Forschung
Der Soziologe Sighard Neckel spricht in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ über den Gefühlshaushalt des Kapitalismus
FRANKFURT. Im christlichen Denken war Gier eine Todsünde. Der Liberalismus wollte sie durch die Bindung an wirtschaftliche Interessen in eine „ruhige Leidenschaft“ verwandeln. Heute ist Gier „Begleiterscheinung und Nebenprodukt eines Wettbewerbs, der davon regiert wird, die stets lauernde Chance auf den jeweils noch besseren Deal nicht zu verpassen“. So Sighard Neckel, Soziologieprofessor an der Goethe-Universität, in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 2/2012). Neckel gibt sich zugleich skeptisch, ob unter den Bedingungen des modernen Finanzmarktkapitalismus das „normative Versprechen des Liberalismus“ noch glaubhaft sei, wonach am privaten Vorteil der wirtschaftlich Begüterten auch die Allgemeinheit ihren nützlichen Anteil hat.
In dem Interview mit dem Titel „Gier: Eine Emotion kommt ins Gerede“ konstatiert der Soziologe, in der öffentlichen Diskussion werde häufig so getan, „als ob der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 und auch die heutigen Turbulenzen der Eurokrise ihre Erklärungen in der Gier der Menschen als einer schlechten Charaktereigenschaft finden würden“. Diese individuellen Zuschreibungen seien für ihn jedoch „eigentlich das, was mich an Gier am wenigsten interessiert“. In der von Neckel mit verfassten Studie „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ gab ein Investmentbanker zu Protokoll, dass in erster Linie die Gier der Anleger für die Finanzkrise verantwortlich gewesen sei. Alles in allem ergaben aber auch die „Berichte aus der Bankenwelt“, so der Untertitel der Untersuchung, ein differenziertes Bild. „Und das ist dann für mich der Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit Gier gewesen, wobei ich dabei zunächst einmal auf das zurückgegangen bin, wodurch Gier im engeren Sinne gekennzeichnet ist.“
Grundlegende Überlegungen hat Neckel auch in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Leviathan“ angestellt („Der Gefühlskapitalismus der Banken: Vom Ende der Gier als ‚ruhiger Leidenschaft’“). Gier wird in ganz unterschiedlichen Wissenschaften als „Erwartungslust“ beschrieben. Sie erfährt ihre Befriedigung gerade nicht durch den Genuss eines Objekts; die Lust der Gier liegt im Verlangen selbst. Laut Neckel habe sich auf den modernen Finanzmärkten auch jenseits individuellen Verhaltens eine ökonomische Handlungsstruktur entwickelt, „die genau jene Eigenschaften aufweist, die wir mit Gier verbinden: die Steigerung von Renditen um ihrer selbst willen, jenseits aller sachlichen Bindung, nur vom Ziel bestimmt, den Gewinn von heute Morgen durch höhere Gewinne am nächsten Tag zu überbieten“. In der Handlungsstruktur der heutigen Finanzmärkte kehre die Maßlosigkeit der Gier, die durch bestimmte wirtschaftliche Ziele gar nicht befriedigt werden könne, „gewissermaßen als Geschäftsmodell wieder“.
