​​​​​​​Pressemitteilungen ​​​​​​ – 2022

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Pressestelle Goethe-Universität

Theodor-W.-Adorno Platz 1
60323 Frankfurt 
presse@uni-frankfurt.de

 

Feb 15 2022
10:20

Forscher:innen der Goethe-Universität untersuchen die Hörwahrnehmung von Fledermäusen

Wie das Gehirn Geräusche filtert

Ob Fledermäuse per Echoortung auf Futtersuche gehen oder mit ihren Artgenossen kommunizieren: Geräusche sind allgegenwärtig. Wie die südamerikanischen Brillenblattnasen wichtige Signale aus der Klangfülle herausfiltert, untersuchen Forschende am Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. Die jüngste Erkenntnis: Bereits das Stammhirn, das bislang allein für Basisaufgaben zuständig galt, verarbeitet Wahrscheinlichkeiten von Hörsignalen.

FRANKFURT. Fledermäuse sind berühmt für ihre Echo-Navigation: Sie orientieren sich über ihr äußerst empfindliches Gehör, indem sie Ultraschall-Laute ausstoßen und anhand der Schall-Reflexionen ein Bild ihrer Umwelt erhalten. So findet beispielsweise die Brillenblattnasen-Fledermaus (Carollia perspicillata) die von ihr als Nahrung bevorzugten Früchte über dieses Echo-Ortungssystem. Gleichzeitig nutzen die Fledermäuse ihre Stimme auch zur Kommunikation mit den Artgenossen, wobei sie einen etwas tieferen Frequenzbereich wählen. Die Brillenblattnase verfügt dabei über eine stimmliche Bandbreite, die sich sonst nur noch bei Singvögeln und Menschen findet. Wie der Mensch erzeugt sie ihre Laute durch den Kehlkopf.

Um herauszufinden, wie die Brillenblattnase besonders wichtige Signale aus der Klangfülle herausfiltern, zum Beispiel Warnrufe von Artgenossen, Isolationsrufe von Fledermausbabys oder auch die Reflexionen von Pfefferschoten im Gewirr von Blättern und Ästen, haben Forscherinnen und Forscher der Goethe-Universität Frankfurt die Hirnströme der Fledermäuse aufgezeichnet.

Dazu schoben die Forschenden um Prof. Manfred Kössl vom Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaften den Fledermäusen Elektroden -  haarfein wie Akupunkturnadeln - unter die Kopfhaut, während die Fledermäuse im Narkoseschlaf schlummerten. Denn diese Messmethode ist so empfindlich, dass schon kleinste Kopfbewegungen der Fledermaus die Messergebnisse stören würden. Trotz des Narkoseschlafs reagiert das Fledermausgehirn auf Geräusche.

Dann wurden den Fledermäusen Abfolgen zweier Töne unterschiedlicher Tonhöhen vorgespielt, wie sie entweder Echoortungsrufen oder Kommunikationsrufen entsprechen. Zunächst wurde eine Sequenz abgespielt, in der Ton 1 sehr viel häufiger als Ton 2 vorkommt, zum Beispiel „1-1-1-1-2-1-1-1-2-1-1-1-1-1-1...“. In der nächsten Sequenz war es umgekehrt, und Ton 1 kam selten und Ton 2 häufig vor. Dadurch wollten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler feststellen, ob die neuronale Verarbeitung eines gegebenen Tons von seiner Auftrittswahrscheinlichkeit abhängt und nicht etwa von seiner Tonhöhe.

