Archiv Pressemitteilungen | 2012 bis 2017

Forschung

Mai 29 2017
12:33

DFG bewilligt Sonderforschungsbereich in Kooperation mit den Universitäten in Darmstadt und Bielefeld zu Materie unter extremen Bedingungen / Medizin-SFB verlängert

Heißer als hunderttausend Sonnen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat einen neuen Transregio-Sonderforschungsbereich (SFB-TR) bewilligt, in dem Physiker der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Bielefeld und der Technischen Universität Darmstadt gemeinsam „stark-wechselwirkende Materie unter extremen Bedingungen“ erforschen wollen. Dafür hatten die Forscher für die nächsten vier Jahre rund 8 Millionen Euro beantragt. Sprecher des neuen Forschungsverbunds, der in der Kooperation mit der TU Darmstadt auch die Ende 2015 ins Leben gerufene Strategische Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) stärkt, ist der Frankfurter Physiker Prof. Dirk Rischke.

Mit „extremen Bedingungen“ sind hohe Temperaturen und Dichten gemeint, wie sie z.B. in der ersten Millionstel Sekunde nach dem Urknall vorlagen: Einige Billionen Grad Celsius (das ist hunderttausendmal heißer als das Innere unserer Sonne) sowie das Mehrfache der in Atomkernen erreichten Dichte (mehrere 100 Millionen Tonnen pro Kubikzentimeter). Unter diesen Bedingungen ist Materie von der so genannten starken Wechselwirkung dominiert. Das ist eine der vier Grundkräfte der Physik. Sie ist u.a. für den Aufbau der Atomkerne aus Protonen und Neutronen und für deren innere Struktur aus Quarks und Gluonen verantwortlich.

Unter extremen Bedingungen bildet stark-wechselwirkende Materie neuartige Zustandsformen aus, vergleichbar mit den verschiedenen Aggregatzuständen des Wassers als Eis, Flüssigkeit und Gas. Während dies an großen Teilchenbeschleunigern wie dem LHC am CERN in Genf und in Zukunft an FAIR in Darmstadt experimentell untersucht wird, will der neue SFB-TR die Thematik von theoretischer Seite her beleuchten.

In 14 Teilprojekten sollen hier die fundamentalen Eigenschaften stark-wechselwirkender Materie untersucht und auf die Physik im frühen Universum und in Schwerionen-Experimenten angewendet werden. Erklärtes Ziel ist es dabei, möglichst direkt von der fundamentalen Theorie der starken Wechselwirkung, der Quantenchromodynamik (QCD), auszugehen. Diese Theorie, für deren Erforschung es schon mehrere Nobel-Preise gab, ist seit über 40 Jahren bekannt. Dennoch hat es sich vielfach als schwierig erwiesen, im Rahmen der QCD konkrete Vorhersagen zu machen. Insbesondere die Eigenschaften makroskopischer Ansammlungen stark-wechselwirkender Teilchen bei hohen Temperaturen und Dichten konnten noch nicht zufriedenstellend aus der QCD abgeleitet werden.

Einzigartig am neuen SFB-TR ist die Kombination von analytisch basierten Methoden mit aufwändigen numerischen Simulationen auf Höchstleistungs-Supercomputern („Gitter-QCD“). „Dies geschieht in enger Zusammenarbeit, so dass wir die Stärken der jeweiligen Zugänge und die unterschiedlichen Expertisen an den drei Standorten optimal ausnutzen“, betont der Sprecher des SFB-TR, Prof. Dirk Rischke von der Goethe-Universität Frankfurt. Prof. Jochen Wambach von der TU Darmstadt, zusammen mit Prof. Frithjof Karsch von der Universität Bielefeld Rischkes Stellvertreter, ergänzt: „Viele von uns kennen sich schon lange und haben auch früher erfolgreich zusammengearbeitet. Der Transregio stellt diese Kooperation aber auf eine völlig neue Stufe.“

Die gleichberechtigte Zusammenarbeit der drei Partneruniversitäten wird dadurch unterstrichen, dass bereits jetzt vereinbart wurde, die Sprecherschaft des SFB-TR nach jeder Förderperiode bei erfolgreicher Verlängerung rotieren zu lassen. „Die komplexen theoretischen Fragestellungen sowie die derzeit stattfindenden und bereits geplanten Experimente in diesem auch international äußerst aktiven Forschungsgebiet werden in dem kommenden Jahrzehnt Anregungen für vielfältige Forschungsprojekte geben“, sagt Karsch. „Wir sind daher davon überzeugt, die maximale Laufzeit eines SFBs von zwölf Jahren mit interessanten Projekten ausfüllen zu können“, sind sich Rischke, Karsch und Wambach einig.

