​​​​​​​Pressemitteilungen ​​​​​​ – 2021

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Pressestelle Goethe-Universität

Theodor-W.-Adorno Platz 1
60323 Frankfurt 
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Apr 8 2021
12:11

Erstmals Campusgärten auf dem Riedberg und im Westend: PermaKulturInseln der Goethe-Universität sollen Begegnungsorte der Stadt sein

„Unsere PermaKulturInseln sollen ein Modell für Frankfurt werden“

Gemüsegarten, grüne Oase, Forschungsstätte und Bildungsort: Die neuen Campusgärten der Goethe-Universität sollen weit mehr bieten als das Ernten von Obst und Gemüse. Dazu haben sich Studierende mit der Initiative Goethe's Green Office, dem Wissenschaftsgarten der Universität, dem AStA sowie dem Arbeitskreis „PermaKulturInseln“ der GemüseheldInnen und des Ernährungsrats Frankfurt zusammengetan.

FRANKFURT. Abends nach der Arbeit auf dem Campus Westend einen Salatkopf pflücken? Dazu Erdbeeren, Kartoffeln und Kürbisse ernten und Kräuter zupfen? Gemeinsam mit anderen Städterinnen und Städtern Unkraut jäten, sich an Wasserstellen, Wildblumen und Gemüsebeeten erfreuen? Was vollkommen märchenhaft klingt, wird mit der Zusage der Universität zu PermaKulturInseln auf dem Campus bald schon Wirklichkeit werden.

„Als Biologe freue ich mich natürlich ganz besonders über die Initiative unserer Studentinnen und Studenten und habe sie auch nachdrücklich unterstützt“, begrüßt Prof. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität, das Projekt. „Die Permakulturgärten bieten ja nicht nur lokal ganz konkrete Lösungen für globale Umweltprobleme und helfen uns dabei, dazu weiter zu forschen. Sie zeigen außerdem aufs Schönste, wie Universität und Stadt miteinander verbunden sind: durch junge Menschen mit kreativen Ideen und der Entschlossenheit, diese Ideen vor Ort, inmitten der Stadt, inmitten der Universität, umzusetzen.“

Erste Schritte auf dem Weg zu den PermaKulturInseln sind die Studierenden mit den GemüseheldInnen und dem Ernährungsrat, beide getragen vom Verein BIONALES e.V. - Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung, schon gegangen: Für die verwilderten Campusflächen wurden Konzepte erdacht, Beete angelegt, Samen in die Erde gebracht und Jungpflanzen angezogen – dass der biozertifizierte Kohlrabi „Enrico“ mit seinem Namen eine lockere Verbindung zum Unipräsidenten herstellt, ist durchaus beabsichtigt. Unterstützt wurden die Studierenden von Robert Anton, dem Leiter des Wissenschaftsgartens und universitärer Ansprechpartner für die Campusgärten. „Mit seiner Hilfe konnten die Flächen noch rechtzeitig vor dem Vogelschutz vorbereitet werden“, freut sich Campusgärtner Silas Büse. „Jetzt sind wir unglaublich glücklich, zur Tat schreiten zu können. Bei vielen Studierenden kommt das Projekt bereits sehr gut an.“

800 Quadratmeter auf dem Riedberg und 2.000 Quadratmeter auf dem Campus Westend hat die Universität derzeit für Permakultur bereitgestellt. Will heißen: für hochproduktive essbare Ökosysteme, die dauerhaft funktionieren. Um das zu erreichen, werden traditionelle Methoden mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft. Oder in den Worten von Juliane Ranck und Laura Setzer, den Gründerinnen der „GemüseheldInnen“: „In der Permakultur wird jedes Element so platziert, dass es sich optimal entfalten kann.“ Dies gilt für alle am System Teilhabenden: Pflanze, Tier, Mensch und ihre Umgebung.

Vielfalt zählt: Für die Campusgärten bedeutet dies, „dass bestehende Habitate um geeignete Elemente ergänzt werden – wie Obstbäume, Wildobststräucher, Totholzhecken, Kompost, Gemüsebeete oder Feuchtbiotope“, erklärt Moritz Schmitthenner vom Goethe's Green Office, Student der Politikwissenschaft und Soziologie. „So stehen beispielweise Sumpfdotterblumen unter schattenspendenden Obstbäumen neben mediterranem Gemüse und duftenden Kräuterspiralen.“ Maximale Artenvielfalt auf minimaler Fläche könne zudem bis zu zehnmal produktiver sein als konventioneller Ökolandbau, wissen die Campusgärtnerinnen und –gärtner. Und: „Allein die Ästhetik dieses biodiversen Naturschauspiels hat einen besonderen Wert und kann dem Wohlbefinden des Menschen unglaublich guttun. Das bringt wiederum auch einen ökonomischen und gesellschaftlichen Wert mit sich“, sagt Silas Büse. 

Überhaupt ist das Team mit inzwischen mehr als 40 Mitgliedern rundum bestens ausgebildet: Viele „Gemüseheldinnen“ haben internationale Kurse über Permakultur und Market Gardening besucht und absolvieren derzeit das Basisjahr der dreijährigen Ausbildung zur Permakultur-Designerin; dass im Garten statt Umgraben umfangreiches Mulchen angesagt ist, gehört inzwischen zu ihren Grundkenntnissen. Andere Campusgärtner*innen bringen Wissen aus naturwissenschaftlichen Studiengängen ein. „In unserem Studium lernen wir, was z.B. in der Landwirtschaft falsch läuft und wie sie unsere Erde nachhaltig beeinträchtigt“, sagt Umweltwissenschaftler Silas Büse. Städtische PermaKulturInseln bedeuten deshalb auch, Auswege aus dem „Falschen“ zu suchen und konstruktive Lösungen aufzuzeigen. Es versteht sich bei dem universitären Projekt von selbst, dass es wissenschaftlich begleitet wird – aktuell z.B. durch umweltanalytische Bodenbeprobung der Bodenbeschaffenheit und der chemischen Belastung. Alle Schritte in der Gartenentwicklung werden akribisch dokumentiert, damit das Projekt Schule machen kann. „Wir wollen, dass unsere essbaren Inseln in Frankfurt zu einem Modellprojekt werden, das anderen Städten und Universitäten als Vorbild dient“, sagen die Campusgärtner*innen.

Was auf dem Campus geschieht, soll in die Stadt hineinwirken. Und dies geht das Team methodisch an. Von der Miquelallee in Richtung Campus Westend wird bald ein mehrere Meter breiter Banner zu lesen sein: „Stadtgemüse: Frankfurter Studierende bauen an“. Anwohnerinnen und Anwohner des Riedbergs haben bei der vor ihren Häusern wachsenden Gartenanlage bereits ihre Mitarbeit angeboten, ein Kindergarten in der Nähe des Campusgartens Westend hat Interesse an regelmäßigen Besuchen bekundet. Aktive Neugierde ist ganz im Sinne der Campusgärtner*innen, die ohnehin „Bildungstransfer“ auf ihrer Agenda stehen haben. In den Campusgärten sollen Kurse für alle Lebensalter angeboten werden. Jeder kann mitmachen und ernten. Dabei ist Inklusion mitgedacht, wenn etwa Hochbeete für Menschen im Rollstuhl angelegt werden sollen. Das Miniaturmodell einer PermaKulturInsel macht das Projekt in Kürze bei der Ausstellung „Gärtnern Jetzt“ im Historischen Museum bekannt. Und am 24. Juni wird das Buch von Laura Setzer und Juliane Ranck veröffentlicht: „Urban Farming. Gemüse anbauen, gemeinschaftlich gärtnern, Ernährungssouveränität schaffen“.

Auch die Finanzierung ist bedacht. Der Ernährungsrat Frankfurt unterstützt das Projekt bereits, ein Antrag auf weitere Förderung beim Land Hessen ist gestellt. Um die Kosten möglichst gering zu halten, gehen die Campusgärtner*innen ganz im Sinne der Permakultur vom Naheliegenden aus: Was ist schon vorhanden? Was können wir nutzen? Wo gibt es „Abfall“, der in einen Kreislauf eingebracht werden kann? Das städtische Entsorgungsunternehmen (FES) versorgt die PermaKulturInsel auf dem Campus Westend mit hochwertiger Komposterde und Holzhäckseln, die Insel auf dem Riedberg profitiert vom Grünschnitt des Wissenschaftsgartens. „Wir brauchen allerdings noch eine Menge Beerensträucher“, sagt Campusgärtner und Philosophiestudent Emil Unkrig. „Über Sachspenden würden wir uns sehr freuen!“

Vom Kohlrabi „Enrico“ bis zum Klimawandel - neben der Arbeit mit Erde und Spaten geht es bei den PermaKulturInseln um das große Ganze: „Wir wollen eine positive Vision verwirklichen“, sagt Juliane Ranck. Die ersten Schritte auf dem Weg dorthin beginnen hier und jetzt, auf den Campi der Goethe-Universität.

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/99832626

Bildtext:
(Bild 1) Jeder kann mitmachen und ernten: Erste Beete der PermaKulturInsel auf dem Campus Westend (Bildnachweis: Campusgärten)
(Bild 2) „In der Permakultur wird jedes Element so platziert, dass es sich optimal entfalten kann“: Bau einer Kräuterspirale auf dem Campus Riedberg
(Bildnachweis: Campusgärten)

Weitere Informationen
kontakt@goethesgreenoffice.de (Kontakt für Campus Westend und Campus Riedberg)
permakultur-riedberg@protonmail.com (Kontakt für Campus Riedberg)
www.gemuseheldinnen-frankfurt.de
www.ernaehrungsrat-frankfurt.dewww.bionales.de


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Apr 8 2021
11:22

Im aktuellen UniReport bilanzieren die Politikwissenschaftler Thomas Zittel, Christian Stecker und Michael Jankowski die Erfahrungen mit dem „Kommunalwahlkompass“ in Hessen

Online-Wahlhilfen: Nutzer*innen kommen auch mit anderen Positionen und Argumenten in Kontakt

FRANKFURT. Zu den hessischen Kommunalwahlen am 14. März 2021 wurde erstmals in der Fläche eine Wahlhilfe angeboten, mit der sich die Wählerinnen und Wähler über das programmatische und personelle Angebot der Parteien informieren konnten. In 33 Kommunen und einem Landkreis stand der „Kommunalwahlkompass“ zur Verfügung. Im aktuellen UniReport ziehen die drei Politikwissenschaftler Prof. Thomas Zittel (Goethe-Universität Frankfurt), Dr. Christian Stecker (TU Darmstadt) und Michael Jankowski (Universität Oldenburg) nun ein erstes Fazit: „Eine Wahlhilfe für die Wähler, eine Erkenntnishilfe für die Wissenschaft“, lautet die insgesamt positive Bilanz. Die Analyse des Nutzungsverhaltens zeige, dass durch den Kommunalwahlkompass über den eigenen politischen Tellerrand geschaut wurde. Die Mehrzahl der Nutzer*innen interessierte sich nicht nur für die „eigene“ Partei oder ein bestimmtes Lager, sondern war auch an den Positionen und Begründungen von ideologisch weiter entfernten Parteien interessiert.

Von der Veröffentlichung am 17. Februar 2021 bis zur Kommunalwahl verzeichnet der Kommunalwahlkompass etwa 150 000 Nutzungen. Spitzenreiter war dabei Frankfurt, dicht gefolgt von Darmstadt und Wiesbaden. Die Analyse zeige, dass in den Wahlvorschlägen der Parteien wichtige soziale Gruppen unterrepräsentiert sind: „So sind nur 37 Prozent der Kandidierenden Frauen; auch der Anteil der Kandidatinnen und Kandidaten, die jünger als 27 sind, liegt mit 9 Prozent deutlich unter dem Anteil der entsprechenden Gruppe von 14 Prozent an der wahlberechtigten Bevölkerung in Hessen. Der Anteil von 8 Prozent von Kandidatinnen und Kandidaten mit einer nicht-deutschen Staatsbürgerschaft stellt gegenüber den 16 Prozent in Hessen ebenso eine deutliche Unterrepräsentation fest.“

Die Nutzer*innen konnten im Kommunalwahlkompass einzelne Thesen gewichten und damit anzeigen, welche Themen für sie besonders wichtig sind. „Sowohl CDU-, SPD-, FDP- als auch Grünen-Anhänger gewichteten Verkehrsthemen besonders häufig und nahmen dazu teils gegensätzliche Positionen ein. Dies zeigt, dass die Verkehrswende in den großen Städten ein wichtiges und zugleich stark polarisierendes politisches Thema ist“, lautet eine weitere Erkenntnis.

Ein Jahr mit Corona: Im neuen UniReport schauen Hochschulangehörige aus Wissenschaft, Verwaltung und Studierendenschaft auf ein ungewöhnliches Jahr zurück. Einige der weiteren Beiträge in der aktuellen Ausgabe befassen sich mit der Corona-Pandemie aus erziehungswissenschaftlicher und psychologischer Sicht:

- Keine offenen Räume, kein Mitspracherecht: Die Erziehungswissenschaftlerin Johanna Wilmes hat untersucht, wie junge Menschen die Corona-Pandemie erleben.

- Geflüchtete haben nur eingeschränkt Zugang zu Informationen: Die Psychosoziale Beratungsstelle für Flüchtlinge (PBF) hat auf Grundlage der Erfahrungen des letzten Jahres eine Studie darüber erstellt, über welches Wissen Geflüchtete bezüglich Corona-Maßnahmen verfügen.

- Motiviert für Tokio: Juliane Wolf, Paralympics-Tischtennispielerin, ist für die Paralympischen Spiele in Tokio qualifiziert. Eine verschleppte Corona-Erkrankung hat die Leistungssportlerin für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt.

- Kulturgeschichte vom Mittelalter bis in die Neuzeit Die Judaistin Elisabeth Hollender über den Beitrag ihres Faches zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

- „Die Ästhetik ist eine Frankfurter Marke“: Eine Balance zwischen den Disziplinen im Masterstudiengang Ästhetik

- Radikalisierung nicht nur ein Problem der gesellschaftlichen „Ränder“: Mit den Ergebnissen aus den Projekten MAPEX und FEM4DEM berät die „Pädagogik der Sekundarstufe mit Schwerpunkt Islam“ Politik und Bildungsinstitutionen.

- „Der Begriff Altern hat sehr viele Facetten“: Porträt des Alternswissenschaftler Frank Oswald.

- 40 000 Briefe: Das Akademieprojekt „Buber-Korrespondenzen digital“ soll den umfangreichen Briefwechsel des jüdischen Religionsphilosophen besser zugänglich machen.

- Die Seele Dänemarks: Die Lektorin Marlene Hastenplug hat gemeinsam mit Studierenden einen Band mit Erzählungen aus Dänemark herausgebracht.

- Der Körper als Kommunikationsnetzwerk: Die Biochemikerin Florencia Sánchez aus Argentinien erforscht, wie Empfängerproteine Zellreaktionen beeinflussen.

- Interdisziplinär und praxisorientiert: Das Center for Leadership and Behavior in Organizations (CLBO) feiert sein 10-jähriges Bestehen.

- Verstehen, kritisieren und weiterdenken: Johanna Weckenmann hat zusammen mit zwei studentischen Mitstreiterinnen einen Band herausgegeben, in dem über die Institution Universität interdisziplinär und plural nachgedacht wird.

- Frankfurt ganz anders: Der Chemiker Francesco di Maiolo ist Humboldt-Stipendiat an der Goethe-Universität.

- Den Betroffenen Gehör schenken: Prof. Sabine Andresen, Vorsitzende der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, über ein sensibles gesellschaftspolitisches Feld.

- MoSyD 2019: Neue Frankfurter Studie zeigt in vielen Bereichen jugendlichen Drogenkonsums eine Stagnation oder sogar einen Rückgang.

