Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Feb 2 2015
12:48

VolkswagenStiftung ermöglicht Freiräume: Der Frankfurter Soziologe Thomas Lemke schreibt an seinem „Opus magnum“

„Die Regierung der Dinge. Grundlagen und Perspektiven des neuen Materialismus“

FRANKFURT. Der Frankfurter Soziologie-Professor Thomas Lemke hat die „Opus magnum“-Förderung der VolkswagenStiftung erhalten. Das bedeutet für den 51-jährigen Wissenschaftler, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema „Biotechnologien, Natur und Gesellschaft“ beschäftigt: eineinhalb Jahre Freiraum, um sich ausschließlich mit einem größeren wissenschaftlichen Werk zu befassen. Der Arbeitstitel für das „Opus magnum“ steht schon fest: „Die Regierung der Dinge. Grundlagen und Perspektiven des Neuen Materialismus“. Lemke will in seinem Buch die Erklärungsangebote und Innovationspotenziale des Neuen Materialismus kritisch prüfen und das neue Forschungsgebiet zum ersten Mal systematisch vorstellen.

Die Stiftung finanziert im Rahmen dieses Förderprogramms Lemkes Vertretung in der Lehre. So profitiert nicht nur der Professor, sondern auch die Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Eva Sänger, die gerade ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt zur Bedeutung von Ultraschall-Bildern in der pränatalen Diagnostik am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften abgeschlossen hat. Ab dem kommenden Sommersemester vermittelt sie Studierenden Themen der Wissenschafts- und Technikforschung, der Medizinsoziologie und der feministischen Theorie.

In seinem großen Werk will Lemke eine bemerkenswerte Neuorientierung und Akzentverschiebung aufgreifen, die er seit einigen Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften beobachtet und die mit dem Begriff „Neuer Materialismus“ umschrieben wird. „Kennzeichnend für diesen Materialismus ist, dass Konzepte von Handlungsfähigkeit, Selbstorganisation und Wirkungsmacht, die traditionell für Menschen reserviert waren, auf nicht-menschliche Entitäten ausgedehnt werden“, so Lemke. Mit Entitäten bezeichnen Philosophen und Soziologen etwas, das existiert, ein Seiendes, das kann ein konkreter oder abstrakter Gegenstand sein. „Zu beobachten ist, dass Dinge, Artefakte und Objekte zunehmend thematisiert und neu konzeptualisiert werden.“ Ob Stammzelle, Computer oder Internet: ihnen allen kommt etwas Hybrides zwischen toter Materie und lebendigem Sein, zwischen Faktischem und Normativen zu.

Der Soziologe zu seinem umfassenden Projekt: „Mir geht es dabei zum einen darum, Differenzen zu älteren Versionen des Materialismus herauszuarbeiten, ich will aber auch ungelöste theoretische Spannungen und konzeptionelle Unklarheiten dieser Forschungsperspektive in den Blick zu nehmen.“ Sein Ziel ist jedoch letztlich mehr als eine kritische Bestandsaufnahme vorliegender Positionen innerhalb des Neuen Materialismus. „Meine These ist, dass sich in der Idee einer ‚Regierung der Dinge‘, die sich in den Arbeiten des französischen Philosophen und Historikers Michel Foucault findet, Elemente eines posthumanistischen und relationalen Konzepts von Materialität finden und fruchtbar weiterentwickeln lassen.“ In diesem Sinne gibt es kein „Ding an sich“, sondern Dinge und ihre Grenzen werden erst in Interaktionsbeziehungen hervorgebracht und menschliches Handeln hängt ganz entscheidend von bestimmten Ermöglichungsbedingungen, von Apparaten und materiellen Arrangements ab.

Das Buch soll diese historisch informierte und empirisch orientierte Perspektive auf das, was Foucault die „Verflechtung von Menschen und Dingen“ nennt, aufgreifen und weiter ausarbeiten. Und Lemke ergänzt: „Dabei will ich Foucaults Analytik der Regierung systematisch mit Einsichten der Wissenschafts- und Technikforschung verbinden.“ Der konzeptionelle Vorschlag einer „Regierung der Dinge“, so Lemke, vermeidet die Engführung eines auf Menschen fokussierten Regierungsbegriffs und vermag darüber hinaus einen substanziellen Beitrag zu einer materialistischen Analyse politischer Prozesse und Strukturen zu leisten.

