Sonstige
BMBF fördert Verbundprojekt mit 2,4 Millionen Euro
FRANKFURT. „NiddaMan“, ein regionales Verbundprojekt unter Federführung der Goethe-Universität, wird in den kommenden drei Jahren Strategien für ein nachhaltiges Wasserressourcenmanagement im Einzugsgebiet der Nidda entwickeln. NiddaMan ist Teil der BMBF-Fördermaßnahme „Regionales Wasserressourcen-Management für den nachhaltigen Gewässerschutz in Deutschland (ReWaM)“ im Förderschwerpunkt „Nachhaltiges Wassermanagement (NaWaM)“. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Vorhaben mit 2,4 Millionen Euro.
Wenn Ende 2015 die entsprechende Frist der EU-Wasserrahmenrichtlinie abläuft, werden 70 Prozent der Gewässerabschnitte in Deutschland nicht den geforderten guten bis sehr guten ökologischen Zustand erreicht haben. Das BMBF hat deshalb vor zwei Jahren Forschungsprojekte zur nachhaltigen Bewirtschaftung der regionalen Gewässer ausgeschrieben. NiddaMan gehört zu den 14 Anträgen, die jetzt aus ursprünglich 121 Projektskizzen zur Förderung ausgewählt wurden.
„Das Einzugsgebiet der Nidda ist in vielfacher Hinsicht repräsentativ für Fließgewässer in Mitteleuropa. Hier lassen sich exemplarisch Nutzungskonflikte untersuchen und modellhaft Lösungen entwickeln“, erklärt Prof. Jörg Oehlmann, Koordinator von NiddaMan und Leiter der Abteilung Aquatische Ökotoxikologie der Goethe-Universität.
Die von der Quelle im Vogelsberg bis zur Mündung in den Main etwa 100 Kilometer lange Nidda ist in ihrem Oberlauf noch in einem nahezu naturnahen Zustand. Die Wasserqualität ist gut, der Flusslauf naturbelassen und die Biodiversität entsprechend groß, das heißt, es gibt eine breite Vielfalt an Mikroorganismen, wirbellosen Tieren, Fischen, anderen Wirbeltieren und Vegetation am Ufer. Im Mittellauf treten zunehmend Konflikte zwischen Ökologie und landwirtschaftlicher Nutzung angrenzender Flächen auf. Im Unterlauf entstehen weitere Belastungen durch Wasserentnahmen in Siedlungen, Abläufe von Verkehrsflächen und versiegelten Bereichen, Industrie- und kommunale Abwässer und die Einleitung von solehaltigem Wasser durch Bäderbetriebe.
Das Ziel der elf Projektpartner von NiddaMan ist es, bisher verstreutes Wissen zu bündeln und Synergien zwischen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zu nutzen. Deshalb sind über die rein wissenschaftlichen Untersuchungen zur Schadstoffbelastung und deren ökologischen Auswirkungen auch sozial-ökologische Studien geplant. Hier gilt es, das Wissen unterschiedlicher Akteure aus der Praxis einzubinden, Konfliktfelder der Wassernutzung zu identifizieren und Nutzer mit unterschiedlichen Interessen miteinander ins Gespräch zu bringen. Bewusst werden auch Bürger dazu eingeladen, durch ihre Beobachtungen einen aktiven Beitrag zur Forschung zu leisten. Die Beiträge können per App auf eine Internetplattform übermittelt werden.
Die gesammelten Erkenntnisse von NiddaMan sollen abschließend in ein Informations- und Managementsystem einfließen, das als Instrument für die wasserwirtschaftliche Praxis auch auf andere Regionen übertragbar sein sollte. Im Fokus stehen die Bereiche Gewässerüberwachung, effektive Planung wasserwirtschaftlicher Maßnahmen, Bildung und Qualifizierung von Fachpersonal, die Überwindung bisheriger Hemmnisse für ein effizientes Management der Wasserressourcen sowie Wissenstransfer in angrenzende Forschungssektoren.
Neben der Goethe-Universität Frankfurt (Koordination) sind die Universität Tübingen, das Karlsruher Institut für Technologie, die Technische Universität Darmstadt, das Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt, die Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz, das Ingenieurbüro Brandt Gerdes Sitzmann Wasserwirtschaft GmbH, Darmstadt sowie das Ingenieurbüro Unger Ingenieure, Darmstadt, als Partner am NiddaMan-Projekt beteiligt. Assoziierte Partner sind das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie, Wiesbaden, das Regierungspräsidium Darmstadt und der Wetteraukreis, Friedberg.
