​​​​​​​Pressemitteilungen ​​​​​​

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Pressestelle Goethe-Universität

Theodor-W.-Adorno Platz 1
60323 Frankfurt 
presse@uni-frankfurt.de

 

Apr 4 2022
14:01

Struktur eines Schlüsselenzyms aufgeklärt – möglicher Ansatzpunkt für antibakterielle Wirkstoffe

Forschungsteam der Goethe-Universität entdeckt Achillesferse von gefährlichem Krankenhauskeim

Die Struktur eines wichtigen Enzyms im Stoffwechsel des Krankenhauskeims Acinetobacter baumannii hat ein Wissenschaftsteam der DFG-Forschergruppe 2251 unter Federführung der Goethe-Universität aufgeklärt. Das Enzym „MtlD“ ist für das Bakterium wichtig für die Herstellung des Zuckeralkohols Mannitol, mit dem es sich in trockenen oder salzhaltigen Umgebungen wie Blut oder Urin vor Wasserverlust und Austrocknen schützt. Die Strukturanalyse hat Schwachstellen offenbart, an denen sich das Enzym hemmen lässt, um den Krankenhauskeim zu schädigen. (PNAS, DOI: 10.1073/pnas.2107994119)

FRANKFURT. Jährlich erkranken in Europa mehr als 670 000 Menschen an Erregern, die resistent gegen Antibiotika sind, und 33 000 sterben an den von ihnen verursachten Krankheiten. 2017 nennt die WHO Antibiotikaresistenzen eine der größten Bedrohungen für die Weltgesundheit. Besonders gefürchtet werden Keime, die gleich gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Unter ihnen sticht Acinetobacter baumannii hervor, ein Bakterium, dass eine außergewöhnlich hohe Fähigkeit besitzt, Multiresistenzen zu entwickeln und als „Krankenhauskeim“ besonders Patienten mit einem geschwächten Immunsystem bedroht. Acinetobacter baumannii ist sehr widerstandsfähig, da es auch in trockener Umgebung lange infektiös bleiben und so auf den Tastaturen medizinischer Geräte, Stationstelefonen oder Lampen überdauern kann. Diese Eigenschaft hilft der Mikrobe auch dabei, auf der trockenen menschlichen Haut zu überleben oder in Körperflüssigkeiten wie Blut und Urin, die verhältnismäßig hohe Konzentrationen an Salzen und anderen gelösten Stoffen enthalten.

Einen zentralen Mechanismus, mit dem sich Acinetobacter baumannii in solch widriger Umgebung einrichtet, hat jetzt das Wissenschaftsteam der DFG-Forschergruppe 2251 unter Federführung der Goethe-Universität aufgeklärt: Wie viele Bakterien und auch Pflanzen oder Pilze ist Acinetobacter baumannii in der Lage, den Zuckeralkohol Mannitol herzustellen, einen Stoff, der sehr stark Wasser bindet. Dadurch verhindert Acinetobacter baumannii ein Austrocknen.

Fast einzigartig ist jedoch die Art, wie Acinetobacter baumannii Mannitol herstellt: Die beiden letzten Schritte der Mannitol-Herstellung werden durch einen statt wie bei den weitaus meisten Organismen zwei Enzymkomplexe katalysiert. Dieses Enzym „MtlD“ mit zwei katalytischen Aktivitäten entdeckten bereits 2018 Wissenschaftler:innen um Prof. Beate Averhoff und Prof. Volker Müller. Jetzt ist dem Team von Prof. Klaas Martinus Pos, der ebenfalls Mitglied in der DFG-Forschergruppe ist, gelungen, die räumliche Struktur des Enzyms aufzuklären.

Prof. Pos erklärt: „Wir haben herausgefunden, dass das Enzym gewöhnlicherweise in Form von freien Monomeren vorliegt. Die besitzen zwar die beiden nötigen katalytischen Aktivitäten, sind aber inaktiv. Erst eine trockene oder salzhaltige Umgebung löst den sogenannten osmotischen Stress im Bakterium aus, in dessen Folge sich die Monomere zu Dimeren zusammenlagern. Dann erst wird das Enzym aktiv und produziert Mannitol.“ Außerdem fanden die Wissenschaftler:innen heraus, welche Stellen in der Struktur besonders wichtig für die katalytischen Funktionen des Enzyms und die Dimer-Bildung sind.

Prof. Volker Müller, Sprecher der DFG-Forschergruppe 2251, ist überzeugt: „Diese Arbeit zeigt einen wichtigen neuen Ansatzpunkt zur Bekämpfung dieses Krankenhauskeims. Denn wir haben eine biochemisch empfindliche Stelle im Stoffwechsel des Krankenhauskeims identifiziert. Hier könnten in der Zukunft maßgeschneiderte Substanzen zur Hemmung des Enzyms ansetzen.“


Publikation: Heng-Keat Tam, Patricia König, Stephanie Himpich, Ngoc Dinh Ngu, Rupert Abele,Volker Müller, Klaas M. Pos: Unidirectional mannitol synthesis of Acinetobacter baumannii MtlD is facilitated by the helix-loop-helix-mediated dimer formation. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. (2022) https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.2107994119

Bilder zum Download:

1) Mannitol-produzierendes Enzym
https://www.uni-frankfurt.de/116943466Erinnert an einen Schmetterling: Das Mannitol-produzierenden Enzyms des Krankenhauskeims Acinetobacter baumannii schützt das Bakterium nur in seiner Dimer-Form vor Wasserverlust und Austrocknen. Bild: Klaas Martinus Pos, Goethe-Universität Frankfurt

2)  Acinetobacter baumannii
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Acinetobacter_baumannii.JPG
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme eines Clusters von gramnegativen, unbeweglichen Bakterien der Art Acinetobacter baumannii. Photo: Janice Carr


Weitere Informationen
Prof. Dr. Volker Müller
Sprecher der Forschergruppe 2251
Abteilung Molekulare Mikrobiologie & Bioenergetik
Institut für Molekulare Biowissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +49 (0)69 798-29507
vmueller@bio.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Klaas Martinus Pos
Professur für Membrantransport-Maschinen
Institut für Biochemie
Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: +49 (0)69 798-29251
pos@em.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Apr 1 2022
15:21

Interdisziplinäres Seminar an der Goethe-Uni im Sommersemester 2022 – Gäste sind willkommen

Seminar: Naturwissenschaften, Theologie und Klimawandel

FRANKFURT. Welche Form die christliche Theologie im Kontext des Klimawandels annehmen sollte, wird in einem Seminar an der Goethe-Universität Frankfurt untersucht. Die im nordatlantischen Kontext entwickelte Theologie hat es bisher nicht geschafft, die Spiritualität, das Denken und die Praxis von Gläubigen und Gemeinschaften wirksam zu beeinflussen. Die nordatlantische Theologie wurde im Kontext des Kapitalismus entwickelt und hat diesen Kontext nicht ausreichend infrage gestellt. Als solche hat sie zu dem Problem der Umweltverschmutzung beigetragen, für das die westlichen Länder historisch und auch heute noch die größte Verantwortung tragen.

In diesem Seminar tritt die nordatlantische Theologie ins Gespräch mit kreativen Stimmen aus anderen Disziplinen, anderen Glaubensrichtungen und theologischen Traditionen des Südens.

Das Seminar bietet die Möglichkeit, sich intensiv und interaktiv mit der neuesten internationalen englischsprachigen Literatur auf diesem Gebiet vertraut zu machen.

donnerstags 14 bis 16 Uhr
14. April bis 14. Juli 2022
Saal der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Frankfurt
Campus Westend
Siolistraße 7, 60323 Frankfurt

An den Feiertagen findet das Seminar nicht statt.

Anmeldung für Gasthörer bis 7. April 2022 über info@cfd-frankfurt.de

Verantwortlich:
Dr. Dominiek Lootens
Centre for Dialogue at Campus Riedberg
info@cfd-frankfurt.de
Dr. Daniel Saudek
Prof. Dr. Thomas M. Schmidt

Veranstalter:
Centre for Dialogue at Campus Riedberg https://cfd-frankfurt.de/
Goethe-Universität Frankfurt www.uni-frankfurt.de
Katholische Hochschulgemeinde https://khg-frankfurt.de/

Literatur
Conradie, Ernst M., Koster, Hilda P. (Eds.) (2020). T&T Clark Handbook of Christian Theology and Climate Change. London / NewYork: T&T Clark.
Kim, Grace Ji-Sun, Koster, Hilda P. (Eds.) (2017). Planetary Solidarity. Global Women´s Voices on Christian Doctrine and Climate Justice. Minneapolis: Fortress.
Kim, Grace Ji-Sun (Ed.) (2016). Making Peace with the Earth. Action and Advocacy for Climate Justice. Geneva: WCC.


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & und Kommunikation, Telefon 069 798-12498, E-Mail bernards@em.uni-frankfurt.de 

 

Mär 31 2022
11:24

Fünf hessische Forschungsinstitute kooperieren in neuem Verbundprojekt zu Ursachen, Dynamiken und Effekten von politischer Gewalt

Politische Gewalt erforschen 

Welchen Effekt haben globale Entwicklungen wie Technologisierung und Klimawandel auf politische Gewalt? Wie kann politische Gewalt von internationalen Institutionen begrenzt oder aber legitimiert werden? Wie wird sie gedeutet und gerechtfertigt? Diesen Fragen widmet sich das interdisziplinäre Verbundprojekt „Regionales Forschungszentrum – Transformations of Political Violence (TraCe)“, in dem fünf hessische Forschungsinstitute zusammenarbeiten. An dem Zentrum, das im April seine Arbeit aufnimmt, sind das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konflikt­forschung (HSFK), die Goethe-Universität Frankfurt, die Justus-Liebig-Universität Gießen, die Philipps-Universität Marburg und die Technische Universität Darmstadt beteiligt. Das Verbundprojekt wird vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit ca. 5,2 Mio. Euro gefördert.

FRANKFURT. Mit der Errichtung des Regionalen Forschungszentrums intensivieren die beteiligten Partnerinstitutionen ihre bestehende Zusammenarbeit und bündeln ihre Forschungen auf dem Gebiet der Gewaltforschung. Es entsteht ein regionales Kompetenzzentrum für Forschung, Lehre und Wissenstransfer, das international sichtbar ist und dessen Erkenntnisse systematisch zur Einhegung und Prävention politischer Gewalt beitragen. Das Forschungszentrum ist interdisziplinär besetzt: Es bringt Perspektiven aus Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichts- und Rechts­wissenschaften, Sozialanthropologie, Sozialpsychologie, Kultur- und Sprachwissen­schaften und Informatik sowie verschiedene methodologische Ansätze zusammen.

Von Seiten der Goethe-Universität, die mit 900.000 Euro gefördert wird, sind Prof. Dr. Astrid Erll, Prof. Dr. Hanna Pfeifer, Prof. Dr. Constantin Ruhe und Prof. Dr. Lisbeth Zimmermann am Verbundprojekt beteiligt. Sie forschen insbesondere in den ersten drei Forschungsfeldern zu Formen, Institutionen und Interpretationen politischer Gewalt. Darüber hinaus sind drei der vier leitenden Wissenschaftler:innen des HSFK, Prof. Dr. Christopher Daase, Prof. Dr. Nicole Deitelhoff und Prof. Dr. Jonas Wolff, ebenfalls Mitglieder der Goethe-Universität.

Zielsetzung des Verbundvorhabens ist es, die Konsequenzen gegenwärtiger Gewalttransformationen für den innergesellschaftlichen und internationalen Frieden zu identifizieren und Strategien zur Eindämmung politischer Gewalt zu entwickeln. Das Forschungsprojekt wird Typen und Ebenen politischer Gewalt systematisch in drei thematischen Forschungsfeldern analysieren:
Das erste Forschungsfeld beschäftigt sich mit dem Formenwandel politischer Gewalt und dem Einfluss globaler Trends wie Technologisierung und Klimawandel auf Gewaltdynamiken.
Das zweite Forschungsfeld geht der Frage nach, wie internationale Institutionen politische Gewalt einhegen, aber auch legitimieren und wie neue Gewaltformen institutionell erfasst werden können.
Das dritte Forschungsfeld befasst sich mit den komplexen Beziehungen zwischen veränderten Deutungs- und Rechtfertigungsmustern von politischer Gewalt und verschiedenen Erinnerungsräumen wie zum Beispiel Städten.
In einem übergreifenden vierten Forschungsfeld werden Wechselwirkungen zwischen dem Formwandel und Interpretationen politischer Gewalt untersucht.

Um die Forschung des Verbundprojektes in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, wird der Austausch mit gesellschaftlichen Akteur:innen gesucht: Transferveranstaltungen wie Workshops, Podiumsdiskussionen und Ringvorlesungen, aber auch verschiedene Publikationsformate tragen dazu bei, die Forschungserkenntnisse für die politische Bildung, zivilgesellschaftliches Engagement und den Wissenschaftsjournalismus nutzbar zu machen.

„Wir freuen uns sehr, die Arbeit im Verbundprojekt aufzunehmen, das die interdisziplinäre Kollaboration und internationale Vernetzung der beteiligten Einrichtungen vorantreibt. Die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine verdeutlichen in tragischer Weise die Notwendigkeit, ein Regionales Forschungszentrum dieser Art zu errichten, das die Ursachen, Dynamiken und Effekte politischer Gewalt untersucht“, sagt Prof. Dr. Christopher Daase, stellvertretendes geschäftsführendes Vorstandsmitglied der HSFK, Ko-Sprecher des Verbundprojektes und Politikwissenschaftler an der Goethe-Universität.

