Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

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Dez 2 2013
14:24

Historikerin wirft einen anderen Blick auf das Europa der Frühen Neuzeit: „Nicht nur das vornationale Kleinkind des nationalen Erwachsenen des 19. Jahrhunderts“

VolkswagenStiftung ermöglicht Freiräume: Prof. Schorn-Schütte schreibt an ihrem „Opus magnum“

FRANKFURT. Die Frankfurter Historikerin Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte hat das bekommen, was Geisteswissenschaftler am dringendsten benötigen: ein freies Jahr zum Schreiben an ihrem „Opus magnum“. Eine besondere Auszeichnung der VolkswagenStiftung ermöglicht Schorn-Schütte diesen Freiraum: Die Stiftung finanziert im Rahmen ihres Förderprogramms „Opus magnum“ über ein Jahr ihre Vertretung in der Lehre an der Goethe-Universität. So profitiert nicht nur die Professorin, sondern auch der Nachwuchswissenschaftler Privatdozent Dr. Benjamin Steiner, der bereits seit Beginn des Wintersemesters am Historischen Seminar den Studierenden Themen der Frühen Neuzeit vermittelt.

„Die andere Frühe Neuzeit. Politische Kommunikation im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts“ ist Arbeitstitel für ihr großes Werk, darin klingt bereits Schorn-Schüttes Idee einer Neuinterpretation der Epoche an. Dazu die Wissenschaftlerin: „Ich sehe die Einheit der Epoche nicht lediglich in der Vorgeschichte der dann beherrschenden Nationalstaaten, wie es in der gängigen Forschung interpretiert wird. In dieser Epoche lassen sich vielmehr sehr eigenständige Grundzüge einer politischen Theorie und einer sozialen Praxis nachweisen.“ Ihr Anliegen ist es, zu zeigen, dass die Phase vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine europäische, nicht eine vornationale Epoche war. Die Historikerin lenkt ihren Blick auf das verbindend Europäische: „Erstens eine gemeinsame Religion, die sich zwar in der Reformation spaltet, deren Verzahnung mit Rechtstraditionen aber ein neues Potenzial der Rechtfertigung von Teilhaberechten umfasst; zweitens die gemeinsame ständische Verfassung, die eine nichtzentrierte Herrschaftsordnung war; und drittens die europäische Expansion, die den gemeinsamen Charakter des Exportes europäischer Waren ebenso begründete wie den der europäischen Ideen und damit auch antiker Traditionen.“

Ihr Ziel ist es, deutlich zu machen, dass die bisherige Sichtweise auf die Frühe Neuzeit von den späteren Nationalstaaten konstruiert wurde: „Fast alle europäischen Nationen projizieren ihre idealisierten Traditionen in diese ‚Vorgeschichte‘.“ Und sie nennt ein Beispiel: „Klassisch ist die Beschreibung Englands als das Mutterland des Parlamentarismus. Das Europa der Frühen Neuzeit aber war keineswegs nur das vornationale Kleinkind des nationalen Erwachsenen des 19. Jahrhunderts.“

In ihrem „Opus magnum“ wird Schorn-Schütte dies detailliert herausarbeiten. Zum Schreiben genießt sie die Ruhe in ihrer häuslichen Klausur. „Unterbrochen natürlich von Aufenthalten unter anderem an der Universität Padua, wo ich mit einigen Kollegen der politischen Philosophie schon lange sehr gut zusammenarbeite und von Reisen zur Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, dem Eldorado für die Forschungsarbeit zur Geschichte und Kultur der Frühen Neuzeit in Europa.“ Für die 64-jährige Historikerin ist dieses Forschungsjahr „eine wunderbare Gelegenheit, mich endlich wieder ganz meiner Wissenschaft zu widmen.“ Viele Jahre konnte Schorn-Schütte, die unter anderem 2004 bis 2010 Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft war, nur mit äußerster Disziplin wissenschaftlich arbeiten und vor allem schreiben. Ihr 2010 in der Beck-Reihe „Geschichte Europas“ erschienener Band „Konfessionskriege und europäische Expansion, Europa 1500-1648“ entstand überwiegend in den ganz frühen Morgenstunden. In das „Opus magnum“-Programm der Volkswagen-Stiftung passte das Profil von Luise Schorn-Schütte bestens: Denn Ziel der Initiative ist es, Professorinnen und Professoren aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, die sich durch herausragende Arbeiten ausgewiesen haben, einen Freiraum für die intensive Arbeit an einem wissenschaftlichen Werk zu eröffnen. 2015 soll das große Werk der Frankfurter Historiker beim Beck-Verlag erscheinen: „Dem Lektor habe ich schon die beiden ersten Kapitel vorgelegt, die beiden weiteren folgen bis Ende 2014“, ist sie zuversichtlich.

