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Pressestelle Goethe-Universität

Theodor-W.-Adorno Platz 1
60323 Frankfurt 
presse@uni-frankfurt.de

 

Feb 10 2021
14:34

Forscher aus Frankfurt und Grenoble beobachten im Ribosomentunnel erstmals Disulfidbrücken-Bildung bei Gamma-B-Kristallin

Wie die 3D-Struktur von Proteinen der Augenlinse entsteht

Chemische Bindungen innerhalb des Augenlinsen-Proteins Gamma-B-Kristallin halten das Protein zusammen und sind deshalb wichtig für die Funktion des Eiweißes in der Linse. Entgegen bisheriger Annahmen entstehen bestimmte dieser Bindungen, sogenannte Disulfidbrücken, bereits parallel zur Synthese des Proteins in der Zelle. Dies haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt, des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Biophysik und des französischen Institute de Biologie Structurale in Grenoble herausgefunden.

FRANKFURT. Die Linse des menschlichen Auges erhält ihre Transparenz und Brechkraft dadurch, dass in ihren Zellen bestimmte Proteine dicht gepackt sind. In der Hauptsache handelt es sich dabei um Kristalline. Kann diese dichte Packung zum Beispiel durch erblich bedingte Veränderungen in den Kristallinen nicht aufrechterhalten werden, sind Linsentrübungen die Folge, sogenannte Katarakte („Grauer Star“), die weltweit die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens darstellen.

Damit Kristalline in den Linsenfaserzellen dicht gepackt werden können, müssen sie stabil und richtig gefaltet werden. Die Proteinfaltung beginnt bereits während der Biosynthese von Proteinen in den Ribosomen, großen Eiweißkomplexen. Ribosomen helfen dabei, den genetischen Code in eine Abfolge von Aminosäuren zu übersetzen. Dabei bilden Ribosomen einen schützenden Tunnel um die neue Aminosäurekette, die gleich nach der Entstehung dreidimensionale Strukturen mit verschiedenen Elementen wie Helices oder gefalteten Strukturen annimmt. Die in Frankfurt und Grenoble untersuchten Gamma-B-Kristalline weisen darüber hinaus noch viele Verbindungen zwischen je zwei schwefelhaltigen Aminosäuren auf, so genannte Disulfidbrücken.

Die Herstellung solcher Disulfidbrücken ist für die Zelle nicht ganz einfach, herrschen doch im Zellmilieu biochemische Bedingungen, die solche Disulfidbrücken verhindern oder auflösen. Im fertigen Gamma-B-Kristallin-Protein werden die Disulfidbrücken daher durch andere Teile des Proteins nach außen abgeschirmt. Solange das Protein allerdings im Entstehen ist, ist das noch nicht möglich.

Doch weil der Ribosomentunnel als zu eng galt, nahm man – auch aufgrund von anderen Studien – an, dass die Disulfidbrücken der Gamma-B-Kristalline erst nach der Fertigstellung der Proteine entstehen. Zur Prüfung dieser Annahme nutzten die Forscher aus Frankfurt und Grenoble genetisch veränderte Bakterienzellen als Modellsystem, stoppten die Synthese der Gamma-B-Kristalline zu verschiedenen Zeitpunkten und untersuchten die Zwischenprodukte mit massenspektrometrischen, kernspinresonanzspektroskopischen und elektronenmikroskopischen Methoden, ergänzt um theoretische Simulationsrechnungen. Das Ergebnis: Die Disulfidbrücken entstehen bereits am noch nicht fertigen Protein während der Synthese der Aminosäurekette.

„Wir konnten damit zeigen, dass Disulfidbrücken bereits im Ribosomentunnel entstehen können, der genügend Raum dafür bietet und die Disulfidbrücken gegen das zelluläre Milieu abschirmt“ sagt Prof. Harald Schwalbe vom Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie der Goethe-Universität. „Überraschenderweise handelt es sich jedoch nicht um dieselben Disulfidbrücken, die später im fertigen Gamma-B-Kristallin vorhanden sind. Wir schließen daraus, dass zumindest einige der Disulfidbrücken später wieder aufgelöst und anders geknüpft werden. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich im optimalen Timing der Proteinherstellung: Die ‚vorläufigen' Disulfidbrücken beschleunigen die Bildung der ‚finalen' Disulfidbrücken, wenn das Gamma-B-Kristallin vom Ribosom freigesetzt wird.“

In weiteren Untersuchungen wollen die Forscher nun testen, ob die Syntheseprozesse in den leicht unterschiedlichen Ribosomen höherer Zellen ähnlich wie im bakteriellen Modellsystem ablaufen.

Publikation: Linda Schulte, Jiafei Mao, Julian Reitz, Sridhar Sreeramulu, Denis Kudlinzki, Victor-Valentin Hodirnau, Jakob Meier-Credo, Krishna Saxena, Florian Buhr, Julian D. Langer, Martin Blackledge, Achilleas S. Frangakis, Clemens Glaubitz, Harald Schwalbe: Cysteine oxidation and disulfide formation in the ribosomal exit tunnel. Nature Communications https://doi.org/10.1038/s41467-020-19372-x

Weitere Informationen
Prof. Dr. Harald Schwalbe
Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie
Center for Biomolecular Magnetic Resonance (BMRZ)
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +496979829137
schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de
http://schwalbe.org.chemie.uni-frankfurt.de/

 

Feb 9 2021
12:26

Betroffene gesucht: Zentrum für Psychotherapie untersucht die Wirkung buddhistischer Meditationen bei Schuld- und Schamgefühlen

Hilft Meditation gegen die Folgen von Traumatisierung?

Ab sofort bietet das Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt eine spezifische Intervention für Patientinnen und Patienten an, die nach traumatischen Erlebnissen unter starken Scham- und Schuldgefühlen leiden. Die Intervention wird in Einzelsitzungen angeboten und kombiniert kognitive Therapie und Metta-Meditation. Metta heißt übersetzt „liebende Güte“.

FRANKFURT. Mehr als jeder zweite Mensch erlebt im Laufe seines Lebens ein traumatisches Ereignis wie einen schweren Verkehrsunfall, körperliche oder sexuelle Gewalt (z.B. einen Überfall, eine Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch). Als Folge können sich unterschiedliche psychische Störungen wie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Depressionen oder Angststörungen entwickeln.

Häufig leiden die Betroffenen auch unter Schuld- und Schamgefühlen. Sie machen sich beispielsweise Vorwürfe dafür, wie sie sich während des traumatischen Ereignisses verhalten haben. „Hierzu gehören Gedanken wie: ‚Ich hätte mich wehren müssen' oder ‚Ich bin selbst schuld daran, dass ich vergewaltigt wurde, weil ich an dem Abend noch so spät unterwegs war'“, erklärt die Leiterin des Projekts Dr. Meike Müller-Engelmann. Besonders belastend sei für die Betroffenen das Gefühl, von anderen für das Erlebte abgelehnt zu werden. „Manche glauben, dass niemand mehr mit ihnen befreundet sein wollte, wenn bekannt wäre, was sie erlebt haben“, beschreibt Müller-Engelmann weiter.

Um Betroffenen zu helfen, diese belastenden Gefühle von Schuld und Scham zu reduzieren, haben Dr. Meike Müller-Engelmann und Stella Kümmerle (Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt am Main) ein auf Metta-Meditation (deutsch: Liebende-Güte-Meditation) basierendes Behandlungsprogramm entwickelt. Metta-Meditationen stammen aus dem Buddhismus und zielen darauf ab, sich selbst und anderen Menschen bedingungsloses Wohlwollen und Freundlichkeit entgegen zu bringen. Durch das Üben von Metta-Meditationen kann Selbstkritik verringert und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen gefördert werden. Es gibt außerdem erste vielversprechende Hinweise auf die Wirksamkeit von Metta-Meditationen und vergleichbaren Verfahren zur Behandlung psychischer Erkrankungen wie der PTBS oder Depressionen. So zeigte sich u.a. in einer Untersuchung von Müller-Engelmann und anderen aus dem Jahre 2019, dass eine Kombination aus Achtsamkeitsübungen und Metta-Meditationen PTBS-Symptome nach Gewalterfahrungen verringern konnte.

In sechs wöchentlichen Einzelsitzungen mit einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin reflektieren die Betroffenen zunächst über den Inhalt ihrer Schuld- und Schamgefühle. Danach lernen sie verschiedene Metta-Meditationsübungen kennen, in deren Rahmen sie gute Wünsche an sich selbst und an andere richten. Zwischen den Sitzungen sind tägliche Übungen für zu Hause vorgesehen. „Momentan gibt es noch freie Behandlungsplätze. Teilnehmen können Menschen, die ein traumatisches Ereignis erlebt haben und in dessen Folge unter Schuld- und Schamgefühlen leiden, zwischen 18 und 65 Jahren alt sind und aktuell noch nicht psychotherapeutisch behandelt werden. Darüber hinaus sollte keine Abhängigkeit von Drogen oder Medikamenten vorliegen“, erklärt die Projektkoordinatorin Stella Kümmerle.

Das Behandlungsprogramm wird im Rahmen einer von der Eden-Stiftung und den Freunden der Goethe-Universität geförderten Therapiestudie wissenschaftlich begleitet.

Wer sich für die Behandlung interessiert, kann sich an Stella Kümmerle (Projektkoordinatorin) und Luisa Bahnemann (Projektmitarbeiterin) wenden. Telefon: 069-798 23994, E-Mail: schuld-scham-studie@uni-frankfurt.de.


Den Flyer zum Projekt können Sie unter dem folgenden Link herunterladen: http://www.uni-frankfurt.de/97585527

Publikation: Müller-Engelmann, M., Schreiber, C., Kümmerle, S., Heidenreich, T., Stangier, U., & Steil, R. (2019). A trauma-adapted mindfulness and loving-kindness intervention for patients with PTSD after interpersonal violence: A multiple-baseline study. Mindfulness, 10(6), 1105-1123.

Weitere Informationen
Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität  
Dr. Meike Müller-Engelmann
Projektleitung
Mueller-Engelmann@psych.uni-frankfurt.de

Stella Kümmerle (M.Sc.)
Projektkoordination
Kuemmerle@psych.uni-frankfurt.de

 

Feb 8 2021
15:19

Goethe-Universität baut wissenschaftlichen Schwerpunkt weiter aus

Neugründung: Buber-Rosenzweig-Institut als zentrale Forschungsstätte zum Judentum der Moderne

An der Goethe-Universität wird ein neues Institut gegründet: Das Buber-Rosenzweig-Institut soll sich der Erforschung des Judentums in Moderne und Gegenwart widmen. Es fasst zahlreiche und im großen Maße drittmittelgeförderte Projekte zusammen und trägt weiter zur Verstetigung des Forschungsbereichs an der Goethe-Universität bei. Angefangen hatte alles mit einer Stiftungsgastprofessur für jüdische Religionsphilosophie, die Martin Buber gewidmet war. Er wurde heute vor 143 Jahren geboren.

FRANKFURT. Das Profil zu schärften und Forschungsenergien zu bündeln – dafür soll das neue Buber-Rosenzweig-Institut den notwendigen Rahmen bieten. Dazu sind weder Mittel des Landes noch Mittel von Fachbereich oder Universität notwendig: Durch die erfolgreiche Drittmitteleinwerbung gerade auch in jüngster Zeit steht die Gründung auf solidem finanziellen Fundament. „Das Präsidium hat der Institutsgründung unisono zugestimmt. Wir freuen uns sehr über die Initiative von Christian Wiese. Das neue Institut birgt ein hohes Potenzial, die Kooperationen mit anderen Institutionen, vor allem auch im internationale Raum, weiter auszubauen und künftig weitere wichtige Projekte anzustoßen“, sagt Prof. Enrico Schleiff, der Präsident der Goethe-Universität.

Der Ursprung der heutigen Institutsgründung war bescheiden, aber fruchtbar: 1989 hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau die Martin-Buber-Professur als Gastprofessur am Fachbereich Evangelische Theologie ins Leben gerufen. Sie sollte Studierenden aller Fachbereiche, insbesondere aus Theologie und Philosophie, aber auch der interessierten Öffentlichkeit Einblick in Geschichte und Gegenwart des Judentums und in die jüdische Religionsphilosophie vermitteln. Im Jahr 2005 übernahm das Land Hessen die Finanzierung dauerhaft, 2010 wurde die ehemalige Stiftungsgastprofessur in eine dauerhafte Professur umgewandelt. Seither lehrt Prof. Christian Wiese über Fachbereichsgrenzen hinweg in den theologischen und religionswissenschaftlichen Fächern, aber auch in der Geschichtswissenschaft und Philosophie. Wiese hat die Professur systematisch zu einer international sichtbaren, drittmittelstarken und kooperierenden Forschungsstätte ausgebaut. Christian Wiese ist Sprecher des LOEWE-Forschungsschwerpunkts „Religiöse Positionierung“ und Hauptantragsteller beim Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“, zudem internationaler Präsident der Hermann-Cohen-Gesellschaft und Vizepräsident der Internationalen Franz Rosenzweig-Gesellschaft. Der jüngste Erfolg war die Einwerbung eines über 24 Jahre laufenden Akademieprojekts „Buber-Korrespondenzen Digital“.

„Mit ihren zahlreichen Drittmittelprojekten, dem Fokus auf der Nachwuchsförderung und der internationalen Vernetzung ist die Martin-Buber-Professur bereits jetzt eine feste Größe unter den Forschungsinstitutionen zur modernen jüdischen Geschichte und Kultur. Der Status als Forschungsinstitut eröffnet uns die Chance, noch besser wahrgenommen, fokussierter handeln und junge internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anziehen zu können“, sagt Prof. Wiese. Gerade der Umstand, dass man sich auf einen bestimmten Abschnitt jüdischer Geistes- und Kulturgeschichte beschränke, biete ein großes Potenzial: Unter dem Dach eines auf diese Weise profilierten Instituts könnten in Zukunft weitere Projekte entstehen. Im Entstehen begriffen sei das Projekt „Synagogengedenkbuch Hessen“ mit sieben bis acht Mitarbeiterstellen, weitere Forschungsinitiativen seien geplant. Als Institut könne man zudem im Wettstreit mit anderen Einrichtungen besser bestehen. Große Chancen biete auch die Kooperation mit dem Seminar für Judaistik und dem Fritz Bauer Institut für Geschichte und Wirkung des Holocaust innerhalb der Goethe-Universität.