Informationen: Prof. Jörg Oehlmann, Abteilung für Aquatische Ökotoxikologie, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798-42142, oehlmann@bio.uni-frankfurt.de.
Forschung
Frankfurter Wissenschaftler entdecken neuen molekularen Mechanismus, der Schädliches beseitigt – Defekte können neurodegenerative Krankheiten auslösen
FRANKFURT. Qualitätskontrolle ist wichtig – das gilt nicht nur für die Produktion von Waren, sondern auch für alle Prozesse des Lebens. Während ein Industriekonzern im Zweifelsfall jedoch eine großangelegte Rückrufaktion starten kann, um langfristige Schäden zu verhindern, sind Mängel in der Qualitätskontrolle für Zellen oftmals fatal. Das zeigt sich insbesondere bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder der amyotrophen Lateralsklerose (ALS), bei denen grundlegende Mechanismen der zellulären Qualitätskontrolle versagen.
Frankfurter Forschern um Ivan Dikic, Professor für Biochemie an der Goethe-Universität, ist es jetzt gelungen, molekulare Details zu entschlüsseln, die ein neues Verständnis zweier neuronaler Krankheitsbilder ermöglichen. Im Mittelpunkt steht dabei die „Autophagie“ als entscheidendes Element der zellulären Qualitätskontrolle. Autophagie heißt wörtlich übersetzt „Selbstfressen“. Dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes System, bei dem zelluläre Abfälle spezifisch erkannt, in Membranen verpackt und entsorgt werden. Typischerweise handelt es sich dabei um schadhafte oder überzählige Proteine oder Zellorganellen, aber auch eindringende Pathogene wie Bakterien oder Viren können über diesen Weg beseitigt werden.
Das Team von Prof. Ivan Dikic hat nun gemeinsam mit Kollegen aus Jena, Aachen und den Niederlanden einen neuen Autophagie-Rezeptor identifiziert, das sogenannte FAM134B Protein. In der heutigen Online-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Nature berichten die Forscher, welche Rolle FAM134B bei der konstanten Erneuerung des endoplasmatischen Retikulums (ER), einem wichtigen Zellorganell, spielt. Es sorgt dafür, dass das ER abgebaut und entsorgungsgerecht verpackt wird, während andere Proteine den neuen Aufbau kontrollieren.
„Zu wenig FAM134B führt zu einer unkontrollierten Ausdehnung dieses Organells, was sehr schädlich für die Zelle ist“, erläutert Ivan Dikic. „Die Entdeckung von FAM134B als neuem Rezeptor ist per se schon ein Meilenstein. Richtig spannend wurde es jedoch, als wir die Verbindung zu einer seltenen neuronalen Erbkrankheit erkannten.“ Bei der hereditären sensorischen und autonomen Neuropathie vom Typ II (HSAN II) hatten die Partner aus der Humangenetik des Universitätsklinikums Jena, Privatdozent Ingo Kurth und Professor Christian Hübner, bereits 2009 nachgewiesen, dass mutiertes FAM134B das Absterben sensorischer Neuronen verursacht. Die genaue Funktion des FAM 134 B Proteins in der Nervenzelle blieb jedoch unklar. HSAN II ist eine sehr seltene Erbkrankheit, bei der das Schmerz- und Temperaturempfinden und die Schweißbildung nicht richtig funktionieren. Betroffene Patienten verbrennen sich z.B. sehr leicht, weil sie die Hitze und die damit verbundenen Schmerzsignale nicht spüren können. Im Mausmodell ließ sich nun durch Mutation von FAM134B ein ähnliches Krankheitsbild erzeugen. „Das mutierte Protein kann nicht mehr als Rezeptor funktionieren. Mit unseren Studien sind wir den molekularen Ursachen dieser Erkrankung einen großen Schritt näher gekommen. Gleichzeitig zeigt sich hier, wie wichtig die Autophagie für die zelluläre Qualitätskontrolle ist und welche fatalen Folgen eine Fehlfunktion dieses Systems hat “, erläutert Dikic.
Seine Labore am Buchmann Institut für Molekulare Lebenswissenschaften (BMLS) und am Institut für Biochemie II (IBC II) waren erst kürzlich an einer weiteren bahnbrechenden Studie zu einer neurodegenerativen Erkrankung, der ALS, beteiligt. Typischerweise führt ALS durch den massiven Verlust motorischer Neuronen nach drei bis vier Jahren zum Tode. Obwohl ALS ebenfalls zu den seltenen Erkrankungen zählt, ist sie durch den Physiker und langjährigen Patienten Stephen Hawking sowie die Ice Bucket Challenge im vergangenen Jahr in der breiten Öffentlichkeit relativ bekannt.