„Private vices, public benefits“. So lautet ein Lehrsatz des klassischen Liberalismus. Aus privaten Lastern sollen durch die unsichtbare Hand des Marktes öffentliche Vorteile entstehen, durch die Verwirklichung des ökonomischen Eigennutzes von Privatpersonen à la longue Wohlfahrtseffekte für die gesamte Gesellschaft. „Letztendlich ist dies auch eine wichtige Legitimationsgrundlage der heutigen Wirtschaftsordnung“, sagt Sighard Neckel. Denn wir seien durchaus bereit, eine Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu akzeptieren, wenn von diesen privaten Gewinnen auch andere Sozialgruppen und die Allgemeinheit profitierten. Dieses Modell einer sozial eingebundenen Marktwirtschaft stehe allerdings zur Disposition. Privater Reichtum wirke heute häufig zerstörerisch für die wirtschaftlichen Interessen der Allgemeinheit, wenn etwa Unternehmen aufgekauft, zerteilt und dann wieder veräußert würden, nur um aus solchen Transaktionen Renditen zu erzeugen. „Und vollends stellt sich das liberalistische Ethos auf den Kopf, wenn für die Risiken des privaten wirtschaftlichen Vorteilsstrebens die Allgemeinheit, d.h. die Steuerbürger die Bürgschaft übernehmen.“
Als Kehrseite der Gier, oder vielleicht auch Komplementär-Laster, wird häufig der Neid genannt. Doch kann man es als eine Neiddebatte bezeichnen, wenn in der Öffentlichkeit über die Begrenzung hoher Einkommen, Leistungsgerechtigkeit und die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte diskutiert wird? Wohl kaum, sagt Neckel. Was sich hier öffentlich als Kritik am Kapitalismus der Gegenwart vollziehe, sei obendrein auch nichts Revolutionäres. Vielmehr würden die Wirtschaftseliten auf jene Normen hin angesprochen, auf die sie sich zu ihrer eigenen Rechtfertigung beriefen. Sighard Neckel: „Die öffentlichen Debatten um die Regeln der Finanzmärkte und um die Verteilung des Reichtums stellen somit eigentlich nichts anderes dar als eine Auseinandersetzung um die normative Geschäftsordnung, die sich diese Gesellschaft selbst gegeben hat.“
Sighard Neckel wird seine Thesen zur strukturell bedingten Gier im Finanzmarktkapitalismus auch als Experte der Frankfurter Bürger-Universität im kommenden Wintersemester erläutern. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte?“ referiert und diskutiert er am 10. Dezember über das Thema „Falsche Anreize: Ruiniert Gier die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens?“.
Informationen: Prof. Sighard Neckel, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Campus Bockenheim, AfE-Turm, Tel.: (069) 798-23334, neckel@soz.uni-frankfurt.de, www.fb03.uni-frankfurt.de/soziologie/sneckel
Die aktuelle Ausgabe „Forschung Frankfurt“ beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema „Geld“.
„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de
Im Internet: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe
Veranstaltungen
„Füreinander Sorge tragen“: Tagung zur CARE-Arbeit vom 19.-21. Oktober, Goethe-Universität und Martin-Niemöller-Haus Schmitten/Ts.
FRANKFURT. Menschen tragen seit jeher und an jedem Ort füreinander Sorge. Zunehmend jedoch beobachten wir heute globale Verschiebungen menschlicher Care-Arbeit nicht nur entlang von Geschlechter-, sondern auch von Armutsgrenzen. Dieses weltweite Phänomen bedarf besonderer Betrachtung. Für die drei Religionen, die in der Sarah-Hagar-Tradition stehen, ist ein sorgsamer Umgang miteinander Teil ihres religiös begründeten Ethos. Anhand des Care-Begriffs soll die Wechselwirkung von Gesellschaft und Religionen diskutiert werden. Welchen Einfluss haben Religionen auf die Vorstellungen des Fürsorgens? (Wie) kann die Zuordnung des Sorge-Tragens zu einem bipolaren und eindimensionalen Rollenbild aufgebrochen werden? Kann dies nur in einer säkularisierten Welt geschehen oder bedarf es dazu eines verstärkten Umdenkens in den Religionen und in der Theologie?
Die Veranstaltung ist eine Kooperationstagung der Evangelischen Akademie in Hessen und Nassau e.V., des Cornelia Goethe Centrum, der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Initiative Sarah und Hagar.