SFB in der Medizin verlängert

Verlängert wurde ein Sonderforschungsbereich aus der Medizin. Im SFB 1039 „Krankheitsrelevante Signaltransduktion durch Fettsäurederivate und Sphingolipide“ untersuchen die Forscher, welche Bedeutung Lipide (Fettmoleküle) als Signalmoleküle haben und wie sie an Krankheitsprozessen beteiligt sind. Somit kann die Kooperation der Goethe-Universität mit dem Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim in den kommenden vier Jahren fortgesetzt werden.

Zahlreiche Befunde der letzten Jahre weisen darauf hin, dass Störungen des Fettstoffwechsels an der Entstehung und dem Fortschreiten von Erkrankungen wie Arteriosklerose, Diabetes, Krebs, Entzündungen, Schmerz und neurodegenerativen Erkrankungen beteiligt sind. Sie bieten sich deshalb als pharmakologische Zielstrukturen an.

In der ersten Förderperiode konzentrierten sich die Forscher darauf, Synthese- und Abbauwege von Molekülen zu untersuchen, die in den gesunden sowie den gestörten Fettstoffwechsel eingreifen. Diese sogenannten Lipidmediatoren sollen nun in der zweiten Förderperiode in Bezug auf bestimmte Erkrankungen wie akute und chronische Entzündungen, Schmerz oder der Tumorentwicklung untersucht werden. „Wir wollen die Forschung in Richtung der funktionellen Konsequenzen sowie der diagnostischen und therapeutischen Umsetzung, experimentell wie klinisch, vorantreiben“, so Prof. Josef Pfeilschifter, Sprecher des SFBs.

Ein Bild zum Download finden Sie unter: www.uni-frankfurt.de/66712830

Bildtext: Am neuen SFB-TR beteiligte Wissenschaftler aus Bielefeld, Darmstadt und Frankfurt. In der ersten Reihe: Sprecher Prof. Dirk Rischke, Goethe-Universität (Mitte) und die stellvertretenden Sprecher Prof. Jochen Wambach, TU Darmstadt (zweiter von rechts) und Prof. Frithjof. Karsch, Universität Bielefeld (zweiter von links). Foto: Hauke Sandmeyer (Universität Bielefeld)

Informationen: Prof. Dr. Dirk Rischke, Institut für Theoretische Physik, Fachbereich 13, Campus Riedberg, Tel.: (069)-798 47862, drischke@th.physik.uni-frankfurt.de.

Prof. Josef Pfeilschifter, Tanja Giesbrecht (Sekretariat), Institut für Allgemeine Pharmakologie und Toxikologie, Fachbereich 16, Campus Niederrad, Tel.: (069) 6301 6991, giesbrecht@em.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Mai 29 2017
12:27

Vortrag mit Klangbeispielen von Prof. Marion Saxer am 1. Juni im Museum Giersch

Gibt es abstrakte Musik? Die kompositorischen Neuentwicklungen der musikalischen Avantgarden der 1950er Jahre

FRANKFURT. Die Musik gilt gemeinhin als die abstrakteste aller Künste. Bei näherer Betrachtung ist diese Überzeugung jedoch nicht haltbar. In einigen der kompositorischen Neuentwicklungen der 1950er Jahre in Europa und Amerika scheinen die abstrakten Qualitäten von Musik besonders erkennbar zu werden. In ihrem Vortrag stellt Marion Saxer, Professorin für Historische Musikwissenschaft, Schwerpunkt Zeitgenössische Musik und Klangkunst an der Goethe-Universität Frankfurt,

am Donnerstag, 1. Juni 2017,
um 19 Uhr
im Museum Giersch der Goethe-Universität,
Schaumainkai 83, 60596 Frankfurt am Main 

an konkreten Werkbeispielen kompositorische Konzepte der Zeit vor – von Komponisten wie Pierre Boulez, John Cage und Morton Feldman u.a. – anhand derer die Frage, ob es abstrakte Musik überhaupt geben kann, erörtert wird.