- „Die Idee ist gut, die Leute sind klasse“: Die studentische Initiative TechAcademy organisiert digitale Bildung für alle Studierenden an der Goethe-Universität.

- Im Fokus des „Rescued“-Projekts: Ursachen des Herztods bei jungen Menschen und Beratung der Familien.

- Interdisziplinärer Blick auf die Schnitzkunst der Hopi: Studierende der Goethe-Universität präsentieren im Internet eine Sammlung von Tithu-Figuren aus Arizona.

Der UniReport 2/2021 steht zum kostenlosen Download bereit unter https://www.unireport.info/aktuelle-ausgabe  


Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798–13753, frank@pvw.uni-frankfurt.de

 

Apr 6 2021
12:25

Neues Schwerpunktprogramm nimmt die außersprachliche Verständigung in den Blick – Frankfurter Linguistin Cornelia Ebert ist Sprecherin

Gestik, Mimik, Bilder: Wie wir visuell kommunizieren 

Sprechen, schreiben, lesen, hören – das sind nicht die einzigen Kanäle menschlicher Kommunikation. Doch welche Möglichkeiten gibt es, Informationen außerhalb der gesprochenen Sprache zu vermitteln? Und wie funktionieren sie, auch im Verhältnis zu den anderen Kanälen? Mit diesen Fragen wird sich ein neues Schwerpunktprogramm befassen, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vom kommenden Jahr an fördern wird.  

FRANKFURT. Das Projekt „Visuelle Kommunikation“ (ViCom) ist eines von 13 neuen Schwerpunktprogrammen (SPP), die im Jahr 2022 ihre Forschung starten können. Beantragt haben das Verbundprojekt Prof. Dr. Cornelia Ebert (Goethe-Universität) und Prof. Dr. Markus Steinbach (Universität Göttingen), beide Linguistik. Die Sprecherschaft liegt bei der Goethe-Universität.

Im Zentrum des Schwerpunktprogramms stehen außersprachliche Kanäle der Kommunikation wie Gestik, Mimik und Bildhaftigkeit. Die beiden Antragsteller nähern sich der Thematik aus unterschiedlichen Richtungen: Während Markus Steinbach vor allem zu Gebärden forscht, nimmt die Frankfurter Semantikerin Cornelia Ebert die gestische Erweiterung der Kommunikation in den Blick. „Was haben Gesten und Gebärden gemein? Welchen Status nehmen Gesten innerhalb des kommunikativen Geschehens ein? Und wie können wir das beschreiben?“, formuliert Ebert ihr Forschungsinteresse. Auch der schulisch-didaktische Bereich und die therapeutische Kommunikation, die gestische Verständigung zwischen Tieren und die Interaktion zwischen Mensch und Computer werden in dem standortübergreifenden Verbundprojekt eine Rolle spielen.

Das Interesse an visuellen Komponenten der Verständigung ist in der Linguistik relativ neu, der Fokus liegt sonst stark auf der gesprochenen Sprache. „Deshalb fehlt bislang auch das Werkzeug zur Beschreibung“, begründet die Linguistin ihre Motivation, viel Expertise für Grundlagenforschung zusammenzubringen. In anderen Bereichen der Kultur- und Geisteswissenschaften hat man bereits einen Umgang mit visuellen Phänomenen in der Kommunikation – etwa in der Filmwissenschaft, der Psychologie oder auch der Informatik. Diese verschiedenen Blickwinkel soll das Schwerpunktprogramm nun zusammenführen, um gemeinsam ein neues Kommunikationsmodell zu entwickeln, das die Besonderheiten und die Komplexität multimodaler Kommunikation erfassen kann. Das Programm soll außerdem dazu beitragen, methodische, technologische, therapeutische und didaktische Innovationen in diesem Bereich voranzutreiben.

70 Personen aus ganz Deutschland und den Niederlanden waren vorab involviert. Doch bevor es richtig losgehen kann, müssen im Zuge einer offenen Ausschreibung die 15 bis 30 Projekte ausgewählt werden, die tatsächlich ins Programm aufgenommen werden sollen. Die Kick-off-Veranstaltung wird voraussichtlich im Frühjahr oder Sommer 2022 stattfinden. Danach werden sich Projekte zu Clustern zusammenfügen, einmal jährlich wird es auch eine große Konferenz geben.

DFG-Schwerpunktprogramme
In den Schwerpunktprogrammen sollen wissenschaftliche Grundlagen besonders aktueller oder sich gerade bildender Forschungsgebiete untersucht werden. Alle Programme sind stark interdisziplinär ausgerichtet und zeichnen sich durch den Einsatz innovativer Methoden aus. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein zentrales Element der SPP, darüber hinaus weisen alle neuen Verbünde ein Gleichstellungskonzept auf. Schwerpunktprogramme werden sechs Jahre lang gefördert. Aktuell befinden sich insgesamt 89 Schwerpunktprogramme in der Förderung, drei davon in Frankfurt. ViCom wird das einzige nicht naturwissenschaftliche Schwerpunktprogramm an der Goethe-Universität sein.

Insgesamt konnte der Senat der DFG aus 47 eingereichten Anträgen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen auswählen. Die 13 erfolgreichen Schwerpunktprogramme, zu denen auch das Frankfurt-Göttinger-Programm zählt, erhalten für zunächst drei Jahre insgesamt rund 82 Millionen Euro. Hinzu kommt eine 22-prozentige Programmpauschale für indirekte Kosten aus den Projekten.

Prof. Dr. Cornelia Ebert
Prof. Dr. Cornelia Ebert (45) forscht und lehrt seit 2019 an der Goethe-Universität, vor allem zur Semantik. Ebert hat in Potsdam Computerlinguistik studiert und kam über mehrere wissenschaftliche Stationen in Osnabrück und Berlin nach Frankfurt. 2020 erhielt sie ein Goethe-Fellowship am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg. Ebert war bereits an einem anderen Schwerpunktprogramm beteiligt: XPRAG.de – New Pragmatic Theories based on Experimental Evidence.

Prof. Dr. Markus Steinbach
Prof. Dr. Markus Steinbach (54) forscht und lehrt seit 2009 an der Georg-August-Universität Göttingen vor allem im Bereich der Semantik, Pragmatik und Gebärdensprachlinguistik. Steinbach hat an der Goethe-Universität Germanistik und Philosophie studiert und wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Von 2007 bis 2008 hat er eine Professur an der Goethe-Universität vertreten. In Göttingen leitet er das experimentelle Gebärdensprachlabor. Er ist an mehreren Verbundprojekten beteiligt und Herausgeber einer Fachzeitschrift und von zwei Buchreihen.


Bilder zum Download: www.uni-frankfurt.de/99754999  

Bildtext: Prof. Dr. Cornelia Ebert (Foto: Kerstin Vihman) von der Goethe-Universität und Prof. Dr. Markus Steinbach (Foto: privat) von der Universität Göttingen haben gemeinsam ein DFG-Schwerpunktprogramm zur visuellen Kommunikation eingeworben.

Weitere Informationen
Cornelia Ebert
Institut für Linguistik
Goethe-Universität
Telefon 069 / 798-32392
E-Mail ebert@lingua.uni-frankfurt.de
Homepage https://www.linguistik-in-frankfurt.de/institut/professur-semantik-ebert/


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Apr 1 2021
11:39

Wissenschaftler von Goethe-Universität Frankfurt und Center for European Policies Studies entwickeln einfache Formel zum Abschätzen der erforderlichen Impfgeschwindigkeit

Die Impfformel: Schnelles Impfen könnte Lockdown auch bei leicht steigenden Inzidenzen vermeiden

Trotz steigender Infektionszahlen wäre es möglich, auf Kontaktbeschränkungen zu verzichten, wenn die Impfrate hoch genug wäre. Prof. Claudius Gros von der Goethe-Universität Frankfurt und Dr. Daniel Gros vom Center for European Policies Studies in Brüssel haben eine einfache mathematische Formel entwickelt, nach der sich abschätzen lässt, bei welcher Impfgeschwindigkeit die Pandemie auch ohne Lockdown beherrschbar bliebe und weder das Gesundheitssystem überlastet wäre noch die Todesraten nach oben schießen würden. Die Studie wird am 8. April 2021 in der Online-Publikation Covid Economics erscheinen. 

FRANKFURT. Nach wie vor sind durch die Pandemie in erster Linie ältere Menschen betroffen: Wenn sich jeder in der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infizieren würde, würden in Deutschland statistisch gesehen 1,5 Millionen der Menschen über 60 sterben, von den Unter-60-Jährigen wären es „nur“ 75.000. Daher setzen Impfstrategien – abgesehen von bestimmten besonders exponierten Bevölkerungsgruppen – häufig bei den älteren Menschen an mit dem Ziel, eine Überlastung des Gesundheitssystems durch schwere COVID-19-Verläufe und hohe Todeszahlen zu vermeiden. Denn das Impfen von nur einem Viertel der Bevölkerung kann 95 Prozent der Todesfälle verhindern.

Prof. Claudius Gros vom Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität Frankfurt und Dr. Daniel Gros vom Center for European Policies Studies (CEPS) haben bei der Entwicklung ihrer Impfformel daher den älteren Teil der Bevölkerung in den Blick genommen. Denn die COVID-19-Todeszahlen werden von drei Faktoren bestimmt. Der Infektionsrate, der Abhängigkeit der Sterberate vom Alter, sowie von der Struktur der Alterspyramide. Deutschland ist daher, wie fast alle Länder Europas, besonders anfällig für die dritte Welle: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung ist hoch, die neue Mutante ist hochinfektiös, die Impfgeschwindigkeit hingegen nimmt nur langsam zu. Um die Pandemiefolgen beherrschbar zu halten, müssen daher umfangreiche Kontaktbeschränkungen die Infektionsrate niedrig halten. 

Ab welchem Punkt gelockert werden kann, lässt sich den beiden Wissenschaftlern aus Frankfurt und Brüssel zufolge mit einer Faustformel bestimmen: Sie setzt die wöchentliche Zunahme der Infektionszahlen in Relation zur Steigerung der pro Woche vorgenommenen Impfungen. Vereinfacht lautet der Zusammenhang: Erkranken x Prozent der Bevölkerung mehr pro Woche, müssen im selben Zeitraum x*f/100 Prozent der Bevölkerung mehr geimpft werden. Der Faktor f, der am Anfang der Impfkampagne f=2 war, steigt, wenn schon ein Teil der Bevölkerung vollständig geimpft wurde. Derzeit haben wir f=6. Das heißt, wenn die Inzidenz um x=20 Prozent pro Woche steigt, müssten 20*6/100=1,2 % der Bevölkerung zusätzlich (vollständig) geimpft werden. Diese gilt für die Impfdosen, die nach Alter verabreicht werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zwei Impfdosen für eine vollständige Immunisierung notwendig sind. 

Dr. Daniel Gros erläutert: „Da diese Impfgeschwindigkeit derzeit verhältnismäßig gering ist, dürfte nach unseren Berechnungen die 7-Tagesinzidenz pro Woche nicht mehr als 13 bis 16 Prozent ansteigen, damit die Todesraten gering bleiben und das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Im Laufe der vergangenen Woche allerdings stiegen die Infektionszahlen um 25 Prozent, damit sind umfangreiche Kontaktbeschränkungen unausweichlich, und aggressive Mutanten haben mehr Möglichkeiten, sich auszubreiten.“ 

Prof. Claudius Gros meint: „Die von uns entwickelte Formel erlaubt eine einfache und schnelle Abschätzung, die zeigt, wie schnell wir impfen müssten, um die Folgen der Pandemie für das Gesundheitswesen beherrschbar zu halten. Wir haben es leider versäumt, zum Beispiel durch höhere Preise für früh hergestellte Impfdosen Anreize für die Pharmaunternehmen zu setzen, ihre Produktion rasch zu steigern, was immer sehr kosten- und ressourcenintensiv ist. Daher haben sich die Unternehmen, wie wir in einer früheren Arbeit vorhergesagt haben, für eine lineare Produktionssteigerung entschieden. Aus unternehmerischer Sicht ist das kosteneffektiv, aber es führt dazu, dass wir nicht schnell genug über ausreichend Impfstoff verfügen.“ 

Publikation: Claudius Gros und Daniel Gros, „How fast must vaccination campaigns proceed in order to beat rising Covid-19 infection numbers?“ in: Covid Economic, in press. https://arxiv.org/abs/2103.15544 

Weitere Informationen: Prof. Dr. Claudius Gros Institut für Theoretische Physik Goethe-Universität Frankfurt gros07@itp.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Apr 1 2021
10:23

Der Soziologe Stephan Lessenich wird Direktor des IfS und Professor in Frankfurt / „Ort des intellektuellen Austauschs weiterentwickeln“ 

Goethe-Universität und Institut für Sozialforschung rücken noch enger zusammen

Die Wartezeit ist vorbei: Der Soziologe Stephan Lessenich, bislang an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig, wird Professor an der Goethe-Universität und Direktor des renommierten Instituts für Sozialforschung (IfS). Die neu geschaffene Kooperationsprofessur, die mit der Leitungsfunktion am IfS verbunden ist, wurde durch die Bereitstellung von Sondermitteln des Landes Hessen ermöglicht. Universität und Institut rücken auf diese Weise näher zusammen. 

FRANKFURT. Im Jahr 2018 hat Prof. Dr. Axel Honneth seinen Abschied als Direktor genommen, seither stand das Institut für Sozialforschung unter der kommissarischen Leitung von Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty, der das Institut zweieinhalb Jahr mit großem Engagement geführt hat. Nun gibt es eine neue Konstellation: Mit Mitteln des Landes Hessen wird eine Professur für „Gesellschaftstheorie und Sozialforschung“ an der Goethe-Universität eingerichtet – eine explizite Kooperationsprofessur mit dem Institut für Sozialforschung. Der erste Stelleninhaber ist nun bekannt: Der Münchner Soziologe Prof. Dr. Stephan Lessenich hat den Ruf nach Frankfurt angenommen und tritt am 1. Juli seinen Dienst an.

„Ich freue mich sehr, dass Stephan Lessenich als Professor und neuer Direktor des IfS nach Frankfurt kommt“, sagt Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn. „Wie relevant die Arbeit des Instituts für Sozialforschung ist, war selten so offensichtlich wir zurzeit. Wir brauchen sie, um die Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Das IfS steht in einer philosophischen Tradition, die sich nicht damit begnügt, die Welt verschieden zu interpretieren, sondern sie auch verändern will im Geist des beharrlichen Hinterfragens, der konstruktiven Kritik, der diskursiven Auseinandersetzung. Um diese wichtige Rolle des IfS mit einer hochkarätigen neuen Leitung stärken zu können, haben wir die Förderung des Landes von 2021 an gern von bisher gut 615.000 auf 870.000 Euro pro Jahr erhöht.“

„Für die Goethe-Universität ist es eine sehr erfreuliche Entwicklung, dass das Institut in der Person von Stephan Lessenich jetzt noch enger an die Universität heranrückt. Professor Lessenich hat sich durch seine Forschung international einen Namen gemacht und wird Universität und IfS weltweit noch stärker sichtbar machen“, sagt Unipräsident Prof. Dr. Enrico Schleiff. „Stephan Lessenich gelingt in idealer Weise die Verbindung von soziologischer Theoriebildung und empirischer Forschung. Ich bin überzeugt, dass die Frankfurter Perspektive in künftigen gesellschaftlichen Debatten eine starke Rolle spielen wird“, kommentiert Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink, Dekanin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften, die Berufung. Jutta Ebeling, Vorsitzende des Stiftungsrates des IfS: „Ich freue mich, dass wir das Institut jetzt auf eine neue Grundlage stellen und für die Leitung einen so renommierten Wissenschaftler gewinnen konnten. Herrn Prof. Sutterlüty, der das Institut zweieinhalb Jahre lang mit großem Engagement durch eine schwierige Zeit gesteuert hat, sind wir zu großem Dank verpflichtet“.

