Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Jan 5 2017
11:28

Schizophrenie beruht auf gestörter Informationsverarbeitung im Gehirn

Wenn fremde Stimmen das Kommando übernehmen

FRANKFURT. Sie hören Stimmen, vermuten Botschaften in bedeutungslosen Ereignissen oder fühlen sich ferngesteuert: Die Symptome von Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung sind für Außenstehende befremdlich. Wie der Psychiater Dr. Robert Bittner in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität erklärt, beruht die Verwechslung von „eigen“ und „fremd“ auf verschiedenen Störungen der Informationsverarbeitung im Gehirn.

Schizophrene Psychosen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie manifestieren sich typischerweise in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter und haben für die Betroffenen gravierende psychosoziale Folgen. Zudem gehören sie zu den Erkrankungen mit den höchsten direkten und indirekten Behandlungskosten. Zu den Symptomen zählen Wahnideen, Halluzinationen, Ich-Störungen und formale Denkstörungen. Der Krankheitsverlauf ist in vielen Fällen durch wiederkehrende akute psychotische Episoden gekennzeichnet. Charakteristisch ist, dass die Betroffenen diese Phänomene während akuter Phasen unbeirrbar für real halten.

Bislang ist die Pathophysiologie schizophrener Psychosen nur teilweise verstanden. Deswegen gibt es lediglich Therapien, welche die Symptome bessern. „Die  Stigmatisierung der Erkrankung ist weit verbreitet. Sie vergrößert das subjektive Leid der Betroffenen, stellt aber auch ein zusätzliches Hindernis für die Behandlung dar“, bedauert Dr. Robert Bittner von der Klinik fürPsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik Frankfurt.

Bittner erforscht seit vielen Jahren, was im Gehirn von Menschen mit schizophrenen Psychosen falsch läuft. Inzwischen belegen eine Vielzahl von Studien mit bildgebenden Verfahren und an den Gehirnen Verstorbener, dass die Verbindungen von Nervenzellen im Gehirn und deren Kommunikation untereinander bei schizophrenen Psychosen grundlegend gestört sind. Bei schizophrenen Patienten werden offenbar zu viele Nervenverbindungen während der Jugend abgebaut, was auch zu kognitiven Störungen führt.

Typische Wahnsymptome wie Beziehungsideen, bei denen die Betroffenen vollkommen alltägliche und für sie eigentlich bedeutungslose Ereignisse auf sich beziehen, erklärt die Forschung inzwischen durch die übermäßige Ausschüttung von Dopamin. Sie führt dazu, dass äußere Reize in ihrer Bedeutung überbewertet werden. Beispielsweise haben schizophrene Patienten den Eindruck, fremde Leute, denen sie auf der Straße begegnen, sähen sie bedeutungsvoll an oder redeten untereinander über sie, als wüssten sie Dinge aus ihrem Privatleben. Ähnliches gilt auch für die Wahnwahrnehmung, bei der Betroffene meinen, es würden ihnen beispielsweise durch Schilder oder Plakate persönliche Botschaften übermittelt. Diese Überbewertung von bekannten oder irrelevanten Reizen kann man inzwischen gut medikamentös behandeln, indem man die übermäßige Wirkung von Dopamin blockiert.

Schließlich erklärt die Forschung Symptome wie Stimmenhören oder das Gefühl, „ferngesteuert“ zu werden, durch die Fehlregulation einer Gehirnfunktion, die es gesunden Menschen ermöglicht, zwischen inneren und äußeren Sinnesreizen zu unterscheiden. Wenn wir beispielsweise ein Geräusch selbst erzeugen, werden Gehirnareale, die akustische Signale verarbeiten, mithilfe sogenannter Efferenzkopien darüber informiert. Werden Efferenzkopien innerer Sprache fehlerhaft weitergeleitet, können wir nicht mehr unterscheiden, ob Stimmen von innen oder außen kommen.