Seit seiner Berufung 2008 hat Lemke eine Reihe von Drittmittelprojekten geleitet, darunter auch ein internationales Verbundprojekt zu den sozialen und politischen Implikationen der Nutzung von DNA-Analysen in Einwanderungsverfahren in verschiedenen europäischen Staaten. Hinzu kamen viele Aufgaben in der universitären Selbstverwaltung. Lemke war u.a. geschäftsführender Direktor des Instituts für Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften und Prodekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften. In das „Opus magnum“-Programm der Volkswagen-Stiftung passte das Profil von Lemke bestens: Denn Ziel der Initiative ist es, Professorinnen und Professoren aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, die sich durch herausragende Arbeiten ausgewiesen haben, einen Freiraum für die intensive Arbeit an einem anspruchsvollen wissenschaftlichen Werk zu eröffnen. Bereits 2008 zeichnete die VolkswagenStiftung die Arbeit des Frankfurter Soziologen aus. Lemkes Buch „Die Polizei der Gene. Formen und Felder genetischer Diskriminierung“ erhielt die Übersetzungsförderung der Stiftung und liegt nunmehr auch in einer erweiterten englischsprachigen Ausgabe vor.

Zur Person

Thomas Lemke studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Rechtswissenschaft in Frankfurt, Southampton und Paris und promovierte 1996 an der Goethe-Universität zum Machtbegriff Michel Foucaults. Nach der Promotion arbeitete Lemke als Wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal, wo er sich 2006 habilitierte. Er war langjähriger Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt und als Gastwissenschaftler am Goldsmiths College in London und der New York University tätig. Lemke hatte Gastprofessuren an der Copenhagen Business School und der University of New South Wales in Sydney inne. 2007 erhielt er ein Heisenberg-Stipendium der DFG, das ein Jahr später in eine Heisenberg-Professur umgewandelt wurde. Seit September 2008 ist Thomas Lemke Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt „Biotechnologien, Natur und Gesellschaft“ am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und seit dem vergangenen Jahr auch Honorarprofessur der University of New South Wales in Sydney.

Lemke hat sich in Forschung und Lehre vor allem mit den Voraussetzungen, Kontextbedingungen und Folgen biowissenschaftlichen Wissens und biotechnologischer Innovationen beschäftigt. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag auf der Analyse genetischer Diskurse und Praktiken. In mehreren Buchveröffentlichungen ist er den Auswirkungen genetischen Wissens auf Selbstbilder, Gesundheitskonzepte und Sicherheitspolitiken nachgegangen und hat zusammen mit seiner Kollegin Katharina Liebsch die erste systematische Untersuchung zu Praktiken genetischer Diskriminierung in Deutschland vorgelegt.

Informationen: Prof. Dr. Thomas Lemke, Institut für Soziologie, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 798 36664, lemke@em.uni-frankfurt.de, www.fb03.uni-frankfurt.de/45646661/tlemke?legacy_request=1

Foto zum Download unter: www.uni-frankfurt.de/53929509

Veranstaltungen

Feb 2 2015
11:49

Wie unterscheiden sich die heutigen Auslegungsmethoden des Korans aus sunnitischer und schiitischer Sicht?

Podiumsdiskussion zum Abschluss der Vorlesungsreihe zum Koran

FRANKFURT. Zum Abschluss der Vortragsreihe „Der Koran – Ein Text im Dialog zwischen Osten und Westen“ diskutieren drei Islamwissenschaftler, Prof. Rotraud Wielandt (Universität Bamberg), Prof. Katajun Amirpur (Universität Hamburg) und Prof. Bekim Agai (Goethe-Universität), über den zeitgenössischen Zugang zum Koran aus sunnitischer und schiitischer Sicht. Die Veranstaltung beginnt am Montag, 9. Februar um 18 Uhr im Casino (Renate von Metzler-Saal) auf dem Campus Westend. Die Ringvorlesung wird im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ der Deutsche Bank AG im Wintersemester vom Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität veranstaltet und wendet sich insbesondere an die Bürger im Rhein-Main-Gebiet.

Unter dem Titel „Den Text verstehen. Zeitgenössische Koranhermeneutik in der islamischen Welt“ sollen Meilensteine sunnitischer und schiitischer zeitgenössischer Koranhermeneutik vorgestellt und über Möglichkeiten und Grenzen der Beschäftigung mit dem fundamentalen Glaubensdokument der Muslime diskutiert werden. Der Koran ist für die Muslime der zentrale Text ihres Glaubens, seine Rezitation und Lektüre sind immer wieder Ausgangs- und Endpunkt persönlicher und kollektiver religiöser Erfahrungen. „Dabei wird ein bestehender Text immer wieder neu zum Sprechen gebracht, der jeweilige Verstehenshorizont geht mit dem Text immer wieder neue Verbindungen ein“, so Bekim Agai. „In der islamischen Geistesgeschichte haben sich unterschiedliche Wege etabliert, den Koran für den jeweiligen zeitgenössischen Leser zu erschließen.“ Das Bewusstsein, dass man auf vielfältige methodische Weise an einen Text herangehen kann, hat auch in der Moderne die Beschäftigung mit dem Koran und seiner Auslegung stark beeinflusst. Daran knüpft die Diskussion an, die Bekim Agai, Direktor des Zentrums für Islamische Studien der Goethe-Universität, moderiert.