„Es ist für mich eine große Ehre, an die Spitze des Hauses berufen zu werden, das auf eine so lange Tradition in der kritischen Gesellschaftstheorie zurückblicken kann. Gerade die soziologische Perspektive ist in diesen Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und gesellschaftspolitischer Weichenstellungen von wachsender Bedeutung“, sagt der künftige IfS-Direktor Prof. Dr. Stephan Lessenich. „Ich möchte das IfS als lebendigen Ort des intellektuellen Austauschs weiterentwickeln. Besonders liegt mir auch die Internationalisierung am Herzen: Die Zukunft der kritischen Sozialforschung kann nicht ohne die Perspektive der globalisierten Welt gedacht werden“, beschreibt Lessenich seine ersten Ideen für das Institut. Auch auf Frankfurt freue er sich schon sehr: „Die Stadt steht für eine politisch-kulturell außerordentlich interessierte Öffentlichkeit, für eine liberale Diskussionskultur und intellektuelle Offenheit.“ 

Zur Person von Stephan Lessenich 

1965 in Stuttgart geboren, studierte Lessenich von 1983 bis 1989 in Marburg Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte. 1993 wurde er in Bremen promoviert, 2002 erhielt er an der Universität Göttingen die Venia legendi im Fach Soziologie. Seine erste Professur führte ihn an die Universität Jena, wo er Vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse lehrte und gemeinsam mit Klaus Dörre und Hartmut Rosa die DFG-Kollegforschungsgruppe „Postwachstumsgesellschaften“ initiierte. 2014 wurde Lessenich als Nachfolger von Ulrich Beck auf den Lehrstuhl für Soziale Entwicklungen und Strukturen ans Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Lessenich war von 2013-2017 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, er ist Mitherausgeber diverser wissenschaftlicher Zeitschriften und Buchreihen und u.a. einer der Kuratoriumssprecher und -sprecherinnen des Instituts Solidarische Moderne (ISM). Er bringt sich auch aktiv in gesellschaftliche Prozesse ein, ist beispielsweise Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und war 2017 Mitbegründer der Partei „mut“, um – wie er sagt – der „Diskursverschiebung nach rechts“ im Gefolge des langen Sommers der Migration etwas entgegenzusetzen. 

Wie es zur Neukonzeption gekommen ist 

Als „weltweit einmalig“ wurde die am IfS praktizierte „Verbindung von sozialphilosophischer Theoriebildung und empirischer Sozialforschung in der ideengeschichtlichen Tradition der ‚Frankfurter Schule'“ 2015 in einer Pressemitteilung des Wissenschaftsrats zur Evaluation des Instituts genannt. Die wissenschaftlichen Leistungen des Instituts wurden als „sehr gut und in Teilbereichen auch als exzellent“ beurteilt. Zudem werde am Institut eine unverzichtbare „zeitdiagnostische Deutungsarbeit“ für eine breitere Öffentlichkeit geleistet. Allerdings, so hieß es damals, leide „die Forschungsarbeit des Instituts oftmals unter fehlenden strategischen Entwicklungsmöglichkeiten“. „Zentrale Forschungsschwerpunkte“ seien immer wieder in ihrer Existenz bedroht, das Institut sei über Gebühr von Drittmitteln abhängig. Der Wissenschaftsrat empfahl einen robusteren organisatorischen Unterbau sowie ein Netz aus verstetigten Kooperationsbeziehungen. Dafür müsse u.a. das Amt der Direktorin oder des Direktors mit einer grundfinanzierten Planstelle ausgestattet und die Kooperation mit der Goethe-Universität erweitert und formalisiert werden. 

In einem aufwendigen Verfahren wurde in Gesprächen mit dem Präsidium der Universität und in enger Abstimmung mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ein Konzept der engeren Kooperation entwickelt sowie ein neues Modell für die Leitung des IfS. Moderiert wurde dieser Prozess von Jutta Ebeling, der ehemaligen Frankfurter Dezernentin und Bürgermeisterin sowie seit 2018 Vorsitzenden des Stiftungsrats des IfS, die bereits am Zustandekommen der Frankfurter Holocaust-Professur beteiligt war. Nach dem Vorbild dieser Professur in Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut sollte eine neue Professur in Kooperation mit dem IfS geschaffen werden. Diese wird jetzt am Institut für Soziologie angesiedelt sein. 

In der Vergangenheit wurden Professoren der Goethe-Universität als Direktoren ans IfS berufen und erfüllten diese Aufgabe quasi ehrenamtlich, ohne dass sich dadurch an ihrer Tätigkeit an der Hochschule etwas geändert hätte. Neuerdings ist die jeweilige Professur nur mit 50 Prozent an der Goethe-Uni angesiedelt, mit der anderen Hälfte jedoch am Institut. 

Zum Institut für Sozialforschung 

Das Institut für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität ist eng mit den Namen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, aber auch Erich Fromm, Herbert Marcuse oder Leo Löwenthal verbunden. Mit Geldern der Mäzene Hermann und Felix Weil 1923 als Institut des akademischen Marxismus gegründet, wurde das IfS mit Max Horkheimer zur zentralen Forschungsstelle der Kritischen Theorie. Im Frühjahr 1933 wurde das Institut wegen „staatsfeindlicher Bestrebungen“ von der Gestapo aufgelöst. Auf verschlungenen Pfaden gelang es, seinen Sitz an die Columbia Universität in New York zu verlegen und die Arbeit im Exil fortzusetzen. Nach dem Krieg kehrte der engste Kreis des Instituts – Adorno, Horkheimer und Pollock – nach Frankfurt zurück, 1951 wurde das IfS an seinem heutigen Standort wiedererrichtet. Sein Grundhaushalt wird seither durch das Land Hessen und die Stadt Frankfurt gesichert. Im Zuge seiner bald 100-jährigen Geschichte hat das IfS auf vielfältige Weise in Wissenschaft und Gesellschaft gewirkt. Prof. Dr. Axel Honneth, der dem Institut zuletzt vorstand, hat mit seinen Schriften eine normativ gehaltvolle Gesellschaftstheorie der Anerkennung entwickelt. 

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/99435799 

Bildtext: Stephan Lessenich wird Soziologieprofessor an der Goethe-Universität und Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS). (Bild 1: Dirk Bruniecki, Bild 2: privat, Bild 3: LMU)

Weitere Informationen
Prof. Dr. Stephan Lessenich
stephan.lessenich@posteo.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 29 2021
11:01

Studie soll Erkenntnisse erbringen darüber, wie wirksam neue Methoden des Lernens sind

Vokabeln lernen mit der App

Bildung und Unterricht haben sich in der Pandemie stark verändert. Das Kinderzimmer ersetzt den Klassenraum, der Bildschirm die Lehrkraft. Eine gemeinsame Studie von DIPF und Goethe-Universität aufgenommen untersucht: Wie sinnvoll sind Lern-Apps, die mit Videospielen als Belohnung arbeiten? Hierfür werden noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht.

FRANKFURT. Die Corona-Krise hat auch die Bildungslandschaft vor neue Herausforderungen gestellt, digitale Methoden der Vermittlung und des Lernens haben an Bedeutung gewonnen. Doch wie sinnvoll sind die unterschiedlichen Ansätze? Im Rahmen des Homeschoolings werden Lernapps empfohlen, die teilweise als Belohnung kurze Videospiele einsetzen. Können sich Schülerinnen und Schüler die Vokabeln dadurch besser merken? Oder führt eine solche Software auch zu unerwünschten Abhängigkeiten?

Ein Team von DIPF - Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Goethe-Universität Frankfurt möchte den Wirkungen des App-basierten Vokabellernens auf den Grund gehen. Insbesondere werden die Effekte auf die Motivation sowie auf die Lernleistung der Kinder untersucht. Die Studie mit dem Titel MoCoLA entsteht im Rahmen zweier Masterarbeiten bei Prof. Dr. Garvin Brod in der Pädagogischen Psychologie.

Gesucht werden ab sofort Kinder, die derzeit in die 4. bis 6. Klasse gehen. Sie sollten über gute Deutschkenntnisse verfügen. Als Belohnung locken Buchgutscheine und eine Verlosung.

Die Anmeldung ist möglich unter https://redcap.link/mocola.info.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Garvin Brod
garvin.brod@dipf.de

Jasmin Breitwieser
jasmin.breitwieser@dipf.de

Den Flyer finden Sie unter folgendem Link: http://www.uni-frankfurt.de/99460155



Redaktion:
Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 25 2021
12:35

Zentrum für Psychotherapie an der Goethe-Universität hilft Betroffenen, die Rat suchen. 

Corona-Pandemie: Krisentelefon bietet Hilfe bei psychischen Belastungen

FRANKFURT. Die Corona-Pandemie und die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung stellen weiterhin eine große Belastung für viele Menschen dar. Kontaktbeschränkungen können zu Einsamkeit, Sorgen um die Zukunft und auch Depressionen führen. Auch Familien konfrontiert der Lockdown mit besonderen Herausforderungen: Eltern müssen sich stärker um die schulische Bildung und Betreuung ihrer Kinder in der Freizeit kümmern. Viele Selbständige stehen vor einer Krise und wissen nicht, wie sie ihre wirtschaftliche Zukunft planen können. Dies kann zu erheblichen psychischen Belastungen führen. Am Zentrum für Psychotherapie des Instituts für Psychologie an der Goethe-Universität wird seit einem Jahr eine Krisenberatung für Personen aller Altersgruppen angeboten, die unter den psychischen Folgen der Corona-Pandemie leiden.

Prof. Dr. Ulrich Stangier, Abteilungsleiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität, betont: „Die wieder steigenden Inzidenzzahlen und die notwendigen Maßnahmen zur Beschränkung sozialer Kontakte stellen für viele Menschen eine sehr große psychische Belastung dar. Das Krisentelefon kann da Abhilfe schaffen: Mit unserer anonymen, kostenlosen und professionellen Beratung helfen wir all jenen Personen in der Rhein-Main-Region, die Rat suchen, um mit der Situation besser umgehen zu können, und Betroffenen, die unter den seelischen Folgen der Erkrankung leiden.“

Anmeldung unter Tel.: 069-798 23849 (Mo, Di, Do, Fr von 10.00 - 13.00 Uhr). https://www.psychologie.uni-frankfurt.de/86817645/Corona_Krisentelefon

Das Corona-Krisentelefon wird finanziell unterstützt von der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Kontakt:
Prof. Dr. Ulrich Stangier, Klinische Psychologie und Psychotherapie
Institut für Psychologie, Goethe-Universität Frankfurt
Sekretariat: nerad@psych.uni-frankfurt.de; Tel. 069 - 798-23842


Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798–13753, E-Mail frank@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 25 2021
10:07

Evolutionsbiologin Susanne Fritz startet als Professorin für Geobiodiversitätsforschung an der Goethe-Universität – Erfolg im Wettbewerb Leibniz-Professorinnenprogramm

Vom Aussterben der Vergangenheit für Klima-Zukunft lernen – Neue Professur an Goethe-Uni und Senckenberg Gesellschaft

Wie Klimaveränderungen in der Erdgeschichte das Aussterben und die Entstehung von Säugetier- und Vogelarten beeinflusst haben und welche Schlüsse sich daraus für den derzeitigen Klimawandel und Biodiversitätsverlust ziehen lassen, untersucht Dr. Susanne Fritz am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. An der Goethe-Universität hat sie jetzt eine Professur für Geobiodiversitätsforschung im Fachbereich Geowissenschaften und Geographie angetreten. Susanne Fritz hatte sich im Leibniz-Wettbewerb durchgesetzt und wird nun in den kommenden fünf Jahren im Rahmen des Leibniz-Professorinnenprogramms gefördert.

FRANKFURT. Wenn sich Gebirge aufgefaltet haben oder wenn Warmzeiten mit Eiszeiten wechselten, entstanden in der Erdgeschichte immer wieder neue Arten und andere starben aus. In Bergen mit einer großen geologischen Vielfalt beispielsweise ist auch die biologische Vielfalt sehr groß, denn Gebirgszüge beeinflussen das regionale Klima und schaffen Nischen mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, in denen sich angepasste Arten entwickeln können. Prof. Susanne Fritz untersucht, welchen Einfluss Landschaft und Klima in den vergangenen 65 Millionen Jahren auf Artengemeinschaften und Artenvielfalt gehabt haben und wie der Mensch evolutionäre und ökologische Prozesse beeinflusst hat. Damit will sie dazu beitragen, genauere Vorhersagen zur Zukunft der Biodiversität in einer immer mehr vom Menschen dominierten Welt zu ermöglichen.

Der Präsident der Goethe-Universität, Prof. Enrico Schleiff, gratuliert der neuen Professorin zu ihrem Amtsantritt und betont die Bedeutung ihrer Professur für die Universität: „Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur und die Gesellschaft mit all ihren Facetten sowie die Analyse der Struktur und Dynamik des Lebens zählen zu den Profil gebenden Zukunftsthemen der Forschung an der Goethe-Universität. In zahlreichen Projekten dieser Themenfelder arbeitet die Goethe-Universität eng mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung zusammen. Mit der Professorin Fritz, einer weiteren Kooperationsprofessur von Goethe-Universität und Senckenberg Gesellschaft, wird die Forschung unserer beiden Institutionen in diesen Themenfeldern noch enger verzahnt und den Transfer von Spitzenforschung in die Lehre garantiert. Diese gemeinsame Berufung demonstriert wiederholt die Stärke und Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Frankfurt, und das nicht nur in diesem Forschungsbereich.“

Der Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, Prof. Klement Tockner, erklärt: „Ich gratuliere Dr. Susanne Fritz zu ihrer Berufung an die Goethe-Universität. Mit dieser Berufung wird die erfolgreiche Zusammenarbeit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität weiter intensiviert und integrative Geobiodiversitätsforschung stärker in der Lehre verankert. Mit ihrem integrativen Forschungsansatz ist sie international eine Vorreiterin im Bereich der Makroökologie.“

Prof. Georg Rümpker, Dekan des Fachbereichs Geowissenschaften und Geographie an der Goethe-Universität, sagt: „Wir freuen uns, dass wir mit Professorin Fritz eine so ausgewiesene Expertin gewinnen konnten, die unseren Fachbereich an der Schnittstelle von Geo- und Biowissenschaften bereichert. Ein Beispiel ist der aktuelle LOEWE-Schwerpunkt VeWA –  Vergangene Warmzeiten als natürliche Analoge unserer ‚hoch-CO2' Klimazukunft, ein gemeinsames Großprojekt von Goethe-Universität und Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Hier leitet Professorin Fritz gemeinsam mit Prof. Andreas Mulch ein interdisziplinäres und internationales Teilprojekt zur Paläoklima- und Biodiversitätsforschung.“

Susanne Fritz, Jahrgang 1979, studierte Biologie an der Universität Tübingen. Nach ihrem Diplom-Abschluss promovierte sie 2009 am Imperial College in London zu Aussterberisiken von Wirbeltieren. Nach einer zweijährigen Postdoc-Zeit an der Universität Kopenhagen begann sie am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum als Postdoc und leitet dort seit 2014 eine Emmy-Noether-Forschungsgruppe

Das Leibniz-Professorinnenprogramm startete 2018 und unterstützt die Berufung herausragender Wissenschaftlerinnen auf Hochschulprofessuren. Die Förderdauer beträgt fünf Jahre und sieht eine Kofinanzierung der jeweiligen Leibniz-Institute vor.