Zur Person
Luise Schorn-Schütte studierte Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaft an den Universitäten Göttingen, Marburg und Münster. 1975 legte sie in Marburg ihr Erstes Staatsexamen ab; 1981 wurde sie mit der Dissertation »Karl Lamprecht – Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik« an der Universität Münster promoviert; 1992 habilitierte sie sich an der Universität Gießen mit der Schrift »Evangelische Geistlichkeit der Frühneuzeit – deren Anteil an der Entfaltung frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft«. 1992/1993 war Schorn-Schütte Heisenbergstipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft; 1993 lehnte sie Rufe nach Oldenburg und Basel ab und folgte dem Ruf an die Universität Potsdam. Seit 1998 hat sie die Professur für Neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Goethe-Universität inne. Von 2004 bis 2010 war sie Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 2004 ist sie Sprecherin des ersten internationalen geisteswissenschaftlichen Graduiertenkollegs in Hessen (gefördert durch die DFG). Das Kolleg, das aus einer gemeinsamen Initiative von 15 Professoren der Universitäten Frankfurt, Trient (Italien), Innsbruck (Österreich) und Bologna (Italien) entstanden ist, beschäftigt sich mit der »Politischen Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert«. Seit 2007 gehört Schorn-Schütte zu den Hauptforschern des Exzellenzclusters »Herausbildung normativer Ordnungen«.

Informationen: Prof. Dr. Schorn-Schütte, Historisches Seminar, Campus Westend, zur Zeit nur sporadisch per Mail erreichbar: Schorn-Schuette@em.uni-frankfurt.de

Foto-Download: hier.

Veranstaltungen

Dez 2 2013
14:22

Internationale Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ vom 5. bis 7. Dezember 2013

Von „Shitstorms“ und anderen „Praktiken der Kritik“

FRANKFURT. Die internationale Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität beschäftigt sich in diesem Jahr mit Kritik in ihren verschiedenen gesellschaftlichen Ausprägungen: Unter welchen Bedingungen entsteht sie? Wie wird sie artikuliert? Welche Reaktionen sind zu beobachten? Der Titel der Tagung lautet „Praktiken der Kritik“ oder auch „Practices of Critique“, denn Teile der dreitägigen Veranstaltung finden auf Englisch statt.

Vom 5. bis zum 7. Dezember werden rund 100 Mitwirkende aus Europa und den USA erwartet. Das Programm umfasst 25 Panels. Hinzu kommen Beiträge von renommierten Forscherpersönlichkeiten. Die mittlerweile vierte internationale Nachwuchskonferenz des Frankfurter Exzellenzclusters ist gleichzeitig Vorbote und Auftakt einer Reihe, mit der der geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsverbund im Jubiläumsjahr 2014 der Goethe-Universität Einblicke in seine Arbeitsschwerpunkte geben wird.

„Praktiken der Kritik nach dem arabischen Frühling“, „Von Shitstorms und Empörungswellen – Gründe und Abgründe der Internetkritik“, „Krise und Kritik im Banken- und Finanzwesen“: So lauten Titel von Panels, die sich mit aktuellen Vorgängen und Geschehnissen befassen. Daneben stehen auch eher grundsätzliche Betrachtungen aus philosophischer, rechts- und politiktheoretischer Perspektive auf dem Programm.