Wie im Leitartikel der Mai-Ausgabe von Nature Neuroscience berichtet, ist es nun einem internationalen Team gelungen, die für ALS verantwortlichen Gene und Gendefekte besser zu verstehen. Die Wissenschaftler entdeckten, dass Mutationen in einem speziellen Enzym, der Tank-bindenden Kinase 1 (TBK1), in Familien mit ALS gehäuft auftreten. Das Dikic-Labor war insbesondere an der Aufklärung der Funktion von TBK1 beteiligt und konnte zeigen, dass die in Patienten gefundenen Mutationen die Interaktion von TBK1 mit dem Autophagie-Rezeptor Optineurin unterbrechen. Optineurin ist beispielweise an der Beseitigung verklumpter Proteine und der Abwehr bakterieller Infektionen beteiligt. Ko-autor Dr. Benjamin Richter kommentiert: „Für mich als Mediziner, der in der Grundlagenforschung arbeitet, ist faszinierend, wie wir hier durch eine gemeinsame, interdisziplinäre Anstrengung einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der pathophysiologischen Ursachen einer neuronalen Erkrankung leisten konnten.“ „Beide Studien zeigen in beispielloser Weise, wie sich aus einzelnen Erkenntnissen übergreifende Konzepte ableiten lassen“, betont Ivan Dikic. Wenn die zelluläre Qualitätskontrolle in Neuronen langfristig versage, seien die Folgen für den Gesamtorganismus fatal. „Als zentraler Mechanismus der zellulären Qualitätskontrolle hat sich hier die Autophagie herauskristallisiert. Auf der molekularen Ebene sind jedoch vollkommen unterschiedliche Bereiche betroffen“, so Dikic.
Ivan Dikic (49) forscht seit 2002 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, seit 2009 leitet er das Institut für Biochemie II am Universitätsklinikum und war als erster Wissenschaftlicher Direktor entscheidend am Aufbau des Buchmann Instituts für Molekulare Lebenswissenschaften auf dem Campus Riedberg beteiligt. Der gebürtige Kroate hat Medizin in Zagreb studiert, gefolgt von einer naturwissenschaftlichen Promotion an der Universität von New York und dem Aufbau seiner ersten eigenständigen Forschungsgruppe am Ludwig Institut für Krebsforschung in Uppsala (Schweden). Er erhielt 2013 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den renommiertesten deutschen Wissenschaftspreis. Darüber hinaus wurde er mit zahlreichen weiteren Auszeichnungen geehrt, unter anderem dem Ernst Jung-Preis für Medizin (2013), dem William C. Rose Award der Amerikanischen Fachgesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie (2013) und dem Deutschen Krebspreis (2010). Er ist Mitglied der Fachgesellschaften Leopoldina und EMBO, hat 2010 einen Advanced Investigator Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) eingeworben und ist Sprecher des LOEWE-Schwerpunktes Ubiquitin-Netzwerke, in dessen Rahmen Teile der nun publizierten Arbeiten angefertigt wurden.
Bild zum Download finden Sie unter: www.uni-frankfurt.de/55863443
Publikationen:
A. Khaminets et al.: Regulation of endoplasmic reticulum turnover by selective autophagy. Nature, doi: 10.1038/nature14498, Advance Online Publication (AOP): http://www.nature.com/nature,
A. Freischmidt et al.: Haploinsufficiency of TBK1 causes familial ALS and fronto-temporal dementia Natur Neuroscience, Nature Neuroscience
18,
631–636
(2015),
doi:10.1038/nn.4000, http://www.nature.com/neuro/journal/v18/n5/full/nn.4000.html
Kontakt: Prof. Ivan Dikic, Goethe-Universität Frankfurt, Telefon 069 6301 5964,
Email: dikic@biochem2.uni-frankfurt.de
Sonstige
Spektrum reicht von Antibiotikaresistenzen bis zum Dialog mit Afrika
FRANKFURT. Am 7. und 8. Juni blickt die Welt nach Schloss Elmau – zum Gipfel der großen Sieben, dem informellen Gremium, das sich vom Wirtschaftstreffen zum Forum für weltpolitische Fragen entwickelt hat. Auf dem Programm der Regierungschefs aus den US, Kanada, Japan, Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland stehen neben den aktuellen Krisenherden, der Sicherheits- und Entwicklungspolitik auch Themen wie der Meeresumweltschutz, Antibiotika-Resistenzen, die Stärkung von Frauen bei Selbständigkeit und beruflicher Bildung sowie der Dialog mit Afrika. Was erwarten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität von diesem Gipfel, wo setzt ihre Kritik an?