Das Verbundprojekt geht auf eine bundesweite Ausschreibung des BMBF zur Förderung und Weiterentwicklung von Forschungsverbünden im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung zurück.

Für Fragen und die Vermittlung von Gesprächspartner:innen stehen wir gerne zur Verfügung. Weitere Informationen zu dem Verbundprojekt finden Sie unter https://www.hsfk.de/forschung/transformations-of-political-violence.

Weitere Informationen und Pressekontakt
Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
Dr. Ursula Grünenwald
Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 069 / 959104-13
gruenenwald@hsfk.de
www.hsfk.de


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, p.barth@em.uni-frankfurt.de  

 

Mär 31 2022
09:33

Goethe-Universität, Werner Reimers Stiftung, Stadt Bad Homburg und Hochtaunuskreis stellen ihre Kooperation auf neue vertragliche Grundlage

Forschungskolleg Humanwissenschaften kann seine Arbeit in Bad Homburg fortsetzen

Das Forschungskolleg Humanwissenschaft in Bad Homburg ist längst eine feste Größe – als Zentrum exzellenter geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung wie auch als Plattform für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Nun ist die Arbeit des Kollegs für weitere zehn Jahre auf dem Gelände der Werner Reimers Stiftung gesichert.

FRANKFURT/BAD HOMBURG. Vier Kooperationspartner haben sich über die Zukunft des Forschungskollegs Humanwissenschaften in Bad Homburg geeinigt: die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Werner Reimers Stiftung, die Stadt Bad Homburg v. d. Höhe und der Hochtaunuskreis. Sie haben vertraglich festgehalten, dass sie das Kolleg auch künftig gemeinsam fördern werden. Mit den nun unterzeichneten Verträgen bekräftigen die vier Kooperationspartner ‒ Universitätspräsident Professor Enrico Schleiff, Verwaltungsratsvorsitzender Dr. Stefan Ruppert, Oberbürgermeister Alexander Hetjes und Landrat Ulrich Krebs ‒ den hohen Stellenwert, den das Kolleg sowohl für die Förderung exzellenter Forschung als auch für den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft in der Region innehat. Die Stadt Bad Homburg und der Hochtaunuskreis fördern das Kolleg mit je 25.000 Euro pro Jahr künftig auch finanziell; bislang hatten sie vor allem bei der Errichtung des Kolleggebäudes und projektbezogen unterstützt. Die Reimers Stiftung stellt die Gebäude unentgeltlich zur Verfügung und steuert zur Finanzierung ebenfalls 25.000 Euro jährlich bei. Den größten Anteil trägt die Goethe-Universität, die einen Teil der Personalkosten finanziert und die Mittel für die Goethe-Fellowships bereitstellt. Zudem erzielt das Kolleg Einnahmen u.a. durch die Vermietung von Räumen für Veranstaltungen.

„Mit dem Kooperationsvertrag sind gute Voraussetzungen geschaffen worden, damit das Forschungskolleg Humanwissenschaft seine Aufgabe als Institute for Advanced Studies weiter ausbauen kann“, freut sich der Direktor des Kollegs Professor Matthias Lutz-Bachmann. Zentral für den Erfolg des Bad Homburger Kollegs sei seine hervorragende Einbindung in gleich vier Richtungen – in die aktuellen Forschungszusammenhänge der Goethe-Universität, in die Tradition der Werner Reimers Stiftung und in das wissenschaftliche und kulturelle Leben von Stadt und Landkreis. „Auch das wunderbare Stiftungsgelände am Rande des Kurparkes, das das Kolleg nutzen darf, trägt zum Erfolg seiner Arbeit bei“, sagt Lutz-Bachmann.

Vier Kooperationspartner – vier Perspektiven
„Das Forschungskolleg ist eine sehr wichtige Institution für die Goethe-Universität – gerade in Hinblick auf das Thema Exzellenz. Das Kolleg bietet kreativen Köpfen Freiraum, um im Austausch neuartige Forschungsideen und Methoden entwickeln zu können“, sagt Universitätspräsident Prof. Enrico Schleiff. Auch der Wissenschaftsrat, der die Bundesregierung in wissenschaftspolitischen Fragen berät, habe hervorgehoben, wie wichtig es sei, dass die Institutes for Advanced Studies (IAS) Zeit für freie Grundlagenforschung unter besten Arbeitsbedingungen in einem anregenden intellektuellen Umfeld bereitstellen. „Als Goethe-Universität bereiten wir uns auf die nächste Runde der Exzellenzinitiative vor. Ein Schlüssel zum Erfolg sind starke interdisziplinäre Forschungsverbünde mit internationaler Ausstrahlung. Das Kolleg ist einer der Orte, wo die Saat für solche Verbünde gelegt wird, und wird zukünftig einer der Orte sein, an dem wir noch stärker als bisher die Expertisen internationaler Wissenschaftler*innen und Kolleg*innen der Goethe Universität zu aktuellen Forschungsthemen miteinander verzahnen, sozusagen die internationale Spitzenforschung in unsere Universität integrieren“, so Schleiff weiter.

Dr. Albrecht Graf von Kalnein, Vorstand der Werner Reimers Stiftung: „Mit der weiteren Förderung des Forschungskollegs Humanwissenschaften erfüllt die Stiftung im besten Sinne den von Werner Reimers bestimmten Zweck seiner Stiftung, interdisziplinäre Forschung über das Verhalten des Menschen und das Wirken seiner Institutionen' zu fördern.“

Ulrich Krebs, Landrat des Hochtaunuskreises: „Auch für den Hochtaunuskreis ist das FKH ein absoluter Gewinn. Wir wissen, dass die öffentlichen Vortragsveranstaltungen von Besuchern weit über die Grenzen Bad Homburgs hinaus gerne wahrgenommen werden. Das FKH bereichert das kulturelle Leben in Stadt und Kreis auf einzigartige Weise.“

Alexander Hetjes, Oberbürgermeister der Stadt Bad Homburg: „Das FKH greift immer wieder Themen auf, die für uns auch als Stadt wichtig sind. So freuen wir uns, dass der Schwerpunkt zur Demokratie im atlantischen Raum auch Anknüpfungspunkte zur transatlantischen Nachkriegsgeschichte Bad Homburgs bietet, ein Kapitel unserer Geschichte, an das wir gerne noch stärker erinnern wollen.“

Profil und Programmvorschau 2022
Als ein Ort für Gastwissenschaftler und Gastwissenschaftlerinnen aus aller Welt trägt das Kolleg zur Internationalisierung der Wissenschaften und zur Herausbildung innovativer interdisziplinärer Forschungsgruppen bei. Als Gastgeber für Gespräche zwischen verschiedenen Disziplinen unterstützt es die Entwicklung von grenzüberschreitenden und innovativen Fragestellungen. Als Veranstalter von öffentlichen Konferenzen und Vorträgen fördert es den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft.

In den kommenden Monaten stehen drei Themen im Mittelpunkt der Arbeit am Kolleg, die sich an die Öffentlichkeit wendet: die Anfechtungen und Stärken von Demokratien im atlantischen Raum („Democratic Vistas“), die europäische Sicherheits- und Außenpolitik und das kulturelle Gedächtnis chinesischsprachiger Communities rund um den Globus („Sinophone Classicism“). Geplant sind wissenschaftliche Workshops und öffentliche Vorträge. Das Programm wird auf der Website des Kollegs veröffentlicht; wer sich für den Newsletter anmeldet, wird per Email zu den Veranstaltungen eingeladen.

Am 16./17. September 2022, findet die nächste Auflage der bereits etablierten Bad Homburg Conferences statt, veranstaltet gemeinsam vom Kolleg und der Stadt Bad Homburg. Dieses Jahr geht es um „Kindheit und Gewalt“; das Programm ist in Planung. Am 22. Oktober 2022 lädt das Kolleg im Rahmen der Bad Homburger Kulturnacht zu „Gesprächen mit Wissenschaftler:innen“ ein. – Einen kleinen Beitrag zur Linderung der aktuellen Not der geflüchteten Menschen aus der Ukraine leistet das Forschungskolleg Humanwissenschaften, indem es ihnen freie Apartments in seinem Gästehaus zur Verfügung stellt.

Ein Bild zum Download finden Sie unter: https://www.uni-frankfurt.de/116669176

Bildtext: Alexander Hetjes (Oberbürgermeister Bad Homburg, v.l.), Thorsten Schorr (stellv. Landrat Hochtaunuskreis), Dr. Albrecht Graf von Kalnein (Vorstand Werner Reimers Stiftung), Iris Helene Koban (Geschäftsführerin Forschungskolleg Humanwissenschaften), Prof. Matthias Lutz-Bachmann (Direktor, Forschungskolleg Humanwissenschaften), Prof. Enrico Schleiff (Präsident der Goethe-Universität) im Treppenhaus des Kollegs. (Foto: Stefanie Wetzel 2021)

Weitere Informationen

www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de
Tel.: 06172 13977-0
Iris Helene Koban
Geschäftsführerin des Forschungskollegs Humanwissenschaften
i.koban@forschungskolleg-humanwissenschaften.de

Beate Sutterlüty
Wissenschaftskommunikation
b.sutterluety@forschungskolleg-humanwissenschaften.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 31 2022
09:12

Interdisziplinäre Tagung am 1. und 2. Juli an der Goethe-Universität

Das vermessene Leben. Transformationen der digitalen Gesellschaft

FRANKFURT. Die Digitalisierung ist allgegenwärtig, sie beeinflusst nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens. Gerade im Zuge der Corona-Pandemie zeigten sich deutlich die Herausforderungen und Ambivalenzen, die diese Entwicklung mit sich bringt. Wie verändert die Digitalisierung die Arbeits- und Lebenswelt? Wie wirkt sie sich auf das Verhältnis zum Selbst, zum Körper und zu anderen aus? Und welche sozialen und psychischen Folgen haben digitales Messen und Vergleichen?

Fragen wie diese stehen im Zentrum der interdisziplinären Tagung „Das vermessene Leben. Transformationen der digitalen Gesellschaft“, die

am Freitag, 1. Juli, und Samstag, 2. Juli 2022
am Campus Westend
der Goethe-Universität Frankfurt am Main

stattfindet. Die Tagung richtet sich an ein Fachpublikum aus den Sozialwissenschaften, der Kultur- und Sozialpsychologie und der Psychoanalyse sowie an Studierende und die interessierte Öffentlichkeit.  Sie wird veranstaltet von Vera King, Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, zudem Principal Investigator der Forschungsinitiative ConTrust, Benigna Gerisch, Psychoanalytikerin und Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University Berlin sowie Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena und zugleich Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt.

Die Veranstaltung wird im Rahmen des Verbundprojekts „Das vermessene Leben. Produktive und kontraproduktive Folgen der Quantifizierung in der digital optimierenden Gesellschaft“ durchgeführt und von der VolkswagenStiftung gefördert. Außer der gastgebenden Goethe-Universität sind das Sigmund-Freud-Institut Frankfurt/M., die International Psychoanalytic University Berlin und die Universität Jena beteiligt an der wissenschaftlichen Organisation.

Ein besonderer Akzent dieser Konferenz liegt auf dem interdisziplinären Blick: Die namhaften Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland loten die ambivalenten Folgen von Digitalisierung für die soziale und individuelle Praxis, für Kultur und Psyche aus kultur-, politik- und rechtswissenschaftlicher, medien- und erziehungswissenschaftlicher, soziologischer, sozialpsychologischer sowie medizinischer und psychoanalytischer Perspektive aus.

Den Eröffnungsvortrag halten am Freitag, 1. Juli, Vera King, Benigna Gerisch und Hartmut Rosa. Gemeinsam führen sie in das Tagungsthema ein und widmen sich der Frage nach neuen Normalitäten und Pathologien in der digitalen Gesellschaft. Sie stellen ausgewählte Befunde aus dem von ihnen geleiteten Verbundprojekt „Das vermessene Leben“ vor. Armin Nassehi, Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, befasst sich im Anschluss in seinem Vortrag mit der „digitalen Selbstbeobachtung“ der Gesellschaft.

Am Samstag, 2. Juli, bestreitet Indra Spiecker, gen. Döhmann, Professorin für Öffentliches Recht, Informationsrecht, Umweltrecht und Verwaltungswissenschaft an der Goethe-Universität, ebenfalls Principal Investigator der Forschungsinitiative ConTrust, den Auftaktvortrag und geht darin der Frage nach, wie Algorithmen Macht verleihen und ausüben. „Genau gerechnet und doch vermessen“ – unter diesem Titel werden im Anschluss Jürgen Straub, Professor für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, und Oswald Balandis, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum, die psychosozialen Folgen des Self-Trackings in den Blick nehmen.

Philipp Staab, Professor für Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, wird in seinem Vortrag digitale Arbeitsprozesse analysieren. Welche Veränderungen die Digitalisierung für die Pflegearbeit bringen könnte – insbesondere in psychodynamischer Hinsicht – darüber spricht anschließend Isabelle Gernet, Hochschullehrerin an der Université Paris Descartes im Bereich klinische Psychologie, in ihrem Beitrag. Wie sich Digitalisierung auf Zeitlichkeit auswirken könnte, thematisiert Judy Wajcman, Anthony Giddens Professorin für Soziologie an der London School of Economics.

