Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Dez 5 2013
11:42

LOEWE-Programm fördert die empirische Wende in den Geisteswissenschaften weiter – Enge Kooperation zwischen Sprach- und Literaturwissenschaftlern, Historikern und Informatikern

„Digital Humanities“: Ein Forschungsschwerpunkt hat sich etabliert

FRANKFURT. Der Umgang mit großen Datenmengen hat die Arbeitsweise vieler Geisteswissenschaftler in den vergangenen Jahren erheblich verändert und hat auch inhaltlich zu einem Wandel in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern geführt. „Empirische Wende“ nennen die Experten die an Einfluss gewinnende quantifizierende Arbeit an großen, kontrolliert erstellten digitalen Text- und Bildcorpora. Die Goethe-Universität hat auf diesem Gebiet die Nase vorn: „Mit unserem LOEWE-Schwerpunkt konnten wir in den vergangenen drei Jahren eine Spitzenposition in der sich schnell entwickelnden Landschaft der Digital Humanities in Deutschland erringen“, so der Sprecher des Schwerpunkts, der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Jost Gippert.

In dem interdisziplinären Verbundprojekt, an dem als Projektpartner auch Informatiker und Geisteswissenschaftler der TU Darmstadt sowie Literaturwissenschaftler des Freien Deutschen Hochstifts (Frankfurter Goethe-Museum) beteiligt sind, werden Methoden und Werkzeuge entwickelt, um große Datenmengen, die inzwischen als digitale Texte, Bilder, Filme, Tonaufzeichnungen und Kataloge vorliegen, wissenschaftlich auszuwerten und zu vernetzen. Von 2011 bis 2013 wurde der LOEWE-Schwerpunkt „Digital Humanties“ mit 3,8 Millionen Euro aus Landesmitteln unterstützt, für 2014 stehen noch einmal über 880.000 Euro zur Verfügung, teilte das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst jetzt mit. Im Rahmen der hessischen Forschungsinitiative „LOEWE“ (Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz) erhält die Goethe-Universität mit ihren Partnern außerdem für den LOEWE-Schwerpunkt „Neuronale Koordination Forschungsschwerpunkt Frankfurt über 620.000 Euro, und das Frankfurter LOEWE-Zentrum für Zell- und Gentherapie wird von 2014 bis 2016 mit rund 18,5 Mio. Euro unterstützt.

„Digital Humanities“ sind ein noch junges Feld in den Geistes- und Sozialwissenschaften und werden im Kreise der Wissenschaftler nicht nur positiv beurteilt. Gippert kann den Kritikern nicht folgen, die meinen, den Digital Humanities fehle die theoretische Reflexion und sie neigten zur unkritischen Affirmation technologischer, gegenstandsferner Konzepte. „Während es früher für Linguisten, Literaturwissenschaftler oder Historiker kaum denkbar war, Hypothesen und Theorien am gesamten einschlägigen Material zu verifizieren oder zu falsifizieren, ist dies mit dem Einsatz elektronischer Verfahren nun mehr möglich – ein enormer Fortschritt, um zu belegbaren neuen Ergebnissen zu kommen.“ Zurzeit werden digitale Auswertungsmethoden entwickelt, die für ganz unterschiedliche Datenpools fächerübergreifend eingesetzt werden können.

Die Frankfurter Projektpartner von „Digital Humanties“ haben in den vergangenen Jahren eine gemeinsame informationstechnologische Infrastruktur geschaffen, aber auch an vielen Einzelprojekten erfolgreich zusammen gearbeitet. So sind beispielsweise Sprachwissenschaftler und Informatiker an der Goethe-Universität damit beschäftigt, die handschriftliche Überlieferung der ältesten religiösen Texte Irans, des Avesta, mit digitalen Verfahren zu klassifizieren. In Kooperation von Goethe-Universität und Freiem Deutschen Hochstift entsteht eine Datenbank, die Illustrationen zu Goethes „Faust“ mit dem textualen Inhalt des Werks verknüpft.