Bilder zum Download:http://www.uni-frankfurt.de/99353517

Bildtext: Professorin Dr. Susanne Fritz (Foto: Sven-Traenkner, Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung)

Weitere Informationen
Prof. Dr. Susanne Fritz
Institut für Geowissenschaften
Goethe-Universität
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Tel. +49 69 7542-1803
susanne.fritz@senckenberg.de
https://www.senckenberg.de/de/institute/sbik-f/ag-geobiodiversitaetsforschung/


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation,  Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, E-Mail bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 24 2021
16:51

Verbund von 11 Radioteleskopen rund um die Welt erforscht das Herz einer 55-Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie

Astronomen machen Magnetfelder am Rand des Schwarzen Lochs von M87 sichtbar

Wissenschaftler:innen der Event Horizon Telescope (EHT)-Kollaboration – unter Ihnen Forschende der Goethe-Universität Frankfurt um den Astrophysiker Luciano Rezzolla – haben 2019 das erste Bild eines schwarzen Lochs erstellt. Heute präsentieren die Forschenden einen neuen Blick auf das gewaltige Objekt im Zentrum der Galaxie Messier 87 (M87): sein Aussehen in polarisiertem Licht. Es ist das erste Mal, dass Astronomen die Polarisation, eine Signatur von Magnetfeldern, so nah am Rande eines schwarzen Lochs messen konnten. Die Beobachtungen sind der Schlüssel zur Erklärung, wie die 55 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie M87 in der Lage ist, energetische Jets von ihrem Kern auszustoßen – Jets mit einer Länge von rund einer Million Lichtjahre.

FRANKFURT. Luciano Rezzolla, Professor für Theoretische Astrophysik an der Goethe-Universität Frankfurt, erklärt: „Welche Kräfte relativistische Jets in Galaxien antreiben ist eine Frage, die seit langem in der Astrophysik diskutiert wird. Die Jets in M87 sind enorm und würden 10 Prozent unserer Galaxie bedecken. Durch die anspruchsvollen Beobachtungen des Event Horizon Teleskops, kombiniert mit den theoretischen Modellrechnungen, die wir hier in Frankfurt gemacht haben, erhalten wir wesentliche Informationen über einen vergleichsweise kleinen Bereich: Erstmals sehen wir, wie das Magnetfeld sehr nahe um das schwarze Loch herum aussieht.“

„Wir sehen jetzt das nächste entscheidende Puzzleteil für das Verständnis, wie sich Magnetfelder um schwarze Löcher herum verhalten und wie die Aktivität in diesen sehr kompakten Regionen des Weltraums starke Jets antreiben kann, die sich weit über die Galaxie hinaus erstrecken“, sagt Monika Moscibrodzka, Koordinatorin der EHT Polarimetrie-Arbeitsgruppe und Assistenzprofessorin an der Radboud Universität in den Niederlanden.

Am 10. April 2019 veröffentlichten die Wissenschaftler das allererste Bild eines schwarzen Lochs, das eine helle ringförmige Struktur mit einer dunklen zentralen Region – dem Schatten des schwarzen Lochs – zeigt. Seitdem hat sich die EHT-Kollaboration eingehender mit den 2017 gesammelten Daten vom supermassereichen Objekt im Herzen der Galaxie M87 beschäftigt. Sie haben entdeckt, dass ein signifikanter Anteil des Lichts um das schwarze Loch von M87 polarisiert ist.

„Diese Arbeit ist ein wichtiger Meilenstein: Die Polarisation des Lichts birgt Informationen, die es uns erlauben, die Physik hinter dem Bild, das wir im April 2019 gesehen haben, besser zu verstehen. Das war vorher nicht möglich“, erklärt Iván Martí-Vidal, ebenfalls Koordinator der EHT-Polarimetrie-Arbeitsgruppe und GenT Distinguished Researcher an der Universität von Valencia, Spanien. Er fügt hinzu, dass „die Erstellung dieses neuen Polarisationsbildes jahrelange Arbeit erforderte, da die Gewinnung und Analyse der Daten mit komplexen Techniken verbunden war.“

Licht wird polarisiert, wenn es bestimmte Filter durchläuft, wie die Gläser von polarisierten Sonnenbrillen, oder wenn es in heißen Regionen des Weltraums emittiert wird, in denen Magnetfelder vorhanden sind. Genauso wie polarisierte Sonnenbrillen uns helfen, besser zu sehen, indem sie Reflexionen und Blendungen von hellen Oberflächen reduzieren, können Astronomen ihren Blick auf die Region um das schwarze Loch schärfen, indem sie sich ansehen, wie das von ihm ausgehende Licht polarisiert ist. Insbesondere erlaubt die Polarisation den Astronomen, die Magnetfeldlinien zu kartieren, die am inneren Rand des schwarzen Lochs vorhanden sind.

„Die neu veröffentlichten polarisierten Bilder sind der Schlüssel zum Verständnis, wie das Magnetfeld es dem schwarzen Loch ermöglicht, Materie zu verschlingen“, sagt EHT-Kollaborationsmitglied Andrew Chael, ein NASA Hubble Fellow am Princeton Center for Theoretical Science und der Princeton Gravity Initiative in den USA.

Die hellen Energie- und Materiejets, die aus dem Kern von M87 entspringen und sich mindestens über 5000 Lichtjahre von seinem Zentrum ausbreiten, sind eines der geheimnisvollsten und energiereichsten Merkmale der Galaxie. Die meiste Materie, die sich in der Nähe des Randes eines schwarzen Lochs befindet, fällt hinein. Einige der umgebenden Teilchen entkommen jedoch kurz vor dem Einfangen und werden in Form von Jets weit ins All hinausgeschleudert.

Um diesen Prozess besser zu verstehen, haben sich Astronomen auf verschiedene Modelle gestützt, wie sich Materie in der Nähe des schwarzen Lochs verhält. Aber sie wissen immer noch nicht genau, wie die Jets, die größer als die Galaxie sind, aus seiner zentralen Region ausgestoßen werden, die von ihrer Ausdehnung her mit dem Sonnensystem vergleichbar ist, noch wie genau die Materie in das schwarze Loch fällt. Mit der neuen EHT-Aufnahme des schwarzen Lochs und seines Schattens in polarisiertem Licht ist es den Astronomen erstmals gelungen, in die Region dicht außerhalb des schwarzen Lochs zu blicken, in der dieses Wechselspiel zwischen einströmender und herausgeschleuderter Materie stattfindet.

Die Beobachtungen liefern neue Informationen über die Struktur der Magnetfelder direkt außerhalb des schwarzen Lochs. Das Team fand heraus, dass nur theoretische Modelle mit stark magnetisiertem Gas erklären können, was sie am Ereignishorizont sehen.

„Die Beobachtungen legen nahe, dass die Magnetfelder am Rand des schwarzen Lochs stark genug sind, um das heiße Gas zurückzudrängen und es dabei zu unterstützen, der Schwerkraft zu widerstehen. Nur das Gas, das durch das Feld schlüpft, kann sich spiralförmig nach innen zum Ereignishorizont bewegen“, erklärt Jason Dexter, Assistenzprofessor an der University of Colorado Boulder, USA, und Koordinator der EHT-Theorie-Arbeitsgruppe.

Um das Herz der Galaxie M87 zu beobachten, verbanden die Forschenden acht Teleskope auf der ganzen Welt, um ein virtuelles erdumspannendes Teleskop, das EHT, zu schaffen. Die beeindruckende Auflösung, die mit dem EHT erreicht wird, entspricht der, die benötigt wird, um die Länge einer Kreditkarte auf der Oberfläche des Mondes zu messen.

Mit der Anordnung des EHT konnte das Team den Schatten des schwarzen Lochs und den ihn umgebenden Lichtring direkt beobachten, wobei das neue Bild mit polarisiertem Licht deutlich zeigt, dass der Ring magnetisiert ist. Die Ergebnisse werden heute in zwei separaten Artikeln in The Astrophysical Journal Letters von der EHT-Kollaboration veröffentlicht. An der Forschung waren mehr als 300 Forscher aus verschiedenen Organisationen und Universitäten weltweit beteiligt.

„Das EHT macht rasante Fortschritte, das Netzwerk wird technologisch aufgerüstet und neue Observatorien werden hinzugefügt. Wir erwarten, dass zukünftige EHT-Beobachtungen die Magnetfeldstruktur um das schwarze Loch genauer abbilden und uns mehr über die Physik des heißen Gases in dieser Region verraten werden“, schließt EHT-Kollaborationsmitglied Jongho Park, ein East Asian Core Observatories Association Fellow am Academia Sinica Institute of Astronomy and Astrophysics in Taipeh.

Publikationen:
The Event Horizon Collaboration, Kazunori Akiyama et al.: First M87 Event Horizon Telescope Results VII: polarization of the ring. Astrophysical Journal Letters, 910, L12 (2021) DOI 10.3847/2041-8213/abe71d (ApJL 910, L12)
The Event Horizon Collaboration, Kazunori Akiyama et al.: First M87 Event Horizon Telescope Results VIII: Magnetic Field Structure Near The Event Horizon. Astrophysical Journal Letters, 910, L13 (2021) DOI 10.3847/2041-8213/abe4de (ApJL 910, L13)

Bilder und Videos
http://www.uni-frankfurt.de/99324156 (Bild-Download)
Das supermassereiche schwarze Loch in der Galaxie M87 im polarisierten Licht
Ansicht der Polarisation des schwarzen Lochs in M87. Die Linien markieren die Ausrichtung der Polarisation, die mit dem Magnetfeld um den Schatten des schwarzen Lochs zusammenhängt. Bildnachweis: Event Horizon Telescope Collaboration

http://www.uni-frankfurt.de/99324167 (Animiertes GIF - Download)
GIF: Beobachtung und Modellrechnung
Animation, die das beobachtete schwarze Loch in der Galaxie M87 zeigt (links) und das theoretische Modell, das am besten zu den Beobachtungen passt: das theoretische Modell mit stark magnetisiertem Gas. Die Streifen zeigen die Linien des Magnetfelds. Bildnachweis: S. Issaoun, M. Mościbrodzka with Polarimetry WG and OWG

http://www.uni-frankfurt.de/99324045 (Video-Download)
Polarisiertes Licht: Licht ist eine schwingende elektromagnetische Welle. Wenn die Wellen eine bevorzugte Schwingungsebene haben, sind sie polarisiert. Im Weltraum sendet sich bewegendes heißes Gas, so genanntes Plasma, polarisiertes Licht aus, wenn es von einem Magnetfeld durchsetzt wird. Die polarisierten Lichtstrahlen, die der Anziehung des schwarzen Lochs entkommen, wandern zu einer entfernten Kamera. Die Intensität der Lichtstrahlen und ihre Ausrichtung beobachtet die EHT-Kollaboration mit dem Event Horizon Telescope. Credit: © EHT Collaboration and Fiks Film

https://www.eso.org/public/germany/videos/eso2105b/ (Youtube)
Zoom in das Herz der Galaxie M87
Das Video beginnt mit einem Blick auf ALMA, ein Teleskop, an dem die ESO als Partner beteiligt ist und das Teil des Event Horizon Telescope ist. Es zoomt immer weiter in das Herz von M87. Am Ende ist zunächst zunächst das erste Bild eines schwarzen Lochs zu sehen, das 2019 aufgenommen wurde. Dann folgt das neue Bild, das das supermassereiche Objekts in polarisiertem Licht zeigt. Es ist das erste Mal, dass Astronomen die Polarisation, eine Signatur von Magnetfeldern, so nah am Rande eines schwarzen Lochs messen konnten. Herkunftsnachweis: ESO/L. Calçada, Digitized Sky Survey 2, ESA/Hubble, RadioAstron, De Gasperin et al., Kim et al., EHT Collaboration. Music: Niklas Falcke

https://www.youtube.com/watch?v=6xrJoPjfJGQ&t=14s (Youtube)
Schwarze Löcher sind von Plasma umhüllt. Dieses Plasma ist von magnetischen Felder durchsetzt, hier beeinflusst Magnetismus, wie Materie sich bewegt. Wenn das Magnetfeld stärker wird, andert es seine Form und das polarisierte Licht, das die EHT-Kollaboration misst, zeigt unterschiedliche Muster. Credit: © EHT Collaboration and Crazybridge Studios

http://www.uni-frankfurt.de/99324248 (Bilder - Download)
Ansicht des supermassereichen schwarzen Lochs in der Galaxie M87 und des Jets in polarisiertem Licht
Dieses zusammengesetzte Bild zeigt drei Ansichten der zentralen Region der Galaxie Messier 87 (M87) im polarisierten Licht. Die Galaxie hat ein supermassereiches schwarzes Loch in ihrem Zentrum und ist berühmt für ihre Jets, die weit über die Galaxie hinausreichen.
Eines der Bilder mit polarisiertem Licht, das mit dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) in Chile aufgenommen wurde, an dem die ESO beteiligt ist, zeigt einen Teil des Jets in polarisiertem Licht. Dieses Bild fängt den Teil des 6.000 Lichtjahre langen Jets ein, der sich näher am Zentrum der Galaxie befindet.
Die anderen Bilder mit polarisiertem Licht zoomen näher an das supermassereiche schwarze Loch heran: Die mittlere Ansicht deckt einen Bereich von etwa einem Lichtjahr Größe ab und wurde mit dem Very Long Baseline Array (VLBA) des National Radio Astronomy Observatory in den USA aufgenommen.
Die am stärksten vergrößerte Ansicht wurde durch die Verknüpfung von acht Teleskopen auf der ganzen Welt zu einem virtuellen Teleskop in Erdgröße, dem Event Horizon Telescope (EHT), gewonnen. Dies erlaubt den Astronomen, sehr dicht an das supermassereiche schwarze Loch heranzukommen, in die Region, in der die Jets gestartet werden.
Die Linien markieren die Orientierung der Polarisation, die mit dem Magnetfeld in den abgebildeten Regionen zusammenhängt. Die ALMA-Daten liefern eine Darstellung der Magnetfeldstruktur entlang des Jets. Die kombinierten Daten von EHT und ALMA ermöglichen den Astronomen daher, die Rolle der Magnetfelder von der Umgebung des Ereignishorizonts (wie mit dem EHT auf Distanzen von Lichttagen untersucht) bis weit über die Galaxie M87 hinaus entlang ihrer starken Jets (wie mit ALMA auf Skalen von Tausenden von Lichtjahren untersucht) zu erforschen.
Die Werte in GHz beziehen sich auf die Lichtfrequenzen, bei denen die verschiedenen Beobachtungen gemacht wurden. Die horizontalen Linien zeigen den Maßstab der einzelnen Bilder in Lichtjahren.
Bild: EHT Collaboration; ALMA (ESO/NAOJ/NRAO), Goddi et al.; VLBA (NRAO), Kravchenko et al.; J. C. Algaba, I. Martí-Vidal

Weitere Informationen
Prof. Dr. Luciano Rezzolla
Lehrstuhl für Theoretische Astrophysik
Institut für Theoretische Physik
Goethe Universität Frankfurt
Tel. +49 69 798-47871 / 47879
rezzolla@itp.uni-frankfurt.de
https://astro.uni-frankfurt.de/rezzolla/


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, E-Mail bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 24 2021
14:31

Programm für das Sommersemester sieht erstmals wieder prominent besetzte Hauptveranstaltung vor

Frankfurter Bürger-Universität: Was wir über Populismus, Multimedikation und Wasserforschung wissen

„Populismus – Kultur – Kampf“ lautet das Thema der hochkarätig besetzten Diskussionsreihe, mit der die Goethe-Universität erstmals seit Ausbruch der Pandemie in ihrem Bürger-Programm wieder eine Hauptveranstaltung anbietet. Insgesamt plant die Bürger-Universität überwiegend Online-, in den Sommermonaten aber auch einige Vor-Ort-Veranstaltungen.