Der Institutsname verweist auf die beiden jüdischen Philosophen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929), die für die Geschichte der Goethe-Universität von großer Bedeutung sind. Martin Buber, der heute vor 143 Jahren zur Welt kam, erhielt 1924 einen Lehrauftrag für jüdische Religion und Ethik, der zunächst Franz Rosenzweig zugedacht war, später wurde Buber Honorarprofessor. Buber und Rosenzweig bauten gemeinsam das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt auf, eine jüdische Bildungsstätte für Erwachsene. Gemeinsam unternahmen die beiden Religionsphilosophen eine Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Deutsche, die Martin Buber nach dem frühen Tod Rosenzweigs 1929 fortführte und 1961 in Jerusalem vollendete. Das Lehrhaus wurde spätestens seit 1933, dem Jahr der „Machtübernahme“ und dem Rückzug Bubers aus der Universität, Teil des jüdischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Verfolgung.


Weitere Informationen
Prof. Dr. Christian Wiese
Martin-Buber-Professur für Religionsgeschichte
Buber-Rosenzweig-Institut
Goethe-Universität
Telefon: 069/798-33313
E-Mail: c.wiese@em.uni-frankfurt.de
Homepage: https://www.uni-frankfurt.de/40082634/Martin_Buber_Professur_für_Jüdische_Religionsphilosophie

 

Feb 8 2021
14:57

Forscherteam der Goethe-Uni untersucht im internationalen CLOUD-Projekt Aerosolbildung aus jodhaltigen Dämpfen

Klimaforschung: Rasante Bildung von Jodpartikeln über der Arktis – mehr Wolken könnten Eis schneller schmelzen lassen

Wenn das Meereis schmilzt und sich die Wasseroberfläche vergrößert, steigen mehr jodhaltige Dämpfe aus dem Meer auf. Dass sich aus solchen Joddämpfen rasant Aerosolpartikel bilden, die als Kondensationskeime für die Wolkenbildung dienen können, haben jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des internationalen Forschungsverbunds CLOUD herausgefunden. Die CLOUD-Forscher:innen, unter ihnen Atmosphärenforscher:innen der Goethe-Universität Frankfurt, befürchten eine gegenseitige Verstärkung von Meereis-Schmelze und Wolkenbildung, die die Erwärmung von Arktis und Antarktis beschleunigen könnte.

FRANKFURT. Über zwei Drittel der Erde sind von Wolken bedeckt. Je nachdem, ob sie hoch oder niedrig schweben, wie groß ihr Wasser- und Eisgehalt ist, wie dick sie sind oder über welcher Erdregion sie sich bilden, wird es unter ihnen wärmer oder kühler. Durch den Einfluss des Menschen gibt es heute höchstwahrscheinlich mehr abkühlende Effekte durch Wolken als in vorindustrieller Zeit, doch inwiefern Wolken zum Klimawandel beitragen, ist noch nicht gut verstanden. Forscher:innen gehen derzeit davon aus, dass zum Beispiel niedrige Wolken über Arktis und Antarktis zur Erwärmung dieser Regionen beitragen, indem sie die direkte Abstrahlung langwelliger Wärmestrahlung von der Erdoberfläche zurückhalten.

Alle Wolken bilden sich über Aerosole, Schwebpartikel in der Luft, an die sich Wasserdampf anlagert. Solche Schwebteilchen oder Aerosole bestehen natürlicherweise etwa aus Stäuben, Salzkristallen oder Molekülen, die von Pflanzen freigesetzt werden. Durch menschliche Aktivitäten gelangen vor allem Rußpartikel in die Atmosphäre, aber auch Schwefelsäure- und Ammoniakmoleküle, die sich zusammenlagern und in der Atmosphäre neue Aerosolpartikel bilden können. Modellrechnungen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Wolkentröpfchen aus Aerosolpartikeln entsteht, die sich erst in der Atmosphäre neu gebildet haben. Für die Wolkenbildung ist nicht entscheidend, woraus die Aerosolpartikel bestehen, es kommt vor allem auf ihre Größe an: Erst ab einem Durchmesser von etwa 70 Nanometer werden Aerosolpartikel zu Kondensationskeimen für Wolkentröpfchen.

In der Atmosphäre über dem Meer spielen von Menschen freigesetzte Aerosole eine viel geringere Rolle für die Bildung niedriger Wolken als über dem Land. Neben Salzkristallen, die aus der Gischt stammen, stammen Aerosolpartikel über dem Meer vorwiegend aus bestimmten Schwefelverbindungen (Dimethylsufiden), die aus Phytoplankton freigesetzt werden und beispielsweise zu Schwefelsäure reagieren. So jedenfalls lauteten die bisherigen Forschungsergebnisse.

Wissenschaftler:innen des CLOUD-Konsortiums haben jetzt die Bildung von Aerosolpartikeln aus jodhalten Dämpfen untersucht. Der leicht stechende Geruch von Jod gehört zum Aroma der Meeresluft, die man bei einem Spaziergang an der Nordsee einatmet. In jedem Liter Meerwasser sind 0,05 Milligramm Jod enthalten, und wenn es in die Atmosphäre gelangt, bildet sich mit Sonnenlicht und Ozon Jodsäure oder jodige Säure. Die Wissenschaftler:innen haben in der CLOUD-Experimentierkammer beim Teilchenbeschleunigerzentrum CERN in Genf die Atmosphärenbedingungen in mittleren Breiten und arktischen Regionen simuliert, einschließlich der kosmischen Höhenstrahlung, die durch einen Teilchenstrahl nachgestellt wurde.

Ihr Ergebnis: Die Aerosolpartikelbildung durch Jodsäure läuft extrem schnell ab, viel schneller als die Partikelbildung von Schwefelsäure und Ammoniak unter vergleichbaren Bedingungen. Ionen, die durch die kosmische Höhenstrahlung entstehen, begünstigen die Partikelbildung weiter. Zur Umwandlung des molekularen Jods in die jodhaltigen Säuren sind noch nicht einmal UV-Strahlung und nur wenig Tageslicht nötig. Auf diese Weise können sehr schnell sehr große Aerosolmengen entstehen.

Der Atmosphärenforscher Prof. Joachim Curtius von der Goethe-Universität erklärt: „Jod-Aerosole können sich schneller bilden als fast alle anderen Aerosoltypen, die wir kennen. Wenn noch Ionen hinzukommen, die durch kosmische Strahlung entstehen, führt jeder Zusammenstoß zum Anwachsen der Molekülcluster.“ Dies sei besonders wichtig, da sich in den vergangenen 70 Jahren die globalen Jodemissionen auf der Erde bereits verdreifacht hätten, so Curtius weiter. „Womöglich wurde hier ein Teufelskreis in Bewegung gesetzt: Das Packeis taut, dadurch vergrößert sich Wasseroberfläche und mehr Jod gelangt in die Atmosphäre. Das führt zu mehr Aerosolpartikeln, die Wolken bilden, welche die Pole weiter erwärmen. Der von uns gefundene Mechanismus kann jetzt Teil von Klimamodellen werden, denn Jod spielt möglicherweise vor allem in den Polarregionen eine dominante Rolle in der Aerosolbildung, und dies könnte die Vorhersagen von Klimamodellen für diese Regionen verbessern.“

Das Experiment CLOUD (Cosmics Leaving OUtdoor Droplets) am CERN untersucht, wie neue Aerosolpartikel in der Atmosphäre aus Vorläufergasen gebildet werden und weiter zu Kondensationskeimen wachsen. Damit liefert CLOUD ein grundlegendes Verständnis zur Entstehung von Wolken und Feinstaub.  CLOUD wird von einem internationalen Konsortium – bestehend aus 21 Instituten – durchgeführt. Die CLOUD-Messkammer wurde mit CERN-Know-how entwickelt und ist eine der reinsten Experimentierräume der Welt. Bei CLOUD-Messkampagnen wird mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Messgeräten der physikalische und chemische Zustand der Teilchen und Gase charakterisiert, aus denen die Atmosphäre besteht. Das Team um Joachim Curtius vom Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe-Universität Frankfurt entwickelt und betreibt im CLOUD-Projekt zwei Massenspektrometer, um Spurengase wie Jodsäure und jodige Säure auch in kleinsten Konzentrationen nachzuweisen.


Publikation: Xu-Cheng He, Yee Jun Tham, Lubna Dada, Mingyi Wang, Henning Finkenzeller, Dominik Stolzenburg, Siddharth Iyer, Mario Simon, Andreas Kürten, et. al. Role of iodine oxoacids in atmospheric aerosol nucleation, Science  05 Feb 2021: Vol. 371, Issue 6529, pp. 589-595, https://doi.org/10.1126/science.abe0298

Weitere Informationen
Prof. Dr. Joachim Curtius
Institut für Atmosphäre und Umwelt
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tel: +49 (69) 798-40258
curtius@iau.uni-frankfurt.de

Dr. habil. Andreas Kürten
Institut für Atmosphäre und Umwelt
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tel: +49 (69) 798-40256
kuerten@iau.uni-frankfurt.de

 

Feb 5 2021
11:27

AIWG Praxisfellow startet Multimedia-Blog zu muslimischem Leben in Deutschland

„Moin und Salam“

Julius Matuschik, Fotojournalist und Praxisfellow an der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft an der Goethe-Universität, hat heute seinen Blog „Moin und Salam“ gelauncht. In sechs Kapiteln wird der Fotojournalist darin die Geschichte und Gegenwart des Islams in Deutschland anhand von eigenen Bildern, historischem Bildmaterial sowie Audio- und Videobeiträgen nachzeichnen. Autorin der Texte ist die Politologin und Religionswissenschaftlerin Dr. Raida Chbib. Der Blog ist abrufbar unter: www.moinundsalam.de

FRANKFURT. Kopftuch tragende Frauen, bärtige Männer ins Gebet vertieft: Die mediale Berichterstattung zu Musliminnen und Muslimen und zum Islam in Deutschland ist häufig immer noch von Klischees und Stereotypen geprägt. Einzelne Gläubige werden auf Fotos oft als Teil einer kollektiven Gruppe dargestellt, werden auf diese Weise gewissermaßen entindividualisiert. „Leider sieht man in deutschen Medien oft sehr stereotype Fotografien, die den Islam bebildern sollen. Die islamische Vielfalt, muslimisches Leben und der Islam als Teil der deutschen Gesellschaft werden zu wenig sichtbar. Ich hoffe, Medienschaffende in Deutschland dazu anregen zu können, verantwortungsbewusster bei der Bildauswahl vorzugehen. Fotografien sind sehr machtvoll. Es ist nicht einfach nur ein Bild, das in die Welt gesendet wird. Immer gleiche Bilder sorgen zusammengenommen für einen Framing-Effekt und reproduzieren den Islam als etwas Fremdes und Exotisches“, sagt AIWG Praxisfellow Julius Matuschik.

„Der Islam kam nicht erst mit den Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern nach Deutschland“

Der Fotojournalist aus Hannover will mit seinem Praxisprojekt zu einem aktualisierten Narrativ über den Islam in Deutschland beitragen, das die zahlreichen Identitäten des Islams und der in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime abbildet.

Mit dem jetzt gestarteten Blog soll ein möglichst differenziertes Bild des Islams in Deutschland abseits gängiger Klischees entstehen, die muslimische Vielfalt soll sichtbar gemacht und deutsche Musliminnen und Muslime in Porträts vorgestellt werden. In insgesamt sechs Kapiteln beleuchtet die Reportage die Entstehung des Islams in Deutschland, reflektiert gesellschaftliche Debatten und stellt Grundwissen zum Islam und zu deutschen Musliminnen und Muslimen zur Verfügung.

Die Kapitel werden nach und nach veröffentlicht. Die ersten beiden beschäftigen sich zunächst mit der Geschichte des Islams in Deutschland und zeigen ausgewählte historische Fotografien oder Illustrationen. Neben Fotos und erläuternden Texten beinhaltet der Blog auch ergänzende Audio-Interviews mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sowie Musliminnen und Muslimen zu ausgewählten Themenschwerpunkten. Die Bildrecherche, Fotografien und Videos übernimmt Julius Matuschik im Rahmen seines Praxisfellowships an der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft. Die Texte erstellt die Politologin, Religionswissenschaftlerin und Geschäftsführerin an der AIWG Dr. Raida Chbib.

„Das Innovative und zugleich Knifflige an dem Projekt besteht darin, geleitet vom fotografischen Material, fundierte Informationen in gemeinverständlicher Form einfließen zu lassen. Nicht der Text, sondern Bild-, Video- und Audiomaterialien sind hier die Hauptzugänge, um festgefahrene öffentliche Bilder von Deutschlands Muslimen und Musliminnen aufzubrechen. Viele von diesen vorherrschenden Bildern basieren noch auf älteren Informationsbeständen oder auf einer einseitigen Betonung problematischer Aspekte, wie dem der Radikalisierung. Diese bilden nicht den fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu muslimischem Leben und seiner Geschichte in Deutschland ab. Der Blog präsentiert über vielfältige und lebensnahe Fotografien und entsprechende Begleittexte gewissermaßen ein wissenschaftlich fundiertes Update zum Islam in Deutschland“, so Dr. Chbib.

Julius Matuschik über die Entstehung seines Praxisprojekts: „Die Idee zur Online-Reportage ist bei der Durchsicht von historischen Fotos aus Archivbeständen von deutschen Musliminnen und Muslimen in Berlin um die Jahrhundertwende und aus den 1920er-Jahren entstanden. Es war faszinierend für mich, solche Fotos zu sichten. Diese Bilder brechen mit der Erzählung, das der Islam erst mit den Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen nach Deutschland gekommen ist. Solche Fotografien sind unser kollektives Erbe. Ich fand die Idee spannend, die Erzählung fotografisch weiterzuführen und neue Fotos mit den historischen Bildern gemeinsam zu präsentieren.“

Auf dem gleichnamigen Instagram Kanal „Moin und Salam“ kann sich jede/jeder interaktiv einbringen und unter dem Hashtag #moinundsalam eigene Bilder zum Thema teilen. Parallel zur Reportage entsteht eine Bilddatenbank, die für journalistische und wissenschaftliche Zwecke genutzt werden kann.

Über die Projektbeteiligten

Julius Matuschik arbeitet als Fotojournalist für verschiedene Online- und Offlinemedien. Er engagiert sich im Cameo Kollektiv e.V., wo er gemeinsam mit anderen Kreativen soziokulturelle Projekte realisiert und Maßnahmen der kulturellen und politischen Bildung durchführt. Seit 2013 dokumentiert er fotografisch den Islam in Deutschland.

Dr. Raida Chbib ist Geschäftsführerin der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft. Sie studierte Politikwissenschaft, Völkerrecht und Islamwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und wurde an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in den Religionswissenschaften promoviert. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Migration und Religion, religiöse Vielfalt, Organisationsprozesse von Religion, insbesondere des Islams, sowie Politik und Islam in Deutschland.