Direkt im Anschluss an den G7-Gipfel findet am 8. und 9. Juni in Berlin die Tagung „200 Jahre Konferenzdiplomatie: Vom Weiner Kongress zu G7“ statt, die der Frankfurter Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christopher Daase von der Goethe-Universität maßgeblich organisiert hat. Dort treffen sich Wissenschaftler und Praktiker aus Politik und Diplomatie. Ziel ist es, mögliche Lehren sowohl aus der Geschichte des Wiener Kongresses als auch den Erfahrungen der G6-, G7- und G8-Treffen für die Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen von Außen- und Sicherheitspolitik in einer multipolaren Welt zu diskutieren.
Im Folgenden einige Statements der Frankfurter Expertinnen und Experten:
(E-Mail: p.doell@em.uni-frankfurt.de, Tel. (069) 798 40219 oder (069)26010309 )
„Wer die Wasserressourcen der Erde schützen will, muss auch das Klima schützen und die Treibhausgas-Emissionen minimieren. Mit hoher wissenschaftlicher Plausibilität führt der Klimawandel in vielen schon heute unter Wasserknappheit leidenden Gebieten zu einer Verringerung der Wasserressourcen, und intensiverer Starkregen gefährdet die Trinkwasserqualität nicht nur in Entwicklungsländern. Um die Ernährung weltweit zu sichern, ohne die Wasserressourcen zu gefährden, ist es sinnvoll, die Effizienz der Wassernutzung im Ackerbau zu steigern. Ein effizienter Wassereinsatz für die Ernährung bedeutet aber auch, den Konsum von Fleisch in den Industrieländern zu reduzieren, da die Produktion von Fleisch wasserintensiver ist als die von pflanzlicher Nahrung. Daher hoffe ich, dass die G7-Staaten Klimaschutzmaßnahmen verabreden, die die Erreichung des 2-Grad-Ziels tatsächlich ermöglichen, und dass sie ihre weltweite Führungsrolle bei der Erreichung eines nachhaltigen Lebensstils diskutieren.“
(E-Mail: lutz@soz.uni-frankfurt.de, Tel. (069) 798 36615
„Die Bundesregierung will auf dem Gipfel eine Agenda zur Stärkung von Frauen bei Selbständigkeit und beruflicher Bildung verabschieden; diese orientiert sich an den von der Organisation UN WOMEN 2010 lancierten Maßnahmen zur Etablierung von gleichstellungsfreundlichen und geschlechtergerechten Maßstäben für Unternehmen und Gesellschaft. Als Genderforscherin sollte ich ein solches Programm nachdrücklich begrüßen – warum nur beschleicht mich das Gefühl, dass es hier einmal mehr um Lippenbekenntnisse geht? Die internationale Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) wurde 1979 verabschiedet. Obwohl die Zahl der Frauen, die einen Bildungsabschluss erlangt haben, sprunghaft gestiegen ist, arbeitet die Mehrheit immer noch auf segregierten Arbeitsmärkten im Niedriglohnsektor, wird für gleiche Arbeit schlechter bezahlt (Gender-Pay Gap) und trägt die Hauptlast der Reproduktionsarbeit. Wo bleibt die Skandalisierung dieser Fakten? Warum steht weiterhin die Frage nach der Umverteilung bzw. Gleichverteilung von Reproduktions -, Sorge- und Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern nicht auf der Agenda? In Elmau, so steht zu befürchten, bleibt es beim ‚business as usual‘.“
(Sekretariat Anna Musella, E-Mail: Anna-Maria.Musella@kgu.de, Tel.: (069) 6301 – 5452)
Der Schwerpunkt Infektiologie am Universitätsklinikum Frankfurt begrüßt die Bemühungen der Bundesregierung, die Erforschung von Antibiotikaresistenzen und wenig bekannten, zumeist tropischen Infektionskrankheiten weiter voranzutreiben – in der Hoffnung, daß auch an deutschen Universitäten das Fach Infektiologie zukünftig keine Rarität bleibt und die Ausbildung qualifizierter Infektiologen/innen wie auch von Tropenmediziner/innen dort ebenso wie die Impfstoff- und Antiinfektiva-Forschung neue Priorität genießen.