Was steht in Zukunft auf der Agenda im Forschungsschwerpunkt „Digital Humanities“? „Die wirkliche Integration von Text- und Bilddaten ist eines unserer wichtigsten Ziele. Das bedeutet zum Beispiel, dass die hochauflösenden elektronischen Bilder von alten Handschriften unmittelbar mit editorischen Bearbeitungen ihrer Inhalte verknüpft werden. Statt mühevoll gedruckte Materialien zusammenzufügen, bringt diese digitale Verknüpfung viel schneller neue Erkenntnisse zutage, die zudem überprüfbar bleiben“, so Gippert. Er hat ein derartiges Verfahren bereits mit großem Erfolg auf sogenannte Palimpseste angewendet – das sind mittelalterliche Pergamenthandschriften, die ausradiert und wieder überschrieben wurden –, womit unter anderem eine bisher unbekannte Sprache des frühen Mittelalters, das sogenannte Kaukasische Albanisch, zutage trat.

Und was passiert mit dem Schwerpunkt „Digital Humanities“, wenn die Förderung des Landes Hessen Ende 2014 ausläuft? Dazu Gippert: „Wir setzen zurzeit darauf, Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung einwerben zu können, um dauerhaft ein „e-Humanities-Zentrums“ in der Rhein-Main-Region aufzubauen. Über unseren Antrag, den wir gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) gestellt haben, wird im Januar 2014 entschieden.“

Veranstaltungen

Dez 5 2013
11:37

Prof. Thomas Haberer berichtet über eine neuartige Krebstherapie, die das angrenzende Gewebe schont und die bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung entwickelt wurde

„Ionenskalpell – Schwerionenbeschleuniger im Dienst der Tumortherapie?“

FRANKFURT. Teilchenbeschleuniger wurden von den Physikern entwickelt, um mit den erzeugten Ionenstrahlen den fundamentalen Aufbau der Materie zu erforschen. Die gleiche Technologie lässt sich aber auch in der Medizin einsetzen, um Tumore mit bisher unerreichter Präzision und hoher biologischer Wirksamkeit zu bestrahlen. In der öffentlichen Vorlesungsreihe „Vom Urknall ins Labor“ hält am Donnerstag (12. Dezember) um 19 Uhr Prof. Thomas Haberer einen Vortrag zum Thema „Das Ionenskalpell – Schwerionenbeschleuniger im Dienst der Tumortherapie“. Im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ der Deutsche Bank AG gewähren international renommierte Forscher interessierten Laien in diesem Wintersemester einen Blick in die realen und virtuellen Laboratorien der Physik.

Im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum, dessen wissenschaftlich-technischer Direktor Haberer seit 2005 ist, wurde für die Tumortherapie mit schweren Ionen ein weltweit einmaliges Bestrahlungssystem, die Schwerionengantry, realisiert. Sie erlaubt es, den Tumor aus beliebiger Richtung mit dem Teilchenstrahl millimetergenau rasterförmig abzutasten und gleichzeitig das angrenzende gesunde Gewebe maximal zu schonen. Im Rahmen von klinischen Studien wird nun am Klinikum der Universität Heidelberg der Stellenwert dieser neuartigen Krebstherapie bestimmt.

Der Referent studierte Physik und Medizin an der Technischen Universität Darmstadt und der Goethe-Universität. 1988 machte er sein Diplom in Physik und 1994 promovierte er im Fachbereich Medizin (Dr. sc. hum.) an der Universität Heidelberg. Ab 1989 war Haberer wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI), Darmstadt, seit 1997 physikalisch-technischer Leiter des Projekts zur Schwerionentherapie, die bei der GSI in Darmstadt entwickelt und später dort für eine begrenzte Anzahl von Patienten angeboten wurde. Haberer wurde 2008 zum Honorarprofessor an der Goethe-Universität ernannt.

Wie auch die noch folgenden Vorträge beginnt  die Vorlesung mit anschließender Diskussionsrunde um 19 Uhr auf dem Campus Riedberg, im Hörsaal 100 des „Frankfurt Institute for Advanced Studies“ (FIAS), Ruth-Moufang-Straße 1. Organisatoren und Veranstalter dieser Reihe sind neben der Goethe-Universität das „Helmholtz International Center for Fair“ (Hic for Fair) und das FIAS. Die Vorlesungen im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ richten sich an interessierte Bürger und Bürgerinnen sowie an Studierende und Angehörige aller wissenschaftlichen Institutionen im Rhein-Main-Gebiet.