Der Vortrag ist Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren“ (noch bis 9. Juli 2017) im Museum Giersch der Goethe-Universität. Mit 74 Arbeiten von 20 Künstlern und Künstlerinnen möchte die Ausstellung einen neuen Blick auf die Abstraktion jener Zeit werfen, die für Freiheit stand und dem Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik entsprach. Nach der Diktatur des Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und der Isolation gelang mit ihr der Anschluss an die westliche Avantgarde.

Marion Saxer hat Schulmusik, Politikwissenschaft, Philosophie und Pädagogik in Mainz sowie Musikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert. Ihr zweites Staatsexamen legte sie in Frankfurt am Main ab. Nach ihrer Promotion an der TU Berlin habilitierte sie sich 2006 im Fach Historische Musikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2013 lehrt Saxer dort als Professorin für Historische Musikwissenschaft, Schwerpunkt Zeitgenössische Musik und Klangkunst. Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählen Musik und Klangkunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Musik und Medien im 20. Jahrhundert sowie  Expressionismus in Musik und anderen Künsten.

Karten für 4 Euro gibt es an der Abendkasse. Ohne Anmeldung.

Ein Bild zum Download finden Sie unter: www.uni-frankfurt.de/66721323

Veranstaltungen

Mai 23 2017
17:33

Internationale Tagung des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften – Auch interessierte Bürger können teilnehmen

„Der Sechstagekrieg und das Israelbild der deutschen Linken“

FRANKFURT. Der militärische Erfolg Israels im Sechstagekrieg 1967 habe einen negativen Wandel in der Einstellung gegenüber Israel bewirkt, denn – so der renommierte Münchner Professor für jüdische Geschichte und Kultur, Michael Brenner: „Die Juden waren nicht mehr Opfer, sondern wurden plötzlich zu Tätern.“ Reicht das als Erklärung aus? Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt der internationalen Tagung „Israel, die PLO und die deutsche Linke 1967–2017, oder: wie der Sechstagekrieg Wahrnehmungen veränderte“. Zu dieser öffentlichen Veranstaltung lädt das Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften ein

am 25. (Donnerstag) und 26. Mai (Freitag) ins Seminarhaus, Raum: SH 5.101, Campus Westend.

Als Referenten nehmen u. a. teil: der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, der Soziologe Stefan Müller-Doohm von der Universität Oldenburg, die Bielefelder Zeithistorikerin Ingrid Gilcher-Holtey sowie der Historiker Jeffrey Herf von der University Maryland (Washington). Auch die interessierte Öffentlichkeit ist zu dieser Tagung herzlich eingeladen.

Zum historischen Hintergrund:
Vor fast 50 Jahren, am 2. Juni 1967, wurde in Berlin der Student Benno Ohnesorg während einer Anti-Schah-Demonstration von einem Polizisten erschossen. Sein Tod mobilisierte und radikalisierte die studentische Protestbewegung, die sich seit Mitte der 1960er Jahre formierte. Drei Tage später, am 5. Juni 1967, begann der Sechstagekrieg, den Israel gegen Ägypten, Jordanien und Syrien führte. Nach sechs Tagen hatte Israel Jerusalem eingenommen und weitere große Geländegewinne erzielt, so dass die Gegner einem Waffenstillstand zustimmten. Der Krieg gilt als Wendepunkt in der Perzeption Israels durch Teile der westdeutschen Linken.