Weitgehend kostenneutrale Vorschläge des Schwerpunktes Infektiologie der Universitätsklinik Frankfurt:
(E-Mail: daase@normativeorders.net, Kontaktaufnahme nur per Mail möglich)
„Die G7 hat sich als eine zunächst wirtschaftspolitisch orientierte Diskussionsrunde zwischen sechs Staatschefs (G6) zu einer Gruppe von sieben westlichen Staaten entwickelt (G7), die in regelmäßigen Abständen zentrale Fragen internationaler Ordnungspolitik erörtert, zeitweise sogar mit Russland (G8). Dabei ist es der G7 gelungen, nicht nur auf neue sicherheitspolitische Herausforderungen (wie z.B. den internationalen Terrorismus) zu reagieren, sondern sich auch an Machtverschiebungen im internationalen System anzupassen und diesen Wandel mitzugestalten. Im Grunde ist die Geschichte der G6/7/8 eine Geschichte informellen Wandels, der sowohl durch die Erweiterung ihrer Mitgliederzahl als auch die Versuche gekennzeichnet ist, auf die wachsenden Ansprüche aufstrebender Mächte mit Dialog-Angeboten einzugehen. Nicht zuletzt wegen der Reform-Blockade in der UNO hat sich die G7 als zentrale, relativ informelle Institution der Weltpolitik etabliert, von der zwar keine handfesten Entscheidungen zu erwarten sind, aber doch Hinweise darauf, wie die führenden Mächte des Westens die aktuellen Krisen der Weltpolitik lösen wollen."
(E-Mail: ruppert@soz.uni-frankfurt.de, Tel. (069) 798 36648 oder mobil 0177 8665649)
„Entwicklungspolitik findet heute mehr denn je in einer multipolaren, transnationalen Welt statt, in der die G7 nur noch eines von mehreren Machtzentren darstellt. Neue Süd-Süd-Partnerschaften und auch einzelne Akteure wie China, Indien und Brasilien gewinnen in letzter Zeit enorm an Bedeutung. Als Entwicklungs- und Afrikaforscherin untersuche ich solche Entwicklungen – und zwar im Zusammenhang des vom Bundesforschungsministerium finanzierten Verbundprogrammes AFRASO (‚Afrikas Asiatische Optionen‘). Unsere bisherigen Ergebnisse belegen, dass politische Forderungen an die G7, wie sie von Nichtregierungsorganisationen wie Misereor erhoben werden, in die richtige Richtung weisen: Der Selbstanspruch der G7, in unserer globalisierten, transnationalisierten Welt eine besondere ‚Wertegemeinschaft‘ zu repräsentieren, erfordert vor dem Hintergrund anhaltender weltweiter Ungerechtigkeit vor allem klare Gerechtigkeitsziele zu definieren und konkrete politische Maßnahmen zu deren Umsetzung zu vereinbaren. Die G7 sind Hauptprofiteure der Globalisierung und gleichermaßen Hauptverursacher der Weltprobleme, die sie in Elmau zu lösen suchen. Bedrohungen des Weltklimas, inhumane Arbeitsbedingungen entlang der Produktions- und Lieferketten sämtlicher Handelsgüter, Fluchtkatastrophen oder Ernährungskrisen, gerade auch in Afrika, sind untrennbar mit der transnationalen kapitalistischen Lebens- und Arbeitsweise verbunden. Ich erwarte deutliche politische und finanzielle Antworten auf die großen Probleme der Weltentwicklung von dem G7-Gipfel.