Anmeldung
Anmeldungen werden noch entgegen genommen. Die Veranstaltungstage sind auch einzeln buchbar. blumer@evangelische-akademie.de , Tel. 06084 – 95 98 122
Weitere Informationen
www.evangelische-akademie.de; www.cgc.uni-frankfurt.de/
Forschung
Aktuelle Studie eines Frankfurter Soziologen untersucht Unterrepräsentierung von Frauen in Managementpositionen
FRANKFURT. Der Aufstieg von Hochschulabsolventinnen in erste Managementpositionen scheitert nicht an betrieblicher Diskriminierung, sondern an der geschlechtsspezifischen Wahl von Studienfächern und den Folgen von Mutterschaft. Dies zeigt eine jüngst im angesehenen Fachblatt Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlichte Studie. Darin wurden die Erwerbs- und Lebensverläufe in den ersten zehn Jahren nach dem Examen von 4246 Absolventinnen und Absolventen ausgewertet, die im HIS-Absolventenpanel aufwändig und deutschlandweit durch die HIS GmbH erhoben wurden. Die neuen Zahlen kratzen an der weit verbreiteten Vorstellung von einer „gläsernen Decke in den Betrieben“, der zufolge Frauen mindestens gleich gut wie Männer ausgebildet seien und erst durch betriebliche Diskriminierung an einer Karriere gehindert würden. In der ersten Karrierephase, die in der Studie untersucht wurde, ist dies nicht der Fall.
Zehn Jahre nach dem Examen erreichen 42 % der Männer eine erste Position mit Leitungsfunktion, hingegen lediglich 23 % der Frauen. Zu knapp einem Drittel kann dieses deutliche Gefälle durch die Tatsache erklärt werden, dass Frauen und Männer unterschiedliche Fächer studieren. Während Männer sehr stark in den karriereträchtigen Ingenieurswissenschaften vertreten sind, studieren Frauen weit überproportional Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie Lehramtsstudiengänge, die nur vergleichsweise geringe Karrierechancen eröffnen.
Die darüber hinaus bestehende Geschlechterungleichheit beim Erreichen erster Managementpositionen kann nahezu vollständig durch die unterschiedlichen Folgen einer Familiengründung erklärt werden. Während Elternschaft bei Frauen die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach dem Examen eine erste Managementposition inne zu haben fast halbiert, sind Kinder für Väter typischerweise nicht mit einem Karriereknick verbunden. Kinderlose Frauen hingegen erfahren keinen Nachteil aufgrund ihres Geschlechts, wie die Studie zeigt.
Fabian Ochsenfeld, der Autor der Studie, stellt diesen Befund in den Zusammenhang zur Familienpolitik. Diese war in Westdeutschland lange Zeit konservativ geprägt und verfolgte das ausdrückliche Ziel, Frauen nach der Geburt eines Kindes möglichst lange aus dem Arbeitsmarkt fern zu halten. Anreize für eine traditionelle partnerschaftliche Aufgabenteilung in Karriere hier und Familie dort bestehen bis heute fort, etwa in Form des Ehegattensplittings oder der Familienversicherung. Infolge dieser Tradition bestehen bis heute erhebliche Ost-West-Unterschiede bei der Verfügbarkeit öffentlicher Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder und bei Ganztagsplätzen. Während 2010 in den alten Ländern nur jedes vierte Kind zwischen drei und sechs Jahren mindestens 7 Stunden öffentlich betreut wurde, waren es in Ostdeutschland zwei von drei.
Ochsenfelds Studie zeigt, dass Familie und Karriere für Frauen in Ostdeutschland entsprechend besser miteinander vereinbar sind. So arbeiten Hochschulabsolventinnen mit Kind in Ostdeutschland knapp 4 Stunden pro Woche mehr als westdeutsche Akademikerinnen mit Kind. Die Zahlen zeigen ferner, dass die bessere Vereinbarkeit tatsächlich mit besseren Karrierechancen für Frauen einher gehen. So fällt der Karriereknick infolge von Mutterschaft in Ostdeutschland weniger gravierend aus als in Westdeutschland.
Publikation:
Ochsenfeld, Fabian: Gläserne Decke oder goldener Käfig: Scheitert der Aufstieg von Frauen in erste Managementpositionen an betrieblicher Diskriminierung oder an familiären Pflichten? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 64 (2012): 507-534.