Praktiken der Kritik, so die Grundthese der Konferenz, sind mit normativen Ordnungen und ihrer Herausbildung auf vielfältige Weise verbunden. Normative Ordnungen beziehen sich reflexiv auf kritische Auseinandersetzungen, die in ihnen stattfinden. Sie können Kritik dabei sowohl ermöglichen als auch unterdrücken. Auf der einen Seite kann sich Kritik auf die Rechtfertigungsgrundlagen normativer Ordnungen stützen. Auf der anderen Seite steht eine solche immanente Kritik in der Gefahr, selbst zur Reproduktion der kritisierten Zustände beizutragen.

Der kritischen Praxis sozialer Bewegungen und theoretischer Interventionen wird darüber hinaus oft entgegengehalten, dass es keine gleichsam „unschuldige“ Position gebe, von der aus ein kritischer Standpunkt formuliert werden könne. Es stellt sich entsprechend die Frage, in welcher Form und unter welchen historischen, politischen und sozialen Umständen Kritik überhaupt in Erscheinung treten kann.

Diesen und ähnlichen Fragen gehen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in insgesamt 85 Vorträgen und mehreren Diskussionsrunden nach. Eröffnet wird die Konferenz am Donnerstag (5.12.) von Prof. Klaus Günther, Co-Sprecher des Clusters. Die „Opening Lecture“ hält dann der Bremer Rechtswissenschaftler Prof. Andreas Fischer-Lescano zum Thema „Between Force and Violence. A Critique of Law in World Society”. Es folgen weitere prominente Vortragende und Impulsgeber, unter anderem in einer Podiumsdiskussion über das Verhältnis von „Academia and Critique“ zum Abschluss der Veranstaltung.

Auch die diesjährige internationale Nachwuchskonferenz wird in Eigenregie von Doktorandinnen und Doktoranden des Clusters organisiert. Aktueller Kooperationspartner ist die Hochschule für Gestaltung Offenbach. Mit der Konferenz startet eine Folge von Veranstaltungen, mit denen sich der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und seine Mitglieder am Jubiläumsprogramm „100 Jahre Goethe-Universität“ beteiligen. Zu den Programmpunkten gehört auch die Nachwuchskonferenz als erster Teil der Reihe „Traditionen und Perspektiven der Kritik“, veranstaltet von den Cluster-Mitgliedern Prof. Nicole Deitelhoff, Prof. Christopher Daase und Dr. Thorsten Thiel.

Hinzu kommen im Jubiläumsjahr 2014 Vorträge renommierter internationaler Wissenschaftler, in denen Themen beleuchtet werden, die für den Cluster grundlegend sind, sowie eine Ringvorlesung in Kooperation mit dem Fachbereich Rechtswissenschaft. Zu den Vortragenden zählen der Historiker Prof. Christopher Clark, die politische Philosophin Prof. Seyla Benhabib sowie die Rechtswissenschaftler Prof. Martti Koskenniemi, Prof. Joseph H.H. Weiler und Prof. Ingolf Pernice. Nähere Informationen folgen.

Die internationale Nachwuchskonferenz steht Interessierten offen. Eine vorherige Anmeldung wird erbeten unter: graduateconference@normativeorders.net

Programm: www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/nachwuchskonferenzen

Informationen: Jannik Pfister vom Organisationsteam der Nachwuchskonferenz, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Tel. 069/798-31450, jannik.pfister@normativeorders.net, www.normativeorders.net 

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Nov 29 2013
12:50

Die niederländische Autorin Connie Palmen liest in der Reihe „Niederländische Sprache und Kultur“ aus ihrem neuesten Werk

Vom Umgang mit dem Krebstod eines geliebten Menschen: „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“

FRANKFURT. In der Reihe „Niederländische Sprache und Kultur“ liest die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen am Mittwoch (4.12..) um 19 Uhr aus ihrem neuesten Werk „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“. Die zweisprachige Lesung findet im Casino, Raum 1.812, Campus Westend, statt.