Frankfurt ist als Austragungsort einer solchen Ringvorlesung besonders geeignet, da in der Rhein-Main-Region eine Reihe von führenden Forschungsinstitutionen dem Gebiet „Materie unter extremen Bedingungen“ beheimatet ist. Physiker der Goethe-Universität arbeiten eng zusammen mit dem Helmholtzzentrum GSI (Gesellschaft für Schwerionenforschung) in Darmstadt und mit der dort entstehenden Großforschungsanlage FAIR (Facility for Antiproton and Ion Research). Begleitet werden diese Aktivitäten vom Mitveranstalter der Vortragsreihe, dem Helmholtz International Center for FAIR (HIC for FAIR), das demnächst sein neues Forschungsgebäude auf dem Campus Riedberg beziehen wird, und von dem benachbarten, theoretisch arbeitenden interdisziplinären Forschungsinstitut FIAS (Frankfurt Institute for Advanced Studies).

Die weiteren Vorträge auf einen Blick:

16. Januar 2014
Wolfgang Bauer (Michigan State University, USA): Genesis – der Ursprung der Elemente

30. Januar 2014
Hans-Thomas Janka (Max-Planck-Institut für Astrophysik, Garching): Rätselhafte Supernovae – den Geheimnissen der größten kosmischen Explosionen auf der Spur

10. Februar 2014 (Montag)
Harald Lesch (Ludwig-Maximilians-Universität München): Schlagzeilen vom Rand der Wirklichkeit

Informationen: Prof. Dr. Marcus Bleicher, Helmholtz International Center for FAIR, Institut für Theoretische Physik, Campus Riedberg, Tel. (069) 798-47834, contact@hicforfair.de; Dr. Joachim Reinhardt, Frankfurt Institute for Advanced Studies, Institut für Theoretische Physik, Campus Riedberg, Tel. (069) 798-47866, reinhardt@fias.uni-frankfurt.de; fias.uni-frankfurt.de/materie

Personalia/Preise

Dez 3 2013
16:29

DHV-Präsident Kempen: „Zielstrebige Vorkämpferin für ein Deutsches Romantik-Museum“

Bohnenkamp-Renken ist „Hochschullehrerin des Jahres“

FRANKFURT. Professorin Dr. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und des Goethe-Hauses in Frankfurt am Main und Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Frankfurt, erhält vom Deutschen Hochschulverband (DHV) die Auszeichnung "Hochschullehrer/-in des Jahres".

„Kollegin Bohnenkamp-Renken setzt sich unermüdlich für die Errichtung eines Deutschen Romantik-Museums in Frankfurt ein. Sie möchte einen kulturellen Schatz erstrahlen lassen und legt dafür ein überobligatorisches Engagement an den Tag. Auch nach dem Ausstieg der Stadt Frankfurt aus der Finanzierung dieses Erinnerungsortes versucht sie zielstrebig und unbeirrt, die weltweit einzigartige Sammlung zur Literatur der deutschen Romantik, die in den vergangenen 100 Jahren vom Freien Deutschen Hochstift, dem Träger des Frankfurter Goethe-Hauses, zusammengetragen wurde, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit Überzeugungs- und Tatkraft will sie die entstandene Finanzierungslücke für ein Deutsches Romantik-Museum durch Einwerbung privater Spenden schließen“, begründete der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Professor Dr. Bernhard Kempen, die Entscheidung. Durch ihr vorbildhaftes, öffentlichkeitswirksames Auftreten habe sich Bohnenkamp-Renken in herausragender Weise um das Ansehen des Wissenschaftler- und Professorenberufes in der Öffentlichkeit verdient gemacht.

„Wir freuen uns über die Auszeichnung. Frau Bohnenkamp-Renken engagiert sich vorbildlich als Professorin der Goethe-Universität; nicht nur, weil sich selten einer in Goethes Werken so gut auskennt wie die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin, sondern weil sie uns darüber hinaus auch noch als Direktorin des Hochstifts die Schätze der deutschen Romantik nahebringt und sich obendrein mit einem Romantik-Museum für die größere Sichtbarkeit der Geburtsstadt des Namensgebers unserer Universität einsetzt“, betonte Prof. Dr. Werner Müller-Esterl, Präsident der Goethe-Universität.