Die sunnitischen Zugänge erläutert Prof. Rotraud Wielandt. Sie studierte Islamkunde/Arabistik, Turkologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Philosophie an den Universitäten München, Tübingen und Istanbul. Von 1985 bis 2009 war sie Professorin für Islamkunde und Arabistik an der Universität Bamberg und Gründungsmitglied des Zentrums für Interreligiöse Studien der Universität Bamberg. Seit April 2009 hat sie Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt a.M. und Fribourg/Schweiz sowie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a.M. und an der Hochschule für Philosophie in München angenommen. Prof. Wielandt hat zahlreiche Publikationen zu Fragen der islamischen Theologie (Schwerpunkte: zeitgenössische koranexegetische Hermeneutik, theologische Anthropologie, Menschenrechtsfragen), zu Denkströmungen und ideologischen Tendenzen im zeitgenössischen Islam und zur modernen arabischen Literatur veröffentlicht.

Die Islamwissenschaftlerin Prof. Katajun Amirpur legt in der Podiumsdiskussion besonders die schiitischen Zugänge zum Koran dar. Die 1971 in Köln geborene Hochschullehrerin studierte Islamwissenschaft an der Universität Bonn und schiitische Theologie an der Universität Teheran. In ihrer Promotion und Habilitation beschäftige sie sich mit neuen Ansätzen der koranischen Exegese und Hermeneutik. Seit 2012 ist Amirpur Professorin für Islamische Studien und stellvertretende Direktorin der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Außerdem ist sie Mitherausgeberin der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender, Dialog und Pluralismus und wie sich diese Themen aus der islamischen Tradition heraus neu denken lassen.

Der Mitveranstalter dieser Reihe und Moderator Bekim Agai (geb. 1974 in Essen) studierte Islamwissenschaften, Geschichte und Psychologie in Bonn und Kairo. Er wurde an der Universität Bochum mit einer Arbeit zum türkischen Prediger Fethullah Gülen promoviert, arbeitete danach als wissenschaftlicher Assistent und Post-Doc an den Universitäten Bonn und Halle. Er war Leiter der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nachwuchsforschergruppe „Europa von außen gesehen – Formationen nahöstlicher Ansichten aus Europa auf Europa“. Seit dem Wintersemester 2013/2014 ist er Professor für Kultur und Gesellschaft des Islam in Geschichte und Gegenwart am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität und dessen geschäftsführender Direktor.

Informationen: Prof. Dr. Bekim Agai, Zentrum für Islamische Studien, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798 32751, agai@em.uni-frankfurt.de, www.islamischestudien.uni-frankfurt.de

Personalia/Preise

Feb 2 2015
11:47

Erfinder der Pille, Ehrendoktor der Goethe-Universität, mit 91 Jahren gestorben.

Trauer um Carl Djerassi

FRANKFURT. Mit 91 Jahren ist der berühmte Naturstoffchemiker und Schriftsteller Carl Djerassi gestorben. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat der Professor der Stanford University  maßgeblich zur Entwicklung der Antibabypille beigetragen. 2013 wurde Djerassi für sein Lebenswerk die Ehrendoktorwürde des Fachbereiches Biochemie, Chemie und Pharmazie der Goethe-Universität verliehen. „Mit Djerassi verliert die Wissenschaft einen großen Forscher, der zugleich auch in den Geisteswissenschaften und den Künsten zuhause war. Sein Ideal einer umfassenden humanistischen Bildung ist auch ein Leitbild der Goethe-Universität“, betont Universitätsvizepräsident und Pharmazie-Professor Manfred Schubert-Zsilavecz.

1923 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren, emigrierte Djerassi 1939 in die USA. Er studierte Chemie an der University of Wisconsin, wo er 1945 auch promovierte. Danach arbeitete er zunächst als forschender Chemiker in der Industrie. Im Alter von 27 Jahren gelang ihm die Synthese des Sexualhormons Noretisteron. Damit war die Grundlage geschaffen für die Entwicklung der Antibabypille, die 1961 auf den Markt kam. Ab 1959 lehrte und lebte Djerassi an der Standford University.