Dieses „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ beschreibt, wie Connie Palmen sich im Jahr 2010 nach dem Krebstod ihres Ehemannes, dem bekannten und charismatischen niederländischen Politiker Hans van Mierlo, mühsam selber wieder ins Leben hineinschreibt. Diesen Prozess gegen das Vergessen will sie unmöglich einen Roman nennen, es ist auch kein Tagebuch; sie nennt es deshalb ein „Logbuch“, mit dessen Hilfe sie die eigene Position bei der vorsichtigen Rückkehr ins Leben bestimmen kann. Sie versucht, die Tiefe des Schmerzes zu ergründen. Dazu liest sie bei anderen Autoren nach, wie diese mit der Trauer und dem Schmerz umgingen, und fragt auch bei anderen Hinterbliebenen nach, wie es für sie sei, ohne den Verstorbenen auskommen zu müssen. Im „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ klopft Palmen sehr präzise Geschehnisse und Gespräche teils in Rückblicken, teils während des Trauerprozesses ab und tastet sich so an ihre Gefühle heran. Die Lektüre dieses in einer wunderbare Sprache geschriebenen Buches geht unter die Haut, sowohl denjenigen, die einen Verlust eines nahen Menschen verarbeiten müssen, als auch denen, die dieses Schicksal (noch) nicht getroffen hat.

Seitdem im Jahre 1995 ihr Debütroman „Die Gesetze“ („De wetten“) in deutscher Übersetzung beim Diogenes Verlag erschien, ist die Philologin und Philosophin Connie Palmen auch im deutschen Sprachraum eine feste literarische Größe. Insgesamt erschienen von ihr acht Titel bei diesem Verlag, der letzte im März 2013. Für die 1955 geborene Connie Palmen ist es bereits der zweite Versuch, um nach dem Tod eines Partners schreibend zu sich selbst zu finden. Ihr 1998 erschienener Roadmovie „I.M.“ (deutsch 2001) erzählte ihre stürmische Beziehung mit dem niederländischen Moderator und Publizisten Ischa Meijer und ihre Verzweiflung nach seinem plötzlichen Herzstillstand im Jahre 1995.

Informationen: Laurette Artois, Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, Lektorat Niederländisch, Campus Westend, Tel.: (069) 798 32851, artois@lingua.uni-frankfurt.de; http://www2.uni-frankfurt.de/42255016/Veranstaltungsreihe

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Nov 28 2013
15:09

Vortrag des Düsseldorfer Soziologen Oliver Marchart im Kolloquium „Politische Theorie“. Dienstag, 3.12, 18 Uhr, Campus Westend

Das unmögliche Objekt Gesellschaft

FRANKFURT. Im Kolloquium “Politische Theorie” an der Goethe-Universität hält Prof. Oliver Marchart, Professor für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf, einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel “Das unmögliche Objekt Gesellschaft. Zur Wiedererfindung von Gesellschaftstheorie als Theorie des Politischen”.

Es gibt schlechterdings kein Konzept, das unter Sozialwissenschaftler(inne)n umstrittener wäre als der eigene Grundbegriff. Gilt er den einen als unverzichtbar, so halten ihn die anderen für überflüssig oder gar schädlich. Entlang der Kämpfe um dieses so notwendige wie unmögliche Objekt „Gesellschaft“ präsentiert Oliver Marchart, dessen Monographie „Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben“ (Berlin: Suhrkamp, 2010) zu den meistdiskutierten Beiträgen zur politischen Philosophie und Sozialtheorie der letzten Jahre gehört, in seinem neuen, gerade erschienen Buch „Das unmögliche Objekt. Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft“ (Berlin: Suhrkamp, 2013) eine alternative Geschichte der Sozialwissenschaften von Durkheim bis in die Gegenwart. Darin wird erstmals eine systematische Zusammenschau der jüngsten poststrukturalistischen Sozialtheorien von Foucault über Latour bis Laclau geleistet; und vor diesem Hintergrund ergibt sich auch ein leidenschaftliches Plädoyer für die Neubelebung der Gesellschaftstheorie.