Wer in Präsenz teilnimmt, kann sich auch an den Panels beteiligen, mit Inputs u.a. von Prof. Thomas Kühn (Berlin), Prof. Isabell Otto (Konstanz) und Dr. Jacob Johanssen (London). Vier einschlägige Themenbereiche werden diskutiert: 1) Messen in Organisationen, 2) Messlogiken in sozialen Medien, 3) pathologische Verwendungsweisen sozialer Medien und 4) neue Formen von „Autoritarismus“ in digitalen Räumen. Eine Online-Teilnahme an den Hauptvorträgen ist nach Anmeldung ebenfalls möglich.

Informationen:
Prof. Dr. Vera King
Sekr. Frau Helfmann, Sigmund-Freud-Institut Frankfurt am Main, Telefon 069 971204–148
Das Programm finden Sie unter https://www.fb03.uni-frankfurt.de/115918086.pdf

Anmeldung per Mail an: tagung@sigmund-freud-institut.eu

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Die Anzahl der Teilnehmenden in Präsenz ist begrenzt.

Anmeldeschluss ist der 31. Mai 2022.


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & und Kommunikation, Telefon 069 798-13066, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de 

 

Mär 21 2022
14:56

Grundlagenforschung für neuartige Ansätze zur Bekämpfung von Trypanosoma-Parasiten

Wie der Chagas-Erreger die Darmflora der Raubwanze verändert

Blut saugende Raubwanzen übertragen in Mittel- und Südamerika die Erreger der weit verbreiteten Chagas-Krankheit. Da die Krankheit schwere Symptome verursachen kann und es bislang keinen Impfstoff gegen die verursachenden Trypanosoma-Parasiten gibt, bekämpft man derzeit hauptsächlich die Raubwanzen und tötet sie mit Insektenvernichtungsmitteln. Ein deutsch-brasilianisches Wissenschaftsteam hat jetzt untersucht, wie Trypanosomen die Darmflora der Raubwanzen verändern. Das langfristige Ziel: Die Bakteriengesellschaft im Raubwanzendarm so zu verändern, dass die Raubwanzen selber die Trypanosomen bekämpfen können.

FRANKFURT. Zwischen sechs und sieben Millionen Menschen überwiegend in Mittel-und Südamerika sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit mit Trypanosomen der Art Trypanosoma cruzi infiziert. Die einzelligen (protozoischen) Parasiten verursachen die Chagas-Krankheit (Amerikanische Trypanosomiasis), die in der akuten Phase unauffällig verläuft: Nur in jedem dritten Fall entwickeln die Infizierten überhaupt Symptome, die dann auch noch unspezifisch sein können, wie Fieber, Nesselsucht und geschwollene Lymphknoten. Doch die Parasiten bleiben im Körper, und viele Jahre später kann die chronische Chagas-Krankheit lebensbedrohlich werden, mit einer krankhaften Vergrößerung des Herzens und einer fortschreitenden Lähmung des Magen-Darm-Trakts.

Eine Impfung gegen den Erreger gibt es nicht, die Behandlung der fortgeschrittenen Krankheit ist schwierig. In Lateinamerika setzt man daher auf die Bekämpfung der Insekten, die die Chagas-Trypanosomen übertragen: Blut saugende Raubwanzen der Insekten-Unterfamilie der Triatominae. Mit ihrem Stich nehmen sie die Trypanosomen auf, die sich im Darm der Raubwanzen festsetzen. Durch den Kot, den die Wanzen meist neben der Stichwunde absetzen, scheiden sie den Erreger aus, der häufig beim Kratzen des stark juckenden Stichs unabsichtlich in die Wunde eingerieben wird.

Doch wenngleich die Zahl der Neuinfektionen in verschiedenen Regionen zurückgegangen ist, in denen intensiv Insektizide gesprüht wurden, zeichnen sich auch hier Probleme ab: Im letzten Jahrzehnt wurden vermehrt Resistenzen verschiedener Raubwanzenarten gegen gängige Insektizide festgestellt. Auch werden durch Insektizide Umwelt und Bevölkerung belastet.

Forscherinnen und Forscher weltweit arbeiten mit Hochdruck an alternativen Methoden, mit deren Hilfe Trypanosoma cruzi bekämpft werden kann. Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, Bakterien im Darm der Raubwanzen genetisch so zu verändern, dass sie die Chagas-Trypanosomen abtöten oder deren Entwicklung behindern.

Die Parasitologen und Infektionsbiologen Fanny Eberhard und Prof. Sven Klimpel von der Goethe-Universität Frankfurt, der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und dem LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik haben jetzt in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Instituto René Rachou im brasilianischen Belo Horizonte untersucht, wie Chagas-Trypansosomen die Bakteriengesellschaft im Darm der Raubwanzen verändern. Dazu nutzten sie Erbgutanalysen, mit denen sie die Zusammensetzung der Bakteriengesellschaft im Raubwanzendarm, das Mikrobiom, vor und nach der Infektion mit dem Erreger vergleichen konnten (metagenomische Shotgun-Sequenzierung).

Das Ergebnis: Nach der Infektion nahm die Vielfalt an Bakterien im Raubwanzendarm deutlich ab. Bestimmte Bakteriengruppen, unter ihnen etwa das potenziell krankheitsverursachende Bakterium Enterococcus faecalis, profitierten von der Anwesenheit des Parasiten. Ferner gelang es den Forscher:innen, vier Bakterienarten zu identifizieren, die wahrscheinlich für die Raubwanze wichtige Funktionen etwa der Synthese von B-Vitaminen übernehmen.

Fanny Eberhard erläutert: „Vitamin B gehört zu den Nährstoffen, die blutsaugende Insekten nicht über ihre Blutmahlzeiten erhalten. Vitamin-B-herstellende Bakterien sind daher für die Raubwanzen sehr wichtig, kommen praktisch bei allen Individuen vor und bleiben auch generationenübergreifend im Raubwanzendarm erhalten. Solche Bakterien eignen sich daher potenziell dafür, mit Genen für Abwehrstoffen gegen Chagas-Trypanosomen ausgestattet zu werden.“

Prof. Sven Klimpel führt weiter aus: „Letztlich ist es unser Ziel, dass sich die Raubwanzen selber gegen Chagas-Trypanosomen wehren und auf diese Weise die Infektion von Menschen verhindert wird. Bevor man allerdings Bakterien mit derartigen Eigenschaften ausstatten und Raubwanzen mit diesen Bakterien dann freisetzen kann, müssen wir besser verstehen, wie die Ökologie des Raubwanzendarms aussieht und wie die tiefgreifenden Interaktionen zwischen Wirt, Erreger und Mikrobiom genau vonstattengehen. Dazu liefert unsere Arbeit einen essentiellen Beitrag.“

Publikation: Fanny E. Eberhard, Sven Klimpel, Alessandra A. Guarneri, Nicholas J. Tobias. Exposure to Trypanosoma parasites induces changes in the microbiome of the Chagas disease vector Rhodnius prolixus. Microbiome (2022) 10:45. https://doi.org/10.1186/s40168-022-01240-z

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/116081371

Bildtexte:
Rhodnius prolixus_1000px.jpg
Die Raubwanze Rhodnius prolixus ist einer der wichtigsten Überträger der Chagas-Krankheit im Norden Südamerikas und in Mittelamerika. Foto: Dr. Erwin Huebner, University of Manitoba, Winnipeg, Canada/ Wikimedia Commons

Rhodnius prolixus_Life_cycle.jpg
Exemplarischer hemimetaboler Lebenszyklus der triatominen Raubwanze Rhodnius prolixus. Abgebildet sind der adulte Vektor, frisch gelegte milchig-weiße Eier, gereifte rötliche Eier sowie die fünf Nymphenstadien. Rote Pfeile markieren eine Blutmahlzeit für die Häutung und die Produktion der Eier. Mittig sind häufige Wirtstiere wie etwa Hunde, Opossums und der Mensch dargestellt. Grafik: Fanny E. Eberhard

Chagas-Wanzen in Europa: Chagas-Wanzen finden auch in Europa geeignete klimatische Bedingungen
https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/chagas-wanzen-finden-auch-in-europa-geeignete-klimatische-bedingungen/#:~:text=Eine%20Impfung%20gegen%20die%20Chagas,80.000%20infizierten%20Menschen

Weitere Informationen
Prof. Dr. Sven Klimpel
Institut für Ökologie, Evolution und Diversität, Goethe-Universität Frankfurt
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik
Tel. +49 (0)69 798-42249
Klimpel@bio.uni-frankfurt.de
https://www.bio.uni-frankfurt.de/43925886/Abt__Klimpel

Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de 

 

Mär 17 2022
11:29

Mobilitätsforscher:innen der Goethe-Universität befragen 5.000 Haushalte in Frankfurt und Darmstadt zu Maßnahmen der Verkehrspolitik

Städtische Mobilität im Meinungstest

Wie kann Mobilität so gestaltet werden, dass Städte klimaneutraler werden und mehr Lebensqualität bieten? Mit dem Forschungsprojekt „QuartierMobil 2“ setzen Wissenschaftler*innen der Goethe-Universität ihre Kooperation mit den Städten Frankfurt und Darmstadt für eine verbesserte Verkehrspolitik fort.

FRANKFURT. Wie stehen Anwohnerinnen und Anwohner in Frankfurt und Darmstadt zu neuen Parkgebühren? Was halten sie davon, wenn Parkplätze in ihrem Wohnumfeld zukünftig für andere Zwecke umgestaltet werden? Wie beurteilen sie Car-Sharing-Angebote und die Verbesserung der Mobilität für zu Fuß Gehende und Radfahrende? Und: Welche weiteren Initiativen wünschen sie sich? Im Rahmen des Forschungsprojekts „QuartierMobil 2“ befragt die Goethe-Universität Frankfurt knapp 5.000 Anwohnerinnen und Anwohner in insgesamt acht Quartieren in Frankfurt und Darmstadt zum Thema „Mobilität im Quartier“. Die Befragung in den innerstädtisch und am Stadtrand gelegenen Quartieren startet am 17. März in Frankfurt und am 18. März in Darmstadt.

Geleitet wird das Projekt von Martin Lanzendorf, Mobilitätsforscher am Institut für Humangeographie der Goethe Universität. Sein Team kooperiert eng mit den Städten Frankfurt und Darmstadt, die die Ergebnisse nutzen werden, um bei der Umsetzung von Maßnahmen auf die Bedürfnisse der Anwohnerinnen und Anwohner eingehen zu können. Wie beim Vorgängerprojekt QuartierMobil werden Studierende des Fachs Humangeographie Fragebögen in zufällig ausgewählte Briefkästen einwerfen. Bürgerinnen und Bürger, die einen Fragebogen im Briefkasten finden, können mit ihrer Teilnahme dazu beitragen, die Mobilität im eigenen Quartier zukunftsfähig zu gestalten. Die Beantwortung der Fragen dauert etwa eine Viertelstunde. Erste Ergebnisse werden im Sommer erwartet. „Aus den Ergebnissen der Befragung können wir konkrete Vorschläge für die Verbesserung der Mobilität in den Quartieren einbringen, so dass der Verkehr klimaneutraler gestaltet werden kann und die Lebensqualität in den Städten sich verbessert“, sagt Annabell Baumgartner, wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Humangeographie.

Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Leitinitiative „Zukunftsstadt“ und läuft bis Ende April 2023. Rückfragen sind per Mail möglich an: befragung2022@em.uni-frankfurt.de.

Foto zum Download unter: https://www.uni-frankfurt.de/115928279

Bildtext: Humangeographen der Goethe-Universität fragen nach: Was Anwohnende von Radwegen halten (Foto: StetePlanung in Darmstadt)

Weitere Informationen
Prof. Dr. Martin Lanzendorf
Institut für Humangeographie
Goethe-Universität
befragung2022@em.uni-frankfurt.de


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 17 2022
10:48

Universität des 3. Lebensalters veröffentlicht neues Semesterprogramm 

Vom „Weltbild der Physik“ bis „Was ist Glück“ 

FRANKFURT. Mit nahezu 100 Lehrveranstaltungen verschiedener Fachrichtungen bietet die Universität des 3. Lebensalters (U3L) für das Sommersemester ein breitgefächertes und abwechslungsreiches Programm an. Anmeldungen sind ab sofort möglich. Über das Programm informiert das Veranstaltungsverzeichnis, das in zahlreichen Buchhandlungen ausliegt und bei der U3L bestellt werden kann. Eine Online-Version ist unter www.u3l.uni-frankfurt.de einsehbar. Am 5. April, von 16.00 bis 18.00 Uhr, findet darüber hinaus eine digitale Informationsveranstaltung zu Anmeldung und Teilnahme statt. Eine Anmeldung zur Informationsveranstaltung ist nicht erforderlich, Zugangsinformationen finden sich auf der Homepage der U3L. Die U3L wendet sich an alle Interessierten, unabhängig von Alter und Vorbildung.