Über das AIWG Praxisfellowship
Das AIWG-Praxisfellowship richtet sich an ideenreiche Persönlichkeiten mit praktischen Erfahrungen zu Fragen der Religion und der gesellschaftlichen Teilhabe von Musliminnen und Muslimen in Deutschland. Es unterstützt ihr persönliches Engagement und ihre individuellen Projektideen und ermöglicht ihnen, ihre bisherigen Kenntnisse zu islambezogenen Themen auszubauen und sie in die Wissenschaft einzubringen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Über die AIWG
Die AIWG ist eine universitäre Plattform für Forschung und Transfer in islamisch-theologischen Fach- und Gesellschaftsfragen. Sie ermöglicht überregionale Kooperationen und Austausch zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der islamisch-theologischen Studien und benachbarter Fächer sowie Akteurinnen und Akteuren aus der muslimischen Zivilgesellschaft und weiteren gesellschaftlichen Bereichen. Die AIWG wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Stiftung Mercator.

Bilder zum Download: [https://aiwg.de/pressemitteilung_multimediablog_moinundsalam]


Weitere Informationen
Stefanie Golla
Koordinatorin Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft
Goethe-Universität
Telefon 069 79822-459
E-Mail golla@aiwg.de
Homepage https://aiwg.de/

 

Feb 3 2021
15:54

Bundesforschungsministerium fördert Zukunftscluster PROXIDRUGS – Goethe-Universität und Partner aus Wissenschaft und Industrie setzen sich im bundesweiten Wettbewerb durch 

Neue Wirkstoffe für Medikamente der Zukunft: Bis zu 15 Millionen Euro für Goethe-Uni und ihre Partner 

Die Entwicklung neuartiger Wirkstoffe, die gezielt krankheitsrelevante Proteine im Körper abbauen, steht im Fokus des Zukunftsclusters PROXIDRUGS. Die Goethe-Universität Frankfurt koordiniert den Verbund, zu dem Forscher:innen der TU Darmstadt, der Universität Heidelberg, des Fraunhofer-Instituts für Translationale Medizin und Pharmakologie, des Max-Planck-Instituts für Biophysik sowie pharmazeutische und biotechnologische Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet gehören. PROXIDRUGS konnte sich in der Finalrunde des Clusters4Future Wettbewerbs des Bundesforschungsministeriums als eines von sieben geförderten Projekten durchsetzen und wird nun mit bis zu 15 Millionen Euro gefördert.

FRANKFURT. Viele Krankheiten werden durch außer Kontrolle geratene oder fehlerhaft funktionierende Proteine verursacht. Etablierte Strategien der Wirkstoff-Forschung zielen daher darauf ab, Proteine zu blockieren, um beispielsweise das unkontrollierte Wachstum von Krebszellen zu stoppen. Allerdings lassen sich nur 20 Prozent aller krankheitsrelevanten Proteine, die zum Beispiel bei neurodegenerativen Leiden, bei Herz-Kreislauf- und Entzündungskrankheiten sowie bei Infektionen eine Rolle spielen, durch klassische, kleine Moleküle blockieren. Die verbleibenden 80 Prozent der krankheitsrelevanten Proteine sind bislang therapeutisch nicht zugänglich.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von PROXIDRUGS wollen jetzt die Entwicklung einer neuen Wirkstoffklasse vorantrieben, die das zelleigene Verwertungssystem für Proteine einbezieht. PROXIDRUGS-Koordinator Prof. Ivan Dikić vom Institut für Biochemie II der Goethe-Universität erläutert: „Unser Körper besitzt ein ausgeklügeltes System, um defekte, überflüssige oder schädliche Proteine zu entsorgen. Dieses System werden wir nutzen, um krankheitsrelevante Proteine gezielt abzubauen.“

Im Stoffwechsel jeder Zelle werden ständig Proteine gebildet und wieder abgebaut. An abzubauende Proteine hängt die Zelle das kleine Protein Ubiquitin an. Dies geschieht mithilfe bestimmter Enzyme, sogenannter E3-Ligasen. Die Ubiquitin-Markierung signalisiert dem „Schredder“ der Zelle (Proteasom), dass die markierten Proteine nicht mehr gebraucht und stattdessen abgebaut und recycelt werden können.

PROXIDRUGS-Forscherinnen und Forscher wollen nun Wirkstoffe entwickeln, die krankheitsrelevante Proteine in die räumliche Nähe („proximity“) solcher E3-Ligasen bringen. Damit erhalten krankheitsrelevante Proteine die Abbau-Markierung mit Ubiquitin und werden von der Zelle selbst entsorgt.

Prof. Dikić: „Proximitäts-induzierende Wirkstoffe, kurz Proxidrugs, sind eine der vielversprechendsten neuen Arzneimittelklassen in der biomedizinischen Forschung. Gemeinsam mit den Partnern aus der Industrie wollen wir diese innovativen Wirkstoffe systematisch erforschen und neuartige Arzneimittel gegen Krebs, neurodegenerative Erkrankungen sowie bakterielle und virale Infektionen entwickeln. Um diese ehrgeizigen Ziele zu erreichen, haben wir das ‚Frankfurt Center for Innovation and Technologies' an der Goethe-Universität als akademischen Hub etabliert, in dem alle notwendigen Technologien gebündelt werden.“

Der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Enrico Schleiff, unterstreicht die Bedeutung des Zukunftsclusters PROXIDRUGS als „Transfer-Beschleuniger“ für die Rhein-Main-Region: „Mit PROXIDRUGS treiben wir die Erforschung einer neuartigen Wirkstoffklasse voran, aus der durch die Einbindung unserer Partner schneller als bisher anwendungsreife Medikamente entwickelt werden können. PROXIDRUGS stellt eine konsequente Weiterentwicklung der Transferstrategie der Goethe-Universität aufbauend auf unseren Leuchtturmprojekten in der biomedizinischen und pharmazeutischen Forschung dar, zu denen seit wenigen Tagen auch das durch Hessen geförderte Clusterprojekt ENABLE zählt. Mit PROXIDRUGS können wir die Erkenntnisse aus unseren Forschungsfeldern in der Strukturbiologie, chemischen Biologie, Biochemie, Pharmazie und Zellbiologie auch in wirtschaftliche Wertschöpfung transferieren. Zusammen mit unseren starken Partnern in Wissenschaft und forschender Industrie der Rhein-Main-Region werden wir dadurch einen entscheidenden Beitrag in einem hochaktuellen Feld der Wirkstoff-Forschung leisten.“

Der „Clusters4Future“-Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums startete im Sommer 2019 als Teil der Hightech-Strategie 2025 mit dem Ziel, in regionalen Spitzenstandorten den Wissens- und Technologietransfer zu fördern. Aus 137 Wettbewerbsskizzen wurden zunächst 16 Finalisten ausgewählt, die ab Mai 2020 die Skizzen zu einem Konzept ausarbeiten konnten. PROXIDRUGS wird jetzt als eines von 7 Zukunftsclustern zunächst für die Dauer von drei Jahren gefördert.


Koordinator PROXIDRUGS:
Prof. Dr. Ivan Dikić
Institut für Biochemie II, Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt
und Buchmann-Institut für molekulare Lebenswissenschaften
Tel: +49 (0) 69 6301-5964,
dikic@biochem2.uni-frankfurt.de

 

Feb 2 2021
11:29

Ergebnisse der PREDICT-Studie zu akuter Dekompensation und Akut-auf-chronischem Leberversagen

Internationaler Forschungsverbund ermittelt Auslöser für schwere Verlaufsform einer Leberzirrhose

Die häufigste Todesursache von Patienten mit Leberzirrhose ist ein Akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF), bei dem die fortschreitenden Funktionsausfälle der vernarbten Leber nicht mehr ausgeglichen werden können (akute Dekompensation). Die Folge: Weitere Organe wie Niere oder Gehirn versagen. Auslöser für die akute Dekompensation einer Leberzirrhose und ein ACLF sind am häufigsten bakterielle Infektionen, eine durch Alkohol verursachte Leberentzündung oder eine Kombination beider Faktoren. Dies hat die Auswertung der PREDICT-Studie ergeben, die von einem internationalen Team von Forschenden unter der Leitung von Prof. Jonel Trebicka vom Universitätsklinikum Frankfurt durchgeführt wurde.

FRANKFURT. Chronische Leberkrankheiten und sogar eine Leberzirrhose können lange unbemerkt bleiben, weil viele Patienten keine Symptome haben: Die Leber leidet still. Wenn der Körper dann nicht mehr in der Lage ist, die nachlassenden Leistungen der Leber zu kompensieren, verschlechtert sich der Zustand in kürzester Zeit dramatisch: Gewebsflüssigkeit sammelt sich im Bauchraum (Aszites), es kommt zu inneren Blutungen etwa in der Speiseröhre, das Gehirn droht durch Stoffwechselprodukte vergiftet zu werden. Diese akute Dekompensation der Leberzirrhose kann sich zu einem Akut-auf-chronischem Leberversagen weiterentwickeln mit Entzündungsreaktionen überall im Körper und Versagen mehrerer Organe. 

In der PREDICT-Studie unter der Leitung von Prof. Jonel Trebicka haben Wissenschaftler:innen aus 15 europäischen Ländern 1273 Patienten beobachtet, die mit einer akuten Dekompensation ihrer Leberzirrhose ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Im Fokus der aktuellen Auswertung der Studie stand die Frage, was eine akute Dekompensation einer Leberzirrhose auslösen kann. Das Ergebnis: In knapp der Hälfte der Krankheitsfälle konnte eine bakterielle Infektion, eine durch Alkoholkonsum verursachte Leberentzündung oder beides gemeinsam als Auslöser bestimmt werden.

Kaum eine Rolle als Auslöser hatten Blutungen im Verdauungstrakt und durch Schmerz- oder Beruhigungsmittel verursachte Gehirnerkrankung (medikamentös-toxische Enzephalopathie).

Schädigungen der Leber durch Medikamente, zu denen Schmerz- und Narkosemittel, Krebsmedikamente oder auch pflanzliche Heilmittel zählen können, traten ebenso wie medikamentös verursachte Nierenschädigungen nicht als Auslöser der akuten Dekompensation auf.

Studienleiter Prof. Jonel Trebicka, Gastroenterologe und Hepatologe an der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Frankfurt, erklärt: „Bei der akuten Dekompensation einer Leberzirrhose ist rasches und gezieltes Handeln erforderlich. In der PREDICT-Studie möchten wir daher viel über die auslösenden Faktoren dieser lebensbedrohlichen Erkrankung lernen, um daraus Empfehlungen für Diagnostik und Therapie ableiten zu können. Zu wissen, welches die wahrscheinlichsten Auslöser einer akuten Dekompensation sind, wird helfen, Diagnose- und Behandlungsstrategien für diese lebensbedrohlich erkrankten Patienten weiterzuentwickeln.“

Die europaweiten Studie PREDICT hat den klinischen Verlauf akuter Dekompensationen der Leberzirrhose beobachtet, um frühe Anzeichen für die Entwicklung des Akut-auf-chronische Leberversagen (ACLF) zu finden. PREDICT wird von der Europäischen Stiftung zur Untersuchung chronischen Leberversagens (European Foundation for the Study of Chronic Liver Failure) gefördert. An PREDICT sind 136 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von 47 Zentren und Institutionen in 15 europäischen Ländern beteiligt.

Publikation: Jonel Trebicka, Javier Fernandez, et al. for the PREDICT STUDY group of the EASL-CLIF CONSORTIUM: PREDICT identifies precipitating events associated with the clinical course of acutely decompensated cirrhosis. Journal of Hepatology (2020), https://doi.org/10.1016/j.jhep.2020.11.019


Weitere Informationen
Universitätsklinikum Frankfurt
Medizinische Klinik I
Sektion Translationale Hepatologie
Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Jonel Trebicka
Tel. +49 (0)69 6301 80789 (Jennifer Biondo, Sekretariat)
Jonel.Trebicka@kgu.de

Die European Foundation for the Study of Chronic Liver Failure (EF Clif) ist eine private, gemeinnützige Stiftung, die das Ziel verfolgt, die Forschung über Akut-auf-chronisches Leberversagen (Acute-on-Chronic Liver Failure, ACLF) zu fördern und damit die Lebensqualität und die Überlebensrate von Patienten mit Leberzirrhose zu verbessern. EL Clif wurde 2015 gegründet und unterstützt die Arbeit des EASL Clif Konsortiums, einem Forschungsnetz von mehr als 100 europäischen Universitätskliniken und 200 klinischen Forschern. 2013 beschrieb das Konsortium ein neues Syndrom: Akut-auf-chronisches Leberversagen, die häufigste Todesursache von Patienten mit Leberzirrhose.

Derzeit werden die EF Clif-Forschungsaktivitäten über zwei „Chairs“ gefördert: dem EASL Clif Chair, der Beobachtungs-, pathophysiologische und therapeutische Studien im Krankenhaus-Netz des EASL-Clif-Konsortiums unterstützt, und dem Grifols Chair, der die Entwicklung translationaler Forschungsprojekte über die Bildung eines Netzwerks aus Zentren in Europa unterstützt: Das Europäische Netzwerk für Translationale Forschung in chronischem Leberversagen (European Network for Translational Research in Chronic Liver Failure, ENTR-CLIF). Mehr über EF Clif: http://www.efclif.com Twitter: @ef_clif

 

Feb 1 2021
13:42

Wissenschaftler der Goethe-Universität und der Universität Göttingen erarbeiten robustes System zur Erkennung von Manipulationen

Wissenschaftler entwickeln Verfahren zum Aufspüren von Fake News am Kapitalmarkt

Soziale Medien werden zunehmend dafür genutzt, um gezielt Falschnachrichten zu streuen. Auch an Kapitalmärkten besteht dieses Problem: Kriminelle verbreiten Fake News zu Unternehmen, um beispielsweise Aktienkurse zu manipulieren. Wirtschaftswissenschaftler der Universitäten Göttingen und Frankfurt sowie des Jožef Stefan Institute in Ljubljana haben nun ein Modell entwickelt, mit dem solche Falschnachrichten erkannt werden können, auch wenn sie immer wieder angepasst werden. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Journal of the Association for Information Systems veröffentlicht.

FRANKFURT. Um Falschinformationen – häufig fiktive Sachverhalte, die ein Unternehmen in positivem Licht erscheinen lassen – zu erkennen, erstellten die Wissenschaftler mittels Verfahren des Maschinellen Lernens Modelle, mit denen verdächtige Nachrichten anhand der Nachrichteninhalte und anderer theoriebasierter linguistischer Merkmale identifiziert werden können.