Einladung zum öffentlichen Vortrag:
Dienstag, 3.12.2013, 18 Uhr c.t.
Oliver Marchart: “Das unmögliche Objekt Gesellschaft.
Zur Wiedererfindung von Gesellschaftstheorie als Theorie des Politischen”
Forschungskolloquium "Politische Theorie"
Raum EG.01, Haus „Normative Ordnungen“
Goethe-Universität, Campus Westend, Hansaallee/Lübecker Straße

Weitere Informationen: Prof. Dr. Rainer Forst, Institut für Politikwissenschaft, Goethe-Universität, Tel. (069) 798-31541 (Sekretariat).

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Nov 28 2013
11:13

Prof. Peter Breunig hält Vortrag im Rahmen der Nok-Ausstellung in Frankfurter Liebieghaus Skulpturensammlung – Terrakotta-Figuren als Zeugnisse frühester Figuralkunst im subsaharischen Afrika

Den Künstlern auf der Spur – Archäologische Erforschung der Nok-Kultur Nigerias

FRANKFURT. Noch bis zum 23. Februar 2014 zeigt die Liebieghaus Skulpturensammlung die viel beachtete Ausstellung „Nok – Ein Ursprung afrikanischer Skulptur“. Forscher des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität zeigen dort die Ergebnisse ihrer langjähriger archäologischer Forschungen, die der früheisenzeitlichen Nok-Kultur in dem westafrikanischen Land Nigeria gewidmet sind.

Am Donnerstag (5. Dezember) berichtet Prof. Peter Breunig, der seit 20 Jahren mit seinem Team in Nigeria forscht, von den großen Fortschritten bei den Ausgrabungen der vergangenen Jahre, aber auch von den dafür notwendigen Methoden und speziellen Vorgehensweisen in der Archäologie. Sein öffentlicher Vortrag „Den Künstlern auf der Spur. Archäologische Erforschung der Nok-Kultur Nigerias“ findet um 19 Uhr im Rahmen der Reihe „Liebieghaus Positionen“ im Liebieghaus statt. Der Eintritt ist frei (Anmeldung erforderlich unter 069/650049-110; buchungen@liebieghaus.de)

Die Nok-Kultur ist nach einem kleinen Ort in Zentral-Nigeria benannt. In der Region wurden um die Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals Figuren von Menschen und Tieren aus gebranntem Ton (Terrakotten) zufällig beim Abbau von Zinn im Tagebau gefunden. Die kunstvollen, bis über einen Meter großen Skulpturen besitzen markante Kennzeichen. Dazu gehören dreieckige Augen mit eingestochener Iris, extravagante Haartrachten oder Kopfbedeckungen und eine reiche Ausstattung mit Schmuck (Halsketten, Arm- und Beinringe). In der Ausstellung der Liebieghaus stehen die Terrakotta-Figuren aus den Frankfurter Ausgrabungen im Mittelpunkt.

Zur wissenschaftlichen Bekanntheit als älteste Figuralkunst in Afrika südlich der Sahara verhalf den Funden der britische Archäologe Bernard Fagg. Er entdeckte auch, dass die Hersteller der Nok-Terrakotten das mithin früheste Eisen im subsaharischen Afrika produzierten. Ab den 1980er Jahren stagnierte die Erforschung der Nok-Kultur. Nok-Skulpturen tauchten auf dem internationalen Kunstmarkt auf. Sie stammten von Raubgrabungen, durch die Fundstellen systematisch zerstört wurden.