Doktorand Johannes Wetekam, Erstautor der Studie, erklärt: „In der Tat zeigen unsere Untersuchungsergebnisse, dass ein seltener und damit unerwarteter Ton zu einer stärkeren neuronalen Antwort führt als ein häufiger Ton.“ Dabei reguliert das Fledermausgehirn die Stärke der neuronalen Antwort auf häufige Echoortungslaute herunter und verstärkt die Antwort auf seltene Kommunikationslaute. Wetekam: „Dies zeigt, dass die Fledermäuse unerwartete Geräusche in Abhängigkeit von der Frequenz unterschiedlich verarbeiten, um adäquate Sinneseindrücke zu erhalten.“

Interessant dabei ist, sagt Wetekam, dass die Verarbeitung der Signale offenbar bereits im Stammhirn erfolgt, von dem man bisher annahm, dass es Hörsignale lediglich annimmt und in höhere Hirnregionen weiterleitet, wo die Signale miteinander verrechnet werden. Der Grund: „Wahrscheinlich erspart es dem Gehirn als Ganzem Energie, und es ermöglicht eine sehr schnelle Reaktion“, sagt Wetekam.

Prof. Manfred Kössl meint: „Wir kennen alle den Party-Effekt: Wir können die Unterhaltungen der Menschen in unserer Umgebung ausblenden, um uns ganz auf unseren Gesprächspartner zu konzentrieren. Hier liegen ähnliche Mechanismen wie bei der Fledermaus zugrunde. Wenn wir besser verstehen, wie Fledermäuse hören, könnte uns das in Zukunft helfen nachzuvollziehen, was bei Krankheiten wie zum Beispiel der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung – kurz: ADHS – geschieht, bei der Umweltreize nicht mehr angemessen verarbeitet werden können.“

Publikation: Johannes Wetekam, Julio Hechavarría, Luciana López-Jury, Manfred Kössl: Correlates of deviance detection in auditory brainstem responses of bats. Eur. J. Neurosci 2021, Nov 11 https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ejn.15527

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/112837573
Bildtext: Die Brillenblattnase Carollia perspicillata fliegt nachts auf Futtersuche. Foto: Julio Hechavarria

Weitere Informationen
Johannes Wetekam
AK Neurobiologie und Biosensorik
Tel. +49 (0)69 798 42066
wetekam@bio.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Manfred Kössl
Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft
Leitung AK Neurobiologie und Biosensorik
Goethe-Universität Frankfurt
Tel. +49 (0)69 798 42052
Koessl@bio.uni-frankfurt.de
https://www.bio.uni-frankfurt.de/36526663/Abt__K%C3%B6ssl___Biowissenschaften


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Bereits während der Entwicklung neuer Bio-Produkte lässt sich abschätzen, ob Risiken für die spätere Freisetzung giftiger Substanzen bestehen. Das zeigt eine Proof-of-Concept-Studie unter Federführung der Goethe-Universität Frankfurt und der RWTH Aachen. In der Studie wurde die Toxizität nachhaltiger Biotenside etwa für Bio-Schampoos und einer neuen Technologie zum sparsamen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit einem kombinierten Verfahren aus Computerberechnungen und Experimenten untersucht. Die Studie ist ein erster Schritt in Richtung einer ökotoxikologisch abgesicherten Bioökonomie, die nachhaltige Ressourcen und Prozesse nutzt, um Umweltbelastungen deutlich zu reduzieren.

FRANKFURT. Die natürlichen Ressourcen des Planeten gehen zur Neige, gleichzeitig beruhen auf ihnen Wohlstand und Entwicklung. Ein Dilemma, aus dem die EU mit ihrer überarbeiteten Bioökonomie-Strategie herausfinden will. Statt auf fossile soll sich die Wirtschaft künftig auf nachwachsende Rohstoffe stützen. Dazu gehören Pflanzen, Holz, Mikroorganismen und Algen. Irgendwann bewegt sich alles in Kreisläufen, jedoch braucht es für die Verwirklichung der zirkularen Bioökonomie einen Wandel in der Herstellung von Chemikalien. Auch sie müssen aus Biorohstoffen statt aus Erdöl gewonnen werden. Aus diesen Anforderungen formulierten die US-Chemiker Paul Anastas und John C. Warner 1998 zwölf Prinzipien der Grünen Chemie. Einer ihrer Grundsätze wurde bisher jedoch stark vernachlässigt: die Reduzierung der Umwelt-Toxizität von neu entwickelten Stoffen.