Mit dem Erklärungsmodell der Informationsverarbeitungsstörung können Psychiater also die fremdartig oder bizarr anmutenden psychotischen Symptome der Schizophrenie zunehmend erklären. Das hilft nicht nur bei der Entwicklung neuer Therapien, sondern erleichtert es auch, den Betroffenen die Ursache ihrer Erkrankung zu erklären. „Schwererkrankte leugnen zwar den Krankheitswert ihrer psychotischen Symptome, sind sich in vielen Fällen aber ihrer kognitiven Defizite bewusst. Indem man ihnen diese Defizite neurobiologisch erklärt, kann man erfahrungsgemäß am besten ein Krankheitsverständnis aufbauen“, so Bittner.

Dies gelte auch für den Umgang mit den Angehörigen, bei denen in der Regel eine große Unsicherheit im Umgang mit den Erkrankten und ein großer Informationsbedarf herrschten. Indem die Angehörigen einbezogen und deren Ressourcen und Kompetenzen gestärkt werden, erhalten die Betroffenen wichtige Unterstützung, was längerfristig zu einem günstigeren Krankheitsverlauf führt. Bittner hofft, dass dieses Modell auch der Öffentlichkeit ein klareres Bild schizophrener Psychosen vermittelt und dadurch der Stigmatisierung der Erkrankung entgegenwirkt.

Informationen: Dr. Robert Bittner, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik Frankfurt, Tel.: (069)-6301-84713, Robert.Bittner@kgu.de.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ können Journalisten kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht die Ausgabe „Eigen und fremd“ unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.

Veranstaltungen

Jan 5 2017
11:24

Vorlesungen der Schriftstellerin starten am 10. Januar an der Goethe-Universität

Ulrike Draesner übernimmt Frankfurter Poetikdozentur

FRANKFURT. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner übernimmt die Stiftungsgastdozentur für Poetik an der Goethe-Universität im Wintersemester 2016/17. In den fünf Vorlesungen mit dem Titel „Grammatik der Gespenster“ wird Draesner über Grundlagen und Bedingungen ihres literarischen Schaffens sprechen. Die Frankfurter Poetikvorlesungen werden wieder begleitet von einer Ausstellung im „Fenster zur Stadt“, vom Literaturarchiv an der Goethe-Universität kuratiert. Zusätzlich liest Ulrike Draesner im Rahmen der „Poetik-Gespensternacht“ im Frankfurter Literaturhaus.

Frankfurter Poetikvorlesungen im Wintersemester 2016/17:
Ulrike Draesner - „Grammatik der Gespenster“.

Jeweils dienstags am 10., 17., 24. und 31. Januar sowie am 7. Februar.
Beginn: 18 Uhr c.t. Campus Westend, Audimax (Hörsaalzentrum HZ 1&2). Eintritt ist frei.
Begleitausstellung ab dem 11. Januar im „Fenster zur Stadt (Restaurant Margarete, Braubachstraße).
„Poetik-Gespensternacht“ mit Ulrike Draesner. 23. Januar, Frankfurter Literaturhaus.

Die heute in Berlin lebende Romanautorin, Lyrikerin, Essayistin und promovierte Literaturwissenschaftlerin Draesner veröffentlichte im Jahre 1995 ihr erstes Buch, den Gedichtband „gedächtnisschleifen“. Draesners Werk zeichnet eine große Vielseitigkeit aus: So gehören neben Essays, intermedialen Arbeiten und so genannten „Radikal-Übersetzungen“ auch Erzählbände und literarische Interpretationen dazu. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, wie unter anderem den Preis der Literaturhäuser (2002), den Droste-Preis der Stadt Meersburg (2006) und den Joachim-Ringelnatz-Preis (2014). 2016 wurde sie mit dem Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet.

Im Interview mit dem UniReport hat Draesner das Konzept ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen erläutert: Sie möchte „mit Hilfe unterschiedlichster literarischer Beispiele danach fragen, was wir durch Literatur erfahren oder wissen können.“ Ihre Vorlesungen stehen laut Draesner „im Zeichen einer Frage: Wie schreiben wir Leben? Was life writing heißt – in Novellen, im Roman, im Essay in Gedichten und in Übersetzungen – möchte ich gemeinsam mit dem Publikum erkunden.“

Draesner setzt die erfolgreiche Geschichte der Frankfurter Poetikvorlesungen fort: Diese beginnt 1959 mit Ingeborg Bachmanns „Fragen zeitgenössischer Dichtung“. Seitdem folgten die einflussreichsten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dem Ruf an die Goethe-Universität. In den vergangenen Semestern konnten u.a. Clemens Meyer, Marcel Beyer und Katja Lange-Müller als Dozenten gewonnen werden.