Das neue Programm ist breit gefächert: So geht Dr. Carola Vogel der Entdeckungsgeschichte des Grabes von Tutanchamun nach, Dr. Evangelia Kelperi beleuchtet Darstellungen der Göttin Aphrodite im historischen Wandel, Dr. Peter Gröhndahl nimmt den Kunstmarkt unter die Lupe, und PD Dr. Michael Maaser, Historiker und leitender Archivar der Goethe-Universität, hält eine Vorlesung über Europa im Zeitalter der Aufklärung. Naturwissenschaftlichen Interessen begegnen Dr. Gabriele Schwab mit Erläuterungen zur Chemie der Farben und Prof. Dr. Joachim Maruhn mit Einblicken in das Weltbild der Physik. Philosophische Perspektiven auf die Frage „Was ist Glück?“ stellt PD Dr. Heike Panknin-Schappert vor und lädt dazu ein, auf dieser Grundlage auch eigene Antworten zu suchen.

Die Vorlesungen und Seminare finden wöchentlich in der Zeit vom 11. April bis 15. Juli 2022 statt, etwa die Hälfte davon im Online-Format. Geplant ist, die Präsenzveranstaltungen wieder vor Ort in den Hörsälen der Goethe-Universität abzuhalten. Informationen dazu werden voraussichtlich ab 1. April vorliegen und über eine Online-Veranstaltungsliste auf der Homepage der U3L veröffentlicht.

Weitere Informationen
Claudia Koch-Leonhardi
Universität des 3. Lebensalters an der Goethe-Universität
Tel. (069)-798 28861
u3l@em.uni-frankfurt.de;
http://www.u3l.uni-frankfurt.de

Homepage der U3L: "www.u3l.uni-frankfurt.de".
Telefonische Sprechzeiten: Mo-Do 9.30-12.30 Uhr, Mi 13.30-16 Uhr und n.V., Tel. (069) 798-28861


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 17 2022
10:41

Neue Forschungsgruppe an der Goethe-Universität befasst sich mit der Black-Power-Bewegung und dem Ringen um die US-Demokratie

Die Wurzeln von #BlackLivesMatter

Brutale Polizeigewalt gegen Afroamerikaner ist seit jeher Alltag auf US-amerikanischen Straßen. Und nicht erst seit dem Tod von George Floyd formiert sich dagegen massiver Widerstand. Die 2013 gegründete Bewegung #BlackLivesMatter erfährt weltweit breite Unterstützung. Eine neue Forschungsgruppe unter Leitung des Amerikanisten Prof. Simon Wendt untersucht nun die Vorläufer dieser Bewegung im 20. Jahrhundert und fragt nach den Erfolgen und Auswirkungen von Black Power.

FRANKFURT. In den vergangenen 20 Jahren ist das Interesse der Geschichtswissenschaften am Thema Black Power gewachsen. Dennoch gibt es nach wie vor viele historiografische Lücken. Einige davon soll die neue Forschungsgruppe, die offiziell im Mai an den Start geht, schließen helfen. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen einen neuen Blick auf die Black-Power-Bewegung werfen, um deren Einfluss auf die amerikanische Demokratie und die damit verbundenen Werte besser zu verstehen.

„Die 1960er und 1970er Jahre haben die Debatten über Rassismus und Demokratie tiefgreifend beeinflusst – bis heute. Wir wollen uns in diesem Zusammenhang die weniger bekannten Black-Power-Gruppierungen sowie vernachlässigte Themen betrachten und damit das Ringen zwischen konkurrierenden Idealen der US-Demokratie und ihre langfristigen Auswirkungen sichtbar machen“, erklärt Prof. Simon Wendt. Dabei soll insbesondere die Geschlechter-, Sozial-, Geistes- und Politikgeschichte miteinander verbunden werden. Wie hat sich der antirassistische Kampf der Black Power Bewegung auf Vorstellungen einer gerechten und demokratischen Gesellschaft ausgewirkt?

Die Forschungsgruppe besteht vor allem aus drei Promotionsprojekten. In einem dieser Projekte geht es um die Spannungen zwischen Black-Power-Bewegung und Gay-Liberation-Bewegung und um deren Zusammenarbeit. Inwiefern haben die unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie eine gerechte und demokratische Nation aussehen sollte, das Streben der beiden Bewegungen nach vollständiger Gleichberechtigung gefördert oder behindert? Ein weiteres Projekt untersucht die zeitgenössische Kritik an der Black-Power-Bewegung und analysiert deren Argumentation, um zu erkennen, wie Debatten über Rassismus das Verständnis verschiedener gesellschaftlicher Gruppen von Demokratie prägten. Das dritte Projekt schließlich wird erstmals die Geschichte der National Black United Front nachzeichnen, einer afroamerikanischen Organisation, die 1980 von ehemaligen Black-Power-Aktivisten in New York gegründet wurde. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie sich das Verständnis von der US-Demokratie und die Taktiken des schwarzen Freiheitskampfes nach dem Niedergang der Black-Power-Bewegung gewandelt haben. Zwei weitere Studien ergänzen die drei Teilprojekte: Eine laufende Dissertation befasst sich damit, wie Religion die Black-Power-Bewegung geprägt hat. Eine weitere Studie soll die Flut historischer Studien über afroamerikanischen Aktivismus seit 1945 zu einer allgemeinen Geschichte der Black-Power-Bewegung zusammenfassen. „Wir erwarten am Ende der Förderphase fünf Monographien, die alle wichtige Beiträge zur Erforschung der Black Power Bewegung und der amerikanischen Demokratie leisten werden“, sagt Wendt. Nur mit dem Wissen um die Geschichte dieser Bewegung lasse sich Black Lives Matter in der Gegenwart verstehen.

Die Forschungsgruppe wird von der Gerda Henkel Stiftung bis 2025 mit rund 180.000 Euro gefördert.

Weitere Informationen
Prof. Dr. Simon Wendt
Institut für England- und Amerikastudien
Goethe-Universität
Telefon 069/798-32368
E-Mail wendt@em.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 16 2022
13:59

Neues DFG-Projekt der Zahnmedizin an der Goethe-Universität untersucht, wie man eine Wurzel entfernt und dabei den Nerv lebendig erhält

Auch mit zwei Wurzeln kann ein Zahn vital bleiben

Wurzelbehandlung mit anschließender Wurzelentfernung – weist ein Zahn eine Entzündung auf, gibt es oft keine andere Lösung. Doch in manchen Fällen gibt es Alternativen. Zwei Methoden, wie man trotz Wurzelentfernung den Nerv erhalten kann, nimmt ein neues DFG-Projekt in der Poliklinik für Parodontologie am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum) in den Blick.

FRANKFURT. „Vitalamputation von Oberkiefermolaren mit Furkationsbeteiligung Grad II und/oder III“ – so lautet der Titel der Studie, die mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Was kompliziert klingt, könnte für viele Patienten durchaus relevant sein: Parodontale Erkrankungen kommen hierzulande häufig vor, und oft geht es darum, dass mehrwurzelige Zähne nicht in Gänze betroffen sind und am Leben erhalten werden könnten.

Im Fokus der Studie stehen mehrwurzelige Oberkieferbackenzähne (Molaren), bei denen ein Knochenabbau infolge einer Entzündung bis zu der Stelle vorgedrungen ist, an der sich die Wurzel teilt (Furkation). Je nach Ausprägung des Knochenabbaus wird in einem solchen Fall die betroffene Wurzel entfernt, „amputiert“ heißt es in der Fachsprache. Dieses durchaus gängige und zahnerhaltende Therapieverfahren zielt darauf ab, die durch den Knochenabbau entstandene Nische samt Entzündung zu beseitigen und den ehemals nicht erreichbaren Zahnabschnitt der Mundhygiene über Zahnzwischenraumbürstchen zugänglich zu machen. Die klassische Vorgehensweise sieht vor, den Zahn vor der Entfernung (Amputation) einer seiner Wurzeln endodontisch, also vom Zahninneren her zu behandeln (Wurzelkanalbehandlung).

Die Wurzelamputation werde auch weiterhin das Mittel der Wahl bleiben, wenn eine von mehreren Wurzeln betroffen ist, sagt Studienleiter PD Dr. Hari Petsos. Allerdings sei fraglich, ob vor jeder Wurzelamputation auch zwangsläufig eine Wurzelkanalbehandlung notwendig sei. Denn oft ziehe eine Wurzelkanalbehandlung eine „Behandlungskaskade“ nach sich – und damit einen erheblichen Zeit- und Kostenaufwand für die Patienten. Darüber hinaus, so konstatiert der Zahnmediziner, sei jede Wurzelkanalbehandlung prinzipiell ein zusätzlicher Risikofaktor für Zahnverlust, denn es könne dabei immer zu Komplikationen kommen, auch die Stabilität des Zahnes wird in Mitleidenschaft gezogen. Um derartige Komplikationen von vornherein zu vermeiden, werde der betroffene Zahn häufig überkront – was ebenfalls kostspielig ist. Die beste Lösung wäre also, den betroffenen Zahn lebendig und somit in sich stabil zu erhalten.

Im Rahmen der von der DFG geförderten Studie sollen nun zwei unterschiedliche Therapieverfahren miteinander verglichen werden, die beide vitalerhaltend sind, also ohne eine Wurzelkanalbehandlung auskommen. Daher der Begriff der „Vitalamputation“. Insgesamt 70 Patienten werden innerhalb der zwölf Monate nach ihrer Behandlung daraufhin untersucht, wie sich die parodontale (Zahnhalteapparat) und endodontische (Zahnnerv) Situation am betroffenen Zahn entwickelt. Methode eins sieht vor, dass die Wurzel unterhalb der Zahnkrone abgetrennt wird, die sehr kleine Fläche des dabei angeschnittenen Zahnnervs wird mit einem für solche Zwecke erprobtem Medikament (Biodentin: Trikalziumsilikat) und einem Füllungsmaterial abgedeckt. Bei Methode zwei wird der Zahn durch die Kaufläche eröffnet und der Zahnnerv im oberen Anteil (Kronenpulpa) entfernt. Die freiliegenden, in den Wurzeln verbleibenden Nervanteile werden mit demselben Medikament wie in Methode eins abgedeckt, der Zahn wird mit einem Füllungsmaterial verschlossen. Erst dann wird die entsprechende Wurzel entfernt. Ob der Nerv die Prozedur überstanden hat ohne dabei abzusterben, wird in den Monaten nach der Behandlung immer wieder mittels Kälteempfindung und Stromfluss kontrolliert. „Die Ergebnisse unserer Studie werden unter Umständen zu einer veränderten Vorgehensweise führen“, ist Dr. Petsos überzeugt.

Das Projekt wird von der DFG mit rund 110.000 Euro gefördert und läuft bis Dezember 2023 an der Poliklinik für Parodontologie des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Goethe-Universität.

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/115385283

Bildtext: Schematisch Darstellung des klassischen Verfahrens (Wurzelamputation, links) sowie beider im Rahmen der Studie untersuchten Therapieverfahren (Vitalamputation unter Belassen der Kronenpulpa, mittig, bzw. mit Entfernung der Kronenpulpa, rechts). (Grafik: Petsos)

Weitere Informationen
PD Dr. Hari Petsos
Poliklinik für Parodontologie
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Goethe-Universität
Telefon: 069 6301 5642 (Sekretariat)
E-Mail: petsos@med.uni-frankfurt.de    
Homepage: https://www.kgu.de/einrichtungen/kliniken/carolinum-zahnaerztliches-universitaets-institut-ggmbh


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de 

 

Mär 14 2022
14:25

Heute werden die Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Laureaten von 2021 und 2022 geehrt

Resistente Bakterien und pandemische Viren im Visier: Doppelpreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Preis heute in der Frankfurter Paulskirche doppelt verliehen. Mit dem Preis des Jahres 2021 werden Bonnie Bassler und Michael Silverman ausgezeichnet, deren Entdeckung, wie Bakterien miteinander kommunizieren, den Weg zu einer völlig neuen Antibiotikaklasse eröffnet. Die Auszeichnung des Jahres 2022 teilen sich Katalin Karikó, Ugur Sahin und Özlem Türeci, deren Erforschung der messenger RNA (mRNA) in der spektakulär schnellen Entwicklung eines hochwirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 gipfelte und zudem aussichtsreiche Perspektiven im Kampf gegen Krebs bietet.

FRANKFURT. Im vergangenen Jahr musste die Verleihung des Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Preises pandemiebedingt entfallen. „In diesem Jahr der wiedergewonnenen Präsenz ehren wir Laureaten, die entscheidend zur Überwindung der Pandemie beigetragen haben“, sagt Thomas Boehm, Vorsitzender des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung und Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg. „Gleichzeitig zeichnen wir heute eine Entdeckung aus, die einen neuen Ansatz gegen das globale Problem der Antibiotikaresistenz bietet.“

Bakterien, gegen die Antibiotika nichts mehr ausrichten können, sind weltweit auf dem Vormarsch. Das bedeutet eine tödliche Gefahr, die nach Angaben der Weltgesundheits-organisation alarmierende Ausmaße angenommen hat. Neue Antibiotika sind deshalb notwendig. Aber die meisten neuen Wirkstoffe, die entwickelt werden, folgen einem alten Prinzip. Sie stoppen das Wachstum von Bakterien oder töten sie ab. Diesen Angriff kontern die Mikroorganismen naturgemäß mit Mutationen, denen die Selektion widerstandsfähiger Stämme folgt.

Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis sie auch gegen neue Antibiotika resistent geworden sind. Die Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Preisträger des Jahres 2021 haben das Fundament für ein neues Antibiotika-Prinzip gelegt. Michael Silverman und Bonnie Bassler entdeckten und entschlüsselten die Sprache, in der Bakterien miteinander kommunizieren. Durch den Austausch bestimmter Signalmoleküle verständigen sich Bakterien darüber, wann sie ein ausreichendes Quorum erreicht haben, um mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit gegen einen Wirtsorganismus vorgehen zu können. Diesen mikrobiellen Chat durch „Quorum Quenching“ pharmakologisch zu unterbrechen, schaltet die Bakterien stumm, ohne sie abzutöten. Sie erfahren keinen resistenzerzeugenden Selektionsdruck. Forschende in aller Welt arbeiten inzwischen daran, solche neuen Antibiotika zu entwickeln. Gegen multiresistente Keime wie beispielsweise Pseudomonas aeruginosa haben sie dabei bemerkenswerte Fortschritte erzielt.

Viren, die wie aus dem Nichts kommen, sind in der Lage, das Leben der gesamten Menschheit schlagartig in Mitleidenschaft zu ziehen. Das haben wir seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie alle gelernt. Dass diese Pandemie dennoch beherrschbar wurde, ist ganz wesentlich den Leistungen der PaulEhrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Preisträger des Jahres 2022 zu verdanken. Durch ihre geistesgegenwärtige Reaktion auf das plötzliche Auftauchen des Coronavirus SARS-CoV-2 gelang es ihnen, in Rekordzeit einen Impfstoff zu entwickeln, der Millionen von Menschen in aller Welt das Leben gerettet hat. Die Basis dieses Erfolgs war ihre jahrzehntelange Erforschung des Botenmoleküls mRNA und dessen Optimierung für medizinische Zwecke. Katalin Karikó suchte seit Beginn ihrer Karriere unbeirrt von vielen Hindernissen nach Wegen, die intrazelluläre Proteinproduktion durch die Gabe von mRNA anzuregen. Dabei machte sie die bahnbrechende Entdeckung, wie sich die Immunabwehr des Körpers gegen extern applizierte mRNA ausschalten lässt. Ugur Şahin und Özlem Türeci fokussierten sich primär darauf, Krebsimpfstoffe zu entwickeln, die dem Immunsystem eines Patienten die Antigene seines eigenen Tumors präsentieren, damit es diesen zerstöre. Dabei entdeckten sie, wie sich die mRNA stabilisieren und die Effizienz ihrer Botschaften signifikant steigern lässt. 2008 gründeten sie das Unternehmen BioNTech. Mehrere therapeutische Krebsimpfstoffe auf mRNA-Basis haben sie dort bereits bis zur klinischen Prüfung entwickelt.

Neben den Hauptpreisen wird heute auch der Paul Ehrlich-und-Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis doppelt vergeben. Mit dem Nachwuchspreis für 2021 wird die Biologin Elvira Mass ausgezeichnet. Sie hat durch die geschickte Anwendung genetischer Markierungsverfahren entdeckt, dass die gesunde Entwicklung eines Organismus schon sehr früh von spezialisierten Immunzellen gesteuert wird, die dem Dottersack des Embryos entstammen. Den Nachwuchspreis für 2022 erhält die Ärztin Laura Hinze. Sie hat mit Hilfe eines genomweiten Screenings entdeckt, auf welchem Weg sich die Resistenz von Leukämiezellen gegen ein bestimmtes Chemotherapeutikum überwinden lässt. Daraus hat sie auch eine neue mögliche Strategie zur Behandlung solider Tumore wie Darmkrebs abgeleitet.

Weitere Informationen
Pressestelle der Paul Ehrlich-Stiftung
Joachim Pietzsch
Tel.: +49 (0)69 36007188
E-Mail: j.pietzsch@wissenswort.com
www.paul-ehrlich-stiftung.de


Redaktion: Joachim Pietzsch / Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 14 2022
10:38

Goethe-Universität steuert bundesweites Projekt zur psychologischen Unterstützung von Geflüchteten

Hilfe für traumatisierte Menschen auf der Flucht

Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, können das Erlebte nicht einfach hinter sich lassen. Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Albträume gehören zu den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Psychotherapie an der Goethe-Universität bietet Therapieplätze für Betroffene an.

FRANKFURT. Seitdem die russische Armee die Ukraine überfallen hat, ist das Leid der Menschen, die in Kellern und U-Bahn-Schächten Schutz suchen, auch in unseren Medien omnipräsent. Wer sich zur Flucht entschließt, hat schon viel Schlimmes erlebt, traumatisierende Erfahrungen auf der Flucht kommen hinzu. Auch weit weg von der Heimat können die Menschen das Schreckliche nicht wirklich hinter sich lassen: Es reist mit in Form von Albträumen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Schreckhaftigkeit, Angst und anderen intensiven negativen Gefühle. Manche Betroffene durchleben das traumatisierende Ereignis in ihrem Inneren immer und immer wieder. Dies alles können Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sein.

Viele geflüchtete Menschen benötigen daher dringend psychotherapeutische Hilfe. Die Barrieren, vorhandene Angebote wahrzunehmen, sind jedoch hoch. Die Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität unter der Leitung von Prof. Regina Steil, Prof. Thomas Ehring (LMU München), und Prof. Nexhmedin Morina (Universität Münster) bietet Unterstützung an. Das von der Goethe-Universität aus gesteuerte Projekt zur Psychotherapie der Posttraumatischen Belastungsstörung bietet eine innovative Behandlungsform für traumatisierte geflüchtete Menschen und begleitet dies wissenschaftlich. Bei Bedarf wird die Behandlung dolmetschergestützt durchgeführt.

Die Studie sieht für jeden Teilnehmer zehn Sitzungen von jeweils 100 Minuten Dauer innerhalb von zwölf Wochen vor. Eine Vergleichsgruppe erhält die selbe Behandlung nach einer Wartezeit. Um die Wirksamkeit der neuen Vorgehensweise zu ermitteln, wird der Verlauf der Symptomatik in beiden Gruppen vor und nach der Behandlung sowie drei und zwölf Monate später mittels klinischer Interviews und Selbstbeurteilungsinstrumente erfasst.

An den Standorten Münster, Marburg, München und Frankfurt wurden bisher insgesamt 64 Patientinnen und Patienten in das Projekt aufgenommen. Weitere Behandlungsplätze für Geflüchtete ab 18 Jahren stehen zur Verfügung. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Weitere Informationen
Julia Reuter
Projektkoordinatorin
Institut für Psychologie, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Goethe-Universität
Telefon 069 798 25374
E-Mail Reuter@psych.uni-frankfurt.de (bevorzugt)

https://project-recap.de/unser-angebot/rescript


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, 60323 Frankfurt am Main, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de 

 

Mär 11 2022
10:15

Deitelhoff und Friedman diskutieren im „StreitClub“ über den Zustand der Gesellschaft – Gäste diesmal: Jan Fleischhauer und Wolfgang Merkel

Deutschland – ein gespaltenes Land?

FRANKFURT. Die Veranstaltungsreihe „StreitClub“ wird fortgesetzt. Nicole Deitelhoff, Professorin für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität und Sprecherin des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, lädt gemeinsam mit dem Publizisten und Moderator Michel Friedman

am Montag, 21. März, um 19:30 Uhr
im The English Theatre Frankfurt,
Gallusanlage 7
60329 Frankfurt am Main

zum Streitgespräch ein. Zu Gast sind diesmal der Journalist Jan Fleischhauer und der Politologe Wolfgang Merkel.

Schon vor der Covid-Pandemie wurde der Niedergang des gesellschaftlichen Zusammenhalts befürchtet, in der Pandemie sogar die Spaltung der Gesellschaft konstatiert. Ist Deutschland ein gespaltenes Land? Was heißt das überhaupt und welche Konsequenzen hätte es für die Demokratie?

Jan Fleischhauer war von 1989 bis 2019 beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ tätig, unter anderem als Reporter in Leipzig (1991), als stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros. Von 2001 bis 2005 war er Wirtschaftskorrespondent in New York. 2019 wechselte Fleischhauer zum Burda-Verlag und ist beim Nachrichtenmagazin „Focus“ tätig. Der Politologe Wolfgang Merkel ist seit 2004 Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Demokratieforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Merkel zählt zu den angesehensten Vertretern der Vergleichenden Politikwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Er prägte maßgeblich die Forschung zu Demokratisierungsprozessen, Systemwechseln und Systemzusammenbrüchen.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen dem Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), dem Center for Applied European Studies (CAES) und dem English Theatre Frankfurt (ETF). Sie findet im Hybridformat statt. Der Livestream ist auf YouTube abrufbar, den Link finden Sie auf der Homepage des StreitClubs unter https://cutt.ly/streitclub.

Der StreitClub ist ebenso wie die Formate „StreitBus“ (in Kooperation mit dem DemokratieWagen von mehralswählen e.V. und dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung) und die Online-Debattenreihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“ Teil des Projekts „Frankfurt streitet!“ des Frankfurter FGZ-Standorts. Dabei geht es um die Bedeutung von Streitkultur für die Demokratie. Tickets für den StreitClub sind für 12 bzw. 10 Euro über das English Theatre Frankfurt erhältlich, Pressekarten bei Katja Maasch, maasch@em.uni-frankfurt.de.


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de 

 

Mär 8 2022
17:13

Erweiterter Senat wählt Experten für digitale Transformation als neues Präsidiumsmitglied

Ulrich Schielein CIO der Goethe-Universität 

FRANKFURT. Nach seiner Wahl durch den Erweiterten Senat erhält die Goethe-Universität mit Ulrich Schielein erstmals einen Chief Information Officer (CIO). Die Position wird im Rang eines hauptamtlichen Vizepräsidenten besetzt und komplettiert das Präsidialteam, das dann wieder sechs Mitglieder umfassen wird. Damit geht die Goethe-Universität neue Wege – einerseits erfolgt mit der Wahl ein klares programmatisches Bekenntnis zur Digitalisierung, andererseits stehen zukünftig neben vier akademischen Mitgliedern zwei sogenannte Professionals mit an der Spitze der Universität.

Als CIO verantwortet Ulrich Schielein die Entwicklung und Umsetzung einer übergreifenden Digitalisierungsstrategie und somit die strategische Steuerung der Digitalisierung, des gesamten IT-Bereiches und der Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur der Goethe-Universität. In sein Aufgabengebiet fallen auch die Zuständigkeiten für Hochschulrechenzentrum, Universitätsbibliothek und studiumdigitale.

Der Präsident der Goethe-Universität, Prof. Dr. Enrico Schleiff: „Wir haben mit Herrn Schielein eine außerordentlich kompetente Persönlichkeit für die künftige Präsidiumsarbeit gewonnen, die mit dem stärker akzentuierten unternehmerischen Hintergrund neue Impulse für die Universität bringen wird. Ich danke dem Erweiterten Senat, dass dieser Herrn Schielein mehrheitlich sein Vertrauen ausgesprochen hat. Herrn Schielein danke ich sehr, dass er sich auf das Experiment der Arbeit an einer der größten deutschen Universitäten einlässt. Mit Herrn Schielein gewinnt die Goethe-Universität einen hervorragenden Experten für das ganze Themenfeld der Digitalisierung und kann sich damit in diesem Bereich mit Nachdruck zukunftsfähig aufstellen.“

Der frisch gewählte CIO, Ulrich Schielein, sagt: „An der neu geschaffenen Rolle als Vizepräsident und CIO reizt mich, an zentraler Stelle zur weiteren Digitalisierung unserer Gesellschaft beizutragen und meine umfangreiche fast 30jährige Berufserfahrung einbringen zu können. Als Vizepräsident und CIO möchte ich als Mitglied des Präsidiums, gemeinsam mit den weiteren universitären Gremien und allen Beteiligten die Digitalisierung der Goethe-Universität in allen Dimensionen von Forschung, Lehre, und Verwaltung gestalten, entscheidend vorantreiben und als ein Aushängeschild einer führenden exzellenten Universität etablieren. Digitalisierung soll dabei u.a. helfen, Prozesse für Forschende, Lehrende, Studierende und Mitarbeitende in der Verwaltung zu vereinfachen und zu automatisieren sowie neue Zugangsmöglichkeiten zu schaffen. Zudem trägt Digitalisierung zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen bei und ermöglicht benachteiligten Gruppen eine bessere Teilhabe“.

Als externer Kandidat für die Rolle des Vizepräsidenten und CIO der Goethe-Universität bringt Herr Schielein einerseits Erfahrung aus seiner Zeit in der öffentlichen Verwaltung bei der Bundesagentur für Arbeit mit, wo er bereits mit dem Thema computerbasierter Aus- und Weiterbildung befasst war. Andererseits war er viele Jahre als international tätiger Berater sowohl in Unternehmen der öffentlichen Hand als auch der Privatwirtschaft aktiv, wo sein Fokus insbesondere auf Themen wie Digitalisierung sowie effizienter und effektiver Einsatz von Informationstechnologien lag. Er begleitete dabei seine Kunden von der Formulierung von Strategien bis zur erfolgreichen Umsetzung komplexer Transformationen. Dies umfasste neben der Implementierung neuer Technologien ebenso die Etablierung neuer Arbeitsformen sowie das Veränderungs-Management. Die Erfahrung aus häufig wechselnden Kundensituationen während seiner Beraterzeit wird ihm helfen, sich rasch in die Spezifika einer Universität einzuarbeiten und gleichzeitig auch Anstöße durch seine bisherigen Erfahrungen zu geben. 