(E-Mail: jrunge@em.uni-frankfurt.de, Tel. (069) 798 40160 oder mobil 0172-944-5377)
„Das ZIAF, Kommunikations- und Kompetenzplattform für den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch über Afrika an der Goethe-Universität, hofft, dass die G7 afrikanische Staaten bei ihren Reformbestrebungen unterstützt und Grundlagen für Frieden und Sicherheit, Wachstum und nachhaltige Entwicklung gestärkt werden. Es wäre wünschenswert, dass der Dialog zu und mit Afrika einen Beitrag dazu leisten könnte, ein differenzierteres Bild von Afrika in der Welt zu vermitteln. Das ZIAF, das sich als ‚Think Tank‘ versteht und eng mit Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und privatwirtschaftlichen Unternehmen in afrikanischen Ländern zusammenarbeitet, würde es sehr begrüßen, wenn es mit der deutsche G7-Präsidentschaft gelänge, nachhaltige Synergien durch Expertenwissen und Regionalkompetenz zu etablieren. Der von G7 avisierte Dialog mit afrikanischen Partnern muss auf Augenhöhe stattfinden. Nur wenn alle Akteure gleichberechtigt partizipieren, sind die Ziele einer effizienten Entwicklungs- und Ressourcenpolitik und einer nachhaltigen Umweltpolitik erreichbar.“
(E-Mail: schulze-engler@nelk.uni-frankfurt.de, Tel. (069) 798-32354 oder (069) 798-32352 (Sekretariat)
„In einer zunehmend globalisierten und multipolaren Welt haben G7-Gipfel zwangsläufig etwas Anachronistisches: Sie ragen aus dem 20. Jahrhundert in unsere Zeit, aber man darf bezweifeln, dass sie wirklich geeignet sind, die Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Afrika ist heute in vielfältige Interaktionen nicht nur mit Europa und Nordamerika, sondern auch mit China, Indien, Brasilien und zahlreichen weiteren Ländern Asiens und Lateinamerikas eingebunden – Interaktionen, denen das Frankfurter Großforschungsprojekt ‚Afrikas Asiatische Optionen‘ (AFRASO) im ökonomischen und politischen, aber auch im sozialen und kulturellen Bereich nachspürt. Wer einen effektiven Beitrag zur Bewältigung der Zukunftsprobleme Afrikas leisten möchte, wird gut daran tun, mehr als nur sieben Länder des Globalen Nordens an einen Tisch zu bringen.“
(E-Mail: nicole.deitelhoff@normativeorders.net, Kontaktaufnahme nur per Mail möglich)
„Aller Voraussicht nach wird auch das G7-Treffen in Schloss Elmau massive zivilgesellschaftliche Proteste anziehen. Nach Jahren der Konfrontation auf solchen Gipfeln erscheinen diese wie eine gut einstudierte Choreographie. Die Ordnungskräfte rufen zu friedlichen Protesten auf, definieren Sicherheitszonen und -korridore und die Protestierenden beklagen die allgegenwärtige Repression und punkten mit phantasievollen Protestzügen und aufwändigen Formationen. Fast könnte man das Ganze für eine große Inszenierung halten, ein farbenfrohes, routiniertes Spektakel ohne große politische Substanz. Eine solche Einschätzung greift aber zu kurz, denn jenseits aller Professionalisierung und Inszenierung ist der Protest im Kern Ausdruck politischen Widerstands. Letztlich geht es nach wie vor um handfeste politische Auseinandersetzungen: Mit welchem Recht dürfen die G7 globale Regeln setzen? Wer definiert globale Probleme, wer die Lösungsoptionen, wer darf teilhaben an der Regelsetzung, und – nicht zuletzt – gibt es politische Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System? Wer solchen Protesten, wie dies jüngst immer öfter in Politik und Medien geschieht, die politischen Kompetenz abspricht (Stichwort TTIP), trägt letztlich mit dazu bei, dass sich die Protestierenden weiter von den politischen Institutionen entfremden.“
Veranstaltungen
Vortrag aus Anlass des 50-jährigen Todestages des Philosophen Martin Buber (1878-1965)
FRANKFURT. Der renommierte US-amerikanische Sozialphilosoph und politische Theoretiker Prof. Dr. Michael Walzer (Princeton) hält am Donnerstag (11. Juni) die Martin-Buber-Vorlesung zur jüdischen Geistesgeschichte und Philosophie. Veranstaltet wird der öffentliche Vortrag zum Thema „States and Communities“ von der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ und dem Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im Festsaal des Casinos, Campus Westend.
Die Martin-Buber-Professur wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, an das Wirken des berühmten Philosophen an der Frankfurter Universität zu erinnern. Bei der jährlichen Martin-Buber-Vorlesung präsentieren herausragende internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neueste Forschungsergebnisse zur jüdischen Geistes- und Kulturgeschichte, zur jüdischen Religionsphilosophie sowie zu den Beziehungen des Judentums zu Christentum und Islam. Mit Michael Walzer konnte dieses Jahr einer der wichtigsten zeitgenössischen politischen Theoretiker gewonnen werden, der sich immer wieder auch zu jüdischen Themen geäußert hat, u. a. als Herausgeber einer mehrbändigen Anthologie zum Thema „The Jewish Political Tradition“(2000/2003). In seinem Vortrag in englischer Sprache wird er sich mit Fragen der politischen Theorie (Liberalismus, Demokratie, Gerechtigkeit, Zivilgesellschaft) auseinandersetzen. Walzer ist emeritierter Professor am Institute for Advanced Studies an der Princeton University.