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird Bohnenkamp-Renken am 24. März 2014 im Rahmen der sechsten „Gala der Deutschen Wissenschaft“ in Frankfurt am Main verliehen. Die Auszeichnung wird mit Unterstützung des ZEIT-Verlags Gerd Bucerius GmbH & Co.KG vergeben.

Veranstaltungen

Dez 3 2013
13:55

Die amerikanische Philosophin übernimmt die Dagmar Westberg-Stiftungsgastprofessur – Drei öffentliche Vorträge auf dem Campus Westend

Martha Nussbaum spricht über politische Emotionen

FRANKFURT. Nach dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Prof. Peter Strohschneider hat in diesem Wintersemester eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart die Dagmar Westberg-Stiftungsgastprofessur inne: Martha Nussbaum, Professorin für Recht und Ethik an der University of Chicago, wird ihre dreiteilige öffentliche Vorlesung zum Thema „Political Emotions. Why Love Matters for Justice“ am 9.,10. und 11. Dezember jeweils von 18 bis 20 Uhr auf dem Campus Westend, Hörsaalzentrum, Hörsaal 3, halten.

Martha Nussbaum stellt die Fragen nach dem guten Leben und der politischen Gerechtigkeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten zur praktischen Philosophie. Sie vertritt die These, dass die Ethik auch die Ebene der Gefühle einbeziehen müsse und schreibt deshalb den Emotionen einen eigenen Erkenntniswert zu. Die 66-jährige amerikanische Wissenschaftlerin, die bereits im vergangenen Jahr auf Einladung der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata: Erweiterte Gerechtigkeit – konkret und global“ an der Goethe-Universität zu Gast war, wird bei ihren Vorträgen Thesen ihres erst kürzlich, bisher nur auf Englisch erschienenen Buchs „Political Emotions“ zu Diskussion stellen.

In ihrem neuesten, viel beachteten Werk denkt sie darüber nach, wie wir eine anständige liberale Gesellschaft erreichen können, eine Gesellschaft, die Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle anstrebt und die Individuen inspiriert, es als ihr höchstes Ziel anzusehen, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen. Eine gerechte Gesellschaft könne durch Kultivierung und wohl überlegte Befreiung der Gefühle, besonders der Liebe, realisiert und aufrecht erhalten werden. Inmitten von Furcht, Ressentiments und Wettbewerb könnten öffentliche Emotionen, die in der Liebe wurzelten, die Bereitschaft zu gemeinsamen Zielen verstärken und Gefühle wie Abscheu und Neid zurückdrängen. „Love“ ist für Nussbaum die zentrale Emotion, auf der die Gesellschaft sich gründet. Liebe beinhaltet für die Philosophin eine erfreute Anerkennung des Anderen als wertvoll, besonders und bezaubernd.

Zunächst wird Nussbaum in ihrer Frankfurter Vorlesung auf den historischen Aspekt der politischen Emotionen eingehen. Große demokratische Vorbilder wie Abraham Lincoln, Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben die Wichtigkeit kultivierter Gefühle verstanden – so die Philosophin aus Chicago. Weiter wird es in den Vorlesungen um eine Psychologie des Mitgefühls und des Ekels gehen – Gefühle, die gesellschaftliche Segmentierungen verhindern bzw. verfestigen können –  sowie um Deutung der Tragödien und wie diese indirekt zur gesellschaftliche Integration beitragen können.

Wie bereits in ihrem Buch „Love’s Knowledge“ aus dem Jahr 1990 verbindet Nussbaum auch in ihrem jüngsten Werk Philosophie und Literatur. Sie erforscht die Kultivierung der Gefühle, die die Gerechtigkeit unterstützen an zahlreichen Beispielen aus der Literatur, der Musik, der politischen Rhetorik, von Festivals, Denkmälern und sogar im Design öffentlicher Parks – welche allen einen Raum zur Erholung und für freundschaftliche Bekanntschaften und spielerisches Kennenlernen eröffnen.

Bekannt geworden ist Nussbaum besonders mit ihren Arbeiten gemeinsam mit dem Philosophen und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sie entwickelten den so genannten „capability approach“. Dieser „Fähigkeiten-Ansatz“ bildet die Basis des jährlich veröffentlichten Index der menschlichen Entwicklung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Nussbaum setzt sich dafür ein, Entwicklung als die Realisierung zehn zentraler menschlicher Fähigkeiten (‚capabilities’) zu verstehen. Sie kritisiert alternative Verständnisweisen, welche Entwicklung mit wirtschaftlichem Wachstum oder der Befriedigung subjektiver Präferenzen gleichsetzen.