Foto zum Download unter: www.uni-frankfurt.de/113917759


Redaktion: Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter PR & Kommunikation, Tel: 069 798-13035, Fax: 069 798-763 12531, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 7 2022
10:19

1,5 Million Euro für europäisches Forschungsgroßprojekt Remote-NMR – Koordination durch Goethe-Universität Frankfurt

„Tele-Forschung“: Fernsteuerungsprojekt soll Kernspin-Strukturanalysen erleichtern und Vernetzung der europäischen Forschung weiter vorantreiben

Ein Verbund von 26 Partnern der wichtigsten europäischen Forschungsinfrastrukturen für die Kernspinresonanzspektroskopie (NMR-Spektroskopie) wird in den kommenden Jahren standardisierte Verfahren entwickeln, mit denen sich NMR-Geräte auch aus der Ferne steuern und nutzen lassen. Die Projektleitung liegt bei Prof. Harald Schwalbe vom Biomolekularen Magnet-Resonanz-Zentrum der Goethe-Universität Frankfurt. Die Europäische Union fördert das Projekt Remote-NMR mit 1,5 Millionen Euro.

FRANKFURT. Die Kernspinresonanzspektroskopie ist eine der wichtigsten analytischen Methoden in den chemischen, physikalischen, biologischen und medizinischen Wissenschaften. Denn die Methode ermöglicht es, die räumliche Anordnung von Atomen in Molekülen zu bestimmen und so Struktur und Dynamik von Molekülen zu analysieren. Bedeutsame Beiträge hat die NMR-Spektroskopie zuletzt beispielsweise für die SARS-CoV-2-Impfstoffentwicklung und -Arzneimittelforschung im Rahmen des europäischen Netzwerks COVID19-NMR geleistet. Hierbei gilt das Biomolekulare Magnet-Resonanz-Zentrum (BMRZ) der Goethe-Universität als Leuchtturm der europäischen Forschung mit Großgeräten. Routinemäßig wird die NMR-Spektroskopie zudem beispielsweise in der Qualitätskontrolle bei der Herstellung von Chemikalien oder Biomolekülen verwandt.

NMR-Spektroskopie erfordert hochentwickelte und teure Geräte, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit unterschiedlichem Hintergrund betrieben werden, von serviceorientierten Experten für Routineuntersuchungen bis hin zu hochqualifizierten Forschern, die lokale wie externe Nutzer:innen bei spezialisierten Anwendungen unterstützen. Vor der Corona-Pandemie wurde die Mehrzahl der Messungen in Europa von Wissenschaftler:innen gemacht, die zu den NMR-Zentren reisten. Entsprechend stark ging als Folge von Reise- und Kontaktbeschränkungen die Nutzung der Anlagen durch externe Nutzer zurück.

Daher haben NMR-Wissenschaftler:innen bereits in den vergangenen zwei Jahren damit begonnen, NMR-Analyseverfahren per digitalem Fernzugriff zu entwickeln. Das neue Projekt Remote-NMR (R-NMR), das von Prof. Harald Schwalbe von der Goethe-Universität geleitet wird, wird jetzt Standards für einen NMR-Fernzugriff schaffen, der europäischen Forschern einen Zugang zu den Großgeräten ermöglicht. Die Nutzer sollen in die Lage versetzt werden, mit dem NMR-Instrument zu interagieren, die laufenden Experimente zu überwachen und bei Bedarf anzupassen und mit dem Personal, das vor Ort die Geräte betreut, zu kommunizieren. Dazu werden innerhalb R-NMR alle bedeutenden NMR-Infrastrukturen in Europa miteinander vernetzt. Routineprozesse für die Remote-Nutzung von NMR werden eingerichtet, was die Erstellung von Forschungs- und Lehrprotokollen sowie die Archivierung von Daten und den Probenversand einschließt.

Die Europäische Union fördert R-NMR in den kommenden drei Jahren mit insgesamt 1,5 Millionen Euro im Rahmen des Horizon Europe Framework Programme.

Prof. Harald Schwalbe ist überzeugt: „Im Netzwerk R-NMR machen wir uns fit für NMR@home. Die europaweite Standardisierung ist dabei ein riesiger Vorteil, denn so können wir die vorhandenen riesigen Potenziale, die diese wichtigen Forschungsinfrastrukturen bieten, optimal nutzen. Weil viele Kolleginnen und Kollegen viel weniger reisen müssen, lässt sich außerdem der CO2-Fußabdruck unserer Forschung deutlich verkleinern.“

Links:
Europäisches Netzwerk von NMR-Forschungsinfrastrukturen http://www.eurobionmr.eu/
Europäisches Netzwerk COVID19-NMR https://covid19-nmr.de/

Bilder zum Download:
https://www.uni-frankfurt.de/111177368

Bildtext: Prof. Dr. Harald Schwalbe, Goethe-Universität Frankfurt. Foto: Jürgen Lecher für Goethe-Universität

Weitere Informationen
Prof. Dr. Harald Schwalbe
Institut für organische Chemie und chemische Biologie
Biomolekulares Magnet-Resonanz-Zentrum (BMRZ)
Goethe-Universität Frankfurt
Tel +49 69 798-29137
schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

  • Allianz für die Stärkung der frühen, alltagsintegrierten Sprachförderung in Frankfurt und Hessen im Aufbau
  • Bedarf durch die Corona-Pandemie gestiegen

Frankfurt am Main, 7. März 2022. Das von der BHF BANK Stiftung initiierte Frankfurter Modellprojekt „Sprachentdecker“ zur alltagsintegrierten Sprachförderung in Kitas und Grundschulen wird von der Stadt Frankfurt am Main fortgeführt und ausgebaut. Mit finanzieller Unterstützung des Dezernats für Bildung, Immobilien und Neues Bauen, das dafür zunächst 50.000 Euro bereitstellt, sollen über die bestehenden Standorte hinaus mehr Frankfurter Kitas und Schulen das Qualifizierungs-Angebot für sich nutzen können.

„Die Pandemie war und ist für viele Kinder eine schwere Zeit, in der ein großer Nachholbedarf entstanden ist. Besonders Kinder, die bereits zuvor einen Förderbedarf hatten, benötigen verstärkt Aufmerksamkeit und gut geschulte Kräfte“, sagt Bildungsdezernentin Sylvia Weber. „Dafür brauchen wir mehr individuelle Förderung im Regelbetrieb.“ Hier setze „Sprachentdecker“ effizient an, so die Stadträtin: „Das Projekt ermöglicht die Qualifizierung und Vernetzung von Fachkräften, damit wir diese Kinder beim besonders wichtigen Übergang von der Kita in die Schule bestmöglich unterstützen können.“

Das Modellprojekt unter wissenschaftlicher Leitung der Goethe-Universität (Fachbereich Erziehungswissenschaften, Prof. Dr. Diemut Kucharz) konnte nachweisen, wie wirksame Deutschförderung im Alltag in Kita und Schule gelingt. Es wurde seit 2016 in enger Kooperation von Goethe-Universität, Stadt Frankfurt am Main (Amt für multikulturelle Angelegenheiten) und der BHF BANK Stiftung entwickelt. Bisher konnten etwa 100 Fach- und Lehrkräfte aus zwölf Kitas und sieben Grundschulen fortgebildet werden. 2019 wies eine Evaluation die Wirksamkeit des Angebots nach. Vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie insbesondere auf Kinder, die zu Hause wenig Deutsch sprechen, kommt dem Programm eine nochmal gestiegene Bedeutung zu, denn es vermittelt den Fach- und Lehrkräften Kenntnisse und Fertigkeiten, mit denen sie die Kinder effizient und wirksam fördern können.

„Im jetzt anstehenden Ausbau des Projekts Sprachentdecker möchten wir noch mehr Fach- und Lehrkräften als bisher das Instrumentarium vermitteln zu erkennen, was die Kinder schon gut beherrschen und wo Einzelne noch Defizite haben“, sagt Diemut Kucharz, Professorin für Grundschulpädagogik an der Goethe-Universität und wissenschaftliche Leiterin von „Sprachentdecker“. „Wir schärfen den Blick der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und komplettieren ihr Repertoire – und das ohne zusätzliche Fördermaßnahmen für die Kinder, sondern integriert in deren Alltag. Die Evaluierung hat gezeigt: Dies ist ein sehr effizienter Ansatz, und die Kinder verbessern ihre Kompetenzen deutlich.“

Perspektivisch entwickelt sich „Sprachentdecker“ über Frankfurts Stadtgrenzen hinaus und soll mit Unterstützung des Hessischen Kultusministeriums an neuen Standorten in Hessen angeboten werden. Dazu ist eine Förderung im Rahmen der auch in Hessen präsenten Bundesinitiative BiSS (Bildung durch Sprache und Schrift) zugesagt, und das Kultusministerium wird das Programm „Sprachentdecker“ neben zwei weiteren Angeboten zur frühen Sprachbildung und -förderung offiziell empfehlen. In der Entwicklung ist zudem unter Federführung der BHF BANK Stiftung, die die Modellphase ermöglicht hat, und mit fachlicher Unterstützung des Amts für multikulturelle Angelegenheiten und Beratung durch die Goethe-Universität ein neues Pilotprojekt: Hier geht es um die Förderung der Bildungskooperation mit Eltern. Das neue Projekt soll eng angebunden an „Sprachentdecker“ aufgebaut werden.

„Wir freuen uns, dass das Projekt, das unsere Stiftung 2016 als Frankfurter Modellprojekt und als Beitrag für die Qualifizierung junger Menschen ins Leben gerufen hat, sich bewährt hat und nun weitergeführt wird“, sagt Werner Taiber, Vorsitzender des Vorstands der BHF BANK Stiftung. „Wir geben dem Thema weiterhin eine hohe Priorität. Daher möchten wir uns weiter in die Allianz für die frühe Sprachbildung einbringen und einen besonderen Akzent künftig auch auf die wichtige Rolle der Eltern legen.“


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Über das „Sprachentdecker“ – Programm:

„Sprachentdecker“ ist ein Qualifizierungsprogramm für Fachkräfte in Kitas und Lehrkräfte in Grundschulen, die gemeinsam über einen Zeitraum von einem Jahr geschult werden. Es zielt darauf, alle, die reguläre Bildungs- und Lernprozesse gestalten, für die alltagsintegrierte Sprachbildung und sprachförderliches Verhalten sowie für die Förderung von Mehrsprachigkeit zu qualifizieren. Das Programm setzt bewusst im Regelbetrieb an und nicht auf Extra-Maßnahmen. Es hat drei Säulen: die Weiterqualifizierung der Pädagog/-innen, den Übergang zwischen Kita und Schule und den Dialog mit den Eltern über die Bildungsprozesse ihrer Kinder. Die beteiligten Einrichtungen und Schulen sind ortsbezogen in so genannten Standorten zusammengeschlossen. Die ehemaligen Teilnehmer/-innen sind Teil eines Netzwerks, das sich, wenn möglich, jährlich trifft und an der regelmäßigen Anwendung des Gelernten und der Implementierung der neuen Methoden an den jeweiligen Standorten arbeitet und in fachlichem Austausch steht. Besonderes Alleinstellungsmerkmal von „Sprachentdecker“ sind die Einzelcoachings für die geschulten Kräfte, die dafür sorgen, dass das Gelernte auch Eingang in die gelebte Praxis findet und individuelle Fragen geklärt werden können. 

Pädagog/-innen, die am Projekt „Sprachentdecker“ teilgenommen haben, verfügen über Strategien, um Kinder beim Deutschlernen im Alltag produktiv zu unterstützen. Sie haben gelernt, wie sie zum Beispiel Mathematikaufgaben so besprechen können, dass die Kinder dabei auch sprachlich etwas lernen. Sie greifen etwa Sätze von Kindern auf, wiederholen sie und reichern sie dabei sprachlich an. Dadurch lernen die Kinder beiläufig richtige und variantenreiche Formulierungsmöglichkeiten im Deutschen. Seit Projektstart 2016 wurden im Rahmen von „Sprachentdecker“ aus zwölf Kitas und sieben Grundschulen etwa 100 Fach- und Lehrkräfte fortgebildet.

Insgesamt hat die BHF BANK Stiftung seit 2016 mehr als 200.000 Euro in das Projekt und die Evaluierung der Angebote investiert.

Die gemeinnützige BHF BANK Stiftung wurde Ende 1999 gegründet und zählt zu den mittelgroßen Stiftungen in Deutschland. Ihre Stifterin ist heute die deutsch-französische Bank ODDO BHF AG. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung 18 Millionen Euro in Initiativen und Modellprojekte investiert.