Ausgangspunkt des Vortrags sind sozialphilosophische Überlegungen, die Martin Buber 1950 in seinem Werk „Pfade in Utopia. Über Gemeinschaft und deren Verwirklichung“ angestellt hat. Sie stehen in Zusammenhang mit Bubers Hoffnung, die genossenschaftlichen Siedlungen der Juden in Palästina, später im Staat Israel, könnten zum Beginn eines freiheitlichen Sozialismus werden, wie ihn Gustav Landauers in seinen sozialutopischen Ideen entworfen hatte. Das „dialogische Prinzip“ sollte neben dem privaten Leben auch die Gesellschaft gestalten und solidarische, dezentrale, basisdemokratische Gemeinschaften schaffen, in denen sich die Einzelnen nicht nur benutzen, sondern als Menschen anerkennen. Entschieden wandte sich Buber deshalb gegen staatliche Bevormundung und Ausbeutung.
Im Anschluss an Bubers Denken wird Walzers Vortrag zentrale Fragen seiner eigenen politischen Philosophie diskutieren, wie er sie u.a. in seinem Buch „Sphären der Gerechtigkeit“ (1983) dargelegt hat: insbesondere eine kommunitaristisch motivierte Kritik an den Konzepten des liberalen Staates, die vielfach zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft führen und denen es den Wert der Gemeinschaft entgegenzusetzen gilt. In diesem Zusammenhang werden zentrale gesellschaftspolitische Fragen angesprochen, einschließlich jener nach dem Zusammenleben kulturell unterschiedlicher Gemeinschaften in einer pluralistischen Gesellschaft.
Walzer ist in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch Bücher wie „Just and Unjust Wars“ (1977), „On Toleration“(1997), „Arguing About War“ (2004) oder „In God’s Shadow: Politics in the Hebrew Bible“ (2014) hervorgetreten. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie „The New Republic, Dissent“ oder „The New Yorker“. Soeben erschien sein neues Buch „The Paradox of Liberation: Secular Revolutions and Religious Counterrevolutions.”
Am 13. Juni 2015 jährt sich zum fünfzigsten Mal Bubers Todestag, dessen Biografie eng mit seinem Wohnort Heppenheim, wo er von 1916 bis 1938 lebte, und mit der Universität Frankfurt verbunden ist, an der er von 1924 bis 1933 wirkte. In diese Zeit fallen auch seine Arbeiten an seinem berühmten dialogphilosophischen Werk „Ich und Du“, sein Engagement am Freien Jüdischen Lehrhaus und die Anfänge der Übersetzung der Hebräischen Bibel, die er gemeinsam mit Franz Rosenzweig voranbrachte. Während der Nazi-Zeit versuchte Buber die verfolgte jüdische Gemeinschaft durch intensive Bildungsarbeit zu stärken – was der deutsch-jüdische Pädagoge und Religionsphilosoph Ernst Simon „Aufbau im Untergang“ nannte. 1938 sah Buber sich gezwungen, Deutschland zu verlassen, und lebte bis zu seinem Tode 1965 in Jerusalem.
Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Fachbereich Evangelische Theologie, Campus Westend, Tel: (069)-798-33313, C.Wiese@em.uni-frankfurt.de; http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/buber/Veranstaltungen/index.html
Forschung
Rechner wurde von Wissenschaftlern des FIAS und der Goethe-Universität konstruiert
FRANKFURT/DARMSTADT. Das energie- und kostensparende Großrechenzentrum „Green Cube“ des Darmstädter GSI-Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung hat eine hohe internationale Auszeichnung als innovatives Rechenzentrum erhalten. Am Dienstagabend nahmen der langjährige wissenschaftsliche GSI-Geschäftsführer Prof. Horst Stöcker und der Generalplaner Christian Krauthammel vom Frankfurter Planungsbüro TTSP HWP Seidel in Monte Carlo den Hauptpreis des renommierten „Datacloud Enterprise Datacentre Award“ entgegen. Mit diesem Preis wurde beim Europäischen Kongress für Rechenzentren und Cloud-Computing „Datacloud 2015“ eine herausragende technische Entwicklung ausgezeichnet, die erhebliche Vorteile für die Nutzer eines Rechenzentrums bringt.