Djerassi Verbindung zur Goethe-Universität reicht in die 1990er Jahre zurück, als der ebenfalls  aus Wien stammende Chemiker Prof. Christian Noe Direktor des Instituts für Pharmazeutische Chemie war. Im Zentrum von Djerassis Forschung standen die Strukturaufklärung und Totalsynthese einer Vielfalt von Naturstoffen. Diese Disziplin hat auch im Fachbereich Biochemie, Chemie und Pharmazie an der Goethe-Universität eine große Rolle.

Frankfurt ist auch der Handlungsort seines Romans „Vier Juden auf dem Parnass“, in dem Djerassi sich mit der nicht-religiösen jüdischen Identität auseinandersetzt. Djerassi nutzte seine Aufenthalte bei Konferenzen in Frankfurt zur Recherche der historischen Rahmenhandlung.

Weitere Informationen: Universitätsvizepräsident Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz, Institut für Pharmazeutische Chemie, Tel.: (069) 798-29339, Schubert-Zsilavecz@pharmchem.uni-frankfurt.de.

Forschung

Feb 2 2015
11:45

Neue DFG-Forschergruppe befasst sich mit dem Verhalten des Minerals bei hohen Drücken und Temperaturen

Wie es den Karbonaten im Erdinneren ergeht

FRANKFURT. Karbonate sind die wichtigsten Kohlenstoffspeicher der Erde. Doch welche Rolle spielen sie im Erdinneren? Wie reagieren sie auf die Bedingungen im Erdmantel? Mit diesen Fragen befasst sich jetzt eine Forschergruppe von Wissenschaftlern aus Frankfurt, Bayreuth, Berlin/Potsdam, Freiberg und Hamburg, die von der DFG gefördert wird. Die Forschergruppe bringt Experten verschiedener geowissenschaftlicher Disziplinen sowie hochmoderne Technik zusammen.

Die Erde hat einen Radius von durchschnittlich rund 6400 Kilometern. Die tiefste Bohrung, zu der der Mensch bisher in der Lage war, ging jedoch nur bis in zwölf Kilometer Tiefe. Und selbst bei enormem technischem Fortschritt sei es undenkbar, die tiefen Schichten jemals empirisch erforschen zu können, sagt Björn Winkler, Professor für Kristallographie an der Goethe Universität Frankfurt und Koordinator der neuen Forschergruppe. „Wie es da drinnen aussieht, das können wir nur durch die Kombination von Experimenten und Modellrechnungen herausfinden“, erklärt er. Während es über Silikate, die ein wesentlicher Bestandteil des Erdmantels sind, schon genauere Erkenntnisse gibt, sind Karbonate bislang noch wenig erforscht. „Der Erdaufbau ist ohne Karbonate erklärbar – die Frage ist allerdings: wie gut?“, sagt Winkler.

„Strukturen, Eigenschaften und Reaktionen von Karbonaten bei hohen Temperaturen und Drücken“ („Structures, Properties and Reactions of Carbonates at High Temperatures and Pressures“) lautet der Titel des Projekts, das die DFG von Mitte Februar an fördert. „Wir wollen verstehen, wie die Erde funktioniert“, umschreibt Winkler das übergeordnete Forschungsinteresse der rund 30 Wissenschaftler und ihrer Teams. Welche Möglichkeiten unser Planet hat, Kohlenstoff zu lagern, wie viel Kohlenstoff es überhaupt auf der Erde gibt – der gesamte Kohlenstoffkreislauf sei nach wie vor ein Geheimnis.

Im Fokus der Forschergruppe, die sieben Einzelprojekte verbindet, steht der Erdmantel, die 2850 Kilometer mächtige mittlere Schale im inneren Aufbau der Erde. Ziel ist das bessere Verständnis von Phasenbeziehung, Kristallchemie und physikalischen Eigenschaften der Karbonate. Dazu sollen die Bedingungen der Mantelübergangszone sowie des darunterliegenden unteren Erdmantels – also sehr hohe Temperaturen und ein sehr hoher Druck – simuliert werden. Jedes der sieben Projekte nimmt einen anderen Aspekt unter die Lupe, zum Beispiel das Karbonat Calcit oder die Kombination von Karbonaten mit Eisen, mit Silikaten oder unter Schock.