„Hier wird auf weitere Aspekte des Nachrichtentextes geschaut, wie etwa die Verständlichkeit der Sprache und die Stimmung, die der Text vermittelt“, sagt Prof. Dr. Jan Muntermann von der Universität Göttingen. Grundsätzlich ist der Ansatz bekannt – zum Beispiel von Spam-Filtern. Bei bestehenden Ansätzen existiert jedoch ein zentrales Problem: Damit ihre Nachrichten nicht mehr erkannt werden, passen Betrügerinnen und Betrüger die Nachrichteninhalte kontinuierlich an und vermeiden bestimmte Wörter, anhand derer die Fake News identifiziert werden können.

Hier setzt das neue Verfahren der Wirtschaftswissenschaftler an: Um Fake News trotz solcher Umgehungsstrategien zu erkennen, kombinieren sie hohe Erkennungsraten mit einer hohen Robustheit. Auf diese Weise werden die Fake News anhand ihrer linguistischen Merkmale erkannt, selbst wenn „verdächtige“ Wörter aus dem Text genommen wurden. „Betrüger stehen damit vor einem Dilemma. Sie können einem Aufdecken nur entgehen, wenn Sie zum Beispiel die Stimmung des Textes ins Negative ändern“, erklärt Dr. Michael Siering von der Goethe-Universität. „Dann würden sie jedoch ihr Ziel verfehlen, andere Marktteilnehmer beispielsweise zum Aktienkauf zu verleiten“, so Siering weiter.

Das neue Verfahren kann zum Beispiel bei der Marküberwachung eingesetzt werden, um den Handel betroffener Wertpapiere zeitweise auszusetzen. Zum anderen bietet es Anlegerinnen und Anlegern wertvolle Hinweise, um auf entsprechende Betrugsszenarien nicht mehr hereinzufallen. Auch ein Einsatz in der Strafverfolgung wäre denkbar.


Publikation: Michael Siering, Jan Muntermann, Miha Grčar. Design Principles for Robust Fraud Detection: The Case of Stock Market Manipulations. Journal of the Association for Information Systems (2021). https://aisel.aisnet.org/jais/vol22/iss1/4

Weitere Informationen
Dr. Michael Siering
Goethe-Universität Frankfurt
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere e-Finance
siering@wiwi.uni-frankfurt.de
https://www.efinance.wiwi.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Jan Muntermann
Georg-August-Universität Göttingen
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Electronic Finance und Digitale Märkte
Telefon 0551 39-27062
muntermann@wiwi.uni-goettingen.de
www.efinance.uni-goettingen.de

 

Feb 1 2021
12:39

20,7 Millionen Euro Landesmittel für drei Clusterprojekte zur Spitzenforschung in Hessen – Vorbereitung auf die Exzellenzstrategie im starken Verbund der Rhein-Main-Universitäten – Kofinanzierung durch Goethe-Universität Frankfurt und Mitantragsteller in gleicher Höhe

Goethe-Universität: Neue Spitzenforschungsprojekte zu Vertrauen im Konflikt, Neutronensternen und Krankheitsmechanismen

Welche Möglichkeiten bieten gesellschaftliche Konflikte, um Vertrauen zu schaffen? Was passiert, wenn Neutronensterne miteinander verschmelzen und dabei Gravitationswellen und schwere chemische Elemente produzieren? Wie können neuartige Medikamente für Entzündungen und Infektionen entwickelt werden, wenn man das innere Gleichgewicht von Zellen (Homöostase) besser versteht? Forscher*innen der Goethe-Universität gehen diesen Fragen in den kommenden Jahren gemeinsam mit Partnern anderer Universitäten und wissenschaftlicher Einrichtungen nach. Die Clusterprojekte ENABLE, ELEMENTS und ConTrust werden mit 20,7 Millionen Euro vom Land Hessen und in gleicher Höhe von der Goethe-Universität und den beteiligten Partnern gefördert und ermöglichen die Vorbereitung auf die nächste Exzellenzstrategie von Bund und Ländern. Darüber hinaus sind Forscher*innen der Goethe-Universität an zwei weiteren Clusterprojekten („3AI“, TU Darmstadt, und „The Adaptive Mind“, JLU Gießen) beteiligt.

FRANKFURT. Die heutige Bekanntgabe zur Förderung dreier Clusterprojekte unter Federführung der Goethe-Universität sieht der Präsident, Prof. Dr. Enrico Schleiff, als sehr wichtigen Meilenstein auf dem Weg in die nächste Runde der Exzellenzstrategie: „Dass wir diese wichtigen Fördermittel einwerben und zusammen mit unseren Partnern alle drei Anträge zum Erfolg führen konnten, ist ein Beleg für die Forschungsstärke der Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit unseren Partnern. Hier zeigt sich, dass wir in unseren Forschungsschwerpunkten kreative Ideen entwickeln und umsetzen. Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir mit den drei Clusterprojekten in der biomedizinischen Grundlagen- und Translationsforschung, der Astro- und Teilchenphysik und der interdisziplinären Erforschung der Dynamiken des politischen Zusammenlebens eine ausgezeichnete Grundlage, um exzellente Forschung voranzutreiben: die wichtigste Voraussetzung für eine optimale Positionierung für die nächste Runde der Exzellenzstrategie. Besonders betonen möchte ich, dass mit einem gemeinschaftlichen Cluster und der Beteiligung von Kollegen der Goethe-Universität an einem zweiten Cluster aus Darmstadt auch das Fundament für den Verbund der Rhein-Main-Universitäten gestärkt wird. Ich beglückwünsche alle beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu diesem großartigen Erfolg.“

Das Geheimnis des politischen Zusammenlebens
Konflikte sind in Gesellschaften nicht nur unvermeidbar; sie sind für demokratisches Zusammenleben und gesellschaftlichen Fortschritt unabdingbar. Doch wie können die Konfliktparteien sicher sein, dass sie sich nicht auf ungeschütztes Terrain begeben, dass der Streit nicht zerstörerisch wird? Das Geheimnis des gesellschaftlichen Zusammenhalts, davon geht das am Zentrum Normative Ordnungen angesiedelte Forschungsvorhaben ConTrust aus, ist Vertrauen, das im und durch Konflikt gebildet und gefördert wird – und nicht jenseits davon. Die beteiligten Forscherinnen und Forscher wollen neue Wege beschreiten, indem sie Vertrauen nicht als Gegenbegriff zum Begriff des Konflikts sehen, sondern als Element desselben. Bei der empirischen und normativen Erforschung des Zusammenhangs zwischen den beiden Begriffen sollen disziplinäre Grenzen überschritten, neue Methoden erarbeitet und angewendet werden. Dabei soll es auch um neue Qualitäten der Ungewissheit gehen, die nicht zuletzt in der Corona-Krise zutage traten. Ziel ist eine Diagnostik der Dynamik von Vertrauen und Misstrauen in Konfliktsituationen. ConTrust wird mit 4,8 Millionen Euro aus Landesmitteln und 4,9 Millionen Euro Eigenanteil der Goethe-Universität und des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung gefördert.

Die Materie in Neutronensternen
Neutronensterne stehen im Fokus des Clusterprojekts ELEMENTS. Neutronensterne sind die Überreste gewaltiger Sternenexplosionen (Supernovae) und gehören zu den extremsten Objekten im Universum: Materie ist in ihrem Kern so stark verdichtet, dass sie Berechnungen zufolge sogar als Quark-Gluon-Plasma vorliegen könnte – als Materie, die in ihre elementaren Bestandteile aufgelöst ist. Neutronensterne verursachen – wie schwarze Löcher – Raum-Zeit-Krümmungen, und wenn zwei Neutronensterne miteinander verschmelzen, entstehen schwere chemische Elemente und Gravitationswellen, die auf der Erde gemessen werden können. Durch die Beobachtung solcher astrophysikalischer Phänomene, durch theoretische Berechnungen und durch Experimente, die zum Beispiel an den Beschleunigern des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung und der dort entstehenden neuen Beschleunigeranlage FAIR gemacht werden, wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von ELEMENTS neue Erkenntnisse über den Aufbau und die Beschaffenheit von Materie gewinnen und darüber, wie Elemente wie zum Beispiel Gold im Universum hergestellt wurden. Forschungsstrategisch knüpft ELEMENTS an die enge Kooperation der Goethe-Universität und der TU Darmstadt im Verbund der Rhein-Main-Universitäten an. ELEMENTS wird mit 7,9 Millionen Euro aus Landesmitteln und 8 Millionen Euro Eigenanteil der Goethe-Universität und der Mitantragsteller gefördert.

Warum Zellen die Balance verlieren
Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich der Biomedizin erfordern einen schnelleren Transfer grundlegender Erkenntnisse in die klinische Forschung und Anwendung. Innerhalb des Clusterprojektes ENABLE werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysieren, wie deregulierte zelluläre Signalwege die Entstehung und den Verlauf von Erkrankungen beeinflussen. Sie wollen verstehen, wie bakterielle und virale Pathogene mit ihren Wirtszellen interagieren, welche Immunantworten hierdurch ausgelöst werden und wie es nachfolgend zu Gewebeschäden und Erkrankungen kommt. Basierend auf diesem Wissen wollen sie therapeutische Strategien gegen neu auftretende Viren wie SARS-CoV-2 oder gegen Antibiotika-resistente Bakterien entwickeln. Im Zentrum des Interesses stehen darüber hinaus Entzündungsreaktionen, die den Verlauf und Therapieerfolg nicht nur bei Infektionen, sondern bei vielen komplexen Erkrankungen mitbestimmen, unter anderem bei solchen des Immunsystems oder bei Krebs. Um seine Ziele zu erreichen, setzt das ENABLE-Konsortium auf enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und modernste Technologien sowie neue chemische und biologische Tools, die es erlauben, zelluläre Funktionen mit ungekannter Präzision zu analysieren. ENABLE wird mit 8 Millionen Euro aus Landesmitteln und 9,1 Millionen Euro Eigenanteil der Goethe-Universität und der Mitantragsteller gefördert.

Künstliche Intelligenz und menschlicher Geist
An zwei Clusterprojekten zur Künstlichen Intelligenz und zur Erforschung menschlichen Verhaltens ist die Goethe-Universität beteiligt: Im Clusterprojekt 3AI (TU Darmstadt, 5,2 Millionen Euro Landesmittel) wird es um Systeme Künstlicher Intelligenz (KI) gehen, die sich mit menschenähnlichen Fähigkeiten an neue Systeme anpassen können. Im Clusterprojekt The Adaptive Mind (JLU Gießen, Philipps-Universität Marburg, TU Darmstadt, 7,4 Millionen Euro Landesmittel) untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie der Mensch seine mentalen Leistungen einerseits kontinuierlich an die Umwelt anpasst, andererseits aber gegenüber kurzzeitigen Änderungen stabil bleibt.

Bilder zum Download:
http://www.uni-frankfurt.de/97191339

Bildtexte:
Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Sprecherin ConTrust. Foto: Uwe Dettmar für Goethe-Universität
Prof. Dr. Rainer Forst, Sprecher ConTrust. Foto: Frank Röth für Goethe-Universität
Prof. Dr. Luciano Rezzolla, Sprecher ELEMENTS. Foto: Jürgen Lecher, Goethe-Universität
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Norbert Pietralla, Sprecher ELEMENTS. Foto: TU Darmstadt
Prof. Dr. Maike Windbergs und Prof. Dr. Ivan Đikić, Sprecherin und Sprecher ENABLE. Foto: Nathalie Jung, Goethe-Universität

Weitere Informationen:

Clusterprojekt ConTrust
Vertrauen im Konflikt. Politisches Zusammenleben unter Bedingungen der Ungewissheit

Sprecher:innen:
Prof. Dr. Nicole Deitelhoff
Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität (i.G.) und
Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)
Tel: +49 (69) 798-31444
deitelhoff@hsfk.de

Prof. Dr. Rainer Forst
Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität (i.G.)
Tel: +49 (69) 798-31540
forst@em.uni-frankfurt.de

Antragsteller:
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Mitantragsteller:
Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)
Beteiligte Einrichtungen:
Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt Frankfurt a.M.
Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt am Main
Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main
Forschungskolleg Humanwissenschaften, Bad Homburg
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main
Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Heidelberg
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Technische Universität Darmstadt
Hessisches Kompetenzzentrum für verantwortungsbewusste Digitalisierung, Darmstadt
Universität Mannheim

Clusterprojekt ELEMENTS -
Exploring the Universe from microscopic to macroscopic scales

Sprecher:
Prof. Dr. Luciano Rezzolla
Institut für Theoretische Physik
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +49 (69) 798-47871
rezzolla@itp.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Norbert Pietralla
Technische Universität Darmstadt
Tel: + 49 (6151) 16 23540
pietralla@ikp.tu-darmstadt.de

Antragsteller:
Goethe-Universität Frankfurt
Mitantragsteller:
Technische Universität Darmstadt
Justus-Liebig-Universität Gießen
GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, Darmstadt

Clusterprojekt ENABLE - 
Unraveling mechanisms driving cellular homeostasis, inflammation and infection to enable new approaches in translational medicine

Sprecher:innen:

Prof. Dr. Ivan Đikić
Institut für Biochemie II, Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt und Buchmann-Institut für molekulare Lebenswissenschaften
Tel: +49 (0) 69 6301-5964,
dikic@biochem2.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Maike Windbergs
Goethe-Universität Frankfurt
Institute für Pharmazeutische Technologie und Buchmann-Institut für molekulare Lebenswissenschaften
Tel: +49 (0) 69 798-42715
windbergs@em.uni-frankfurt.de

Antragsteller:
Goethe-Universität Frankfurt
Mitantragsteller:
Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), Frankfurt a. M.
Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology, Branch Translational
Medicine and Pharmacology (Fraunhofer IME-TMP), Frankfurt a. M.
Georg-Speyer-Haus (GSH), Institute for Tumor Biology and Experimental Therapy, Frankfurt a. M.
Max Planck Institute of Biophysics (MPI-BP), Frankfurt a. M.
Beteiligte Einrichtungen:
Max Delbrück Center for Molecular Medicine, Berlin
Max Planck Institute for Heart and Lung Research, Bad Nauheim
Max Planck Institute of Molecular Cell Biology and Genetics, Dresden

 

Jan 29 2021
10:32

Mit dem „Kommunalwahlkompass“ können sich Bürgerinnen und Bürger die Positionen der Parteien zu wichtigen Themen erschließen. Gemeinsames Projekt der Goethe-Universität, TU Darmstadt und Uni Oldenburg 

Orientierungshilfe für die Hessische Kommunalwahl 

FRANKFURT. Mit Hilfe des Online-basierten „Kommunalwahlkompasses“ können interessierte Bürgerinnen und Bürger ihre Positionen zu wichtigen Themen der Kommunalpolitik mit den entsprechenden Positionen der Parteien vergleichen. Sie erhalten als Ergebnis eine Rangliste der ihnen sachpolitisch nahestehenden Parteien und können sich darüber hinaus über die Begründungen der Parteien informieren sowie über die Kandidaten und Kandidatinnen, die von den Parteien zur Wahl aufgestellt sind. Ab dem 15. Februar wird das Angebot in 34 Gemeinden Hessens verfügbar sein.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben die subjektive Wahrnehmung entwickelt, dass sich die etablierten politischen Parteien kaum noch unterscheiden und dass ihre Interessen keine Berücksichtigung in der Politik finden. Wie in einigen Studien nachgewiesen wurde, können Online-Wahlhilfen zur politischen Orientierung und Urteilsbildung der Wählerinnen und Wähler in zunehmend abgekoppelten und unübersichtlichen Wettbewerbsmärkten beitragen. Die Idee, einen Kommunalwahlkompass zu entwickeln, entstand aus der Beobachtung, dass Online-Wahlhilfen auf der kommunalen Ebene bislang kaum genutzt wurden, obwohl gerade hier das politische Angebot durch die spezifischen lokalen Parteiensysteme und das personalisierte Kommunalwahlrecht besonders schwach strukturiert ist. Das Projekt wird von einem Team durchgeführt, das aus Prof. Thomas Zittel, Politikwissenschaftler der Goethe-Universität, PD Dr. Christian Stecker (TU Darmstadt), Dr. Michael Jankowski (Uni Oldenburg) und zahlreichen Studierenden besteht. Neben der Information der Wählerinnen und Wähler verspricht das Projekt auch wissenschaftliche Erkenntnisse, z. B. über Reichweite und Erfolgsbedingungen von Online-Wahlhilfen.