Interview mit Ulrike Draesner im aktuellen UniReport: http://aktuelles.uni-frankfurt.de/veranstaltungen/ulrike-draesner-wird-neue-frankfurter-poetikdozentin 

Kontakt: Prof. Dr. Susanne Komfort-Hein, Geschäftsführung Frankfurter Poetikvorlesungen, Goethe-Universität; Esther Delp, M.A.; Tel. (069) 798-32855; delp@lingua.uni-frankfurt.de; www.poetikvorlesung.uni-frankfurt.de

Forschung

Jan 3 2017
12:30

Der Umgang mit Fremdwörtern sagt viel über nationale Befindlichkeiten – Beitrag in „Forschung Frankfurt“

Seismograph der Sprachgemeinschaft

FRANKFURT.Fremdwörter gehören zum Sprachwandel. Immer wieder hat es in der Sprachgeschichte Wellen fremdsprachiger Einflüsse gegeben, und immer wieder treten als Reaktion darauf die Fremdwortgegner auf den Plan. Ein Beitrag der Sprachwissenschaftlerin Dr. Anke Sauter in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ widmet sich dem Verhältnis der Deutschen zu ihren Fremdwörtern.

Auch Wörter wandern ein – so die Wahrnehmung mancher Fremdwortgegner. Wenn man schon zu Metaphern greift, müsste man jedoch eher sagen: Die Wörter werden importiert. Denn es ist die Sprachgemeinschaft, die aktiv und aus freien Stücken Bestandteile fremder Sprachen in die eigene Sprache übernimmt. Warum sie das tut, dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Ein Teil der Fremdwörter bleibt und wird zum wesentlichen Element des Sprachwandels.

Wein, Öl, Fenster – zusammen mit Kultur und Fertigkeiten, die sich aus dem römischen Reich in der damaligen Welt verbreiteten, kamen auch die Bezeichnungen in die europäischen Sprachen. Viele sind als Fremdwörter kaum noch zu erkennen, haben sich der sprachlichen Umgebung vollkommen angepasst. Aber auch losgelöst davon sind das Griechische und das Lateinische, das ja bis in die Neuzeit die Sprache der Wissenschaft geblieben ist, ein wichtiger Quell für Entlehnungen: Bis heute wird man dort fündig, wenn es darum geht, neue Sachverhalte und Dinge zu benennen, man denke etwa Wortbildungen mit neo- oder pseudo- oder inter-.

In der so genannten Alamode-Zeit des 17. Jahrhunderts wurden etliche Wörter aus dem Französischen entlehnt. Kein Wunder: Der Einfluss Frankreichs war in der Zeit des Absolutismus so groß, dass an europäischen Höfen bevorzugt Französisch gesprochen wurde. Da wollte auch das Bürgertum mithalten. Heute hat das Englische den größten Impact. Spätestens seit 1945 gilt es als progressiv, modern, cool. Es reicht schon, wenn Wörter nur scheinbar aus dem Englischen stammen, um von der Sprachgemeinschaft akzeptiert zu werden – gängiges Beispiel hierfür ist das Wort Handy, das in der Bedeutung „Mobiltelefon“ im Englischen nicht existiert.

In der Vergangenheit wurde immer wieder über die „Reinheit“ der Sprache reflektiert, kreative Köpfe bemühten sich um „Verdeutschungen“. Im 16. Jahrhundert trug Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung dazu bei, die deutsche Sprache zu einem tauglichen Instrument der Kommunikation zu machen, später dann ging es um die Etablierung einer einheitlichen Nationalsprache. Besonders im Vorfeld der Befreiungskriege spielte Patriotismus als Motivation eine wichtige Rolle – ebenso wie bei den Sprachreinigern, die sich während und nach dem Ersten Weltkrieg engagierten und eine Art Stellvertreterkrieg auf sprachlicher Ebene führten. Einer von ihnen war Eduard Engel, der bis heute zu Unrecht vielen nur als schriller Fremdwortgegner bekannt ist. Seit 1945 hält sich die Sprachwissenschaft zurück, dafür formiert sich auf anderer Ebene wieder Fremdwortkritik. Im Fadenkreuz diesmal: vor allem die Anglizismen.