FRANKFURT. Was bedeutet „Solidarität in der Krise“? Wie kann Multimedikation bei älteren Menschen vorgebeugt werden? Und wie prägt die Romantik unser ökologisches Denken? Diese und andere Themen greifen die Veranstaltungen im neuen Programm der Bürger-Universität auf, die pandemiebedingt überwiegend online stattfinden werden. Vor Ort dagegen können sich Interessierte zu den Führungen auf dem Campus Westend und dem naturwissenschaftlichen Campus Riedberg begeben sowie an den Exkursionen der Frankfurter Geographischen Gesellschaft teilnehmen, die Ausflüge in die weitere Umgebung Frankfurts plant.

Ein Höhepunkt der Bürger-Universität im Sommersemester ist die dreiteilige Hauptveranstaltung „Populismus – Kampf – Kultur“ des Instituts für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität in Kooperation mit anderen Einrichtungen. Prominente Fachleute aus Medien, Wissenschaft und Kultur diskutieren unter anderem über Massenmedien im Zeitalter des Populismus und wie man über Rechtspopulismus schreiben kann. Die Veranstaltungen finden am 1., 8. und 13. Juli voraussichtlich im Grünen „Open-Air“-Hörsaal statt.

Die Themenvielfalt der Bürger-Universität reicht darüber hinaus vom Klimawandel und die Folgen für unser Wasser, KZ-Häftlingen in den Frankfurter Adler-Werken und neuen ethnologischen und archäologischen Forschungen bis hin zu „Scheitern“ aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Sicht und der Buchpräsentation des Historikers Christoph Cornelißen „Europa im 20. Jahrhundert“.

Die erste Bürger-Universität startete im Jahr 2008. In diesem Jahr kehrte die Goethe-Universität zu ihren Wurzeln als Stiftungsuniversität zurück, als die sie 1914 von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern gegründet worden war. Seitdem fördert die Bürger-Universität den lebendigen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern aus Stadt und Region; dabei begibt sie sich an Orte in der Stadt (pandemiebedingt derzeit nicht möglich) und lädt im Gegenzug Bürgerinnen und Bürger auf die Campi der Universität ein.

Das Programm zum Sommersemester 2021 wird an einschlägigen Stellen in der Stadt ausgelegt und ist auf der Webseite der Goethe-Universität einsehbar unter: https://www.buerger.uni-frankfurt.de/99205363/burger-universitat-broschure-sommersemester-2021.pdf

Weitere Informationen
Abteilung PR & Kommunikation
Goethe-Universität
069/798-12481
buergeruni@uni-frankfurt.de


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, E-Mail p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 23 2021
07:57

Bundesweite Studien „Jugend und Corona“ der Universitäten Frankfurt und Hildesheim stellen weitere Ergebnisse vor – Jugendliche nehmen Stellung

„Man muss uns nur fragen“ - wie junge Menschen die Pandemie erleben

Keine offenen Räume mehr zu haben belastet junge Menschen mehr als der Verzicht auf andere Freizeitangebote wie ihre Hobbys. Dies ist eines der Ergebnisse der JuCo-Studie II des Forschungsverbunds „Kindheit – Jugend – Familie in Zeiten von Corona“ der Goethe-Universität Frankfurt und Stiftung Universität Hildesheim. Nun erscheint in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung die erweiterte und vertiefte Auswertung der beiden bundesweiten Onlinebefragungen, an denen im April und November 2020 insgesamt 12.500 junge Menschen teilgenommen haben.

FRANKFURT. Nicht alle Jugendlichen brauchen „Orte zum Abhängen“. Doch diejenigen, die sich dort sozial austauschen, werden von den Folgen der Pandemie besonders stark belastet. Sie fühlen sich nicht nur unwohler und einsamer, sondern haben auch vermehrt Angst vor der Zukunft. Für das psychosoziale Wohlbefinden sind offene Räume sogar wichtiger als das Ausüben von Hobbys wie Sport, Musik, Jugendarbeit oder gesellschaftliches Engagement etwa in Umweltverbänden. Das ergibt eine vertiefte Auswertung der Online-Befragung JuCo II der Goethe-Universität und Universität Hildesheim.

Und noch etwas macht die Studie deutlich: Jugendliche, die seit Corona stärker durch finanzielle Sorgen belastet sind, fühlen sich auch emotional und psychisch stärker beeinträchtigt. Besonders hoch ist hier der Anteil von jungen Menschen mit Zukunftsängsten. Ein Befund, der besonders ernst genommen werden sollte, betont Johanna Wilmes, Familienforscherin an der Goethe-Universität: „In der jungen Generation manifestieren sich diese erlebten Ungleichheiten besonders nachhaltig. Wir wissen, dass Armutserfahrungen maßgeblich Bildungs- und Lernerfolge prägen. Das heißt aber auch, wenn wir hier etwas verändern, gestalten wir Zukunft zum Positiven.“

Mehr Mitspracherecht für junge Menschen fordert auch das Team von Jugendlichen, das mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Ergebnisse der Studien diskutiert und in der Publikation „Fragt uns 2.0“ zusammengefasst hat. Corona zeige deutlicher, „was ohnehin nicht gut funktioniert“ – ein veraltetes Schulsystem, fehlendes Mitspracherecht und fehlende Ansprechpersonen für Kinder und Jugendliche. „So wär´s besser“: Unter diesem Titel machen die Jugendlichen Änderungsvorschläge in Bezug auf ihre Situation in Familie, Schule und Ausbildung. „Wir brauchen mehr Verständnis für die Situation von Jugendlichen in der Pandemie“, fordern sie. Und: „Die zusätzlichen Belastungen durch die Corona-Pandemie müssen Thema in Schulen sein“ sowie „Medien sollten auf Stereotype verzichten und Jugendliche nicht nur als Regelbrecher:innen darstellen.“

„Fragt uns 2.0“ bestätigt aber auch ein weiteres Resultat der JuCo I und II-Studien: Junge Menschen haben auch positive Effekte der Pandemie wahrgenommen. Unter „Ein paar Dinge, die man behalten kann“ nennen sie: weniger Stress, mehr freie Zeiteinteilung, Selbstorganisation, Wertschätzung von sozialen Beziehungen, Digitalisierung vorantreiben und ein umweltfreundlicheres Leben.

Dem Team des Forschungsverbunds „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ gehören Prof. Dr. Sabine Andresen und Johanna Wilmes vom Institut für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität an sowie Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Tanja Rusack, Dr. Severine Thomas, Anna Lips und Lea Heyer vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Zusatzinformation

Die beiden Jugendbefragungen “Jugend und Corona“ (JuCo I und II) wurden von einem Forschungsverbund der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Hildesheim durchgeführt. An JuCo I (15. April – 3. Mai 2020) nahmen 5.520 Jugendliche teil, an JuCo II (9.-22. November 2020) beteiligten sich mehr als 7.000 junge Menschen. Die für die JuCo-Studien zusammengetragenen Erkenntnisse basieren auf jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit der Kindheits- und Jugendforscher:innen zur Lebenswirklichkeit junger Menschen in Deutschland.

Die Ergebnisse der Studien wurden mit Jugendlichen in mehreren Online-Workshops von September 2020 bis Januar 2021 diskutiert und reflektiert. Die Jugendlichen haben ihre Erfahrungen und Forderungen in der Broschüre „Fragt uns 2.0 – Corona Edition“ festgehalten.

Publikationen:

www.bertelsmann-stiftung.de/junge-menschen-corona
www.bertelsmann-stiftung.de/fragt-uns

Weitere Informationen
Prof. Dr. Sabine Andresen
s.andresen@em.uni-frankfurt.de

Johanna Wilmes,
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
wilmes@em.uni-frankfurt.de

Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung
der Goethe Universität Frankfurt am Main


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, E-Mail p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 22 2021
16:12

Pandemiebedingt finden Gespräche in Form von vier Online-Workshops statt – Aufwandsentschädigung für Teilnehmer von 100 Euro pro Workshop

Goethe-Universität sucht ältere Patienten mit chronischen Krankheiten oder Angehörige für Studie

Wie die Versorgung von Patient:innen verbessert werden kann, die ins Krankenhaus gehen oder dort entlassen werden, will eine Studie der Goethe-Universität herausfinden. Dafür suchen Wissenschaftler:innen des Instituts für Allgemeinmedizin ältere Studienteilnehmer:innen, die selbst von zwei oder mehr chronischen Krankheiten betroffen sind und regelmäßig mehrere Medikamente einnehmen. Alternativ können auch Angehörige solcher Patient:innen an der Studie teilnehmen, wenn sie sich um deren medizinische Angelegenheiten kümmern.

FRANKFURT. Es läuft zuweilen nicht alles glatt, wenn ältere Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, chronische Lungenerkrankungen oder Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Arthritis oder Arthrose in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Meist nehmen die Patienten mehrere Medikamente gleichzeitig ein, weil sie an verschiedenen Krankheiten leiden. Da in der Regel kein direkter Kontakt zwischen Hausarztpraxis und Krankenhaus besteht, müssen die Patient:innen oder ihre Angehörigen im Krankenhaus ihre derzeitige Medikation mitteilen – das ist insbesondere unter dem Stress einer akuten Verschlechterung ihrer Krankheiten nicht immer einfach. Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus treten im Übergang zur Betreuung durch die Hausarztpraxis immer wieder Schwierigkeiten mit der Medikamentierung auf. So erhalten Patient:innen zuweilen im Krankenhaus Präparate, die sie nach ihrer Entlassung weiter einnehmen, obwohl die Mittel dafür nicht geeignet sind. Bei der Entlassung zum Wochenende kommt es zuweilen auch vor, dass die Patienten nicht ausreichend mit Medikamenten versorgt sind.

Solche und andere Erfahrungen beim Übergang zwischen Hausarztpraxis und Krankenhaus möchte die Studie „Kontinuität in der medikamentösen Versorgung bei Patienten an der Schnittstelle Hausarztpraxis-Krankenhaus (HYPERION-TransCare)“ sammeln und daraus Verbesserungsvorschläge entwickeln. Die Studie wird von Prof. Marjan van den Akker des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität geleitet und findet in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Dresden statt.

Bisher wurden im Rahmen der Studie bereits Ärzt:innen, medizinische Fachangestellte, ambulante Pflegedienstleister sowie einige Patient:innen und Angehörige befragt. So konnten innerhalb der Studie die aktuellen Abläufe an den Schnittstellen Hausarztpraxis – Krankenhaus erfasst, mögliche Problemfelder aufgedeckt und erste Lösungsvorschläge entwickelt werden.

Gesucht werden nun noch Patient:innen oder Angehörige für die vier Workshops, deren erster am 30. März stattfindet. Am 5. Mai sowie im Juni und Juli finden die übrigen Workshops statt. Es ist auch möglich, nur an einem Teil der Workshops teilzunehmen.

Link zur Online-Fassung dieser Meldung
https://tinygu.de/XWNDR

Flyer mit weiteren Informationen
https://tinygu.de/OXtXD

Kontakt
Goethe-Universität Frankfurt
Institut für Allgemeinmedizin
Truc Sophia Dinh und Maria-Sophie Brückle
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
Tel. 069 6301-84483
dinh@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de
brueckle@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de
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Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, E-Mail bernards@em.uni-frankfurt.de 

 

Mär 22 2021
13:47

Die Goethe-Universität nimmt Abschied von einem großen Gelehrten

Zum Tod von Michael Stolleis

Die Goethe-Universität trauert um einen überragenden Gelehrten: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis, der von 1974 bis 2006 als Rechtswissenschaftler an der Frankfurter Universität gewirkt hat und bis 2009 Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtgeschichte war, ist nach kurzer und schwerer Krankheit am 18. März mit 79 Jahren verstorben.

FRANKFURT. Michael Stolleis hat an der Goethe-Universität öffentliches Recht und Rechtsgeschichte gelehrt. Als sein Hauptwerk gilt die vierbändige Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und Maßstäbe setzte. Sein Engagement für die Goethe-Universität und in vielen Bereichen des geistigen Lebens lässt sich jedoch kaum erschöpfend darstellen.

Stolleis kam 1941 in Ludwigshafen am Rhein zur Welt. Sein Vater war Oberbürgermeister und im Nebenberuf Winzer, Michael Stolleis absolvierte ebenfalls eine Winzerausbildung. Von 1960 an studierte er Jura, Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg und Würzburg, in München wurde er promoviert. Seine Habilitationsschrift befasste sich mit dem Recht im Nationalsozialismus. 1974 wurde Stolleis Professor an der Goethe-Universität. 1991 erhielt er den renommierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im selben Jahr wurde er Direktor am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte. Stolleis wurde mit vier Ehrendoktoraten ausgezeichnet – von den Universitäten Lund, Toulouse, Padua und Helsinki. Er war zudem Träger des Bundesverdienstkreuzes mit Stern und des Ordens Pour le Mérite (Vizekanzler des Ordens). Michael Stolleis war Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Akademien, etwa der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Mit Michael Stolleis verliert die Goethe-Universität einen ihr zutiefst verbundenen Wissenschaftler: In unnachahmlicher Weise hat sich Michael Stolleis mit der Goethe-Universität identifiziert, brachte ihr auch als MPI-Direktor sein großes Interesse entgegen, hat sich immer für ihre Belange eingesetzt und war stets mit Rat und Tat zur Stelle – auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2006. Ein großer, weit über die Rechtswissenschaft hinausreichender Wissensschatz, das Vermögen, die Universitas in den Blick zu nehmen sowie Redlichkeit und Integrität zeichneten Michael Stolleis als Mensch und als Gelehrten aus.