Mit dem Kommunalwahlkompass wird erstmals eine Online-Wahlhilfe für die kommunale Ebene in der Fläche angeboten, die viele große und kleine Gemeinden aus verschiedenen Kreisen berücksichtigt. So sind neben Großstädten wie Frankfurt am Main oder Wiesbaden auch kleinere Städte wie Zwingenberg oder Biedenkopf vertreten. Der Kommunalwahlkompass besteht aus etwa 30 Thesen, die Grundlage des Vergleichs zwischen den Positionen der Wählerinnen und Wählern einerseits und der Parteien andererseits sind. Darunter befinden sich zum einen kommunenspezifische Thesen, die ganz konkrete Probleme in einer Kommune aufgreifen, und zum anderen Brückenthesen, die zu allgemein kommunalpolitischen Themen in allen Gemeinden gleich erfragt werden sollen. Darüber hinaus bietet der Kommunalwahlkompass auch Informationen zu den Kandidatinnen und Kandidaten, was angesichts eines personalisierten Wählens in der Kommunalpolitik als wichtige Zusatzfunktion konzipiert wurde.

Das Projekt wird von zahlreichen Organisationen unterstützt, insbesondere von der Landeszentrale für Politische Bildung Hessen, der Digitalstadt Darmstadt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Evangelischen Akademie Frankfurt. Die technische Umsetzung wird maßgeblich vom Institut für Informatik der Universität Oldenburg begleitet (OFFIS). Sie basiert auf einem transparenten Open-Source-Softwareprojekt, das von Till Sanders entwickelt wurde. Mehr zum Projekt unter http://www.kommunalwahlkompass.de/

Kontakt:
Prof. Dr. Thomas Zittel, Institut für Politikwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt, Tel. (069) 798-36678; zittel@soz.uni-frankfurt.de

PD Dr. Christian Stecker, Institut für Politikwissenschaft, TU Darmstadt, Tel. (06151) 16-57355; christian.stecker@tu-darmstadt.de

 

Jan 29 2021
09:52

Ethnologin an der Goethe-Universität erforscht die Auswirkungen der Pandemie auf informelle Märkte im Kaukasus und Zentralasien

Schwierige Zeiten für reisende Händler

Seit dem Ende der Sowjetunion haben sich im Kaukasus zahlreiche neue, eher informelle Handelswege herausgebildet: Günstige Ware wird in China oder in der Türkei persönlich geordert und in Georgien oder Armenien auf Märkten verkauft. Dazu forscht an der Goethe-Universität seit 2016 die Ethnologin PD Dr. Susanne Fehlings. Was macht Corona mit diesem Geschäftsmodell, das vielen Menschen das Überleben sichert? Dazu startet jetzt ein Zusatzmodul, das wie das gesamte Projekt von der VolkswagenStiftung finanziert wird.

FRANKFURT. Ökonomie im kleinen Maßstab – dafür interessiert sich die Ethnologin PD Dr. Susanne Fehlings vom Frobenius-Institut. Sie ist Initiatorin und Sprecherin des internationalen Forschungsprojekts „Informal Markets and Trade in Central Asia and the Caucasus“, das seit 2016 lokale Basare und die Handelsgepflogenheiten von reisenden Kleinhändlern z.B. zwischen Kaukasus und China unter die Lupe nimmt.  Im Februar startet das Zusatzmodul „The Immediate Consequences and Projected Long-Term Impact of the Corona Crisis on Informal Markets and Trade in Eurasia“. Dafür hat die VolkswagenStiftung für 18 Monate 120.000 Euro bewilligt.

Während zur Zeit der Sowjetunion die staatliche Planwirtschaft Unternehmertum grundsätzlich unterdrückte, boomten nach deren Ende Märkte, die weder erfasst noch reguliert werden und sich insofern auch statistischen Untersuchungen entziehen. Wie diese Märkte funktionieren, wie sich Händler verhalten und wie persönliche Beziehungen zum Tragen kommen, damit befasste sich Fehlings auch in ihrer Habilitationsschrift, die im Rahmen des Projekts entstanden ist. 2020 hat die Stiftung eine Anschlussförderung zur Erforschung der sich verändernden Rolle Chinas bewilligt. 

In diesem halblegalen, vom Staat misstrauisch beäugten Segment sei es nicht leicht, Menschen für eine ethnologische Forschung zu gewinnen, sagt Fehlings. Dennoch konnte sie über drei Jahre hinweg eine umfangreiche Fallstudie erstellen. Sie begleitete eine Händlergruppe in Georgien über mehrere Jahre, flog mit ihnen für drei Wochen nach China, wo es um Schuhe und Kleidung ging. „Für mich waren nicht nur die Abläufe des Handels selbst interessant, sondern vor allem auch das Drumherum“, sagt sie. Gerade Zwischenmenschliches spiele eine große Rolle. Virtuelle Kommunikation werde zwar genutzt, besonders in der Coronazeit. „Den physischen Kontakt ersetzt es aber nicht. Nicht nur, wenn es darum geht, die Ware auszusuchen; auch Geschenke kann man nur in Präsenz überreichen“, so Fehlings. Wie sich die Bedingungen für die Händler in der Pandemiezeit geändert hat und wie sie damit umgehen, darüber soll das neue Modul Aufschluss geben, dass offiziell am 1. Februar startet.

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/97101469

Bildtexte:
Bild 1: Straßenhändler in Tbilisi, 2016 (Foto: Susanne Fehlings)
Bild 2: Georgischer Händler in Beijing, 2017 (Foto: Susanne Fehlings)
Bild 3: Bazar in Tbilisi, 2016 (Foto: Susanne Fehlings)

Weitere Informationen
PD Dr. Susanne Fehlings
Projektleiterin
Frobenius Institut
Goethe-Universität
Telefon 0176-31284456
E-Mail Susanne.fehlings@gmx.net
Homepage: https://www.frobenius-institut.de/assoziierte-wissenschaftler/53-assoziiert/711-dr-susanne-fehlings

Weitere Projektmitglieder:
Hasan Karrar, LUMS, Pakistan
Hamlet Melkumyan, Armenische Akademie der Wissenschaften, Armenien
Yulia Antonyan, Staatliche Universität Yerevan, Armenien
Zviad Mirtskhulava, Tbilisi State University, Georgien
Ana Ramazashvili, Tbilisi State University, Georgien
Philippe Rudaz, Schweiz
Ketevan Khutsishvili, Tbilisi State University, Georgien
John Schoeberlein, Nazarbayev University, Kasachstan
Gulniza Taalaibekova, Frobenius Institut, Frankfurt am Main, Deutschland

Nur zeitweise:
Aigerim Sarsenbayeva
Meiiram Baltas
Arman Mussin.

 

Jan 28 2021
13:44

Neuer Schwerpunkt am Forschungskolleg Humanwissenschaften untersucht die Potentiale und die Anfechtungen der Demokratie in der Atlantischen Welt 

„Democratic Vistas. Reflections on the Atlantic World” 

BAD HOMBURG, FRANKFURT. Seit einhundert Jahren sind die Begriffe „Atlantische Welt“ und „Demokratie“ eng miteinander verbunden. Dies geht auf den amerikanischen Publizisten Walter Lippmann zurück, der den Begriff „Atlantic World“ prägte, um eine transatlantische Gemeinschaft zu beschwören, die sich der Verteidigung von Demokratie und Freiheit verpflichtet fühlte. Diese „atlantischen“ Ideale aber wurden von jeher angefochten und bedroht. So zeigen die jüngsten Ereignisse in den USA die Fragilität wie auch die Stärke der Demokratie gleichermaßen: Am 6. Januar stürmte ein Mob das Kapitol, um die Legitimität der demokratischen Macht zu verhöhnen – und nur vierzehn Tage später wurde das Kapitol mit der Feier zur Inauguration des neuen Präsidenten zum Sinnbild für die Stärke und Offenheit der Demokratie in der Gegenwart.

Mit diesen aktuellen Bildern vor Augen startet nun das Forschungskolleg Humanwissenschaften einen neuen Forschungsschwerpunkt „Democratic Vistas. Reflections on the Atlantic World“. „Damit möchte das Kolleg“, wie der Direktor Prof. Matthias Lutz-Bachmann betont, „den Diskurs ‚über den Atlantik hinweg' vertiefen – einen Diskurs, den das Kolleg seit seiner Gründung vor zehn Jahren führt, zuletzt intensiv im Rahmen der Bad Homburg Conference im Oktober 2020, die sich der Zukunft der transatlantischen Beziehungen widmete.“

Das Konzept des Forschungsschwerpunktes wurde federführend von Johannes Völz entwickelt, Professor für Amerikanistik an der Goethe-Universität und seit 2019 Mitglied im Direktorium des Forschungskollegs Humanwissenschaften. „Mit dem Titel des neuen Forschungsschwerpunktes greifen wir Gedanken von Walt Whitman auf, die er 1871 in seinem Essay ‚Democratic Vistas' formulierte. Whitman fasste die Demokratie als ein Experiment im Streben nach Freiheit und Gleichheit auf. Doch Experimente könnten auch scheitern. Das Gespenst der Tyrannei, so Whitman, ist die Kehrseite der kollektiven Selbstgestaltung. Genau das können wir heute beobachten: Auf der einen Seite stehen die Populismen, die Demokratien auf der ganzen Welt bedrohen, auf der anderen die starken und beeindruckenden Befreiungsbewegungen, etwa in Belarus. Whitman wusste noch etwas anderes: ‚Demokratie' bezeichnet nicht den Ist-Zustand eines politischen Systems, sondern eine Aspiration, eben einen Ausblick auf eine andere Zukunft. Die Demokratie zu beschwören, verlangt deshalb, seinen eigenen Blick zu weiten. Das prägt auch unsere Sicht am Forschungskolleg: wir beschränken die ‚Atlantische Welt' nicht auf das Bündnis zwischen Nordamerika und Europa, sondern beziehen sowohl die Nord-Süd-, als auch die Ost-West-Achse bewusst mit ein“.  

Unter der Leitung von Völz und seinem Frankfurter Kollegen Gunther Hellmann, Professor für Politikwissenschaft, bringt „Democratic Vistas“ eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftler*innen der Goethe-Universität sowie internationale und regionale Partner aus den Feldern Geschichte, Internationale Beziehungen, Recht, Literatur, Medienwissenschaft, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Philosophie, politische Theorie, Religionswissenschaft, Sozialpsychologie und Soziologie zusammen.

Eröffnet wird der Forschungsschwerpunkt mit einer digitalen Podiumsdiskussion am Donnerstag, dem 18. Februar 2021, um 17.00 Uhr. Masha Gessen (New York), Shalini Randeria (Wien) und Sławomir Sierakowski (Warschau) diskutieren zum Thema „Democratic Vistas, Autocratic Specters: Must We Reinvent Democracy?“

Weitere Informationen über den Forschungsschwerpunkt, seine Mitglieder und über die die Eröffnungsveranstaltung finden sich auf der Webpage des Forschungskollegs Humanwissenschaften: www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de

Kontakt
Iris Helene Koban, Geschäftsführerin des Forschungskollegs Humanwissenschaften, Tel. (06172) 13977-0; i.koban@forschungskolleg-humanwissenschaften.de; Prof. Dr. Johannes Völz, voelz@em.uni-frankfurt.de.

 

Jan 28 2021
10:41

Mehr als 2000 Groß- und Kleinspender ermöglichen zahlreiche Forschungsprojekte an Goethe-Universität und Universitätsklinikum Frankfurt zur Bewältigung der Pandemie 

Goethe-Corona-Fonds erreicht 5-Millionen-Euro-Marke

Knapp zehn Monate nach dem ersten Spendenaufruf von Goethe-Universität und Universitätsklinikum Frankfurt hat der Goethe-Corona-Fonds die angestrebte 5-Millionen-Euro-Marke überschritten. Die Idee des Goethe-Corona-Fonds stammt aus den ersten Tagen der Pandemie: Sofort und unbürokratisch sollten Forscherinnen und Forscher durch Spenden unterstützt werden, ihren Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise zu leisten. Kräfte bündeln und kompetent helfen – mehr als 2000 Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen haben dieses Ziel inzwischen unterstützt.

FRANKFURT. „Mir hat das Spenden für die Forschung dabei geholfen, mich in den ersten Tagen der Corona-Krise nicht mehr so ohnmächtig zu fühlen. Ich konnte etwas Sinnvolles tun“, erklärt Raina Jockers, eine der mehr als 2000 Spenderinnen und Spender für den Goethe-Corona-Fonds, ihre Initiative. So wie die Absolventin der Goethe-Universität fühlen vermutlich viele. Mehr als die Hälfte der Spender zahlte zwischen 10 und 100 Euro in den Fonds ein. Die kleinste Spende, eine „payback-Spende“, lag bei 2 Cent, die größte umfasste nahezu eine Million Euro.