Die Gastprofessur wird aus einem namhaft ausgestatteten Stiftungsfonds zur Gewinnung international renommierter Gastwissenschaftler in den Geisteswissenschaften finanziert, den die 98-jährige Stifterin Dagmar Westberg zur Verfügung gestellt hat. So kann die Goethe-Universität jährlich einen weltweit renommierten Geisteswissenschaftler nach Frankfurt einladen. Der federführende Vizepräsident, Prof. Matthias Lutz-Bachmann, sieht die Chance, nicht nur die interne Öffentlichkeit zu mobilisieren, sondern auch die Bürgergesellschaft: „Das geistige Leben Frankfurts wird durch den Besuch von Martha Nussbaum um eine wichtige Facette reicher.“ Die Stifterin, die aus einer baltisch-hamburgischen Unternehmerfamilie stammt und die aufgrund ihrer besonderen Lebenssituation während der Nazizeit nie studieren konnte, möchte mit ihrem mäzenatischen Engagement jungen Menschen heute helfen, diese Chance wahrzunehmen. Dieser Stiftungsfonds ist nicht das einzige Engagement der Stifterin an der Goethe-Universität: Seit 2010 finanziert Dagmar Westberg auch einen Preis für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der britischen Literatur, Kultur und Geschichte an der Universität Frankfurt.

Informationen: Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Vizepräsident der Goethe-Universität, Campus Westend, Tel. (069) 798-22343, Lutz-Bachmann@em.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Dez 3 2013
12:07

Angela Davis als Gastprofessorin für internationale Gender und Diversity Studies am Cornelia Goethe Centrum

„Freedom is a Constant Struggle“

FRANKFURT. Sie ist zurückgekehrt an die Universität, an der sie in der heißen Phase der Studentenrevolte entscheidende intellektuelle Impulse für ihre wissenschaftliche und politische Arbeit bekommen hat: Die 69-jährige amerikanische Bürgerrechtlerin und kritische Sozialwissenschaftlerin Prof. Angela Davis hält während ihres Aufenthaltes vom 3. bis zum 13. Dezember zwei öffentliche Vorträge und stellt sich der Diskussion mit jüngeren Wissenschaftlerinnen in drei Blockseminaren an der Goethe-Universität. Dies ist der Auftakt für die neu eingerichtete Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies am Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC), die ihren Namen trägt und auf die nun einmal im Jahr eine international renommierte Gender-Forscherin berufen wird.

Bei ihrer Ankunft am Frankfurter Flughafen sagte Frau Davis: „Ich freue mich, nach 40 Jahren wieder in Frankfurt zu sein und bin sehr neugierig darauf, was sich alles verändert hat!“ Sie wird die neue Universität erkunden, ehemalige Freunde treffen, alte Kneipen aufsuchen und ins Kino gehen. Ende der 1960er Jahre war Angela Davis auf Empfehlung Herbert Marcuses als junge Studentin nach Frankfurt gekommen, um der „kritischen Theorie“ näher zu sein, und am wiedereröffneten Institut für Sozialforschung Soziologie und Philosophie zu studieren.

Davis ist emeritierte Professorin der University of California, Santa Cruz, und gilt als richtungsweisend für die weltweit geführte Race-Class-Gender-Debatte. „Mit der Einrichtung der Gastprofessur ist ein bedeutsamer Schritt getan. Am Centrum findet bereits Forschung statt, die sich mit der Bedeutung von Geschlecht in Verbindung mit anderen Achsen sozialer Ungleichheit und Differenz beschäftigen. Dieser Schwerpunkt bekommt mit der Gastprofessur Unterstützung und Profil“, so Prof. Ulla Wischermann, geschäftsführende Direktorin des Cornelia Goethe Centrums.

Die öffentlichen Vorträge, die Angela Davis während ihres Aufenthaltes an der Goethe-Universität halten wird, beschäftigen sich mit zentralen Kategorien ihres wissenschaftlichen Denkens und politischen Selbstverständnisses: der Dialektik von Theorie und revolutionärer Praxis, ganz im Sinne der kritischen Theorie der „Frankfurter Schule“, und dem Streben nach gesellschaftlicher „Veränderung“ im Kontext politischer Befreiungskämpfe.