Stimmen aus der Goethe-Universität:

„Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr berührt. Michael Stolleis war nicht nur ein großer Rechtsgelehrter und Intellektueller, er hat auch viel für die Universität getan und sich lange über seine Emeritierung hinaus mit viel Tatkraft und Kreativität für deren Belange und für den wissenschaftlichen Nachwuchs eingesetzt. Und er war einer der Köpfe, die den Ruf unserer Hochschule weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus verbreitet haben, indem er wichtige gesellschaftliche Debatten angestoßen und sich daran beteiligt hat. Ich habe ihn auch persönlich sehr geschätzt, als freundlichen Kollegen, der immer ansprechbar war. Er wird uns allen sehr fehlen. Mein Mitgefühl gilt jetzt vor allem Michael Stolleis' Familie, der ich viel Kraft wünsche, um diesen großen Verlust verarbeiten zu können.“
Prof. Dr. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität

„Michael Stolleis hat die deutsche und europäische Rechtsgeschichte sowie das Öffentliche Recht maßgeblich geprägt. Mit der Geschichte des Öffentlichen Rechts hat er ein neues Forschungsfeld etabliert und mit seiner in viele Sprachen übersetzen vierbändigen Gesamtdarstellung zugleich Maßstäbe gesetzt.  Ebenso hat er sich seit seiner Münchner Habilitationsschrift von 1974 um die Erforschung des nationalsozialistischen Rechts verdient gemacht. Als grundlagenorientierter, über umfassende Gelehrsamkeit verfügender Rechtswissenschaftler war er für interdisziplinäre Kooperationen zu gewinnen. So hat er als Principal Investigator und später als assoziiertes Mitglied des Exzellenzclusters ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen' seit 2007 maßgeblich zum Erfolg dieses Forschungsverbundes beigetragen. Mit Michael Stolleis hat der Fachbereich nicht nur einen bedeutenden Wissenschaftler verloren, sondern auch einen aufgeschlossenen und zugewandten Kollegen. Seine von professoraler Herablassung freie, dabei aber wissenschaftliche Ansprüche nicht preisgebende Haltung hat die Zusammenarbeit mit ihm leicht und vor allem vielen Jüngeren Mut zur Wissenschaft gemacht.“
Prof. Dr. Klaus Günther, Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft

„Das öffentliche Recht in Frankfurt, in Deutschland und in Europa verliert mit Stolleis einen Gelehrten, der wie kaum ein anderer die Einheit dieses Faches lebte – in der Verbindung von Forschung und Lehre, in der Verflochtenheit der europäischen, nationalen und lokalen Dimensionen des öffentlichen Rechts und nicht zuletzt in der historischen Bedingtheit seiner aktuellen Problemstellungen. Seine vierbändige Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland ist Ausdruck und zugleich Kulminationspunkt dieses Bemühens, mit dem tieferen Verständnis der großen Entwicklungslinien der Wissenschaftsgeschichte des Faches die Fäden zusammenzuhalten und stets wieder neu zusammenzuführen. Dieses Anliegen prägte auch das Engagement von Michael Stolleis in der Lehre, die er neben seinen Verpflichtungen als Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte weit über das zu erwartende Maß hinaus ernstnahm. Das von ihm vor vierzig Jahren gemeinsam mit Hans Meyer initiierte Standardwerk für Studierende und Referendar*innen zum Staats- und Verwaltungsrecht für Hessen hat er als Mitherausgeber, als Autor der Abschnitte zum Staatskirchenrecht und zum Sozialrecht und bis zuletzt als Autor der hessischen Landes- und Verfassungsgeschichte geprägt. Generationen hessischer Jurastudierender hat es als ‚Meyer/Stolleis' begleitet.“
Prof. Dr. Georg Hermes, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Öffentliches Recht

„Das Institut für Rechtsgeschichte der Goethe-Universität trauert um Michael Stolleis. Mit ihm verlieren wir einen Wissenschaftler von Weltruf. Er hat nicht nur durch seine Schriften zur Geschichte des Öffentlichen Rechts Maßstäbe gesetzt. Neben vielen weiteren Themen, wie dem Sozialrecht, behandelte er auch intensiv die Geschichte unserer Fakultät. Unermüdlich engagierte er sich als Lehrer und Förderer des wissenschaftlichen Nachwuchses, unter anderem über 25 Jahre lang in den verschiedenen rechtshistorischen Graduiertenkollegs an unserem Fachbereich. Mit Michael Stolleis verlieren wir einen geschätzten Kollegen und treuen Freund, dessen Rat uns schmerzlich fehlen wird. Wir nehmen Abschied in Dankbarkeit und tiefer Trauer.“
Prof. Dr. David von Mayenburg, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtsgeschichte

„Michael Stolleis war nicht allein eine Ausnahmeerscheinung als Rechtshistoriker des öffentlichen Rechts, der Frühen Neuzeit und Moderne sowie der Juristischen Zeitgeschichte. Auch mit diesen Forschungsgebieten, nicht zuletzt aber durch seine Persönlichkeit hat er das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte seit dem Beginn der 90er Jahre geprägt. Er war Mentor, Förderer und Vorbild für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt. Ein engagierter Beobachter und ein gelehrter Erzähler des Rechts.“
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie

„Michael Stolleis war ein Wissenschaftler, wie es leider nur wenige gibt. Unbestechlich, mutig und großzügig. In München eine kritische Studie über ‚Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen Recht' vorzulegen, dazu gehörte jener Mut, der ihn auch später nie verlassen hat, wenn die Vergangenheit in die Schranken zu weisen war. Er war ein Winzer nicht nur im pfälzischen Weinberg, sondern vor allem an der Hochschule, wo er an Generationen von jungen ‚Rebstöcken' sein Wissen weitergab und seine Kollegen mit der Lektüre ihrer eben gedruckten Werke überraschte. Ein manchmal unbequemer, immer kongenialer und wohlwollender Leser, der nicht zu ersetzen sein wird.  Auch nicht der Partner bei den Radtouren in der Haardt und im Rheintal. Ein guter Freund hat sich verabschiedet. Wie schmerzlich und traurig.“
Prof. Dr. Frankenberg, Seniorprofessur für Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung

„Mit Prof. Michael Stolleis verliert die Wissenschaftliche Gesellschaft an der Goethe-Universität einen überragenden Gelehrten. Bereits im Jahr 1992, dem Jahr seiner Ernennung zum Direktor am Max-Planck-Institut, wurde er zum Mitglied der Gesellschaft gewählt. Es war die fachübergreifende Gelehrsamkeit, die ihn begeisterte. Über die vielen Jahre hinweg fehlte er bei kaum einer Sitzung. Er ließ sich von den unterschiedlichsten Bereichen aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften faszinieren und trug zum Diskurs mit wichtigen, oft entscheidenden Beiträgen aus dem großen Repertoire seines Wissens bei. Auch seine exzellenten Vorträge bereicherten das geistige Leben der Gesellschaft, deren Schicksal ihm besonders am Herzen lag. Er diente ihr als Stellvertretender Vorsitzender, verhandelte erfolgreich mit dem Präsidium der Universität und bahnte den Weg für die Übernahme neuer Räumlichkeiten im Gebäude des Forschungsverbunds Normative Ordnungen. Die Aufnahme hervorragender gelehrter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war ihm ein Herzensanliegen, auch hier hatte seine Stimme stets großes Gewicht. Neben seiner Schaffenskraft waren Empathie, Begeisterungsfähigkeit und das Bewusstsein, dass Wissenschaft Verantwortung trägt für den offenen Diskurs mit der Stadtgesellschaft, wesentliche Eigenschaften von Michael Stolleis.“
Prof. Dr. Herbert Zimmermann, Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Goethe-Universität

„Mit Michael Stolleis verliert die Goethe-Universität eine ihrer besten Forscherpersönlichkeiten, die weit über ihr eigenes Fachgebiet, die Rechtsgeschichte, hinaus gewirkt hat. Mit seiner unermüdlichen, stets neuen Fragen zugewandten Gesprächsbereitschaft beförderte er wie sonst nur wenige Personen an unserer Universität die interdisziplinäre Kooperation, so im Rahmen der ‚Frankfurter Wissenschaftlichen Gesellschaft', im Sonderforschungsbereich ‚Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel', im Exzellenzcluster ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen' oder im Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität, zu dessen engagierten Begleitern Michael Stolleis bis heute gehörte. Zu den Problemen, die ihn ein Leben lang beschäftigten, gehörte zentral die Frage nach der Lernfähigkeit des demokratischen Rechtsstaats, deren grundlegende Bedeutung uns gerade heute deutlich vor Augen steht.“
Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Direktor des Forschungskollegs Humanwissenschaften der Goethe-Universität

„‚Wer viele Jahre an der Goethe-Universität unter besten Bedingungen gelehrt und geforscht hat, kann und sollte ihr durch ein Engagement bei den ‚Freunden' verbunden bleiben.'“ – Mit diesem Zitat von Michael Stolleis ist trefflich umschrieben, wie stark der Hochschullehrer mit der Freundesvereinigung der Universität verbunden war. Wir sind sehr traurig. Ich verneige mich vor einem Freund, einem großzügigen Stifter und einem Botschafter der Bürgergesellschaft.“
Prof. Dr. Wilhelm Bender, Vorsitzender des Vorstandes der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Frankfurt


Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/99204044

Bildtext: Abschied von einem großen Gelehrten: Am 18. März ist Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. (Bild 1: Foto privat, Bild 2: Foto Uwe Dettmar, Bild 3: Christiane Birr)


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 17 2021
14:02

Auftakt der Reihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“ des Frankfurter Standorts des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) an der Goethe-Universität am 25. März 2021

Freiheit und Leben: Wege aus dem Ausnahmezustand? 

FRANKFURT. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es entscheidend, dass Konflikte nicht vermieden, sondern sozial produktiv ausgetragen werden. Dieser Gedanke begleitet das Projekts „Frankfurt streitet!“ des Frankfurter Standorts des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) an der Goethe-Universität. Das Projekt verfolgt das Ziel, in drei verschiedenen Veranstaltungsformaten die Bedeutung einer Konfliktkultur des produktiven Streits für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu vermitteln und praktisch erlebbar zu machen. Auch zu unterschiedlichen Perspektiven von Wissenschaftler*innen wird im Rahmen des Projekts ein öffentlicher Diskussionsraum geboten. Beim Auftakt der Reihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“, in der Themen und Thesen aus der Frankfurter Forschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu kontroversen Positionen zugespitzt, vermittelt und diskutiert werden, wird die Frage „Freiheit und Leben: Wege aus dem Ausnahmezustand?“ im Zentrum der Debatte stehen.

Nach knapp einem Jahr, in dem die Covid-19-Pandemie und der durch sie hervorgerufene Ausnahmezustand unseren Alltag im Privaten wie im Öffentlichen mitbestimmt, rufen verzögerte Impfstofflieferungen, Lockdown-Verlängerungen und  wieder steigende Inzidenzwerte Unmut und Frust in der Bevölkerung hervor. Viele blicken hoffnungsvoll auf den Sommer und auf ein Ende der Kontaktbeschränkungen sowie damit verbundenen Einschnitten im sozialen oder wirtschaftlichen Bereich. Es scheint, dass Einigkeit darüber herrscht, die Zeit der Pandemie schnellstmöglich hinter sich lassen zu wollen.

Doch welchen Regeln sollte eine solche Rückkehr folgen? Sollten bereits geimpfte Personen individuell ihre durch den Staat eingeschränkten Freiheiten zurückerlangen, oder gilt es vielmehr ein No-Covid-Ziel gemeinschaftlich zu verfolgen, bei dem die Aufhebung von Beschränkungen an konkrete Meilensteine geknüpft sind? Können mit einer sinkenden Infektionsrate Freiheitseinschränkungen überhaupt noch gerechtfertigt werden, oder sind sie gar zum Schutz der Bürger*innen weiterhin erforderlich und wenn ja, wie lange? Welche Rolle spielt dabei das Verhältnis von Recht auf Schutz durch den Staat zu dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben?

Darüber diskutieren am 25. März ab 18.30 Uhr Prof. Dr. Uwe Volkmann, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des FGZ, und Prof. Dr. Elvira Rosert, Juniorprofessorin für Politikwissenschaft, insbes. Internationale Beziehungen an der Universität Hamburg und am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) sowie Co-Autorin des No-Covid-Strategiepapiers. Moderieren wird die Diskussion zu der hochaktuellen und durchaus polarisierenden Frage Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen an der Goethe-Universität Frankfurt, eine der drei Sprecher*innen des FGZ und Co-Sprecherin des Forschungsverbunds Normative Ordnungen der Goethe-Universität.

Die Diskussion findet online via Zoom statt. Eine Anmeldung an veranstaltungen-fgz@uni-frankfurt.de ist erforderlich. Die Logindaten werden nach Anmeldung übermittelt.

Informationen zur Veranstaltung:
https://www.normativeorders.net/de/feed/8098-freiheit-und-leben-wege-aus-dem-ausnahmezustand  

Ansprechpartnerin: 
Rebecca Caroline Schmidt, Administrative Geschäftsführerin Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, c/o Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität, 069 798-31401, rebecca.schmidt@em.uni-frankfurt.de; www.fgz-risc.de   

 

Mär 12 2021
09:18

Modelle rechnen direkten Einfluss des Menschen heraus

Klimawandel verändert Abflussmenge von Flüssen

Die Wassermengen in Flüssen haben sich in den letzten Jahrzehnten weltweit stark verändert. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Goethe-Universität Frankfurt konnte nun belegen, dass der Klimawandel dafür eine entscheidende Rolle spielt. Die Leitung des Projekts lag bei der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. (Science, DOI 10.1126/science.aba3996)

FRANKFURT. Der Klimawandel beeinflusst den Wasserhaushalt der Erde: Je nach Region und Jahreszeit kann er zu mehr Überschwemmungen oder Dürren führen und sich auch auf die Wassermengen in Flüssen auswirken. Die Abflussmengen sind ein wichtiger Indikator für die Wasserressourcen, die Mensch und Umwelt zur Verfügung stehen. Wieviel Wasser regional verfügbar ist, hängt auch von weiteren Faktoren wie direkten Eingriffen in den Wasserhaushalt oder der Landnutzung ab: Wird beispielsweise Wasser zur Bewässerung abgezweigt, ändert sich die Landnutzung etwa durch Abholzung oder Aufforstung von Wäldern oder werden Staudämme gebaut, verändert dies ebenfalls die Wassermenge in Flüssen.

Wie stark sich die Abflussmengen in verschiedenen Weltregionen während der letzten Jahrzehnte verändert haben, wurde bisher auf globaler Ebene noch nicht anhand von konkreten Messdaten untersucht. Ebenso war die Frage, ob global sichtbare Veränderungen auf den Klimawandel oder auf den direkten Einfluss den Menschen zurückzuführen sind, bislang nicht geklärt.

Nun ist es einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Forschenden der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich gelungen, den Einfluss dieser Faktoren aufzuschlüsseln. Dazu analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten von 7250 Durchfluss-Messstationen weltweit. Die Studie, die nun in der Fachzeitschrift Science erschienen ist, belegt: Wie viel Wasser Flüsse führen, hat sich zwischen 1971 und 2010 stark verändert. Es zeigen sich komplexe Muster: Manche Regionen sind trockener geworden, etwa der Mittelmeerraum, das südliche Afrika oder der Nordosten Brasiliens. Anderswo hingegen nahmen anderswo die Wassermengen zu, zum Beispiel in Skandinavien.

Suche nach den Ursachen

Wie es zu diesen Veränderungen kam, untersuchten die Forschenden in Computersimulationen, die sie im Rahmen des internationalen Klimaforschungsnetzwerks ISIMIP mit dem Ziel durchführten, mögliche Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen. Sie verwendeten insgesamt neun globale hydrologische Modelle, in die sie Klimadaten aus dem untersuchten Zeitraum einspeisten (1971 bis 2010). Eines der Modelle betreute federführend Dr. Hannes Müller Schmied von der Goethe-Universität Frankfurt und dem Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. „Modellrechnungen sind für die Interpretation von gemessenen Daten und für die Berechnung von verschiedenen Szenarien sehr wichtig“, erklärt der Frankfurter Geograph, „denn wir können quasi mit einem Schalter den Einfluss des Klimawandels und die direkten Einflüsse des Menschen ein- und ausschalten und die Ergebnisse mit den gemessenen Daten vergleichen.“

Die Ergebnisse der Modellrechnungen stimmten gut mit der Analyse der Flussmessdaten überein. «Das heißt, dass die klimatischen Bedingungen die beobachteten Trends erklären können», sagt Lukas Gudmundsson, Klimaforscher an der ETH Zürich und Erstautor der Studie. In einem zweiten Durchgang schlossen die Forschenden in ihre Simulationen zusätzlich direkte menschliche Veränderungen ein, um den Einfluss dieser Faktoren zu untersuchen. Das Ergebnis änderte sich dadurch jedoch nicht. Veränderungen in der Wasser- und Landnutzung sind also offenbar nicht die Ursache für die globalen Veränderungen in Flüssen. 

Gewässermanagement und Landnutzung können zwar lokal zu großen Schwankungen der Abflüsse führen. «Uns ging es aber nicht um lokale, sondern um globale Trends, die über längere Zeiträume sichtbar werden», sagt Gudmundsson. Deshalb betrachteten die Forschenden nicht isoliert die Daten einzelner Messstationen, sondern fassten diese für die Analyse zu größeren, subkontinentalen Regionen zusammen. Dadurch wurde es möglich, den Einfluss des Klimawandels in den Daten zu erkennen.

Einfluss der Treibhausgase

Die Rolle des Klimawandels konnten die Forschenden mit der sogenannten Attributions-Methode untermauern: Sie verglichen ihre Messdaten mit Simulationen von Klimamodellen, die einmal mit den menschengemachten Treibhausgasen berechnet wurden und einmal ohne diese. Im ersten Fall stimmte die Simulation mit den tatsächlichen Daten überein, im zweiten Fall jedoch nicht. Ohne den Klimawandel hätte es die beobachteten Veränderungen also wahrscheinlich nicht gegeben.