Informationen: Dr. Anke Sauter, Wissenschaftsredakteurin, Abteilung PR und Kommunikation, Tel. 069 798-12477, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.

Aktuelle Nachrichten aus Wissenschaft, Lehre und Gesellschaft in GOETHE-UNI online (www.aktuelles.uni-frankfurt.de)

Forschung

Dez 21 2016
11:07

Frankfurter Ethnologen und Soziologen über ihre Erfahrungen mit dem kulturell Fremden

Häufig zu beobachten: Das Eigene überhöhen, das Andere abwerten

FRANKFURT. Ethnologen und Soziologen befassen sich seit dem 19. Jahrhundert mit dem sozial und kulturell Fremden. Als „teilnehmende Beobachter“ und „Feldforscher“ versuchen sie sich – als eine Art Zuwanderer auf Zeit – mit einer anderen Lebensform vertraut zu machen und ihren Charakter zu begreifen. Zu welchen Einsichten gelangen sie dabei? Darüber und vor allem über ihre eigenen Erfahrungen sprach der Philosoph und Publizist Dr. Rolf Wiggershaus in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (2/2016) mit fünf Frankfurter Professorinnen und Professoren: den Ethnologen Mamadou Diawara und Hans Peter Hahn, Karl-Heinz Kohl und der Ethnologin Susanne Schröter sowie der Soziologin Kira Kosnick.

Blickt man auf den Sprachgebrauch, so scheint klar: Wer sich vor dem Fremdem verschließt, bleibt oder wird eigen. Und das bedeutet: absonderlich, starrsinnig, erfahrungsresistent. Xenophobie und Ethnozentrismus gibt es nicht nur heutzutage bei Alteingesessenen, die mit Migranten nichts zu tun haben wollen, weil sie darin eine Gefahr für ihre Identität sehen. Auch die europäischen Kolonisatoren kamen nach Amerika und Afrika als Eroberer  und nicht, um mit den dort lebenden Völkern in einen beide Seiten bereichernden Kontakt zu treten. Das Verhältnis zum Fremden und zu Fremden ist kompliziert und changiert zwischen Furcht und Faszination, Verachtung und Idealisierung, Abwehr und Verlangen.

Hans Peter Hahn erinnert daran, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Fremden als „ein Bastard aus Exotismus und Kolonialismus“ entstand. Die weitgehend risikolose Erforschung außereuropäischer Einheimischer durch die ihnen fremden europäischen Forscher war nur durch eine Art „kolonialen Frieden“ möglich, in dem Missionare, Händler und Kolonialbeamte die Situation unter Kontrolle hatten. Die Exotik – das Betonen von Besonderheiten und das Ausmalen des  Fremdartigen – unterstrich das hierarchische Gefälle zwischen der Zivilisation der Kolonisatoren und den Kulturen der Eingeborenen, steigerte die ambivalenten Gefühle von Lust und Angst und sicherte der Ethnologie einen eigenen Gegenstandsbereich.

„Othering“ – abgeleitet vom englischen „other“ – wurde zur Bezeichnung für einen Vorgang, der, so Hahn, „den anderen zum Anderen macht und ihn ganz in seiner Andersartigkeit verortet und damit die gesellschaftliche oder kulturelle Distanz zementiert“. Pauschal verwendet kann der Othering-Vorwurf zum Mittel werden, sich jeglichen Blick von außen zu verbitten. Ohne den aber, so Karl-Heinz Kohl, bleibt man in der Selbstverständlichkeit der eigenen Kultur befangen. Das Ideal wäre deshalb eine „relationale Fremdheit“. Er selbst praktizierte in den 1980er Jahren als nahezu klassischer Feldforscher auf einer ostindonesischen Insel das Eintauchen in eine fremde Kultur bis hin zum (Fast-)-Mitgerissenwerden bei Tieropfern während eines großen Festes. Heute beobachtet er im eigenen Land mit Sorge einen gegenseitigen Abgrenzungsprozess. Einerseits wird das Multikulti-Narrativ seitens der Zuwanderer inzwischen ernst genommen und kulturelle Andersheit selbstbewusst und sichtbar demonstriert. Andererseits wird auf Migrationsbewegungen von immer mehr Einheimischen immer offener mit Fremdenfeindlichkeit reagiert.