Winkler und sein Team befassen sich schon seit sechs Jahren mit der Thematik. Sein Mitarbeiter  Dr. Lkhamsuren Bayarjargal wurde für die Arbeit mit Hochleistungslasern bereits mit dem Max-von-Laue-Preis der Deutschen Gesellschaft für Kristallographie ausgezeichnet sowie vom Fokus-Programm der Goethe-Universität gefördert. Und auch die überregionale Zusammenarbeit der Forscher ist nicht ganz neu. Mit Hilfe der DFG-Mittel können jetzt jedoch spezielle Apparaturen konstruiert werden, um die Bedingungen im Erdmantel zu simulieren. So genannte Diamantstempelzellen erlauben Drücke, die eine Million mal so stark sind wie der Atmosphärendruck; Hochleistungslaser sind in der Lage, Temperaturen von bis zu 5000 Grad Celsius zu erzeugen. Dass dies die Bedingungen sind, die im Erdmantel herrschen, wurde durch entsprechende Berechnungen belegt.

Winzigste Mengen eines Karbonats genügen schon für ein Experiment. Die Substanz wird im Experiment den entsprechenden Bedingungen ausgesetzt und gleichzeitig  von den Wissenschaftlern auf Veränderungen hin untersucht. Hierbei wird mit unterschiedlichen Techniken gearbeitet – in Frankfurt z.B. mit Raman-Spektroskopie, in Potsdam mit Infrarot-Spektroskopie. „Wenn wir auf unterschiedlichen Wegen zum selben Ergebnis kommen, wissen wir, dass wir richtig liegen“, so Prof. Winkler.

Information: Prof. Dr. Björn Winkler, Facheinheit Mineralogie, Institut für Geowissenschaften, Campus Riedberg, Tel: (069) 798-40107, b.winkler@ kristall.uni-frankfurt.de. 

Forschung

Feb 2 2015
10:21

Nils Bertschinger erhält Helmut O. Maucher-Stiftungsprofessur

Systemische Risiken – ein neuer Forschungsbereich des FIAS

FRANKFURT. Das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) an der Goethe-Universität Frankfurt erhält einen neuen Forschungsbereich:Systemische Risiken. Damit will das Institut, das sich auf die theoretische Erforschung komplexer Systeme spezialisiert hat, neben Hirnforschung, Physik, Lebenswissenschaften&Chemie sowie Computerwissenschaften erstmals auch theoretische Grundlagen für die Aufklärung von Phänomenen in Wirtschaft und Gesellschaft erarbeiten. Zum ersten Inhaber der dafür neu eingerichteten Helmut O. Maucher-Stiftungsprofessur für Systemische Risiken wurde vom ehemaligen Präsidenten der Goethe-Universität der Computerwissenschaftler Prof. Nils Bertschinger vom Max-Planck-Institut (MPI) für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig berufen. Er trat sein Amt am 1. Februar an.

Komplexe, selbstorganisierte Systeme, wie sie die Wissenschaftler am FIAS erforschen, gibt es viele in der Natur, etwa in der Chemie, in den Atomkernen oder im Gehirn, aber auch in gesellschaftlichen Systemen, etwa im Wirtschafts- und Finanzsystem. Wie wenig diese Systeme bisher verstanden sind, hat zum Beispiel die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008 gezeigt. Dabei gibt es Parallelen zwischen den komplexen Systemen in der Natur und in der Gesellschaft: Es handelt sich jeweils um einzelne, miteinander interagierende Elemente, die in der Vernetzung neue, unerwartete Wirkungen entfalten.

Forscher am FIAS haben sehr viel Erfahrung mit derartigen Systemen, mit großen Datenmengen und mit der Modellierung von komplexen Zusammenhängen in theoretischen mathematischen Modellen. In enger Zusammenarbeit von Computerwissenschaftlern, Mathematikern, Wirtschaftswissenschaftlern und Finanzwissenschaftlern sollen in dem neuen Arbeitsbereich von Prof. Bertschinger die Möglichkeiten erforscht werden, derartige Risiken im Wirtschafts- und Finanzsystem vorherzusagen oder zu beeinflussen.

Prof. Bertschinger hat an der RWTH Aaachen Computerwissenschaften studiert. Er promovierte an der Technische Universität Graz und am MPI für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig, wo er seit 2009 wissenschaftlich arbeitet. Seine Forschungsinteressen gelten vor allem komplexen dynamischen Systemen, etwa dem Verständnis von adaptiven und sozialen Systemen, sowie der Risikoanalyse von Finanzderivaten.

Weitere Informationen:

Dr. Joachim Reinhardt
Frankfurt Institut for Advanced Studies (FIAS)
Ruth-Moufang-Str. 1
60438 Frankfurt am Main
Telefon: 069-798-47866
Fax: 069-798-47611
E-Mail:fias@uni-frankfurt.de 
Web:fias.uni-frankfurt.de

oder

Jana Gregor
Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften
Inselstraße 22
04103 Leipzig
Tel. 0341 9959 650
Email. Jgregor@mis.mpg.de