Hatten sich bereits 1967 erste „Palästina-Komitees“ gebildet, solidarisierte sich 1969 auch der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) mit dem arabischen Kampf gegen Israel. Dies führte dazu, dass sich führende Intellektuelle wie Theodor W. Adorno von der Protestbewegung abwandten und ihr nun antisemitisches, faschistisches Denken vorwarfen. Gleichwohl wurde Israelkritik zu einem wichtigen Argument in linken Diskursmilieus. Die 1970 gegründete Terrorgruppe RAF rief zur Solidarität mit dem „Befreiungskampf des Palästinensischen Volkes“ auf.

Informationen: Dr. Steffen Bruendel, Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften, Tel. (069) 798, 32344, Mail: fzhg@em.uni-frankfurt.de, das Programm im Detail unter www.fzhg.org/aktuelles/termine/, Anmeldung bitte unter: fzhg@em.uni-frankfurt.de

Personalia/Preise

Mai 23 2017
09:37

Die Goethe-Universität ehrt herausragende Ökonomin und Alterssicherungsexpertin

Ehrenpromotion für Olivia S. Mitchell

FRANKFURT. Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt verleiht am Mittwoch die Ehrendoktorwürde an Prof. Olivia S. Mitchell. Die herausragende Wissenschaftlerin der Wharton School der Universität von Pennsylvania ist weithin anerkannt für ihre Leistungen und Expertise auf den Gebieten der Alterssicherung, Versicherung und der Finanzbildung. „Olivia Mitchell ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Alterssicherungs- und Pensionsforschung“, begründet der Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften Prof. Raimond Maurer die Auszeichnung. „Darüber hinaus möchten wir ihr vorbildliches Engagement im Rahmen des Austauschs von Wissenschaftlern zwischen der Goethe-Universität und der Universität von Pennsylvania würdigen.“ Das Gastwissenschaftlerprogramm zwischen beiden Häusern wird seit 1992 vom Bankhaus Metzler gefördert.

Die Ehrendoktorwürde wird im Rahmen einer akademischen Feier verliehen, zu der Medienvertreter herzlich eingeladen sind.

Wann? 24. Mai 2017, 16:00 Uhr
Wo? Campus Westend, Casino-Gebäude, Renate-von-Metzler-Saal.

Olivia S. Mitchell ist „International Foundation of Employee Benefit Plans“-Professorin, Professorin für Business Economics und Public Policy sowie Professorin für Insurance und Risk Management an der Wharton School der Universität von Pennsylvania.Sie ist zudem Direktorin des Pension Research Council und des Boettner Center on Pensions and Retirement Research. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen öffentliche und private Pensionssysteme, Versicherung und Risikomanagement, Finanzbildung und öffentliche Finanzen. So beschäftigt sie sich zum Beispiel mit der Frage, wie sich Langlebigkeitsrisiken und Finanzkrisen auf die Vermögen von privaten Haushalten und deren Arbeitsverhalten im Zeitablauf auswirken.

Mitchell ist Research Associate am National Bureau of Economic Research (NBER), Co-Forschungsleiterin der Health & Retirement Study und Mitglied des Executive Board des Retirement Research Center an der Universität von Michigan. Sie hat mehr als 200 Bücher und Forschungspapiere veröffentlicht, die in den renommiertesten wirtschafts­wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen sind. Darüber hinaus hat sie zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, unter anderen den Fidelity Pyramid Prize; den Carolyn Shaw Bell Award des Committee on the Status of Women in the Economics Profession und den Roger F. Murray First Prize. 2015 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum als eine der „Top 10 Women Economist” weltweit geführt und 2011 führte sie das Investment Advisor-Magazine unter den „25 Most Influential People“ und den „50 Top Women in Wealth“.

Informationen: Barbara Kleiner, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Tel.: (069) 798-34617, kleiner@wiwi.uni-frankfurt.de.

Personalia/Preise

Mai 19 2017
13:32

Künftige Mediziner bieten Hilfe für Menschen ohne Versicherung

Hochschulpreis für Studentische Poliklinik

FRANKFURT. Die Studentische Poliklinik der Goethe-Universität hat den Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre erhalten. Der mit 60.000 Euro dotierte Preis ist gestern Abend im Museum Wiesbaden durch Wissenschaftsminister Boris Rhein überreicht worden. Stellvertretend für die Studierenden nahmen Arda Manap und Sophia Corell zusammen mit Dr. Lukas Seifert Dr. Petra Tiarks-Jungk, Prof. Ferdinand Gerlach und Prof. Robert Sader als Gründungsinitiatoren, die Auszeichnung in Empfang.

Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein gratulierte den Preisträgerinnen und Preisträgern und den nominierten Projekten herzlich zu ihrem Erfolg: „Ihre Lehrkonzepte sind praxisnah und zukunftsweisend. Sie ermöglichen Studierenden neue Blickwinkel auf Probleme und regen dazu an, sich auf vielfältige Weise sowohl dem theoretischen Lernstoff als auch Fragestellungen der Praxis zu nähern.“ Mit der Vergabe des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre habe die Hessische Landesregierung bundesweit eine Vorreiterrolle übernommen. Die Auszeichnung stelle die herausragende Bedeutung der Lehre für die Ausbildung des akademischen Nachwuchses heraus. „Außerdem schafft sie einen Anreiz, sich in der Hochschullehre zu engagieren“, so Rhein abschließend.

Die für Lehre zuständige Vizepräsidentin der Goethe-Universität, Prof. Tanja Brühl, bezeichnete das preisgekrönte Projekt als „beispielhaft“: „Ich beglückwünsche die statusübergreifende Studiengruppe, die aus Studierenden, Ärztinnen und Ärzten und Professoren besteht, sehr herzlich zum Hessischen Hochschulpreis und danke für ihr enormes Engagement. Die Studentische Poliklinik Frankfurt ist ‚Bürgeruniversität‘ im eigentlichen Sinne. Studierende leisten durch die ehrenamtliche hausärztliche Sprechstunde einen Beitrag zur medizinischen Basisversorgung in Frankfurt“, so Brühl.

Seit Juni 2014 bieten Studierende der Medizin an der Goethe-Universität in Räumlichkeiten des Gesundheitsamtes eine Sprechstunde für Menschen ohne Versicherung an. Das Angebot wird von den Studierenden selbständig organisiert, die eigentliche Sprechstunde mit Anamnese und Diagnose ist jedoch lehrärztlich betreut. Auf diese Weise profitieren beide Seiten: Die Patienten kommen in den Genuss einer kostenlosen, aber hochwertigen medizinischen Basisversorgung, die Studierenden erlangen Praxiswissen und lernen eine Patientengruppe kennen mit einem für sie meist ungewohnten kulturellen oder sozialen Hintergrund.

„Unser Vorbild waren die ‚Student Run Free Clinics‘ in den USA“, erinnert sich Lukas Seifert an die Anfänge. Er war am Beginn seines klinischen Studiums im fünften Semester, als Studiendekan Prof. Robert Sader die Idee einer Bürgersprechstunde durch Studierende ins Gespräch brachte, für die er bereits seit 2007 politische Vorarbeit betrieb. 2010 war es dann soweit, da schlug er gemeinsam mit zwei Kommilitonen, die wie er der Fachschaft Medizin angehörten, vor, die Sprechstunde als studentisch organisiertes Projekt zu konzipieren. Man reiste in die USA, wo inzwischen 90 Prozent der medizinischen Fakultäten über eine „Student Run Free Clinic“ verfügen, wofür dort eine große Notwendigkeit bestand, da viele Menschen nicht versichert waren. Die Frankfurter Studierenden sahen sich mehrere Projekte in den USA an, führten Interviews – und zogen sich das Beste daraus für das eigene Projekt, das bald als Wahlpflichtfach etabliert und damit in die kurrikulare Lehre implementiert wurde.

Dabei habe man auf einen professionellen Aufbau viel Wert gelegt, sagt Seifert. Der Vorwurf, das sei nur eine Spielwiese für Medizinstudenten, sollte von vornherein verhindert werden. Mit Fördergeldern aus dem QSL-Fonds (Qualitätssicherung in der Lehre) wurde ein Konzept aufgestellt: Wer mitmachen will, muss sich mit einem Motivationsschreiben bewerben und vorbereitende Pflichtkurse in Untersuchung und Anamnese sowie über häufige Beratungsanlässe in der hausärztlichen Medizin erfolgreich absolvieren, die von Studierenden in höheren Semestern abgehalten werden. Erst anschließend können die Studierenden in der Sprechstunde der Studentischen Poliklinik mitmachen. Entwickelt wurde dieses Konzept gemeinsam mit dem Institut für Allgemeinmedizin unter Leitung von Prof. Ferdinand Gerlach.