Susanne Schröter erlebte 1983 in Sri Lanka den Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen der singhalesischen Mehrheit und der teilweise aus Indien stammenden tamilischen Minderheit. Sie war erschüttert über die vorbehaltlose Zustimmung ihrer singhalesischen Gastgeber zu den Massakern an Tamilen, erfuhr dann aber auch von tamilischen Racheaktionen, denen Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Zu einem Schlüsselproblem wurde für sie, wie man der transkulturellen Tendenz zur Überhöhung des Eigenen und Abwertung des Anderen entgegenwirken kann. Mamadou Diawara, aus Mali stammend, versteht sich als Brückenbauer zwischen Afrika und westlicher Welt, zwischen lokaler Tradition und globaler Moderne. In einer globalisierten Welt ist es gleichzeitig ökonomisch nötiger und praktisch schwieriger geworden, in jungen Jahren in die Ferne aufzubrechen, um sich dort zu bewähren und schließlich zur Verbesserung der Verhältnisse in der Herkunftswelt beizutragen.

Als einen Ort der erwünschten Begegnung mit Unbekannten, Fremden hat Kira Kosnick Ethnoclubs ausgemacht. Sie bilden seit einiger Zeit einen Bestandteil urbanen Nachtlebens in europäischen Großstädten. Gerade für junge Leute mit Migrationshintergrund können Clubszenen zur Probebühne für das Experimentieren mit kulturellen Normen werden. So kann beispielsweise eine junge türkische Frau zu ihrer Musik tanzen, ohne befürchten zu müssen, von Männern sexuell belästigt zu werden.

Der richtige Umgang mit Fremden und Fremdem, das zeigen die Gespräche, ist eine wahre Kunst und verlangt Menschen viel ab. Diese Kunst ist zugleich nötiger denn je auf einem immer enger werdenden Planeten, auf dem Menschen sich immer weniger aus dem Weg gehen können und Schmelztiegel-Gesellschaften zur dominierenden Realität werden. Nur wenn für Möglichkeiten zur Begegnung von Einheimischen und Migranten gesorgt ist, kann es zu Prozessen gegenseitigen  Kennenlernens und Lernens kommen statt zu gegenseitiger Abgrenzung und Dämonisierung.

Informationen: Dr. Rolf Wiggershaus, Tel. (06173) 6 77 31, E-Mail: wiggersh.r@t-online.de; Prof. Dr. Mamadou Diawara, Institut für Ethnologie, (069)798-33055, E-Mail: M.Diawara@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Hans Peter Hahn, Institut für Ethnologie, (069)798- 33072; E-Mail: hans.hahn@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, , Institut für Ethnologie, (069)798- 33053; E-Mail: k.kohl@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Susanne Schröter, Institut für Ethnologie, (069)798- 33063; E-Mail: S.Schroeter@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Kira Kosnick, Institut für Soziologie, Tel. (069)798- 36582, E-Mail: kosnick@em.uni-frankfurt.de

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.

Forschung

Dez 19 2016
12:18

Historiker Johannes Fried in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ über die Identität der Deutschen – Altphilologe Thomas Paulsen über Tacitus‘ Blick auf die antiken Germanen

„Der deutsche Ursprung liegt im Fremden“

FRANKFURT. Die Deutschen traten „sich selbst immer ein wenig fremd gegenüber“, schreibt der Mittelalter-Historiker Johannes Fried in seinem Buch „Die Anfänge der Deutschen“. Das viel beachtete Werk, das nach 20 Jahren in einer Neuausgabe vorliegt, lässt sich mittlerweile auch als Kommentar zur Diskussion um die angebliche Bedrohung „eigener“ Werte lesen. „Ich muss entschieden bestreiten, dass es diese überhaupt gibt!“, widerspricht Fried in der jüngsten Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2016). Es gebe viele Werte, die auch bei den Deutschen zu Hause seien. „Aber es gibt keine deutschen Werte.“ Als durchaus „wissbegierige Barbaren“, so der emeritierte Professor der Goethe-Universität in dem Interview mit dem Journalisten Bernd Frye, seien die Deutschen erst spät in ihr nationales Dasein „geschlittert“.