Die Studie ist die erste, die mit Messdaten nachweist, dass der Klimawandel einen global sichtbaren Einfluss auf das Fließgewässer hat. «Dies war nur durch die gute Zusammenarbeit der beteiligten Forschenden und Institutionen aus zwölf verschiedenen Ländern möglich», betont Gudmundsson. Auch die gesammelten Daten von den 7250 Messstationen weltweit waren ein Gemeinschaftswerk: Die Forschenden trugen sie mit australischen Kollaborationspartnern in einer Vorgängerstudie zusammen. Sie bilden den größten weltumspannenden Datensatz zum Wasserabfluss in Flüssen, der heute verfügbar ist.

„Dank der Modelle können wir nun verlässliche Szenarien berechnen, wie sich große Flüsse unter dem Einfluss des Klimawandels künftig weiter verändern werden“, meint Hannes Müller Schmied. Solche Projektionen werden für betroffene Regionen eine wichtige Planungsgrundlage darstellen, um die Wasserversorgung sicherzustellen und sich an den Klimawandel anzupassen.

Publikation: Lukas Gudmundsson, Julien Boulange, Hong X. Do, Simon N. Gosling, Manolis G. Grillakis, Aristeidis G. Koutroulis, Michael Leonard, Junguo Liu, Hannes Müller Schmied, Lamprini Papadimitriou, Yadu Pokhrel, Sonia I. Seneviratne, Yusuke Satoh, Wim Thiery, Seth Westra, Xuebin Zhang, Fang Zhao: Globally observed trends in mean and extreme river flow attributed to climate change. Science https://science.sciencemag.org/cgi/doi/10.1126/science.aba3996

Weitere Informationen
Dr. Hannes Müller Schmied
Institute für Physikalische Geographie
Goethe-Universität Frankfurt
und
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Tel.: +49 69 798-40216
hannes.mueller.schmied@em.uni-frankfurt.de
http://www2.uni-frankfurt.de/45217668/dl


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, E-Mail bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 11 2021
11:03

Studierende der Goethe-Universität präsentieren im Internet eine Sammlung von Tithu-Figuren aus Arizona

Hopi-Schnitzkunst als Online-Ausstellung

Die virtuelle Ausstellung „Die Wanderer. Katsinam, Tithu und Aby Warburg“ zeigt die Vielfalt spiritueller Figuren aus der Tradition der Hopi. Erarbeitet haben die Schau Studierende der Goethe-Universität in einem interdisziplinären Lehrprojekt im Sommersemester 2020. Unter durch Corona deutlich erschwerten Bedingungen haben sie eine private Sammlung aus der Schweiz für das Publikum aufbereitet.

FRANKFURT. Manche sehen aus wie Adler im Menschengewand, manche wie bunt behangene Außerirdische. Eine Art Clown mit Kopf und Körper einer Biene schleckt an einem Lutscher. Ein überdimensionierter Kopf ist von Kaktusblättern umkränzt. – Die Phantasie der Hopi beim Schnitzen ihrer sogenannten Katsina-Puppen scheint grenzenlos zu sein. Und doch wiederholen sich bestimmte Themen und Figuren, deren spirituellen Vorbildern bestimmte Funktionen rund um das Thema Wasser und Fruchtbarkeit zugewiesen sind. Das Spektrum umfasst ungefähr 300 immer wiederkehrende Katsinam, doch verändert sich diese Zahl stetig. Wer sich ein Bild davon machen möchte, kann sich unter www.diewanderer.info die Ausstellung „Die Wanderer. Katsinam, Tithu und Aby Warburg“ ansehen. Studierende der Kunstgeschichte und der Ethnologie haben im Rahmen eines Lehrprojekts eine Schweizer Sammlung aufgearbeitet.

Die virtuelle Ausstellung ist im Sommersemester 2020 entstanden – unter widrigen Bedingungen: Wegen der Pandemie konnten sich die Studierenden nur online besprechen; ein Besuch von Mitgliedern des Hopi-Stammes in Frankfurt musste abgesagt werden; und auch die bereits organisierte Exkursion nach Zürich fand nicht statt. Die 18 Studierenden, angeleitet durch den Ethnologen Dr. Markus Lindner und die Kunsthistorikerin Dr. Hilja Droste (inzwischen an der Universität Bonn) machten das Beste daraus und befassten sich intensiv mit dem Material, das ihnen vom Nordamerika Native Museum der Stadt Zürich (NONAM) zur Verfügung gestellt worden war: Bilder und Informationen zu den knapp 200 so genannten Katsina-Puppen aus der Sammlung Antonio und Christin Ferretti, die die Hopi selbst als tithu (Singular tihu) bezeichnen. 30 Jahre lang haben die Ferrettis, die viele Jahre in Nordamerika lebten, die kleinen und größeren Skulpturen den Hopi-Künstlern abgekauft. Dann übergaben sie die wertvolle Sammlung dem Zürcher Museum.

Die Tithu, die von Hopi-Künstlern in Arizona aus dem Wurzelholz der Amerikanischen Pappel geschnitzt werden, dienten bis ins späte 19. Jahrhundert ausschließlich als zeremonielle Geschenke für Mädchen. Sie stellen spirituelle Wesen (Katsinam) dar, die im Lauf des zeremoniellen Jahreszyklus zu den Hopi kommen, um durch ihre Gebete und Tänze für Niederschlag zu sorgen und somit für eine erfolgreiche Ernte. Diesen Jahreszyklus der Tänze und Rituale lernen die Mädchen anhand der Puppen, während Jungen direkt in die Zeremonien eingeführt werden. Die Figuren erscheinen in unterschiedlicher Ausführung, je nach Stil und Zeit, in der sie entstanden sind.

Im späten 19. Jahrhundert wuchs das Interesse von Ethnologen und Touristen an den bunten Skulpturen und ihrer rituellen Bedeutung, so dass diese bald intensiv gesammelt wurden. Auch für den Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg, der 1895/96 die USA bereiste, wurde die Kultur der Hopi prägend für sein späteres Schaffen. Zur selben Zeit entwickelten viele internationale Künstler wie André Breton, Max Ernst und Marcel Duchamp ein großes künstlerisches Interesse Teil in ihren Werken abbildeten. Die Ausstellung im Internet zeigt zum einen die Figuren der Sammlung, die ausführlich eingeordnet und beschrieben sind. Zum anderen wird auch die Bedeutung Aby Warburgs skizziert. Warburg wird häufig auch als „Wanderer zwischen den Welten“ bezeichnet – ähnlich wie die Katsinam für die Hopi die Menschen waren, die für die Zeremonien von der spirituellen in unsere Welt wandern. Der Begriff des Wanderers im Titel verweist außerdem auch auf die „Wanderung“ der Tithu, der zeremoniellen Objekte, die als Kunstwerke in die westliche Welt eingewandert sind. 

Die Ausstellung steht zunächst unbefristet online zur Verfügung. Das Schweizer Museum NONAM, wo man von der Arbeit der Studierenden sehr begeistert ist, hat jedoch bereits Interesse signalisiert und plant die Webseite künftig in ihre Dauerausstellung zu integrieren. Derweil widmen sich Dr. Markus Lindner und Dr. Hilja Droste der Erstellung einer Onlinepublikation, zudem sollen alle Texte noch ins Englische übersetzt werden.

Das Projekt wurde durch den Förderfonds Lehre und durch das Projekt Starker Start ins Studium unterstützt.

Die Ausstellung finden Sie unter folgendem Link: www.diewanderer.info

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/98488779

Bildtext:
Bild 1: Clowns wie dieser mit dem Aussehen einer Biene sollen die Hopi für ihre Fehler sensibilisieren und inakzeptables Verhalten beleuchten. Sie sind Teil verschiedener Zeremonien und dienen besonders in den Pausen als Unterhaltung. (Foto: Nordamerika Native Museum der Stadt Zürich)
Bild 2: Yung'a, der Opuntienfrucht-Katsina, erschien kurz vor dem Jahr 1900. Seine Aufgabe war unter anderem die Reinigung von Quellen. Die Kreuze an seinem Kopf und Oberkörper stellen Sterne dar. (Foto: Nordamerika Native Museum der Stadt Zürich)
Bild 3: Diese stattliche Figur ist mehr als 50 Zentimer hoch. Sie zeigt eine Polimana (Schmetterlingsmädchen), die weibliche Begleitung der Polìitaqa-Katsinam beim Schmetterlingstanz. (Foto: Nordamerika Native Museum der Stadt Zürich)
Bild 4: Screenshot der virtuellen Ausstellung „Die Wanderer. Katsinam, Tithu und Aby Warburg“. (Foto: Lindner)

Weitere Informationen
Dr. Markus Lindner
Institut für Ethnologie
Goethe-Universität
m.lindner@em.uni-frankfurt.de

Dr. Hilja Droste
Kunsthistorisches Institut
Universität Bonn
hdroste@uni-bonn.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 11 2021
09:49

Der studentische Podcast „Podcasting Populism“ gibt die aktuellen Diskussionen über einen umstrittenen Gegenstand wieder

Was genau ist Populismus?

Es gibt ihn von rechts, es gibt ihn von links, aber gibt es ihn auch aus der Mitte der demokratischen Gesellschaft? Vom „Populismus“ ist in diesen Tagen häufig die Rede, aber was genau sich dahinter verbirgt und welche Ausprägungen es gibt, dem wollten Studierende der Goethe-Universität auf den Grund gehen. Die Ergebnisse haben sie in einem sechsteiligen Podcast veröffentlicht.

FRANKFURT. Wer den Klimawandel leugnet, Migranten die Schuld an Arbeitslosigkeit zuschiebt oder gar an der Grenze auf Frauen und Kinder schießen lassen will, ist nach Meinung vieler Menschen ein Populist. Es gibt populistische Parteien, Bewegungen und Aktionen in den sozialen Netzwerken. Doch was genau macht Populismus aus? Wie wirkt er? Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist das alles andere als klar. Im Seminar „Populismus als soziales Phänomen – aktuelle Diskussionen über einen strittigen Gegenstand" haben sich Studierende zusammen mit dem Seminarleiter Dr. Frieder Vogelmann dem Begriff angenähert und dazu einen Podcast produziert.

In sechs Folgen haben sie das Thema aufgefächert und die Teilaspekte in Kleingruppen bearbeitet. Sie haben sich mit Literatur beschäftigt und Interviews mit einschlägig Forschenden geführt. Das Ergebnis ist nachzuhören unter https://anchor.fm/podcasting-populism, wöchentlich wird eine Folge hochgeladen.

Ist der Populismus Sargnagel des demokratischen Zusammenlebens oder ein Korrektiv für in die Jahre gekommene Demokratien? Diese sehr grundsätzliche Frage schwebt über den sechs Beiträgen, in denen es zum Beispiel um das Verhältnis von Populismus und Demokratie, um Populismus auf Social Media, um Abstiegsängste, „Querdenken“ geht. Gesprächspartner in der ersten Folge ist unter anderem Prof. Dr. Dirk Jörke vom Institut für Politikwissenschaft der TU Darmstadt. Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Verena Stern beantwortet in der zweiten Folge Fragen zum Spannungsfeld der Corona-Demos („Zwischen Existenzängsten, Freiheitsideologien und Verschwörungsmythen“) und spricht über ideologische Allianzen und die Handlungsoptionen der Politik. 

In der dritten Folge des Podcasts werden Paradoxien des Populismus diskutiert und die Frage erörtert, ob es sich um Tatsachen oder Mythen handelt. Die vierte Folge ist der sozialräumlichen Perspektive gewidmet: Gibt es „Geographien des (Rechts-)Populismus? Folge Nummer fünf beleuchtet das Phänomen, dass die etablierten Parteien während der Corona-Krise an Zustimmung gewonnen haben. Bedeutet das zugleich einen Rückzug des Populismus? Und wie wäre das zu erklären? Populismus ist gewiss kein neues Phänomen, aber wie sieht die moderne Erscheinungsform in Zeiten der Digitalisierung aus? Darum geht es in der sechsten und letzten Folge von Podcasting Populismus: Wie agieren Populistinnen und Populisten in sozialen Medien? Welche Strategien verwenden sie, um ihre Standpunkte unter die Menschen zu bringen?

80 Studentinnen und Studenten haben am Seminar teilgenommen, es gab verschiedene Möglichkeiten des Leistungsnachweises. Unter den 20 Studierenden, die sich dafür entschieden haben, zusätzlich zur Seminararbeit eine Podcastfolge zu produzieren, war auch Edith Schönig, die den Masterstudiengang internationale Beziehungen absolviert. „Die Inhalte in einem Podcast zu erarbeiten, das war sehr kreativ und hat viel Spaß gemacht“, sagt die 24-Jährige. Natürlich habe sie viel über Populismus gelernt – zum Beispiel, dass er nicht zwangsläufig undemokratisch sei –, aber dazu auch noch Gesprächsführung und Schnitttechnik.

Link zum Podcast: https://anchor.fm/podcasting-populism

Bild zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/98736323

Bildtext: Studierende am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften haben einen Podcast zum Thema Populismus erstellt – eine etwas andere Form des Leistungsnachweises.

Weitere Informationen
Dr. Frieder Vogelmann
Vertretungsprofessor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziologische Theorie und Theoriegeschichte
Telefon +49-(0)69 798-36694
E-Mail vogelmann@soz.uni-frankfurt.de
https://www.frieder-vogelmann.net
Instagram-Kanal zum Projekt: podcasting_populism


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 10 2021
12:57

Befragung von Kindern und Jugendlichen soll Aufschluss geben über die Entstehung von Krankheitsängsten

Und wenn ich krank werde?

Warum fürchten sich manche Menschen besonders vor Krankheiten? Und wie entstehen solche Ängste bereits bei Kindern und Jugendlichen? Eine psychologische Studie an der Goethe-Universität soll neue Erkenntnisse liefern. Für die Teilnahme werden Kinder und Jugendliche mit und ohne solche Ängste gesucht.

FRANKFURT. Krankheitsängste in jungen Jahren stehen im Zentrum des Projekts KaiKiJu (Krankheitsangst im Kindes und Jugendalter) am Zentrum für Psychotherapie an der Goethe-Universität: Wo liegen die Ursachen? Wie kann die Diagnostik anhand von wissenschaftlich geprüften Fragebögen verbessert werden? Und wie haben sich existierende Krankheitsängste in der Zeit der Pandemie verändert? Dazu werden Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 19 Jahren mit stärker ausgeprägten Krankheitsängsten und Kinder und Jugendliche mit keinen oder nur geringen Krankheitsängsten befragt.

Doch was genau versteht man unter „Krankheitsängsten“? „Menschen mit Krankheitsängsten“, erklärt Studienleiterin Vera Özak, „leiden besonders unter stark ausgeprägten Ängsten und Sorgen hinsichtlich ihrer Gesundheit und führen teilweise übertriebene gesundheitsbezogene Verhaltensweisen aus. Zum Beispiel gehen sie sehr häufig zum Arzt, um ihren Gesundheitszustand überprüfen zu lassen“. Wenig bekannt ist bislang jedoch über die Entwicklung und den Verlauf von Krankheitsängsten im Kindes- und Jugendalter. Zahlreiche Studien insbesondere aus dem Erwachsenenbereich deuten jedoch darauf hin, dass Krankheitsängste ihren Ursprung bereits im Kindesalter haben könnten.