„Green Cube“ ist das neue Rechenzentrum für das künftige internationale Beschleunigerzentrum „FAIR“, das in unmittelbarer Nachbarschaft des GSI-Helmholtzzentrums entsteht. Im Endausbau wird „Green Cube“ mit einer Kühlleistung von zwölf Megawatt eines der größten wissenschaftlichen Rechenzentren der Welt sein. In einer ersten Ausbaustufe wird es im Herbst dieses Jahres in Betrieb gehen.
„Green Cube“ wird nach dem von Prof. Lindenstruth am Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) und an der Goethe-Universität Frankfurt entwickelten „Frankfurter Konzept“ erbaut. Dieses ermöglicht durch ein neuartiges Kühlkonzept erhebliche Kosteneinsparungen, sowohl beim Bau als auch beim Betrieb. Die Investitionskosten im Endausbau werden weniger als 16 Millionen Euro betragen. Das „Green Cube“- Rechenzentrum wird nach seiner Fertigstellung auch den energieeffizientesten Supercomputer der Welt beherbergen, den ebenfalls von Prof. Lindenstruth entwickelten Höchstleistungsrechner L-CSC, der derzeit auf Platz eins der weltweiten Rangliste der energiesparendsten Supercomputer „Green500“ steht.
Schlüssel für die hohe Energie- und Kosteneffizienz von „Green Cube“ ist ein spezielles Kühlsystem, bei dem die entstehende Wärme bereits in den Türen der Rechnerschränke durch Wasserkühlung abgeführt wird. Dadurch wird die zur Kühlung benötigte Energie auf ein Zehntel im Vergleich zu herkömmlichen Supercomputern reduziert. Außerdem braucht das Rechenzentrum keine aufwändige Kühlung der Raumluft, die Rechnerschränke können sogar wie in einem Hochregallager dicht an dicht gestapelt werden, was wiederum die Investitionskosten reduziert. Das Rechenzentrum „Green Cube“ wird weniger als zehn Prozent der elektrischen Leistung für die Berechnungen noch zusätzlich für die Kühlung und den gesamten übrigen Betrieb benötigen (Techniker nennen dies PUE<1,1).
Der Datacloud-Award, mit dem „Green Cube“ jetzt ausgezeichnet wurde, wurde bereits zum achten Mal für herausragende Leistungen bei der Entwicklung von Rechenzentren und Cloud-Computing – der Nutzung von Großrechnern per Internet – bei der Datacloud-Konferenz verliehen. Insgesamt gibt es Hauptgewinner in zehn Kategorien sowie einen Sonderpreis der Jury.
Das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) ist eine überdisziplinäre Forschungsinstitution zur theoretischen Erforschung von komplexen Strukturen in der Natur, die von der Goethe-Universität Frankfurt gegründet wurde und von öffentlichen Geldgebern, Stiftungen und Privatpersonen finanziert wird. Im Mittelpunkt der Arbeiten stehen neben der Informatik Grundlagenforschung in Biowissenschaften, Hirnforschung, Chemie und Physik.
Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. Sie besitzt als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. 1914 als erste Stiftungsuniversität Deutschlands gegründet, ist sie mit über 45.000 Studierenden die drittgrößte Universität Deutschlands. Höchste Ansprüche in Forschung und Lehre lassen die Goethe-Universität einen vorderen Platz in der deutschen Forschungslandschaft einnehmen.
Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH in Darmstadt betreibt eine der weltweit führenden Teilchenbeschleunigeranlagen für die Forschung. Etwa 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei GSI beschäftigt. Dazu kommen jährlich rund 1.000 Forscher aus Universitäten und anderen Forschungslaboren weltweit, um die Anlage für Experimente zu nutzen. GSI ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten deutschen Wissenschaftsorganisation.
Weitere Informationen: Pressestelle FIAS, Reiner Korbmann, c/o Science&Media, E-Mail: reiner.korbmann@scienceundmedia.de, Tel: 089-642 17 50
Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), Ruth-Moufang-Str. 1, 60438 Frankfurt am Main, Tel. 069-798 44100, Fax. 069-798 44109, E-Mail v.lindenstruth@gsi.de, Web: fias.uni-frankfurt.de
Quellen im Internet:
www.datacloudcongress.com/awards
fias.uni-frankfurt.de/de
www.gsi.de
www.uni-frankfurt.de
www.green500.org