Das Wissenschaftsmagazin der Frankfurter Universität widmet sich aktuell dem Thema „Fremd und Eigen“ – aus naturwissenschaftlicher, medizinischer, soziologischer und auch historischer Perspektive. Wenn die heutigen Deutschen die Wurzeln ihrer nationalen Eigen- und auch Einheit bei den „alten Germanen“ suchen, seien sie jedoch, so Fried, auf der falschen Fährte. Ebenso falsch sei es, im Jahr 9 nach Christus die „Geburt der Deutschen“ zu sehen, wie Medien hierzulande anlässlich des 2000. Jahrestages der sogenannten Varusschlacht titelten. Im Germanien der Römerzeit gab es viele verschiedene Völkerschaften mit jeweils eigenem Identitätsbewusstsein und Selbstverständnis. „Sie sprachen zwar verwandte Sprachen, aber sind deswegen noch lange kein gemeinsames Volk gewesen.“

Ein weiteres „Jubiläum“ dieser Art hätte man ganz aktuell feiern können. Vor 2000 Jahren, im Jahr 16, verzichteten die Römer nach erneuten schweren Rückschlägen für immer auf die Eroberung Germaniens. Ist da etwa ein Jubiläum verschwitzt worden? „Nein, wir haben kein Jubiläum verschwitzt, sondern allenfalls ein trauriges Ereignis zu beklagen“, so Fried. Die Römer hätten die Region zwischen Rhein und Elbe seitdem „nicht mehr für ihre eigene Zivilisation fruchtbar werden lassen. Das ist für die künftige deutsche Geschichte von großer Bedeutung.“ Der kulturelle Einschnitt bezog nicht zuletzt auf die Sprache: „Die Hochzivilisation bedurfte des Lateins als der lingua franca dieser Welt.“

Die Sprache ist ein Dreh- und Angelpunkt der deutschen Ethnogenese – und das gilt auch für den Namen des werdenden Volkes. „Deutsch“ bedeutet in der althochdeutschen Version „theodisk“ zunächst soviel wie „zum Volk gehörig“ oder auch „in der Sprache des Volkes“. Schritt für Schritt zum Eigennamen für ein ganzes Volk wurde „deutsch“ und „die Deutschen“ seit den Italienfeldzügen, beginnend mit Otto dem Großen im 10. Jahrhundert. Um den fremden Völkerschaften, die über die Alpen nach Rom zogen, einen gemeinsamen Namen zu geben, griffen die Italiener das Wort „theodisk“ auf – und sind, von geringen sprachlichen Verschleifungen abgesehen, auch eintausend Jahre später dabei geblieben, „i tedeschi“.

Fried betont, dass sich die deutschen Völker erst als Heer in Italien als Deutsche begriffen hätten. Doch das war ein zeitlich und örtlich begrenztes Phänomen: „Sie verstehen sich nur in Italien als einheitliche Gruppe und bringen von dort diesen Einheitsnamen mit. Aber sobald sie zu Hause sind, bleiben sie die Bayern und die Franken und die Sachsen. Sie haben ihre eigene Heimat, ihre eigene politische Elite und vor allen Dingen ihr eigenes Recht.“ Die Eigenheiten der einzelnen Völker äußerten sich auch in ihren jeweils eigenen Sagen und Mythen, in denen sie sich übrigens alle als Einwanderer aus der Fremde sahen: „Die Franken hielten sich für Enkel der Trojaner, und die Schwaben kamen einst in großer Zahl übers Meer gefahren. Bei den Bayern gibt es verschiedene Abstammungssagen; sie kamen aus dem heutigen Armenien oder aus Sibirien.“

Ein gemeinsames Abstammungsnarrativ bietet dann die im 15. Jahrhundert wiederentdeckte Schrift „Germania“ des römischen Historikers Tacitus, die wahrscheinlich aus dem ersten Jahrhundert stammt. Eine Hauptthese besagt, dass die Germanen eine Art Urvolk sind und einen gemeinsamen Stammvater haben. „Jetzt gilt als gewiss: Germanisch ist deutsch, allenfalls eine ältere Variante desselben. Und das bedeutet dann natürlich einen Schub für Nationalisierungs-Phänomene“. Diese sollten, so Fried, noch lange Zeit anhalten.