Die erstmals von der Universität genutzte gemeinnützige Online-Spendenplattform betterplace.org erreichte nicht nur Frankfurter Bürgerinnen und Bürger sowie regionale Stiftungen und Unternehmen. Der Aufruf zog weite Kreise über das Rhein-Main-Gebiet hinaus – aus Hamburg und München trafen ebenso Spenden ein wie aus den USA. Dass auf der Spenden-Plattform regelmäßig über die Arbeit der Wissenschaftler berichtet wird, mag manche motiviert haben, dabei zu bleiben: So speist ein anonymer Spender den Corona-Fonds monatlich mit 20 Euro.

„In der Pandemie wollten wir mit dem helfen, was wir am besten können: mit unserer Forschung“, sagt Prof Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität. „Also sind wir mit unserer Spendenkampagne einfach ins kalte Wasser gesprungen und haben uns ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: 5 Millionen Euro Spendengelder. Dass wir nun, noch nicht einmal ein Jahr nach dem ersten Spendenaufruf, die 5-Millionen-Marke erreicht haben, macht uns tief dankbar. Viele private Spender, aber auch Stiftungen und Unternehmen haben sich großzügig gezeigt. Sie haben Forschung unterstützt, die uns allen hilft, und so andere Menschen in der Pandemie im Blick behalten. Das sollte uns wirklich Mut machen für den langen Weg, der noch vor uns liegt.“

Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Goethe-Universität und Universitätsklinikum diente der Goethe-Corona-Fonds als Starthilfe. Mittlerweile haben viele zusätzliche Mittel rund um die Erforschung von SARS-CoV-2 eingeworben. Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek und die Infektiologin Prof. Dr. Maria Vehreschild beispielsweise sind heute Teil des EU-geförderten CARE-Konsortiums. Sandra Ciesek gehört dank ihrer Erfolge in der Arzneimittelforschung inzwischen zu den prominentesten Corona-Forscherinnen Deutschlands. Maria Vehreschild sammelte als eine der Ersten systematisch klinische Daten und Proben von COVID-19 Patienten und belieferte mit ihren Proben Impf- und Medikamentenforscher in ganz Deutschland; inzwischen ist ihre Datenbank in einer gesamtdeutschen Biobank aufgegangen.

Doch auch Forscherinnen und Forscher aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachgebieten haben vom Goethe-Corona-Fonds profitiert. Mehr als 40 Projekte werden inzwischen gefördert – darunter auch das Corona-Krisentelefon und Studien des Psychologen Prof. Dr. Ulrich Stagnier zu den psychischen Folgen der Pandemie.

Das jüngste vom Corona-Fonds geförderte Projekt widmet sich der Arbeitssituation der besonders beanspruchten Pflegefachpersonen sowie Ärztinnen und Ärzte in der COVID-19-Versorgung in hessischen Kliniken. Das Kooperationsprojekt von Universitätsklinikum Frankfurt und der Evangelischen Hochschule in Darmstadt überprüft zunächst die Auswirkungen auf die Beschäftigten. Aus den Ergebnissen sollen Empfehlungen für Führungskräfte und Beschäftigte der Pflege sowie konkrete Angebote der betrieblichen Gesundheitsförderung abgeleitet werden. Aktuell startet die Auswertung der ersten Teilstudie des Projektes.

Weitere Spenden möglich unter: https://www.goethe-corona-fonds.betterplace.org und
Spendenkonto: Landesbank Hessen-Thüringen
IBAN: DE95 5005 0000 0001 0064 10
Verwendungszweck: Goethe-Corona-Fonds 

 

Jan 27 2021
12:59

Internationales Forscherteam untersucht die Bindungskinetik von Kinase-Hemmern – Cell Chemical Biology, DOI: 10.1016/j.chembiol.2021.01.003

Pharmaforschung: Wenn sich Wirkstoff und Zielprotein „umarmen“

Wie sich die Passform bestimmter Wirkstoffe optimieren lässt, damit sie länger an ihre Zielproteine binden und damit eine stärkere pharmakologische Wirkung entfalten, haben jetzt Wissenschaftler:innen der Goethe-Universität Frankfurt zusammen mit Kolleg:innen aus Darmstadt, Heidelberg, Oxford und Dundee (UK) am Bespiel so genannter Kinase-Hemmstoffe untersucht. Solche Stoffe werden vielfach in der Krebstherapie eingesetzt. Das Ergebnis: Besonders lange dauert die „Umarmung“ von Hemmstoff und Protein, wenn sich das Protein an den Hemmstoff „anschmiegt“. Künftig wollen die Forscher:innen mit Computersimulationen die Bindedauer von Substanzen vorhersagen.

FRANKFURT. Viele Krebsmedikamente blockieren in Krebszellen Signale, mit deren Hilfe sich entartete Zellen unkontrolliert vermehren und aus dem Gewebeverband herauslösen. So führt zum Beispiel die Blockade des Signalproteins FAK, einer sogenannten Kinase, dazu, dass bestimmte Brustkrebszellen weniger beweglich werden und somit weniger stark metastasieren. Das Problem: Wenn FAK durch einen Hemmstoff blockiert wird, wird das nahe verwandte Signalprotein PYK2 viel aktiver und übernimmt so einen Teil der Aufgaben von FAK. Ideal wäre daher ein Hemmstoff, der in gleicher Weise sowohl FAK wie auch PYK2 möglichst langanhaltend inhibiert.

Ein internationales Team um den Pharmakochemiker Prof. Stefan Knapp von der Goethe-Universität hat eine Reihe eigens synthetisierter FAK-Hemmstoffe untersucht. Alle Hemmstoffe banden ungefähr gleich schnell an das FAK-Signalprotein. Sie unterschieden sich jedoch in der Dauer der Bindung: Der wirksamste Hemmstoff blieb am längsten mit dem FAK-Signalprotein verbunden.

In biochemischen und molekularbiologischen Analysen sowie Computersimulationen fand das Forschungsteam heraus, dass hierfür die Art der Wechselwirkung zwischen FAK-Signalprotein und Hemmstoff verantwortlich ist. Durch die Bindung des Wirkstoffs verändert das FAK-Signalprotein seine Form und bildet an einer der Kontaktstellen eine bestimmte, wasserabweisende Struktur aus. Diese veränderte (induzierte) FAK-Struktur bindet besonders gut an eine ebenfalls wasserabweisende Struktur des Hemmstoffs, vergleichbar einer innigen Umarmung.

Das Schwesterprotein PYK2 hingegen bleibt vergleichsweise steif, und obwohl der wirksamste FAK-Hemmstoff auch PYK2 blockierte, war sein Effekt hier deutlich schwächer.

Den Forscher:innen gelang es, das Bindungsverhalten der Inhibitoren in Computersimulationen zu modellieren und so eine Methode zu entwickeln, mit deren Hilfe sich künftig in der pharmazeutischen Forschung Wirkstoffkandidaten optimieren lassen.

Prof. Stefan Knapp erklärt: „Weil wir jetzt die molekularen Mechanismen der Interaktion von potenten Hemmstoffen dieser zwei Kinasen besser verstanden haben, hoffe wir, künftig anhand von Computersimulationen die Verweildauer potenzieller Wirkstoffe besser vorhersagen zu können. Die Verweildauer von Wirkstoffen wurde bisher nur wenig beachtet. Diese Eigenschaft hat sich jedoch als wichtiger Parameter für die Entwicklung von effektiven Wirkstoffen entpuppt, die nicht nur spezifisch, sondern auch langanhaltend ein oder mehrere Zielproteine – wie im Fall von FAK und PYK2 – hemmen sollen.“


Publikation: Benedict-Tilman Berger, Marta Amaral, Daria B. Kokh, Ariane Nunes-Alves, Djordje Musil, Timo Heinrich, Martin Schröder, Rebecca Neil, Jing Wang, Iva Navratilova, Joerg Bomke, Jonathan M. Elkins, Susanne Müller, Matthias Frech, Rebecca C. Wade, Stefan Knapp: Structure-kinetic relationship reveals the mechanism of selectivity of FAK inhibitors over PYK2. Cell Chemical Biology https://doi.org/10.1016/j.chembiol.2021.01.003

Die Arbeiten sind im Rahmen des Public Private Partnerships K4DD (Kinetics for Drug Discovery) der Innovative Medicinces Initiatives (IMI) entstanden. https://www.k4dd.eu/home/

Bilder zum Download:
Mit und ohne Bildbeschriftung: http://www.uni-frankfurt.de/96999809

Bildtext:
Oben: Lange Bindungsdauer. Ein Inhibitor (links: Stäbchenmodell) bindet an das Signalprotein FAK (rechts: ein Teil des FAK-Proteins dargestellt als Kalottenmodell mit Halbkugeln). Die strukturellen Veränderungen in FAK verursachen wasserabweisende Kontakte (gelb, so genanntes DFG-Motiv) und eine lang anhaltende Bindung.
Unten: Kurze Bindungsdauer. Das PYK2-Signalprotein ändert seine Struktur nicht, was zu einer schnellen Dissoziation des Inhibitors führt. Grafik: Knapp Laboratory, Goethe-Universität Frankfurt

Weitere Informationen
Prof. Dr. Stefan Knapp
Institut für Pharmazeutische Chemie
Goethe-Universität Frankfurt
knapp@pharmchem.uni-frankfurt.de

 

Jan 27 2021
12:01

Elvira Mass erhält renommierte Auszeichnung für Erkenntnisse zur Organentwicklung bei der Maus 

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2021 

Die Weichen für die Gesundheit der Organe werden offensichtlich schon im frühen Embryo gestellt. Die diesjährige Nachwuchspreisträgerin hat gezeigt, dass spezialisierte Immunzellen aus dem Dottersack die Entwicklung der Organe begleiten und zeitlebens zur Gesunderhaltung beitragen. Damit bestimmen diese Zellen mit über das Funktionieren der Organe. Für Elvira Mass liegt in der eingeschränkten Funktion dieser Zellen eine mögliche Ursache für viele Erkrankungen.

FRANKFURT am MAIN. Der mit 60.000 Euro dotierte Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2021 geht an die Entwicklungsbiologin Professorin Elvira Mass vom Life and Medical Sciences Institut (LIMES) der Universität Bonn. Die Preisverleihung in der Paulskirche, die traditionell am 14. März, dem Geburtstag von Paul Ehrlich, mit einem Festakt gefeiert wird, fällt in diesem Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Die Ehrung der Nachwuchspreisträgerin wird im kommenden Jahr zusammen mit den Preisträgern 2022 nachgeholt werden.

Damit die Organe gesund und leistungsfähig bleiben, muss das Gewebe ständig nach Auffälligkeiten durchforstet werden. Bis vor wenigen Jahren galt die Auffassung, dass diese Aufgabe von Immunzellen aus dem Knochenmark übernommen wird. Mass hat in einer Reihe eleganter Experimente gezeigt, dass diese Zellen auf Vorläuferzellen im Dottersack zurückgehen, der den Embryo bis zur Ausbildung der Placenta ernährt und dann abgebaut wird. Die Vorläuferzellen wandern aus dem Dottersack in die entstehenden Organe, begleiten deren Entwicklung und bleiben auch nach der Geburt ein Leben lang präsent. Woher sie diese Langlebigkeit nehmen, ist bislang ein Rätsel.

Bei den Immunzellen handelt es sich um sogenannte Gewebe-Makrophagen, also um Fresszellen des angeborenen Immunsystems. Ihre primäre Aufgabe besteht darin, aufzuräumen und alles zu beseitigen, was nicht zu einem gesunden Organ gehört. Allerdings produzieren sie auch Botenstoffe und schaffen Nährstoffe herbei, sodass sie auch dafür sorgen, dass Neues entsteht.

„Die besondere Leistung von Elvira Mass besteht in einem wichtigen Perspektivenwechsel beim Blick auf die Funktion von Organen“, schreibt der Stiftungsrat unter Vorsitz von Professor Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, in seiner Begründung. „Wer sich für die Frage interessiert, wie sich Organe entwickeln und was sie gesund erhält, schaut jetzt nicht mehr nur auf das Knochenmark, sondern ebenso auf den Dottersack und damit auf eine ganz andere Population von Makrophagen. Das hat auch Konsequenzen für die Medizin, denn Organerkrankungen könnten auch auf eine Fehlfunktion der Makrophagen-Vorläuferzellen aus dem Dottersack zurückgehen“, so der Stiftungsrat weiter.

Dass dies tatsächlich der Fall ist, hat Mass für einige Organe der Maus gezeigt, zum Beispiel für das Gehirn, wo die ansässigen Makrophagen Mikroglia heißen. Der Hinweis auf eine relevante Fehlfunktion kam aus der Medizin. Es gibt eine Form von Krebs, bei dem sich die Gewebe-Makrophagen unkontrolliert vermehren und bei der die Kranken mit der Zeit Anzeichen für eine Neurodegeneration oder eine Bewegungsstörung entwickeln. Diesen als Histiozytosen bezeichneten Tumoren liegt meistens eine spezielle Mutation zugrunde. Mass hat diese Mutation bei Mäusen in die Vorläuferzellen im Dottersack geschleust und verfolgt, wie sich die Tiere entwickelten. Dabei zeigte sich, dass die mutierten Mikroglia-Zellen nicht mehr ihren angestammten Aufgaben nachgehen, sondern die Nervenzellen in ihrer Nachbarschaft attackieren und beseitigen. Das führte bei den Mäusen früher oder später zu Lähmungen und passt damit zum klinischen Bild einer Histiozytose.

Mit der ihr kürzlich zugesprochenen, begehrten Förderung des Europäischen Forschungsrates wird die Nachwuchspreisträgerin in Zukunft untersuchen, welche Umweltfaktoren die epigenetische Prägung in den Vorläuferzellen des Dottersacks derart verändern, dass sich daraus Konsequenzen für die Gesundheit der Organe ergeben. Dafür wird sie unter anderem den Einfluss von Nanoplastik-Partikeln auf die Makrophagen untersuchen. Teilchen, die kleiner als 500 Nanometer sind, gelangen über die Plazenta ins Blut des Embryos und könnten damit auch der Fürsorge-Funktion der Gewebe-Makrophagen schaden.