Die Sprechstunde, die inzwischen an zwei Nachmittagen in der Woche angeboten wird, verwalten die Studierenden selbständig, auch die Vorgespräche mit den Patienten führen sie ohne Hilfe durch – immer ein jüngerer und ein erfahrener Student im Team. Bei der eigentlichen Anamnese ist dann eine Ärztin oder ein Arzt mit dabei, die oder der über den weiteren Verlauf der Behandlung entscheidet. Von Anfang an mit im Boot ist Dr. Petra Tiarks-Jungk, die auch die Humanitäre Sprechstunde des Gesundheitsamtes betreut; seit Oktober 2016 wird sie von fünf Hausärzten mit Lehrauftrag des Fachbereichs Medizin unterstützt. „Von der Erfahrung von Dr. Tiarks-Jungk haben wir mehr als profitiert. Sie hat uns auch wichtige Tipps gegeben für kostenlose Weiterbehandlung und Fachdiagnostik“, sagt Seifert. Der Effekt für die Studierenden ist erwiesen: Bei praktischen und theoretischen Tests schnitten die Absolventen des Wahlfachs der Studentischen Poliklinik deutlich besser ab als ihre Kommilitonen.

„Das Konzept ist in Deutschland, vermutlich in ganz Europa einzigartig“, so Prof. Sader. Es vereinige in idealer Weise unterschiedliche praxisorientierte Lehr- und Lernmethoden in einer echten medizinischen Alltagsituation, so wie es sich die Studierenden für ihre Ausbildung immer wünschen. Am beeindruckendsten sei aber, so Sader weiter, dass das Projekt ohne die aktive Mit- und Zuarbeit jedes einzelnen Projektpartners, nie hätte gelingen können: Der Enthusiasmus und das Engagement der Studierenden, die fachliche Kompetenz von Dr. Seifert und Prof. Gerlach in der Konzeption der neuartigen Lehrveranstaltung, der besondere Einsatz von Frau Dr. Petra Tiarks-Jung bei der Betreuung der Studierenden erst hätten die Studentische Poliklinik möglich gemacht. Wesentlich war jedoch auch die begleitende politische und strategische Arbeit des Studiendekans Robert Sader. Über die Verwendung des Preisgeldes sind sich die Beteiligten einig: Es wird komplett in die Ausstattung des Projekts einfließen.

Von Beginn an war das Wartezimmer voll: „Viele kommen gern zu uns, weil wir uns viel Zeit nehmen“, meint Lukas Seifert. Gut kann sich der heute 29-Jährige an seine ersten Fälle in der Poliklinik erinnern: „Das war zum Teil schon heftig für mich“, sagt er. Ein Mann sei gekommen, der nach einer Notfall-OP zu schnell entlassen worden war und dessen Bauchwunde aufplatzte. Die Behörden wollten ihn zur OP nach Rumänien schicken. „Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit der Mann in Frankfurt operiert werden kann“, erinnert sich der Mediziner. Weil viele der Patienten auch psychosoziale Schwierigkeiten haben, wurde auch eine Kooperation mit dem Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule Frankfurt ins Leben gerufen. Außerdem kann man auf die Unterstützung von Hebammen und Psychologen zurückgreifen – und vielleicht bald auf zahnmedizinische Expertise: Lukas Seifert, der derzeit an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie arbeitet, studiert im Zweitstudium noch Zahnmedizin.

Bilder zum Download finden Sie unter https://wissenschaft.hessen.de/presse/pressemitteilung/hochschulpreis-fuer-exzellenz-der-lehre-ehrt-herausragende-lehr-und

Informationen: Dr. Lukas Seifert, Email: LukasBenedikt.Seifert@kgu.de