Sein Buch „Die Anfänge der Deutschen“ erschien im September 2015 in einer überarbeiten Neuausgabe. Welche Pointierungen würde er vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsdebatte vornehmen? Fried betont, „dass die Deutschen nie ein einheitliches Volk waren, es erst im 19. Jahrhundert – wenn überhaupt – geworden sind.“ Und er fügt hinzu, „dass eigentlich alle Völker Einwanderer sind“. Dabei verweist Fried auf die Ergebnisse der Archäo- und Paläogenetik, bäuerliche Siedler seien vor einigen Tausend Jahren aus dem Orient ins heutige Deutschland gekommen: „Wir sind also alle Einwanderer – wenn Sie es so wollen – aus der Türkei, aus dem Irak, aus Syrien. Das würde ich vielleicht heute prononcierter im Schlusskapitel des Buches ansprechen.“

Informationen: Prof. em. Dr. Dr. h.c. Johannes Fried, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel. (069)798-32426, fried@em.uni-frankfurt.de

Wie der römische Historiker Tacitus die Germanen schuf

Auf nur 25 Seiten schuf Tacitus gegen Ende des 1. Jahrhunderts „Germania“ und damit auch das Volk der Germanen, das so gar nicht existierte. In der Antike lebten auf diesem Territorium völlig unabhängig voneinander vielerlei Stämme. Warum zeichnete Tacitus das positive Bild eines unverdorbenen, kampfeslustigen Naturvolks? Wollte er damit den dekadenten Römern einen Spiegel vorhalten? Wollte er vor dem starken Gegner im fremden Norden warnen, gegen den die Römer nicht wieder zu Felde ziehen sollten? Mit diesem Thema beschäftigt sich der Frankfurter Altphilologe Prof. Dr. Thomas Paulsen in seinem Beitrag in der der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“.

Tacitus‘ „Germania“ ist in zwei Hauptteile gegliedert, innerhalb deren es keine systematischen Gliederungselemente gibt: Im ersten handelt Tacitus Sitten, Gebräuche und Charakterzüge der Germanen ab, im zweiten geht er im Westen beginnend die wichtigen germanischen Stämme mit ihren besonderen Eigenarten durch. Dazu Paulsen: „Es wird jedoch schnell deutlich, dass der römische Historiker die Germanen als im Wesentlichen einheitliches Volk sah, das sie, was man nicht stark genug betonen kann, in der Antike nie waren und als welche sie sich selbst auch nie bezeichneten.“ Denn die verschiedenen Stämme wie Bataver, Cherusker, Chatten, Markomannen, Sueben lebten unabhängig voneinander, schlossen zum Teil kurzlebige Bündnisse, bekriegten einander, waren nicht alle romfeindlich gesonnen und verfügten über keinerlei einheitliche Organisation.

Tacitus betrachtet Germanien als ein unwirtliches, raues und trostloses Land,„teils Schauder erregend durch seine Wälder, teils widerlich durch seine Sümpfe« und dazu feucht und windig“. Da die Germanen wenig Kontakt zu anderen Völker gehabt hätten, seien sie sich, so Tacitus, äußerlich sehr ähnlich: Sie hätten grimmig blickende blaue Augen, rötliche Haare und große Körper, die hervorragend geeignet für Sturmangriffe, aber wenig ausdauernd seien, empfindlich gegenüber Durst und Hitze, hingegen stark im Ertragen von Hunger und Kälte.

Tacitus zollte den Germanen großen Respekt – für ihre Kampfesstärke, aber auch für ihre Lebensführung frei von Verlockungen des Luxus. „Sicher wollte er damit auch auf dierömische Dekadenz anspielen“, so Paulsen. Tacitus, der zum erweiterten Beraterkreis des Kaisers gehörte, könnte auch im Sinn gehabt haben, die römischen Eliten vor neuerlichen Auseinandersetzungen mit germanischen Stämmen zu warnen.

Informationen: Prof. Dr. Thomas Paulsen, Institut für Klassische Philologie, Campus Westend, Tel. (069) 798-32482, E-Mail:  thomas.paulsen@em.uni-frankfurt.de  

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2016) kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.