlich ist der Friedhof ein Ort der Kollektivierung, ja fast der Gleichmachung – zumindest verbindet alle der endgültige Abschied vom Leben im Diesseits. Ist die neue Gestaltungsvielfalt der Grabstätten auch als individueller Ausbruchsversuch zu werten? „Ja, das lässt sich aus soziologischer Perspektive so deuten“, meint Benkel. Es lassen sich aber zeitgleich zwei extreme Tendenzen beobachten: so individuell wie möglich – so anonym wie möglich. Denn Beisetzungen im Friedwald oder auf Rasenflächen ohne Namenskennung erfahren seit einigen Jahren enormen Zuspruch. Wie erklärt der Soziologe diese Dialektik zwischen Individualität und Anonymität? „Das ‚Fehlen‘ eines Grabes steht einerseits für die Freiheit, damit auch für die Eigenbestimmtheit, aus etablierten Formen auszubrechen; es birgt andererseits aber auch einen pragmatischen Aspekt: Diese Form der Bestattung ist die kostengünstigste und für die Angehörigen fällt keine Pflege an.“ Und sie entspricht der zunehmenden Mobilität der Gesellschaft, wo für den regelmäßigen Besuch auf dem Friedhof und die Grabpflege oft keine Zeit bleibt. Die November-Rituale gehören heute noch am ehesten in den religiös geprägten und vor allem stärker ländlichen Regionen zu den anerkannten Konventionen.

Das Forschungsthema „Neue Formen der Abschiedskultur“ ist für Benkel und seinen Mitarbeiter Matthias Meitzler nicht mit der Analyse der Gestaltungsvielfalt von Grabstätten ausgeschöpft. Auf seinem Programm stehen auch die soziale Relevanz des Umgangs mit toten Körpern (wie wird im Trauerfall der tote Körper von der Person unterschieden?), die Kommunikationsform von Todesfällen und Traueranzeigen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen gegenüber den Angehörigen. Bereits im August 2012 ist von Thorsten Benkel im Logos-Verlag (Berlin) das Buch „Die Verwaltung des Todes – Annäherungen an eine Soziologie des Friedhofs“ erschienen (ISBN 978-3-8325-3126-3, 173 Seiten, 23,50 Euro). Weitere Publikationen sind in Vorbereitung.

Informationen: Dr. Thorsten Benkel, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798-28915, benkel@soz.uni-frankfurt.de