Pressekontakte

Goethe-Universität Frankfurt
Prof. Dr. Diemut Kucharz
Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe (WE II)
Telefon +49 (0)69 798-36266|
E-Mail: kucharz@em.uni-frankfurt.de

BHF BANK Stiftung
Sigrid Scherer
Geschäftsführerin
Telefon +49 (0)69 718-3452
E-Mail: sigrid.scherer@oddo-bhf.com  

Dezernat für Bildung, Immobilien und Neues Bauen
Tanja Sadowski
Referentin
Telefon: +49 (0)69 212-38768
E-Mail: tanja.sadowski@stadt-frankfurt.de


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Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Deutsch-Sprachkompetenzen bei Kindern und Jugendlichen in Frankfurt am Main

Die Ergebnisse des Frankfurter Integrations- und Diversitätsmonitorings sowie des Kindergesundheitsberichts des Frankfurter Gesundheitsamts verweisen darauf, dass in Frankfurt am Main die Zahl bzw. der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Sprachauffälligkeiten und Förderbedarf in Deutsch tendenziell steigt (vgl. Stadt Frankfurt am Main – Amt für multikulturelle Angelegenheiten 2017: S.74–77; Stadt Frankfurt am Main – Gesundheitsamt 2017: S. 4, S. 47). Kinder mit Migrationshintergrund weisen generell, insbesondere aber in der Sprachentwicklung, häufiger Entwicklungsauffälligkeiten auf als Kinder ohne Migrationshintergrund (vgl. Stadt Frankfurt am Main – Amt für multikulturelle Angelegenheiten 2017: S.74; Stadt Frankfurt am Main – Gesundheitsamt 2017: S. 51). Die Ergebnisse stehen in Einklang mit einer steigenden Zahl von Kindern, die an einem durch das Land Hessen geförderten Vorlaufkurs zur Verbesserung der Deutschkenntnisse teilnehmen.

So nahmen im Schuljahr 2019/2020 – vor der Einführung des verpflichtenden Besuchs der Vorlaufkurse - mit 12.807 Kindern so viele Schüler/-innen wie noch nie zuvor an den Kursen teil. Dabei wird davon ausgegangen, dass etwa fünf Prozent der förderbedürftigen Kinder nicht erreicht wurden (vgl. Hessischer Landtag 2021: Drucksache 20/4190; http://starweb.hessen.de/cache/DRS/20/0/04190.pdf)

Ein starker Anstieg ist darüber hinaus bei der Zahl der Teilnehmenden an Intensivkursen und
-klassen (sogenannte „Seiteneinsteiger“) zu verzeichnen (vgl. Stadt Frankfurt am Main – Amt für multikulturelle Angelegenheiten 2017: S. 78 ff.). Diese Entwicklung steht auch in Zusammenhang mit einer verstärkten Zuwanderung nach Frankfurt am Main, einerseits aus dem europäischen Ausland im Zuge der Aufnahme neuer Mitgliedstaaten in die Europäische Union, andererseits durch Fluchtzuwanderung.

Mehrsprachigkeit in Frankfurt am Main

In Frankfurt am Main leben Menschen aus über 170 Herkunftsländern, wobei die gesprochenen Sprachen diese Zahl deutlich übersteigen dürften (vgl. Stadt Frankfurt am Main – Amt für multikulturelle Angelegenheiten 2017: S. 39). Laut Mikrozensus liegt der Anteil der Familien, in denen mindestens ein Elternteil einen Migrationshintergrund aufweist, bei etwa 40 Prozent. Entsprechend Berechnungen aus dem Frankfurter Melderegister liegt bei etwa 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren ein einseitiger Migrationshintergrund und bei 75 Prozent ein beidseitiger familiärer Migrationshintergrund vor (vgl. Stadt Frankfurt am Main – Bürgeramt, Statistik und Wahlen 2013a: S.3). Ein Sonderfrageprogramm im Rahmen der Frankfurter Bürgerbefragung aus dem Jahr 2018 hatte zum Ergebnis, dass der Anteil der Personen, die im familiären Kontext in Deutsch und einer weiteren Sprache kommunizieren, bei mindestens 40 Prozent und bei Familien mit Kindern bei etwa 50 Prozent liegt. In vielen Frankfurter Familien und Haushalten gehört eine mehrsprachige Kommunikation somit zum Alltag.

Aufschluss über den Anteil der Kinder und Jugendlichen, die außer in Deutsch noch in einer weiteren Sprache in der Familie kommunizieren, erhält man anhand der Schulstatistik und der Statistik zur Kindertagesbetreuung. Rechnet man hier die Zahl der Kinder in der frühkindlichen Bildung bis unter elf Jahren und der Schüler/-innen in allgemeinbildenden Schulen zusammen, so kommt man zu einem Anteil von mindestens 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Frankfurt am Main, die mit Deutsch und weiteren Sprachen aufwachsen. Getrennt betrachtet sind es in Kindertagesstätten etwa 40 Prozent und in den allgemeinbildenden Schulen etwa 60 Prozent. Laut den Ergebnissen einer von der Goethe-Universität an Frankfurter Kindertagesstätten durchgeführten Studie zur „Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen in Frankfurt am Main“ liegt der Anteil der mehrsprachigen Kinder in städtischen Kindertagesstätten bei etwa 71 Prozent. Eine ähnliche Situation zeigt sich bei den konfessionellen Einrichtungen; bei den übrigen „freien“ Kindertagesstätten liegt der Durchschnitt dagegen bei etwa 53 Prozent (vgl. Gold & Schulz 2014: S. 47). 


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 3 2022
11:35

Kollegforschungsgruppe POLY bietet Stipendien für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Ukraine verlassen müssen

Kurzzeitförderung für ukrainische Historiker

Die geschichtswissenschaftliche Kollegforschungsgruppe POLY an der Goethe-Universität will einschlägig Forschenden aus der Ukraine mit einem Stipendium eine Perspektive geben.

FRANKFURT. Der russische Angriff auf die Ukraine bringt auch das Leben und die Arbeit vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Gefahr. Um zumindest einigen von ihnen die Weiterführung ihrer Forschung außerhalb der Ukraine zu erleichtern, bietet die DFG-Kollegforschungsgruppe „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“ (POLY) fünf Stipendien an. Sie richten sich an Promovierte, die sich mit mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Geschichte befassen und hierbei insbesondere religiöse Vielfalt in den Blick nehmen.

„Wir von POLY wollen mit dieser Initiative Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine helfen, die vor dem Krieg fliehen müssen, und die Stimme der ukrainischen Wissenschaft stärken“, fasst Professorin Birgit Emich, Sprecherin von POLY und Initiatorin des Stipendienprogramms, die Motivation der Forschungsgruppe zusammen. Für Emich, die an der Goethe-Universität Geschichte der Frühen Neuzeit lehrt, sind damit auch Hoffnungen für die Frankfurter Forschung verbunden: „Mit Hilfe der Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler könnten wir die Kooperationen in dieser Region weiter ausbauen, die für die Erforschung religiöser Vielfalt so fruchtbar ist“.

Die Stipendien sind mit 3000 Euro monatlich dotiert und zunächst auf vier Monate begrenzt. Während der Förderung sind die ukrainischen Gäste nicht nur in die Arbeit von POLY einbezogen. Sie profitieren auch von der sonstigen Forschungsinfrastruktur der Goethe-Universität wie dem Austausch mit dem thematisch benachbarten Forschungsverbund „Dynamiken des Religiösen“, dessen Sprecherschaft sich Emich mit dem Theologen und Judaisten Professor Christian Wiese teilt.

Die Bewerbung um ein Stipendium ist ab sofort möglich. Voraussetzungen sind eine abgeschlossene Promotion und die wissenschaftliche Beschäftigung mit religiöser Pluralität in Mittelalter oder Früher Neuzeit.

Weitere Informationen
Prof. Dr. Birgit Emich
Historisches Seminar
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0) 69 798-32594
E-Mail: emich@em.uni-frankfurt.de
https://www.geschichte.uni-frankfurt.de/92594738/Polycentricity_and_Plurality_of_Premodern_Christianities__POLY


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

FRANKFURT. Nach technischer Runderneuerung des Gebäudes präsentiert das MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität zu seiner Wiedereröffnung eine umfassende Retrospektive der Frankfurter Fotografinnen Nini (1884–1943?) und Carry Hess (1889–1957). Ihre in Zeitungen, Illustrierten und Büchern, als Autogrammkarten oder als Sammelbilder in Reklamealben vielfach publizierten Fotos prägten die populäre Bildpublizistik der 1920er Jahre entscheidend mit – insbesondere ihre beeindruckenden Aufnahmen moderner Frauen.

Die Ausstellung ist vom 11. März bis 22. Mai 2022 zu sehen. Mit ca. 120 Originalfotografien von 27 Leihgebern – von öffentlicher und von privater Seite – rekonstruiert die Ausstellung erstmalig Leben und Werk der beiden Schwestern, deren Fotoatelier zu den renommiertesten Adressen seiner Art in der Weimarer Republik zählte, heute aber nahezu vergessen ist. „Mit dieser Ausstellung knüpfen wir an die Tradition unseres Museums an, indem wir erneut den Fokus auf bislang weniger beachtete Künstlerinnen und Künstler lenken. Das beeindruckende fotografische Werk von Nini und Carry Hess lohnt die Entdeckung“, so Birgit Sander, Direktorin des MGGU.

Das Atelier Hess, seit 1913 in bester Lage am Rathenauplatz ansässig, war zunächst spezialisiert auf Porträtfotografien. Im Laufe der 1920er Jahre zählten dann zahlreiche Prominente wie Max Beckmann, Alfred Döblin, Paul Hindemith, Thomas und Katia Mann oder Mary Wigman zur Kundschaft der Fotografinnen. Renommee weit über ihre Heimatstadt Frankfurt hinaus erlangten die beiden Frauen auch durch ihre Theater-, Architektur-, Mode- und Aktfotografien. Gut vernetzt, erfolgreich und selbständig verkörperten die beiden Fotografinnen selbst den Typus dieser unabhängigen und engagierten „Neuen Frau“ der Weimarer Republik. 

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurden Nini und Carry Hess Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. In der Reichspogromnacht 1938 zerstörten SA-Trupps ihr Atelier und vernichteten dessen gesamte Ausstattung und das Archiv. Nini Hess wurde in Auschwitz vermutlich 1943 ermordet. Ihre Schwester Carry, die nach Frankreich emigriert war, starb 1957 in Chur (Schweiz) nach einem entwürdigenden Kampf um finanzielle „Wiedergutmachung“, die ihr kurz zuvor gewährt worden war.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung folgt einem thematisch strukturierten Rundgang. Sie beginnt mit einem chronologischen Einstieg und den frühen Jahren des Atelier Hess' nach dessen Gründung 1913. Alsbald feierten beide Fotografinnen Erfolge mit einem neuen, individuellen Porträtstil, der die Dargestellten psychologisch zu durchdringen vermochte und den sie fortan gekonnt weiterentwickelten. Die Entfaltung dieser Produktivität war eng mit der Einbindung beider Frauen in das pulsierende kulturelle Leben Frankfurts jener Zeit verbunden – schon bald entwickelte sich das Atelier Hess zu einer Art Salon, in dem sich Kulturschaffende versammelten und so den Radius der Kundschaft immer mehr erweiterten. Der Rundgang der Ausstellung setzt sich fort mit Räumen zur Porträt-, Theater-, Tanz- und Aktfotografie – gegliedert nach diesen Gattungen. Ein besonderer Akzent liegt dabei auf dem theaterfotografischen Schaffen, mit dem Nini und Carry Hess das innovative Bühnengeschehen in Frankfurt festhielten – ihre Theaterfotografien stellen ein kongeniales Pendant zum „Frankfurter Expressionismus“ im Theater dar.

Die Ausstellung setzt im Folgenden einen weiteren Akzent auf der vielfältigen medialen Weiterverbreitung der Fotografien von Nini und Carry Hess: Gezeigt werden Beispiele in Illustrierten, Zeitungen, Büchern, Reklamealben oder als Autogrammkarten. Diese bildpublizistische Arbeit stellte eine wichtige Einnahmequelle beider Fotografinnen dar, sie steigerte nochmals erheblich die Popularität und Bekanntheit des Ateliers. Mit dem Blick auf das persönliche Schicksal von Nini und Carry Hess, auf ihre Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten endet die Ausstellung. In diesem Kontext thematisiert sie auch den Umgang in der Nachkriegszeit mit der durch die Verbrechen der Nationalsozialisten bedingten Schuld und verweist auf Initiativen in der jüngeren Gegenwart zur Erinnerung an das Leben und Schaffen der Fotografinnen.

Ausstellung und Katalog basieren auf intensiven, langjährigen Recherchen und leisten einen bedeutenden Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des Frankfurter Kulturlebens während der Weimarer Republik. Sie schließen ein wichtiges, bislang jedoch kaum beachtetes Kapitel der Kunst- und Kulturgeschichte. Zugleich bereichert diese erstmalige differenzierte Aufarbeitung und Präsentation des fotografischen Werks von Nini und Carry Hess auch die Geschichte der Fotografie. Als das Museum der Goethe-Universität sehen wir es zudem als unsere besondere Aufgabe an, dem Publikum zu vermitteln, wie grundlegend wichtig Forschung und Wissenschaft für unsere Erinnerungskultur sind. Zur Ausstellung werden vielfältige Bildungs- und Vermittlungsangebote in analoger und digitaler Form angeboten.