Die beiden Veranstaltungen mit Angela Davis im Festsaal des Casinos, Campus Westend, sind bis auf den letzten Platz ausgebucht, neben Studierenden und Wissenschaftlerinnen nehmen auch viele interessierte Bürgerinnen und Bürger die Chance wahr, Angela Davis live zu erleben. Angekündigt haben sich auch einige Bekannte von Angela Davis aus den 1960er Jahren, unter anderem aus ihrer Wohngemeinschaft in der Adalbertstraße und andere Wegbegleiter und -begleiterinnen, die Angela Davis noch aus gemeinsamen Studienzeiten bei Adorno, Horkheimer, Habermas und Negt und den Vorlesungen im legendären Hörsaal VI in Bockenheim kennen.

Für Davis schließt eine kritische Haltung gegenüber den Konzepten, Werkzeugen und Praktiken, die Wandel begleiten, eine Veränderung unserer Denkgewohnheiten und Vorstellungswelten mit ein. „How does change happen?“ – Diese Frage beschäftigt Davis bei all ihren wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten. In diesem Wintersemester steht diese herausfordernde Frage auch über der Vortragsreihe des Cornelia Goethe Centrums, den Cornelia Goethe Colloquien: Sieben internationale Forscherinnen diskutieren aus feministischer und postkolonialer Perspektive zu Themen wie Macht, Herrschaft, Widerstand und radikalem Wandel.

Die Veranstaltungen im Rahmen der Angela Davis Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies werden ermöglicht durch den Förderkreis des Cornelia Goethe Centrums, das Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies, das Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main, die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen, die Kinothek Asta Nielsen und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen.

Im Rahmen der Cornelia Goethe Colloquien und der Angela-Davis-Gastprofessur sind im Dezember 2013 folgende öffentliche Veranstaltungen geplant:

3. Dezember (Dienstag), 18:15 bis 19:45 Uhr, Casino-Gebäude, Erdgeschoss, Festsaal
Antrittsvorlesung von Angela Davis mit anschließender Diskussion (in engl. Sprache)
„Feminism & Abolition: Theories & Practices for the 21st Century“
Anschließend: FRCPS Angela Davis Party: If I can't dance, it's not my revolution!

4. Dezember (Mittwoch), 18:15-19:45 Uhr, Casino, 1. Stock, R. 1.801
Cornelia Goethe Colloquien „How does Change happen?“ (Vortrag in engl. Sprache)
Marwa Arsanios (Beirut): Have you ever killed a Bear or Becoming Jamila

7. Dezember (Samstag), 18 bis 22 Uhr, Casino-Gebäude, Erdgeschoss, Festsaal
13. Cornelia Goethe Salon des Förderkreises des Cornelia Goethe Centrums
“Freedom is a Constant Struggle: Continuities and Closures”, öffentlicher Vortrag von Angela Davis (in engl. Sprache), Angela Davis im Gespräch mit Prof. Helma Lutz (Cornelia Goethe Centrum); Podiumsdiskussion (Moderation: Prof. Margrit Brückner)

10. Dezember (Dienstag), 20.30 Uhr, CINEMA an der Hauptwache
Die Kinothek Asta Nielsen zeigt…: „Free Angela And All Political Prisoners” (2012) (amerikanische OF); im Anschluss: Angela Davis im Gespräch mit Prof. Dr. Margit Mayer

11. Dezember (Mittwoch), 18:15-19:45 Uhr, Casino, 1. Stock, R. 1.801
Cornelia Goethe Colloquien „How does Change happen?“ (Vortrag in engl. Sprache)
Maria Lugones (New York): Indigenous Movement and Decolonial Feminism

18. Dezember (Mittwoch), 18:15-19:45 Uhr, Casino, 1. Stock, R. 1.801
Cornelia Goethe Colloquien „How does Change happen?“ (Vortrag in engl. Sprache)
Zanele Muholi (Durban): Sizwile (We’ve heard)

Information: Stefan Fey, Cornelia Goethe Centrum, mobil 0171 273 9354,
fey@em.uni-frankfurt.de; http://www.cgc.uni-frankfurt.de/angeladavis