Kurzbiographie Professorin Dr. Elvira Mass

Elvira Mass (34) studierte Biologie an der Universität Bonn und promovierte am dortigen Life and Medical Sciences Institut (LIMES). 2014 wechselte sie in das Labor von Frederic Geissmann ans King's College in London und folgte ihm wenige Monate später an das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York. Von dort kehrte sie 2017 als Gruppenleiterin an das LIMES-Institut der Universität Bonn zurück. 2019 wurde sie W2 Professorin für „Integrated Immunology“ an der Universität Erlangen-Nürnberg. 2020 wechselte sie auf eine W2/W3-Professur ans LIMES-Institut. Mass ist mehrfach ausgezeichnet worden. 2020 erhielt sie den Heinz Maier Leibnitz-Preis. Dies ist der bedeutendste Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland.


Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis
Der 2006 erstmals vergebene Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis wird von der Paul Ehrlich-Stiftung einmal jährlich an einen in Deutschland tätigen Nachwuchswissenschaftler oder eine in Deutschland tätige Nachwuchswissenschaftlerin verliehen, und zwar für herausragende Leistungen in der biomedizinischen Forschung. Das Preisgeld von 60.000 Euro muss forschungsbezogen verwendet werden. Vorschlagsberechtigt sind Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen sowie leitende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an deutschen Forschungseinrichtungen. Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch den Stiftungsrat auf Vorschlag einer achtköpfigen Auswahlkommission.

Die Paul Ehrlich-Stiftung
Die Paul Ehrlich-Stiftung ist eine rechtlich unselbstständige Stiftung, die treuhänderisch von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität verwaltet wird. Ehrenpräsidentin der 1929 von Hedwig Ehrlich eingerichteten Stiftung ist Professorin Dr. Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die auch die gewählten Mitglieder des Stiftungsrates und des Kuratoriums beruft. Vorsitzender des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung ist Professor Dr. Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, Vorsitzender des Kuratoriums ist Professor Dr. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Prof. Dr. Wilhelm Bender ist in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität zugleich Mitglied des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung. Der Präsident der Goethe-Universität ist in dieser Funktion zugleich Mitglied des Kuratoriums.

Weitere Informationen
Alle Unterlagen der Pressemappe sowie ein Foto von Professorin Elvira Mass sind unter www.paul-ehrlich-stiftung.de zur Verwendung hinterlegt. Den ausführlichen Lebenslauf, ausgewählte Veröffentlichungen und die Publikationsliste erhalten Sie von Dr. Hildegard Kaulen, Telefon: +49 (0) 6122/52718, E-Mail: h.k@kaulen-wissenschaft.de

Hintergrundinformation zur Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreises 2021 an Professorin Dr. Elvira Mass (PDF)

 

Jan 27 2021
11:46

Michael R. Silverman und Bonnie L. Bassler werden für Entdeckungen zur bakteriellen Kommunikation geehrt

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2021 

Bakterien sind keine Einzelkämpfer. Die Bildung eines Biofilms zum Schutz vor der Immunattacke des Wirtsorganismus oder die Synthese eines Giftstoffs zum Angriff auf den Wirt gelingen nur im Team, nicht als Einzelleistung eines individuellen Bakteriums. Die Einzeller kommunizieren daher miteinander und handeln erst dann gemeinsam, wenn sie eine Zellzahl erreicht haben, die Aussicht auf Erfolg verspricht. Die nötige Information dazu tauschen Bakterien über die von den Preisträgern entdeckten Sprachmoleküle und deren Übermittlungswege aus. Wer also gegen unerwünschte Bakterien vorgehen will, kann deren Absprachen erlauschen und gezielt durchkreuzen.

FRANKFURT am MAIN. Der mit 120.000 Euro dotierte Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2021 geht in diesem Jahr an die Amerikanerin Bonnie L. Bassler von der Princeton University und dem Howard Hughes Medical Institute und den Amerikaner Michael R. Silverman, Emeritus des Agouron Institute in La Jolla. Die beiden werden für ihre bahnbrechenden Entdeckungen zum „Quorum Sensing“ ausgezeichnet. Dieser Begriff bezeichnet die Strategie der bakteriellen Kommunikation. Die Preisverleihung in der Paulskirche, die traditionell am 14. März, dem Geburtstag von Paul Ehrlich, mit einem Festakt gefeiert wird, fällt in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aus. Die Ehrung wird im kommenden Jahr zusammen mit den Preisträgern 2022 nachgeholt.

„Silverman und Bassler haben gezeigt, dass kollektives Verhalten nicht nur die Regel unter vielzelligen Organismen ist, sondern auch unter Bakterien“, schreibt der Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung in seiner Begründung. „Auch Bakterien verständigen sich untereinander, belauschen sich gegenseitig, treffen Absprachen und koordinieren damit ihr Verhalten. Die allgegenwärtige Kommunikation unter Bakterien stellt eine erst durch die Preisträger erkannte Achillesferse dar, die neue Ansätze liefert, Mikroben zu bekämpfen. Statt Bakterien mit Antibiotika zu töten, können nun Substanzen entwickelt werden, die die bakterielle Kommunikation unterbinden. Die Forschung der Preisträger hat damit eine erhebliche Relevanz für die Medizin“, so der Stiftungsrat weiter.

Bakterien sind äußerst kommunikativ. Sie senden und empfangen Signale, um herauszufinden, ob sie allein oder mit vielen Artgenossen vor Ort sind. Gleichzeitig interessieren sie sich auch dafür, ob noch andere Arten anwesend sind und wer das Sagen hat: sie oder die anderen. Für diese Kommunikation wurde der Begriff Quorum Sensing geprägt. Um die Zahl an Bakterien in einer bestimmten Umgebung zu messen, sezernieren Bakterien bestimmte Sprachmoleküle, deren Konzentration mit der Anzahl der Bakterien zunimmt. Überschreitet die Konzentration einen bestimmten Schwellenwert, setzt ein gruppenspezifisches Verhalten ein, das einer Bakteriengemeinschaft neue Eigenschaften verleiht. Durch die Arbeit der Preisträger wissen wir heute, dass dieses Phänomen in der gesamten Welt der Bakterien verbreitet ist.

Silverman hat in den 1980er-Jahren das erste Quorum-Sensing-System bei dem marinen Bakterium Vibrio fischeri entdeckt. Es gelang ihm, die Information für Bildung des Sprachmoleküls Autoinducer-1 und dessen Rezeptor auf andere Bakterien zu übertragen und damit genetisch zu definieren. Vibrio fischeri sorgt mit diesem Sprachmolekül dafür, dass ein Zwergtintenfisch nachts blau-grün leuchtet und dadurch im Mondlicht keinen verräterischen Schlagschatten im flachen Meerwasser wirft. Allerdings erzeugt Vibrio fischeri dieses Licht erst bei hoher Zellzahl. Gemessen wird sie über die Freisetzung von Autoinducer-1, dessen Konzentration direkt mit der Zahl der anwesenden Bakterien in dem Leuchtorgan des Zwergtintenfischs korreliert. Wird ein bestimmter Schwellenwert erreicht – und damit ein gewisses Quorum –, machen die Moleküle kehrt, wandern zurück in die Bakterienzelle und sorgen dafür, dass das Licht angeschaltet wird und der Tintenfisch leuchtet. 

Als Bonnie Bassler Anfang der 1990er-Jahre die Existenz des Quorum Sensings bei dem Bakterium Vibrio harveyi nachweisen wollte, stieß sie auf ein völlig neues Sprachmolekül, dass sie Autoinducer-2 nannte. Sie konnte zeigen, dass dieses Molekül einen anderen Nachrichtenwert hat. Es informiert nicht über das eigene Quorum, sondern über das Quorum der Konkurrenz, denn Bakterien leben selten in Reinkultur wie im Leuchtorgan des Zwergtintenfischs, sondern in Gemeinschaften wie im Darm oder auf der Haut. Der Autoinducer-2 unterrichtet die Bakterien darüber, ob andere Arten vor Ort sind und wer in der Überzahl ist. Letzteres ergibt sich aus dem Verhältnis der Autoinducer-Moleküle zueinander. Damit war gezeigt worden, dass Bakterien viele Sprachen beherrschen und sogar zwischen Freund und Feind unterscheiden können – Leistungen, die wir vom Nerven- und Immunsystem her kennen.

Heute weiß man, dass es Hunderte von Sprachmolekülen und Quorum-Sensing-Systemen gibt. Bonnie Bassler hat in den vergangenen Jahren zudem gezeigt, dass sich auch Viren und die Zellen der Wirtsorganismen in dieses allgegenwärtige bakterielle Palaver einklinken und das Quorum Sensing der Bakterien für ihre Zwecke nutzen. Sie entdeckte zum Beispiel, dass der Schleim des menschlichen Darms von den Bakterien des Mikrobioms dazu benutzt wird, ein Sprachmolekül zu bilden, das krankmachende Bakterien auf Distanz hält. Damit verbündet sich der menschliche Darm über den abgegebenen Schleim mit seinen nützlichen Bakterien im Kampf gegen schädliche oder unerwünschte Keime. Es gibt also auch eine Kommunikation über die verschiedenen Domänen des Lebens hinweg.

„Die Bedeutung der Entdeckungen der beiden Laureaten für die Mikrobiologie und Medizin ist erst kürzlich in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden“, sagt Professor Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg und Vorsitzender des Stiftungsrates. „Erst nach Jahrzehnten zäher Forschungsarbeit und nach vielen herausragenden Publikationen waren die Kritiker davon überzeugt, dass nicht nur Vibrio fischeri und Vibro harveyi die Kunst der bakteriellen Kommunikation beherrschen, sondern wohl alle Bakterien“, so Boehm weiter. „Das hat nicht nur zu einem fundamentalen Perspektivenwechsel in der Bakteriologie geführt, sondern ebenso zu gänzlich neuen Ansätzen in der Antibiotika-Forschung“.

Kurzbiographie Professor Dr. Bonnie L. Bassler Ph.D. (58)

Bonnie Bassler ist Mikrobiologin. Sie studierte an der University of California in Davis Biochemie und promovierte an der Johns Hopkins University in Baltimore. Dem Labor von Michael Silverman am Agouron Institute in La Jolla schloss sie sich 1990 als Postdoc an. Seit 1994 ist sie an der Princeton University. Bonnie Bassler ist Mitglied der National Academy of Sciences, der National Academy of Medicine und der Royal Society. Sie ist Forscherin am Howard Hughes Medical Institute sowie Inhaberin der Squibb-Professur und Leiterin des Instituts für Molekularbiologie an der Universität Princeton. Präsident Obama berief sie für sechs Jahre ins National Science Board der Vereinigten Staaten. Sie hat über zwanzig nationale und internationale Auszeichnungen erhalten.

Kurzbiographie Professor Michael R. Silverman, Ph.D. (77)

Michael Silverman ist ebenfalls Mikrobiologe. Er studierte Chemie und Bakteriologie an der University of Nebraska in Lincoln und promovierte 1972 an der University of California in San Diego. Zwischen 1972 und 1982 machte er entscheidende Entdeckungen zur Mobilität von Bakterien und zur Chemotaxis. Ab 1982 arbeitete er bis zu seinem Ruhestand am Agouron Institute in La Jolla, dessen Mitbegründer er ist.


Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis
Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis wird traditionell an Paul Ehrlichs Geburtstag, dem 14. März, in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Mit ihm werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geehrt, die sich auf den von Paul Ehrlich vertretenen Forschungsgebieten besondere Verdienste erworben haben, insbesondere in der Immunologie, der Krebsforschung, der Hämatologie, der Mikrobiologie und der Chemotherapie. Finanziert wird der seit 1952 verliehene Preis vom Bundesgesundheitsministerium, dem Land Hessen, dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. und durch zweckgebundene Spenden folgender Unternehmen, Stiftungen und Einrichtungen: Else Kröner-Fresenius-Stiftung, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, C.H. Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, Biotest AG, Hans und Wolfgang Schleussner-Stiftung, Fresenius SE & Co. KGaA, F. Hoffmann-LaRoche Ltd., Grünenthal GmbH, Janssen-Cilag GmbH, Merck KGaA, Bayer AG, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH, AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG, die Baden-Württembergische Bank, B. Metzler seel. Sohn & Co. und die Goethe-Universität. Die Preisträger werden vom Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung ausgewählt. Eine Liste der Stiftungsratsmitglieder ist auf der Internetseite der Paul Ehrlich-Stiftung hinterlegt.

Die Paul Ehrlich-Stiftung
Die Paul Ehrlich-Stiftung ist eine rechtlich unselbstständige Stiftung, die treuhänderisch von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität verwaltet wird. Ehrenpräsidentin der 1929 von Hedwig Ehrlich eingerichteten Stiftung ist Professorin Dr. Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die auch die gewählten Mitglieder des Stiftungsrates und des Kuratoriums beruft. Vorsitzender des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung ist Professor Dr. Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, Vorsitzender des Kuratoriums ist Professor Dr. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Prof. Dr. Wilhelm Bender ist in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität zugleich Mitglied des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung. Der Präsident der Goethe-Universität ist in dieser Funktion zugleich Mitglied des Kuratoriums.

Weitere Informationen
Sämtliche Unterlagen der Pressemappe und Fotos der Preisträger sind unter www.paul-ehrlich-stiftung.de zur Verwendung hinterlegt. Der Abdruck ist kostenfrei. Die ausführlichen Lebensläufe, ausgewählte Veröffentlichungen und die Publikationsliste erhalten Sie von Dr. Hildegard Kaulen, Telefon: +49 (0) 6122/52718, E-Mail: h.k@kaulen-wissenschaft.de

Hintergrundinformation zur Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preises 2021 an Professor Dr. Michael Silverman und Professorin Dr. Bonnie L. Bassler (PDF)

 

Jan 25 2021
10:31

Goethe-Universität ehrt mit dem Preis den Förderer, Romantikliebhaber und Arzt Klaus Heyne

Neuer Wissenschaftspreis für Romantikforschung

FRANKFURT. Innovative Beiträge zur Erforschung der Romantik können 2021 erstmalig mit dem Klaus Heyne-Preis der Goethe-Universität Frankfurt ausgezeichnet werden. Der neue, mit 15.000 Euro dotierte Preis richtet sich an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus dem In- und Ausland, die sich in ihrer Qualifikationsphase befinden und einen herausragenden wissenschaftlichen Beitrag zur Romantikforschung geleistet haben.