Kurator und Kuratorin der Ausstellung: Eckhardt Köhn und Susanne Wartenberg

Pressekonferenz: Donnerstag, 10. März 2022, 11 Uhr
Bitte um vorherige Anmeldung an
presse@mggu.de

•          Dr. Birgit Sander, Direktorin MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität

•          Prof. Dr. Eckhardt Köhn, Kurator der Ausstellung

•          Christine Karmann, Kommunikation und Marketing MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität

Bilder und Texte zum Download unter: https://www.mggu.de/presse/

Der Ausstellungskatalog (256 Seiten, ca. 180 Abb.) mit Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren ist im Hirmer Verlag erschienen. An der Museumskasse kostet er 29 €.

Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, 60596 Frankfurt am Main
Eintritt: Erwachsene 7,- € / Ermäßigt 5,- €. Personen unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr
An Feiertagen 10–18 Uhr geöffnet: 15.4., 17.4., 18.4, 1.5

Informationen: Christine Karmann, Kommunikation und Marketing Museum Giersch der Goethe-Universität, Tel: 069/138210121, E-Mail: presse@mggu.de

Adresse: Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, 60596 Frankfurt am Main


Redaktion: Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter PR & Kommunikation, Tel: 069 798-13035, Fax: 069 798-763 12531, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de  

 

Feb 25 2022
10:41

Gemeinsame Veranstaltung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration und des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität

Equal Pay Day: Entgeltsysteme auf dem Prüfstein der Geschlechtergerechtigkeit

FRANKFURT. Der Equal Pay Day fällt in diesem Jahr auf den 7. März. Dies ist der Tag, an welchem rein statistisch die bundesweit berechnete Einkommenslücke von Frauen und Männern wieder geschlossen ist.  Ein Grund für diese Lücke beim Einkommen könnte darin liegen, dass die Entgeltsysteme nicht geschlechtergerecht sind. Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration und das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität informieren 

am Donnerstag, 3. März, von 10 bis 13 Uhr
bei einer virtuellen öffentlichen Veranstaltung zum Thema
„Entgeltgleichheit für Frauen und Männer in hessischen Betrieben.
Überprüfung der Geschlechtergerechtigkeit von Entgeltsystemen“

über Verfahren zur Überprüfung von Tarifverträgen und Entgeltsystemen in Betrieben und zeigen anhand von Beispielen Guter Praxis, welche Erfahrungen Betriebe mit diesen Verfahren machen.

Tarifverträge gelten als geschlechtsneutral. Jedoch zeigen sich auch in Branchen mit hoher Tarifbindung deutliche Entgeltlücken zuungunsten von Frauen. „Aufgrund der grundgesetzlich garantierten Tarifautonomie sind die Tarifvertragsparteien selbst aufgefordert, Tarifverträge auf den Prüfstand zu stellen. Denn auch sie sind nicht per se geschlechtergerecht “, sagt der hessische Sozialminister Kai Klose. „Dafür stellt die Wissenschaft fundierte Prüfverfahren zur Verfügung und gibt auch Anleitungen zur Anwendung an die Hand.“ Um diese Prüfverfahren geht es bei der gemeinsamen Veranstaltung von Hessischem Sozialministerium und Goethe-Universität zum Equal Pay Day 2022.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, dieses Prinzip ist in den meisten Entgeltsystemen weitestgehend abgesichert. „Komplizierter wird es, wenn gleiche Entgelte für gleichwertige Tätigkeiten gezahlt werden sollen“, sagt Dr. Christa Larsen vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität. Gleichwertig sind Tätigkeiten, wenn nach den folgenden Kriterien eine Vergleichbarkeit vorliegt: 1. Wissen und Können, 2. psycho-soziale Kompetenzen, 3. Verantwortung und 4. physische Anforderungen. Nach diesen Kriterien können die sogenannten Männer- und Frauenberufe oft als gleichwertig eingestuft werden – zum Beispiel können die Tätigkeiten einer Erzieherin einerseits und eines Handwerkers andererseits als gleichwertig betrachtet werden. Ähnliches gelte für Bäckereifachverkäuferinnen und Bäcker, meint Dr. Andrea Jochmann-Döll, die sich seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt und entsprechende wissenschaftlich fundierte Überprüfungsverfahren mitentwickelt und erprobt hat. Dr. Jochmann-Döll begleitet das Hessische Ministerium für Soziales und Integration und die Goethe-Universität fachlich in dieser Thematik.

Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes fördert die Anwendung eines erprobten Überprüfungsverfahrens, das eg-check Verfahren, abrufbar unter eg-check.de. Bei der Umsetzung werden Betriebe und Sozialpartner auf vielfältige Weise unterstützt. Wie das Verfahren in der Praxis funktioniert, darüber berichten bei der Veranstaltung drei Betriebe aus so unterschiedlichen Branchen wie dem Bankengewerbe, der Telekommunikation und dem Gastgewerbe/Catering. Alle drei haben dieselbe Erfahrung gemacht: Die Überprüfung der Entgeltgerechtigkeit macht sie als Arbeitgeber attraktiv. Denn immer mehr Beschäftigte wollen bei einem Arbeitgeber tätig sein, bei dem es fair zugeht, auch in finanzieller Hinsicht. Dies kann die dringende Suche nach Fachkräften erleichtern und für Arbeitgeber von Vorteil sein.

Die Veranstaltung bildet den Schlusspunkt des Sozialpartnerdialogs zur Entgeltgleichheit in Hessen, den das Hessische Ministerium für Soziales und Integration bereits 2019 gestartet hat. Eingebunden sind die Sozialpartner der größten Branchen in Hessen. Sie haben sich in den vergangenen Monaten in mehreren Workshops mit der Thematik befasst. Mit einem Rückblick auf den bisherigen Dialog bringen sich die Sozialpartner auch bei dieser Veranstaltung ein und unterstreichen damit nochmals die Wichtigkeit des Themas auch für sie.

Das Programm kann unter https://www.iwak-frankfurt.de/wp-content/uploads/2022/02/Einladung-und-Programm_Entgeltgleichheit-fur-Frauen-und-Manner-in-hessischen-Betrieben_3_Marz-2022_10-bis-13-Uhr.pdf eingesehen werden. Anmeldungen sind dort ebenfalls noch möglich.

Weitere Informationen und Interviewanfragen:
Dr. Christa Larsen
Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität
Telefon 069 798-22152
E-Mail c.larsen@em.uni-frankfurt.de
www.iwak-frankfurt.de/projekt/hessischer-lohnatlas/

Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
Pressereferat
Verantwortlich: Alice Engel
Telefon 0611 3219-34 08
E-Mail: presse@hsm.hessen.de  


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de  

 

Feb 25 2022
09:42

An der Goethe-Universität Frankfurt gezüchtete Kristalle mit Seltenerd-Atomen zeigen überraschende, schnell einstellbare magnetische Eigenschaften. 

Spintronik: Neuartige Kristalle für die Computerelektronik der Zukunft

Computerchips oder Speicherelemente sollen möglichst schnell und energiesparend funktionieren. Neuartige spintronische Bauelemente könnten hier mit hoher Geschwindigkeit und Effizienz punkten, da keine verlustbehafteten elektrischen Ströme fließen, sondern die Elektronen magnetisch aneinanderkoppeln – wie eine Reihe winziger magnetischer Nadeln, die sich gegenseitig fast reibungslos beeinflussen. Ein Wissenschaftsteam unter Beteiligung der Goethe-Universität Frankfurt und des Berliner Fritz-Haber-Instituts hat nun vielversprechende Eigenschaften bei Kristallen mit Seltenerd-Atomen gefunden, die auf dem langen Weg zur Anwendung als spintronische Bauelemente Hoffnung machen.

FRANKFURT. Heutige Computer sind zwar schon sehr schnell, aber sie verbrauchen auch große Mengen an Strom. Schon seit einigen Jahren macht eine neue Technologie von sich reden, die zwar noch in den Startlöchern steht, aber eines Tages die Computertechnik revolutionieren könnte – die Spintronik. Der Name ist ein Kunstwort aus „Spin“ und „Elektronik“, denn bei diesen Komponenten fließen keine Elektronen mehr durch die Computerchips, sondern nur noch der Spin der Elektronen dient als Informationsträger. Ein Forschungsteam unter Beteiligung der Goethe-Universität Frankfurt hat nun Materialien identifiziert, die überraschend positive Eigenschaften für die Spintronik aufweisen. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin „Nature Materials“ publiziert.

„Man kann sich die Elektronenspins vorstellen wie winzige magnetische Nadeln, die an den Atomen eines Kristallgitters festgemacht sind und die miteinander kommunizieren“, sagt Cornelius Krellner, Professor für Experimentalphysik an der Goethe-Universität Frankfurt. Wie diese Magnetnadeln aufeinander reagieren, hängt entscheidend von den Eigenschaften des Materials ab. Bisher hat man in der Spintronik vor allem ferromagnetische Materialien untersucht, bei denen – ähnlich wie bei einem Eisenmagneten – die Magnetnadeln bevorzugt in eine Richtung zeigen. In den letzten Jahren sind aber sogenannte Antiferromagnete stärker in den Fokus gerückt, weil diese Materialien noch schnellere und effizientere Schaltbarkeit ermöglichen sollen als andere spintronische Materialien.

Bei Antiferromagneten orientieren sich die Magnetnadeln immer abwechselnd. Schubst man eine atomare Magnetnadel in eine Richtung, dreht sich die Nachbarnadel in die Gegenrichtung. Dies wiederum lässt den übernächsten Nachbarn wieder in die Richtung der ersten Nadel wandern. „Da diese Wechselwirkungen sehr schnell und fast ohne Reibungsverluste vonstattengehen, bietet sich hier ein großes Potenzial für ganz neuartige elektronische Komponenten“, erklärt Krellner.

Vor allem Kristalle mit Atomen aus der Reihe der seltenen Erden gelten als interessante Kandidaten für die Spintronik, da diese vergleichsweise schweren Atome starke magnetische Momente aufweisen – Chemiker nennen die zugehörigen Zustände der Elektronen 4f-Orbitale. Zu den Seltenerd-Metallen – die zum Teil gar nicht so selten und teuer sind – zählen Elemente wie Praseodym oder Neodym, die auch in der Magnettechnik zum Einsatz kommen. Insgesamt sieben Materialien mit unterschiedlichen Seltenerd-Atomen, von Praseodym bis Holmium, hat das Forschungsteam nun untersucht.

Das Problem bei der Entwicklung spintronischer Materialien liegt darin, dass man perfekt maßgeschneiderte Kristalle für solche Komponenten braucht, da sich kleinste Unstimmigkeiten sofort negativ auf die magnetische Gesamtordnung im Material auswirken. Hier kam die Frankfurter Expertise zum Einsatz. „Die seltenen Erden schmelzen bei rund 1000 Grad Celsius, das für den Kristall zusätzlich benötigte Rhodium aber erst bei rund 2000 Grad Celsius“, so Krellner. „Deshalb funktionieren herkömmliche Kristallisationsverfahren hier nicht.“

Stattdessen nutzten die Wissenschaftler heißes Indium als Lösungsmittel. Bei rund 1500 Grad Celsius lösen sich darin sowohl die seltenen Erden als auch das zusätzlich benötigte Rhodium und Silizium. Der Graphittiegel blieb dann rund eine Woche lang bei dieser Temperatur und wurde behutsam abgekühlt. Dadurch bildeten sich die gewünschten Kristalle in Form dünner Plättchen von zwei bis drei Millimetern Kantenlänge. Diese untersuchte das Team anschließend mit Hilfe von Röntgenstrahlung am Berliner Synchrotron BESSY II sowie an der Swiss Light Source des Schweizer Paul Scherrer Instituts.

„Die wichtigste Erkenntnis ist, dass in den von uns gezüchteten Kristallen die Seltenerd-Atome sehr schnell miteinander magnetisch reagieren und dass sich die Stärke dieser Reaktion durch Wahl der Atome gezielt einstellen lässt“, sagt Krellner. Das eröffnet den Weg zu weiteren Optimierungen – schließlich ist die Spintronik noch reine Grundlagenforschung und Jahre von kommerziellen Komponenten entfernt.

Auf dem Weg zur Marktreife sind allerdings noch etliche Probleme zu lösen. So liefern die in gleißender Hitze erzeugten Kristalle nur bei Temperaturen von unter minus 170 Grad Celsius überzeugende magnetische Leistungen. „Wir vermuten, dass sich die Betriebstemperaturen durch Hinzufügen von Eisenatomen oder ähnlichen Elementen deutlich nach oben verschieben lässt“, so Krellner. „Aber es bleibt zu sehen, ob dann auch die magnetischen Eigenschaften noch genauso positiv sind.“ Dank der neuen Ergebnisse haben die Forscher aber nun eine bessere Vorstellung davon, an welchen Stellschrauben sich zu drehen lohnt.

Publikation: Y. W. Windsor, S.-E. Lee, D. Zahn, V. Borisov, D. Thonig, K. Kliemt, A. Ernst, C. Schüßler-Langeheine, N. Pontius, U. Staub, C. Krellner, D. V. Vyalikh, O. Eriksson, L. Rettig: Exchange scaling of ultrafast angular momentum transfer in 4f antiferromagnets. Nature Materials (2022)
https://www.nature.com/articles/s41563-022-01206-4

Weitere Informationen
Prof. Dr. Cornelius Krellner
Kristall- und Materialienlabor
Physikalisches Institut
Tel: +49 (0)69 798-47295
krellner@physik.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de