Informationen:
Fabian Ochsenfeld, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Goethe Universität Frankfurt, Tel.: 069/79822523, E-Mail: ochsenfeld@soz.uni-frankfurt.de
Personalia/Preise
Unternehmer wird für langjähriges Engagement ausgezeichnet
Dr. Jochen Hückmann, Vorsitzender des Gesellschafterrates der Merz GmbH & Co KGaA, wurde heute im Rahmen einer Feierstunde die Ehrenbürgerwürde der Goethe-Universität verliehen. Der Unternehmer engagiert sich schon seit vielen Jahren auf vielfältige Weise für Forschung an der Goethe-Universität. So rief Hückmann im Jahre 1985 anlässlich des 100. Geburtstages des Firmengründers Friedrich Merz die Merz-Stiftungsprofessur ins Leben. Mit dieser Professur wird jedes Jahr ein angesehener und verdienter Wissenschaftler aus den Bereichen Medizin oder Pharmazie zu einem Gastaufenthalt an die Goethe-Universität eingeladen.
Darüber hinaus hat der promovierte Ökonom anlässlich des 100jährigen Firmenjubiläums im Jahre 2008 zwei Doktorandenstipendien ausgelobt. Außerdem engagiert sich Hückmann ehrenamtlich in wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen. Er ist sowohl im Kuratorium der Vereinigung von Freunden und Fördern der Goethe-Universität als auch im Stiftungskuratorium der Goethe-Universität vertreten.
„Wir freuen uns, Herrn Dr. Hückmann in Anerkennung seines herausragenden Engagements für die Universität heute die Würde eines Ehrenbürgers verleihen zu dürfen. Damit zeichnen wir eine außergewöhnliche Persönlichkeit aus, die nicht nur in der Goethe-Universität eine hohe Wertschätzung genießt“, sagte Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl in seinem Grußwort.
Weitere Informationen
Caroline Mattingley-Scott, Stabsstelle Fundraising, Tel: (069) 798-22471, mattingley-scott@pvw.uni-frankfurt.de
Veranstaltungen
Hundert Jahre Stiftungsvertrag für die Frankfurter Universität. Veranstaltung des KKF und der Goethe-Universität am 27. September
Wann: Donnerstag, 27. September 2012, um 18:00 Uhr
Wo: Eisenhower-Saal im Poelzig-Bau der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt am Main
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 28. September 1912 wurde in Frankfurt der Stiftungsvertrag zur Gründung der Universität unterzeichnet. Vertragspartner waren die Stadt Frankfurt und mehrere alteingesessene und neu gegründete Stiftungen wie die Senckenberg-Stiftung oder die Georg und Franziska Speyer’sche Studienstiftung. Damit war die wichtigste Etappe in der langen, von Oberbürgermeister Adickes zielstrebig verfolgten Gründung der Frankfurter Universität erreicht. Zwei Jahre später im Oktober 1914, wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konnte die Universität eröffnet werden. 2014 wird diese zu großem Renommee gelangte Institution, die seit 2008 wieder Stiftungsuniversität ist, ihren 100. Geburtstag mit prominenten Veranstaltungen begehen.
Die hundertjährige Wiederkehr der Unterzeichnung des Stiftungsvertrags ist bereits im Herbst 2012 ein wichtiger Anlass, die Gründungsgeschichte der Goethe-Universität durch führende Fachhistoriker vorab einmal in den Blick zu nehmen:
- Grußworte des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Werner Müller-Esterl und des Vorsitzenden des KKF Jörg Reinwein
- Referentin Dr. Benigna von Krusenstjern, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des, inzwischen umgewidmeten, Max-Planck-Instituts für Geschichte: Der unbekannte Beteiligte an der Universitätsgründung. Wer war der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz?
- Referent Prof. Dr. Notker Hammerstein: Die Frankfurter Universität – eine Besonderheit?
Das Kuratorium Kulturelles Frankfurt und die Goethe-Universität laden Sie zu dieser Vortragsveranstaltung ganz herzlich ein und bitten um Ihre Anmeldung beim Kuratorium.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Claudia Müller-Proskar, Kuratorium Kulturelles Frankfurt(Polytechnische Gesellschaft), Untermainanlage 5 60329 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 789 889-80, Fax: 069 - 789 889-980, kkf@polytechnische.de, www.kulturellesfrankfurt.de
Dr. Olaf Kaltenborn, Goethe-Universität Frankfurt, Leiter Marketing und Kommunikation, am Main, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 798 23935, Fax: 069 - 798 28530 presse@pvw.uni-frankfurt.de, www.uni-frankfurt.de