2005 starteten die Frankfurter zahlreichen Ausgrabungen, die das Wissen über die Nok-Kultur erheblich vermehrten. So konnte die Datierung präzisiert werden, wie Breunig berichtet: „Nach weit über 100 Radiokohlenstoff-Datierungen verkohlter pflanzlicher Reste aus Ausgrabungen dauerte die Nok-Kultur von etwa 1500 v. Chr. bis zur Zeitenwende. Die Terrakotten treten nicht von Anfang an auf, sondern erscheinen erst im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. Bis heute haben sie keine Parallelen im subsaharischen Afrika.“ Aus dem Fundzusammenhang schließen die Archäologen, dass zumindest ein Teil der Plastiken Bestandteil komplexer Ritualpraktiken waren, die am ehesten mit Ahnenkult in Verbindung zu bringen sind.

Die Frankfurter Forschungen sind nicht auf die Tonfiguren beschränkt, sondern untersuchen die Nok-Kultur von möglichst vielen Seiten und betrachten sie in einem großen Zusammenhang. Dieser besteht aus der Entwicklung von kleinen Gruppen aus Jägern und Sammlern zu großen Gemeinschaften mit zunehmend komplexen Formen menschlichen Zusammenlebens. Ein solcher Wandel ereignete sich in den letzten 10.000 Jahren fast überall auf der Erde. Die Nok-Kultur verkörpert eine der afrikanischen Varianten. Dazu Breunig: „Sie gehört zu den in Westafrika ersten Gemeinschaften mit bäuerlicher Wirtschaft, unterscheidet sich von allen anderen aber durch die rätselhafte Verwendung der zahllosen Terrakotten.“ Neben der Suche nach deren Zweck erforscht das Frankfurter Archäologen-Team die Siedlungs- und Wirtschaftsweise, die soziale Organisation sowie die Rolle, die das Aufkommen der Eisenmetallurgie als eine große technologische Umwälzung dabei spielte.

Die weit über 1000 Jahre existierende Nok-Kultur war in einem Gebiet der fast fünffachen Größe Hessens verbreitet. Abgesehen von den Terrakotten, zerbrochenen Keramikgefäßen, einigen Steingeräten und den seltenen Spuren der Produktion und Verwendung von Eisen hat sie sonst kaum Spuren im Boden hinterlassen. „Einer so fragmentarisch erhaltenen Kultur Gestalt zu verleihen, erfordert die ganze Palette archäologischer Methodik – und vor allem Zeit. Aus dem Grund fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Frankfurter Projekt als Langfrist-Vorhaben für eine Dauer von zwölf Jahren“, ergänzt der Frankfurter Archäologe (Titel des DFG-Projekts: The Nigerian Nok Culture: Development of complex societies in sub-Saharan Africa). Das Projekt findet in Kooperation mit der National Commission for Museums and Monuments, Abuja, Nigeria und den nigerianischen Universitäten in Jos und Zaria.

Die erste Hälfte der Zeit war der Chronologie der Nok-Kultur und der Struktur der Fundstellen gewidmet. Dazu wurde ein etwa 300 Quadratkilometer großes Kerngebiet exemplarisch untersucht. In den verbleibenden Jahren planen die Frankfurter Archäologen, ihre Ergebnisse mit dem, was sie in anderen Regionen des Verbreitungsgebietes der Nok-Kultur finden werden, zu vergleichen. Auf diese Weise entsteht ein Gesamtbild von der Nok-Kultur. „Die Ausstellung in der Liebieghaus Skulpturensammlung präsentiert somit keinen Abschluss der Forschungen, sondern eine allerdings jetzt schon profunde Zwischenbilanz“, so Breunig.

Informationen: Prof. Peter Breunig, Instituts für Archäologische Wissenschaften, Bereich Archäologie und Archäobotanik Afrikas, Campus Westend, Tel. (069) 798-32094, breunig@em.uni-frankfurt.de

Fotos zum Downloaden: www.liebieghaus.de/lh/index.php?StoryID=508

Informationen zur Austellung: www.liebieghaus.de/lh/index.php?StoryID=505