Ermöglicht wird der neue Wissenschaftspreis durch ein großzügiges Vermächtnis des Kinderarztes Prof. Dr. Klaus Heyne (1927–2017), dessen besondere Leidenschaft der Kunst und Literatur der deutschen Romantik galt. Die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Frederike Middelhoff sagt: „Wir sind sehr dankbar, dass wir mit diesem Preis junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fördern können. Auch für die Romantikforschung an der Goethe-Universität ist der Preis ein besonderer Gewinn.“

Der Klaus Heyne-Preis, der von nun an alle zwei Jahre verliehen werden soll, setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: 5.000 Euro werden nicht-zweckgebunden verliehen; 10.000 Euro werden für die Veranstaltung einer Tagung zur Romantikforschung zur Verfügung gestellt, die im Jahr 2022 an der Goethe-Universität ausgerichtet werden soll und von der Frankfurter Professur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung unterstützt wird.

Die Preisträgerin bzw. der Preisträger soll im Rahmen eines Festakts im Oktober 2021 (geplant in Präsenz, wenn nötig digital organisiert) ausgezeichnet werden.

Interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wenden sich bitte an:

Prof. Dr. Frederike Middelhoff
W1-Professur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung
Goethe-Universität
E-Mail middelhoff@em.uni-frankfurt.de
Homepage https://www.uni-frankfurt.de/Middelhoff

 

Jan 19 2021
09:36

Reinhart-Koselleck Projekt über eine Million Euro für Geowissenschaftler der Goethe-Universität

Ein Thermometer für die Erdgeschichte

Wie sich durch die Analyse der Karbonat-Zusammensetzung bestimmter Gesteine exakte Rückschlüsse auf die Temperatur vergangener Erdepochen ziehen lassen, untersuchen die Geowissenschaftler um Prof. Jens Fiebig von der Goethe-Universität. Eine kürzlich von ihnen entwickelte Methode könnte es künftig erlauben, vergangene Erdoberflächentemperaturen viel zuverlässiger zu bestimmen. Diese Methode soll nun zunächst validiert und dann auf vergangene Erdepochen angewendet werden, in denen der Gehalt des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre höher war als heute. Das Forschungsvorhaben wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Reinhart-Koselleck-Projekt mit mehr als einer Million Euro gefördert.

FRANKFURT. Kalk besteht aus Kalzium und Karbonatgruppen, die sich wiederum aus den Elementen Sauerstoff (chemisches Symbol: O) und Kohlenstoff (chemisches Symbol: C) zusammensetzen. Sauerstoff und Kohlenstoff kommen in der Natur in verschiedenen Modifikationen vor, die sich in ihrer Masse unterscheiden und als Isotope bezeichnet werden. Wenn sich Kalk in Korallenriffen oder Tropfsteinen bildet, werden mit abnehmender Temperatur zunehmend Karbonatgruppen aus dem Wasser abgeschieden, die ein schweres Sauerstoffisotop (18O) enthalten. Diese Temperaturabhängigkeit wurde - seit ihrer Entdeckung Ende der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts - dazu verwendet, die Entwicklung der Erdoberflächentemperatur im Verlaufe der Erdgeschichte zu rekonstruieren. Oftmals lässt sich mit Hilfe einer solchen Analyse jedoch nicht eindeutig auf den exakten Einfluss der Temperatur während der Kalkentstehung schließen, denn auch die 18O-Menge des Wassers und der Mechanismus der Karbonatentstehung (Mineralisationskinetik) beeinflussen die Häufigkeit dieser Karbonatgruppe.

Ein wesentlicher Fortschritt in der Klimarekonstruktion wurde Anfang der 2000er-Jahre am California Institute of Technology erzielt. Den Wissenschaftlern gelang es, die Häufigkeit von Karbonatgruppen zu bestimmen, die zwei schwere Isotope enthalten, 13C und 18O, sogenannte „clumped isotopes“. Die Häufigkeit dieser Karbonatgruppe ist ebenfalls abhängig von der Kristallisationstemperatur des Karbonats, aber unabhängig vom 18O-Gehalt des Wassers. Eine Fehlerquelle dieses Thermometers bestand aber weiterhin in der Tatsache, dass die Mineralisationskinetik auch die Häufigkeit der „clumped isotopes“ beeinflussen kann.

Prof. Jens Fiebig und seinem Team am Institut für Geowissenschaften der Goethe-Universität ist es im vergangenen Jahr erstmals gelungen, die Häufigkeit einer weiteren Karbonatgruppe zu bestimmen, welche ebenfalls zwei schwere Isotope enthält, nämlich zweimal 18O. Mit der Häufigkeitsanalyse dieser beiden sehr seltenen, jeweils zwei schwere Isotope enthaltenden Karbonatgruppen kann nun erstmals der Einfluss der Mineralisationskinetik sichtbar gemacht und von dem Einfluss der Temperatur getrennt werden. Mit der 'dual clumped isotope'-Methode zur Karbonatanalyse halten die Forscher nun womöglich eine Art Thermometer in den Händen, mit dem sie die Erdoberflächentemperaturen vergangener Erdzeitalter in bislang unerreichter Genauigkeit rekonstruieren könnten.

Prof. Jens Fiebig: „Die Unterstützung der DFG ermöglicht es uns, unser neues Verfahren weiter zu validieren und gegebenenfalls die Erdoberflächentemperaturen vergangener Erdepochen hochgenau zu bestimmen. In einem ersten Schritt werden wir nun die exakte Temperaturabhängigkeit der Häufigkeit der neu messbaren Karbonatgruppe bestimmen, um anschließend sämtliche natürliche Karbonatarchive wie zum Beispiel Korallen, Tropfsteine und Muscheln mit bekannter Entstehungstemperatur auf ihre Mineralisationskinetik zu untersuchen. Auf diese Weise wollen wir Archive identifizieren, die für eine Rekonstruktion vergangener Erdoberflächentemperaturen besonders geeignet sind. In einem letzten Schritt sollen dann die genauen Erdoberflächentemperaturen für verschiedene Hoch-CO2-Intervalle der Vergangenheit ermittelt werden. Durch die exakte Rekonstruktion von Temperaturen der Erdgeschichte zu Zeiten, in denen der CO2-Gehalt der Atmosphäre deutlich höher war als heute, lassen sich eventuell auch moderne Klimamodelle verbessern und die Folgen des menschengemachten Klimawandels präziser vorhersagen.“

Mit Reinhart Koselleck-Projekten eröffnet die Deutsche Forschungsgemeinschaft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich durch besondere wissenschaftliche Leistungen ausgewiesen haben, die Möglichkeit, in hohem Maße innovative und im positiven Sinn risikobehaftete Projekte durchzuführen. Die Förderung erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren.


Weitere Informationen zur Entwicklung des erdgeschichtlichen Thermometers der Frankfurter Geowissenschaftler: https://www.muk.uni-frankfurt.de/90891704/Exakte_Klimadaten_aus_der_Vergangenheit

Bilder zum Download:
http://www.uni-frankfurt.de/96504537

Bildtext: apl. Prof. Dr. Jens Fiebig, Goethe-Universität Frankfurt. Foto: privat

Kontakt
apl. Prof. Dr. Jens Fiebig
Institut für Geowissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +49 (0) 69 798 40182
Jens.Fiebig@em.uni-frankfurt.de

 

Jan 18 2021
10:25

Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität zum Thema Klimawandel erschienen

Artensterben im Klimawandel: Die Spezialisten verlieren

Der Artenforscher Matthias Schleuning vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum untersucht, wie ökologische Gemeinschaften aus Pflanzen und Tieren auf Klimawandel und Landnutzung reagieren. Warum dabei die spezialisierten Arten besonders gefährdet sind, erklärt er in der aktuellen Ausgabe von Forschung Frankfurt. Unter dem Titel „Klimakrise“ versammelt das Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität ein facettenreiches Spektrum von Forschungsprojekten, Einschätzungen und Analysen von Forscherinnen und Forschern der Goethe-Universität. Das Heft ist online verfügbar unter www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de und kann (für Journalisten kostenfrei) bestellt werden über presse@uni-frankfurt.de.

FRANKFURT. In einem der artenreichsten Gebiete der Erde erforscht Dr. Matthias Schleuning, Wissenschaftler am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt, wie Pflanzen- und Tierarten voneinander abhängen. Im Manú-Nationalpark der peruanischen Anden sind beispielsweise 90 Prozent der Bäume und Sträucher auf Tiere als Bestäuber und Samenausbreiter angewiesen.

Ändern sich die Lebensräume durch Rodungen oder höhere Temperaturen, so weichen die Arten aus, häufig in höhere, kühlere Regionen. Das Problem ist das Timing, denn die Samenausbreitung durch fruchtfressende Vögel etwa ist ein komplexer und langfristiger Prozess. Besonders gefährdet sind dabei die Pflanzen, die sich in ihrer Samenausbreitung auf bestimmte Tierarten spezialisiert haben. Arten, dies zeigen Schleunings Arbeiten, können also nicht nur aussterben, wenn sich die Lebensbedingungen für sie selber verschlechtern, sondern auch, wenn ihr ökologisches Umfeld nicht mehr passt.

In weiteren Beiträgen der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität darüber, wie die knappe Ressource Wasser bereits heute als Waffe in Konflikten eingesetzt wird, wie Klimamodelle von Warmzeiten der Erdgeschichte präzisere Voraussagen unserer Klimazukunft erlauben oder wie Stromspeicher am Grund von Tagebauseen überschüssigen Wind- und Sonnenstrom zwischenspeichern könnten. Andere Beiträge gehen der Frage nach, warum es uns so schwerfällt, unsere Lebensweise zu verändern.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2020) kann von Journalisten kostenlos bestellt werden bei: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Alle Beiträge sind online erhältlich unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

 

Jan 15 2021
11:24

Forschungsprojekt von Ostasienwissenschaftlerinnen unter der Federführung der Goethe-Universität gefördert

Arbeitsmarkt Ostasien: Was die besten Köpfe ins Ausland lockt

Die Volkswirtschaften China und Singapur gehören zu den dynamischsten Migrationsregionen der Welt. Aber auch Japan und Korea sind auf die Zuwanderung von Fachkräften angewiesen. Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte setzt in der Region jedes Jahr mehrere Millionen Menschen in Bewegung. Welche Rolle die Ausbildung bei der Mobilität spielt, untersuchen nun Ostasienwissenschaftlerinnen der Universitäten Frankfurt und Duisburg-Essen, der Freien Universität Berlin und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multiethnischer und multireligiöser Gesellschaften in Göttingen. Die von der Goethe-Universität koordinierte Nachwuchsgruppe erhält dazu im Rahmen der Förderinitiative „Kleine Fächer“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die kommenden vier Jahre insgesamt mehr als 2 Millionen Euro.

FRANKFURT. Spezialistinnen und Spezialisten der IT-Branche, innovativer Start-ups oder von Top-Universitäten - überalterte Gesellschaften in Industrienationen brauchen ausländische Fachkräfte. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für die ostasiatischen Länder Südkorea, Singapur, China und vor allem Japan. Aufgrund ihrer Lebensqualität sind diese Staaten attraktiv für qualifizierte Bewerber und Bewerberinnen. Doch längst ist nicht ausgemacht, was im Wettstreit um die besten Köpfe Erfolg verspricht: Was lockt etwa gut ausgebildete chinesische Fachkräfte nach Japan, Südkorea oder Singapur? Was fördert, was hemmt die Integration der qualifizierten Zuwanderer und Zuwanderinnen? Welche sozialen Netzwerke entwickeln Arbeitsimmigranten? Welche Rolle spielt ihre Eigeninitiative zur Weiterqualifikation, ihre Ethnie und Nationalität, ihr Geschlecht und ihre Mehrsprachigkeit? Und was veranlasst die Fachkräfte, nach Jahren in ihre Heimatregion zurückzukehren?

„Wenn die Einwanderungspolitik eines Landes zukunftsfähig sein soll“, erklärt Projektleiterin Dr. Ruth Achenbach von der Goethe-Universität, „dann müssen wir die Perspektiven der Migranten und Migrantinnen genau kennen.“ Ziel des nun vom BMBF mit mehr als 2 Millionen Euro geförderten Forschungsprojekts ist, die Rolle der Qualifikation der immigrierten Fachkräfte zu untersuchen. Mit ihren Ergebnissen wollen die Wissenschaftlerinnen einen Betrag zu einer nachhaltigen Einwanderungspolitik von Industrienationen leisten.

Zum wissenschaftlichen Team gehören neben Ruth Achenbach und Dr. Joohyun Justine Park vom Interdisziplinären Zentrum für Ostasienstudien (Goethe Universität) Dr. Helena Hof (MPI Göttingen) sowie Dr. Megha Wadhwa (Freie Universität Berlin) und Dr. Aimi Muranaka (Universität Duisburg-Essen). Darüber hinaus stehen die Wissenschaftlerinnen mit zahlreichen externen regionalen Kooperationspartnern im Austausch.

Das Forschungsprojekt sieht eine dreijährige qualitative Studienphase vor – in diesem Rahmen soll etwa die Situation ostasiatischer Start-ups in Japan und Singapur sowie ostasiatischer Fachkräfte in Südkorea untersucht werden; befragt werden ebenso Chinesinnen und Chinesen in Japan, zurückgekehrte Fachkräfte in China und vietnamesische und indische IT-Fachkräfte in Japan. Das Frankfurter Teilprojekt begleitet darüber hinaus chinesische Absolventinnen und Absolventen der 20 besten japanischen Universitäten vom job-hunting bis in die ersten Jahre auf dem Arbeitsmarkt.

Im letzten Förderjahr sollen die qualitativen Studien quantitativ ausgewertet und nach Ländern verglichen werden. Dabei streben die Wissenschaftlerinnen auch an, die dominierenden westlichen Konzepte der internationalen Migrationsforschung zu korrigieren. Von Erfahrungen der Migration nach Amerika und Europa geprägt gehen diese etwa bislang davon aus, dass sich die ökonomische Situation im Herkunfts- und im Zuwanderungsland erheblich unterscheidet. Dies ist bei der ostasiatischen Arbeitsmigration nicht zwingend der Fall.

Die Ergebnisse der empirischen Forschung sowie der Theorieentwicklung sollen nicht nur wissenschaftlich publiziert, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden: etwa durch die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern in den Fächern Politik und Wirtschaft und einen Dokumentarfilm.

Die Wissenschaftlerinnen versprechen sich von ihrem Projekt eine Stärkung der „Kleinen Fächer“, indem das auf Regionen bezogene Wissen der Forscherinnen mit aktuellen Forschungsfragen aus Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften verknüpft und somit die Sichtbarkeit der Kleinen Fächer erhöht wird.


Weitere Informationen
Dr. Ruth Achenbach 
Interdisziplinäres Zentrum für Ostasienstudien
Telefon 069/798-23284
E-Mail: izo@uni-frankfurt.de