Das Projekt KaiKiJu hat deshalb verschiedene Ziele: Zum einen sollen die Gründe für das Entstehen von Krankheitsängsten erforscht werden. Zum anderen soll die wissenschaftliche Qualität bereits vorhandener Fragebögen für die Diagnose von Krankheitsängsten im Kindes- und Jugendalter überprüft werden. Dazu will das Team Kinder und Jugendliche mit stärker ausgeprägten Krankheitsängsten und Kinder und Jugendliche mit keinen oder nur geringen Krankheitsängsten miteinander vergleichen. Außerdem soll untersucht werden, ob und wie sich Krankheitsängste bei Kindern- und Jugendlichen durch die Corona-Pandemie verändern.

Für die Erhebung wurden verschiedene Fragebögen zusammengestellt, die u.a. Krankheitsängste, körperliche Symptome, andere Ängste, belastende Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen sowie Stärken und Schwächen erfassen. Außerdem werden Informationen über die Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien erhoben. Darüber hinaus erhalten auch die Eltern ein Fragebogenpaket, das sich u.a. auf eigene Belastungen bezieht.

Alle Fragebögen werden online ausgefüllt. Die anonyme Umfrage dauert 40 bis 60 Minuten. Kinder und Jugendliche können entweder allein, gemeinsam mit einem Elternteil und/oder gemeinsam mit einem Geschwisterkind (8-19 Jahre) teilnehmen.

Die Teilnahme an der Studie ist unter den folgenden Links möglich:

Für Kinder und Jugendliche und Geschwister (8-19 Jahre): https://ww3.unipark.de/uc/f_uni_KiJuPsy/55c6/

Für Eltern: https://ww3.unipark.de/uc/f_uni_KiJuPsy/4aef/

Den Flyer finden Sie zum Download unter:
https://www.psychologie.uni-frankfurt.de/97121738/Flyer_KaiKiJu_2021_01_neu.pdf

Weitere Informationen
Prof. Dr. Katajun Lindenberg
Leiterin der Verhaltenstherapieambulanzen für Kinder und Jugendliche
Abteilung Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Goethe-Universität
Telefon +49 (0)69  798 23975
E-Mail lindenberg@psych.uni-frankfurt.de

Dipl.-Psych. Vera Özak
E-Mail oezak@psych.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Mär 10 2021
11:46

Rhein-Main-Forschungsverbund der Universitäten Frankfurt und Mainz untersucht die neuen Player Asien und Afrika

Wie die Digitalisierung die weltweite Kulturproduktion aufmischt

Wenn eine koreanische Boygroup weltweit von Millionen Fans gehört wird, wenn also Filme und Musik digital rund um den Erdball kreisen: was bedeutet dies für die Produktion für Kultur? Und welche Folgen hat das für die Wahrnehmung der regionalen Räume, in denen Kultur entsteht? Diesen Fragen geht ein interdisziplinäres Forschungsteam von Wirtschaftswissenschaften, Afrikanistik, Koreastudien, Sinologie, Ethnologie und Filmwissenschaft nach. Das Projekt von Goethe-Universität und Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) wird jetzt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre mit 2,1 Millionen Euro gefördert.

FRANKFURT. Es war ein nigerianischer Händler von Heimvideorekordern mit seiner Amateurkamera, der Anfang der neunziger Jahre den weltweiten Filmmarkt in Bewegung brachte: Um den Verkauf der Rekorder anzukurbeln, drehte der Händler kurzerhand einen Film. Der eigenproduzierte Thriller „Living in Bondage“ verkaufte sich überraschend eine Dreiviertelmillion Mal und fand prompt zahlreiche Nachahmer. Nahezu aus dem Nichts entstand in Nigeria in den folgenden Jahren eine Filmindustrie, die heute – nach Indien –  zu den zweitproduktivsten der Welt zählt. „Der Aufstieg von Nigeria und die globalen Erfolge von koreanischen Filmen, TV-Serien und Popbands im neuen Jahrtausend verändern die Landschaft der Kulturproduktion, aber auch der Rezeption grundlegend“, so der Frankfurter Filmwissenschaftler Prof. Dr. Vinzenz Hediger, der das neue Forschungsprojekt leitet.

Ausgelöst wird die neue Weltordnung der Kulturproduktion durch die Digitalisierung. Dabei interessiert die Frankfurter und Mainzer Wissenschaftler:innen, inwieweit die neuen Kulturindustrien mit überregionaler Reichweite zum Faktor wirtschaftlicher Entwicklung ihrer Herkunftsregionen werden. Und sie fragen nach der Bedeutung von Region und Herkunft der Kulturschaffenden: „Noch offen ist“, sagt die Frankfurter Management-Forscherin Prof. Dr. Cornelia Storz, „ob Unternehmer in digitalen Industrien vielleicht noch mehr als früher von lokalen Ressourcen abhängig sind“. Dabei ist vor allem von Interesse, wie sie ihr kulturelles Erbe variieren und in immer neue, auch globale Kontexte einbinden.

Diesen Fragen geht das interdisziplinäre und internationale Forschungsprojekt anhand einer Reihe von Fallstudien zu Musik und Film in Afrika und Asien nach. Eine besondere Rolle spielt dabei das Archiv der Musik Afrikas (AMA) an der JGU Mainz - eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Aufzeichnungen afrikanischer Musik des 20. Jahrhunderts. Für die Teilprojekte, die sich mit Musik befassen, stellt das AMA eine unschätzbare Quelle dar – wie etwa für die Erforschung der als ‚Afrobeats' vermarkteten nigerianischen Popmusik, die unterschiedliche Genres auf neuartige Weise verbindet. „Auch im Globalen Norden hat sie bereits prominente Fans gefunden“, erklärt der Mainzer Ethnologe Prof. Dr. Matthias Krings, „darunter Beyoncé, die mit ihrem visuellen Album ‚Black is King' 2020 auch deshalb für Furore sorgte, weil es Gastauftritte von Afrobeats-Stars wie Burna Boy, Wizkid, Tiwa Savage und Yemi Alade enthält“.

Die Projektteile, die sich mit Asien befassen und dort etwa die globale Zirkulation und Rezeption zeitgenössischer koreanischer Populärkultur beleuchten, profitieren von engen Beziehungen zu außeruniversitären Partnern wie dem Koreanischen Filmarchiv.

Das Teilprojekt zu Taiwan richtet den Fokus auf das Kaohsiung Film Festival und seine Beziehungen zur koreanischen Filmproduktion. In Nigeria schließlich kooperiert das Projekt mit dem Nollywood Study Center der Pan Atlantic University in Lagos, einem film- und medienwissenschaftlichen Forschungsinstitut mit engen Beziehungen zur nigerianischen Film- und Musikindustrie.

Das BMBF-Förderprojekt bringt die Regionalstudien-Zentren im Rhein-Main-Universitätsverbund erstmals in einem interdisziplinären Forschungsauftrag zusammen – an der Goethe-Universität das Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF) sowie das Interdisziplinäre Zentrum für Ostasienstudien (IZO) und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz das Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS).

Das Forschungsprojekt stärkt die Regionalstudien im Rhein-Main-Universitätsverbund außerdem durch eine enge Verknüpfung mit der Lehre: die Forschungsergebnisse des Projekts sollen in den Bachelor-Verbund-Studiengang „Afrikanische Sprachen, Medien und Kommunikation“ einfließen, der sich gerade im Aufbau befindet.

Bild: http://www.uni-frankfurt.de/98633989
Bildtext: Globale Popstars mit twitter-Fan-Armee: K-Pop Superstars BTS (c) Kim-Hee Chu / dpa

Weitere Informationen

Prof. Dr. Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt: hediger@tfm.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Cornelia Storz, Professorin für Institutionen- und Innovationsökonomik mit Schwerpunkt Ostasien, Goethe-Universität Frankfurt: storz@wiwi.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Matthias Krings, Professor für Ethnologie und populäre Kultur Afrikas, Johannes Gutenberg-Universität Mainz: krings@uni-mainz.de

Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, E-Mail p.barth@em.uni-frankfurt.de

 

Mär 3 2021
11:28

Gemeinsame Veranstaltung des Hessischen Sozialministeriums und des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität anlässlich des Equal Pay Days

Erhöht Flexibilisierung von Arbeit die Chancen für Frauen?

Der Equal Pay Day erinnert daran, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. In diesem Jahr ist der 10. März als der Termin errechnet worden, im vergangenen Jahr war es noch der 17. März. Bis zu diesem Tag arbeiten Frauen statistisch gesehen umsonst, während Männer vom 1. Januar an für ihre Tätigkeit bezahlt werden. Doch in Hessen gibt es Licht am Horizont. Darüber informieren das Hessische Sozialministerium und das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität bei der Präsentation des Hessischen Lohnatlas.

„Arbeitgeberattraktivität durch Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern – der wichtige Beitrag der Hessischen Wirtschaft zur Geschlechtergerechtigkeit“ – unter diesem Titel laden die Staatssekretärin des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration und das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität

am Mittwoch, 17. März, von 9:30 bis 12 Uhr
zu einer virtuellen Konferenz

ein.

In Hessen beträgt die Lohnlücke gemäß dem Hessischen Lohnatlas im Jahr 2018 noch immer 11,9 Prozent. Allerdings wird die Lücke langsam aber stetig geringer. Seit 2012 hat die Differenz zwischen männlichen und weiblichen Einkommen um 4 Prozentpunkte abgenommen. „Dies ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, stellt Staatsekretärin Anne Janz fest, die auch das Grußwort spricht.

Bei der Veranstaltung geht es darüber hinaus auch um einen Blick auf die aktuelle Lage: Hat Corona für die Frauen beruflich eher Rückschläge gebracht? Oder können sie die während der Pandemie erfolgte Flexibilisierung sogar zu ihrem Vorteil nutzen? Und führt dies zu einer weiteren Verringerung der Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen? Damit würde die Pandemie einen Impuls setzen für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Aber wie müsste man dann die Weichen stellen für die Zeit danach?

Bei der Konferenz werden Befunde aus der einschlägigen Arbeitsmarktforschung, Erfahrungen aus Betrieben und Daten aus dem bereits 2020 veröffentlichen Hessischen Lohnatlas sowie Aktivitäten des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration zur Verbesserung der Entgeltgleichheit vorgestellt:

Die Arbeitsmarktforschung zeigt, dass sich Arbeit für viele Beschäftigte während der Pandemie wesentlich verändert hat. Zeitlich und räumlich flexibles Arbeiten wird tagtäglich von vielen gelebt, die im Homeoffice tätig sind. „Bei manchem Arbeitgeber entsteht die Erkenntnis, dass die Arbeitsergebnisse nicht schlechter als vor der Pandemie sind und dass Führung auf ‚Distanz' gut möglich ist“, stellt Dr. Christa Larsen, Geschäftsführerin des IWAK fest.  Lange Zeit wenig hinterfragte Annahmen kommen ins Wanken, denn feste Arbeitszeiten in Präsenz stellen nicht mehr die notwendige Voraussetzung für optimale Arbeitsergebnisse dar. Von diesem Umdenken können vor allem diejenigen Beschäftigten profitieren, die diese Flexibilität benötigen, um ihre familiären und beruflichen Anforderungen gut miteinander zu vereinbaren. Dies trifft in der Praxis vor allem auf Frauen zu. Relevant ist das Umdenken auch in Bezug auf Karrierefragen. Bisher waren Präsenz vor Ort im Betrieb und feste Arbeitszeiten Voraussetzungen dafür. Dementsprechend hatten Frauen, die mehr Flexibilität zur Vereinbarkeit benötigen, oft das Nachsehen, auch finanziell. „Zudem sehen wir während der Pandemie, dass sich die Arbeitsteilung bei hochqualifizierten Paaren zu Hause günstig entwickelt. Männer übernehmen während des Homeoffice mehr familiäre Verpflichtungen als vor der Pandemie“, sagt Dr. Claudia Globisch vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, die bei der Konferenz vortragen wird. Veränderung der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen begünstigt zudem die stärkere Teilhabe von Frauen an Erwerbsarbeit und eine Verbesserung ihrer Entgeltsituation.  

Aus Sicht von Betrieben hat der Wandel noch andere Gründe. Darüber sprechen die Vertreter von Adobe Systems, Salesforce und PwC: Der Fachkräftemangel ist während der Pandemie bei vielen nicht kleiner geworden. „Wir brauchen gerade jetzt mehr Fachkräfte und wollen unsere sehr gut ausgebildeten Beschäftigten halten“, sagt Frank Rohde von Adobe Systems: „Im Wettbewerb um Fachkräfte müssen wir als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden – ein Baustein dafür ist gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, aber auch die Möglichkeit, seine Arbeitszeit flexibel und mobil zu gestalten.“ Nina Gohlke von Salesforce bestätigt: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein. Wir überprüfen unsere Gehaltsstrukturen regelmäßig, um dies sicherzustellen. Gleiche Aufstiegschancen für Frauen und Männer sowie Entgeltgleichheit sind nicht nur im Sinne der Chancengleichheit relevant, sondern auch nötig, um als Arbeitgeber attraktiv für die besten Talente zu sein!“

Auch in vielen anderen Branchen und der öffentlichen Verwaltung werden Entgeltanalysen durchgeführt, um zunächst Transparenz zur Entgeltlage zu schaffen. „Das ist ein erster Schritt, der nicht selten bei dem einen oder anderen betrieblichem Entscheider zu einigem Erstaunen geführt hat“, berichten Pia Müller-Pleines und David Nowacki von PwC, die über Erfahrungen aus der Equal Salary-Zertifizierung verfügen. Der Transparenz folgen Maßnahmen, deren Ergebnisse regelmäßig beobachtet werden.

Dass die Entgeltlücken zwischen Frauen und Männern trotz alledem noch groß sind, verdeutlicht der Hessische Lohnatlas, der im vorigen Jahr in der zweiten Ausgabe erschienen ist und die Jahre 2012 bis 2018 umfasst. Besonders deutliche Lücken gibt es im Mittelstand und in Betrieben mit hohem Altersschnitt. „Wir zeigen mit dem Lohnatlas auf, wo die Betriebe in Hessen stehen und dass der Handlungsbedarf noch sehr groß ist“, stellt Staatssekretärin Anne Janz fest.  Ein wichtiges Ziel der Landesregierung ist die Verbesserung der Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern in Hessen. Der Austausch bei der geplanten Veranstaltung wird wichtige Impulse setzen, gerade um die Chancen, die sich während der Pandemie ergeben, zu nutzen. Als weitere Aktivitäten in diesem Jahr sind der Dialog der Sozialpartner aus den größten Branchen in Hessen vorgesehen und die Vorstellung und Diskussion der Befunde aus dem Lohnatlas in den Regionen vor Ort. „Wir haben viel vor und wollen einen lebendigen Diskurs im Land gestalten. Damit wir die neuen Chancen für Frauen gut nutzen“, betont Staatssekretärin Anne Janz.

Der Hessische Lohnatlas wird vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität erstellt. Dort finden kontinuierlich Forschungsbefunde Eingang. Über Veranstaltungen und Vorträge wird ein Diskurs mit der Praxis aus der Universität heraus gepflegt. „Dieser gelebte Wissenstransfer macht einen Unterschied“, meint Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident für Third Mission der Goethe-Universität.

Publikation: Den Hessischen Lohnatlas finden Sie zum Download unter dem folgenden Link: http://www.hessischer-lohnatlas.de und das Konferenzprogramm unter https://hessenlink.de/wNBk7)

Anmeldungen sind noch möglich unter lohnatlas@iwak-frankfurt.de

Weitere Informationen
Dr. Christa Larsen
Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität
Telefon 069 798- 22152
E-Mail c.larsen@em.uni-frankfurt.de
www.iwak-frankfurt.de/projekt/hessischer-lohnatlas/

Ein Interview mit Dr. Christa Larsen finden Sie unter: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/equal-pay-day-die-pandemie-ist-auch-eine-superchance/