Genau hier setzte das interdisziplinäre Projekt “GreenToxiConomy" an, das Teil des Wissenschaftsverbundes Bioeconomy Science Center (BioSC) ist. Ziel war es, biobasierte Stoffe und neuartige Technologien schon früh in der Produktentwicklung auf umwelttoxische Effekte hin abzuklopfen und die Erkenntnisse daraus ins Produktdesign einfließen zu lassen. Für die Untersuchungen stellten Projektpartner aus Aachen, Jülich und Düsseldorf zwei ihrer biobasierten Produktkandidaten zur Verfügung: Biotenside und Pflanzenschutz-Mikrogelbehälter.

Die waschaktiven Biotenside für den Einsatz in Shampoos oder Reinigungsmitteln basieren bei BioSC statt auf Rohöl auf den Syntheseleistungen des Bakteriums Pseudomonas putida beziehungsweise des Pilzes Ustilago maydis. Die Mikrogel-Technologie ermöglicht die kontrollierte Abgabe von Pflanzenschutzmitteln, weil die Behälter dafür sorgen, dass die Wirkstoffe auch bei Regen an den Pflanzen haften bleiben.

Dr. Sarah Johann, Erstautorin der Studie und Arbeitsgruppenleiterin in der Abteilung Evolutionsökologie und Umwelttoxikologie am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Universität Frankfurt, erklärt: “Für die Untersuchung der neuartigen Substanzen und Technologien haben wir einen breiten Konzentrationsbereich ausgewählt, um mögliche potenzielle Gefährdungen für Mensch und Umwelt gut abschätzen zu können. Wir wollten untersuchen, ob die biobasierten Tenside noch umweltfreundlicher als herkömmliche chemische Tenside sind. Und wir wollten ausschließen, dass von den Mikrogelbehältern als solche irgendeine Toxizität ausgeht."

Um die ökotoxikologische Evaluierung möglichst präzise werden zu lassen, kombinierte das Projekteam zwei Dinge für die Toxizitätsbestimmung miteinander: computergestützte Voraussagen (in silico) und Experimente im Labor (in vitro und in vivo). Die Computermodelle arbeiten mit Toxizitätsdaten von bekannten Chemikalien, deren Struktur sie mit der Struktur der neuen biobasierten Stoffe verglichen, um so die Toxizität vorauszusagen. Die Experimente wurden an wasser- und landlebenden Organismen durchgeführt, die bestimmte Organismengruppe repräsentieren, darunter Regenwürmer, Springschwänze, Wasserflöhe und Zebrafischembryonen im ganz frühen Stadium.

Das Ergebnis: Sowohl Biotenside wie auch Mikrogele sind vielversprechende Kandidaten für den Einsatz im Sinne einer künftigen Bioökonomie, deren Produkte sowohl nachhaltig hergestellt werden als auch beim und nach dem Gebrauch keine Umweltschäden oder Schäden für den Menschen hervorrufen. “Wir können unsere Aussagen allerdings nur in gewissen Grenzen treffen, denn die Übertragung von Laborergebnissen auf die Realität im Freiland oder in anderweitigen Anwendungen ist kompliziert", so Johann. Für eine gesamtheitliche Bewertung des Risikopotentials braucht es mehr Forschung, weswegen Folgeprojekte geplant sind.

Prof. Henner Hollert, Leiter der Abteilung Evolutionsökologie und Umwelttoxikologie der Goethe-Universität Frankfurt, unterstreicht die Bedeutung der engen interdisziplinären Zusammenarbeit bei “GreenToxiConomy", Im Projekt designten Biotechnologen und Ingenieure zusammen ein neues Produkt, das während der Entwicklungsschritte von Ökotoxikologen der Goethe-Universität gemeinsam mit einem Team an der RWTH Aachen um Prof. Dr. Martina Roß-Nickoll bewertet wurde. „Dieser fortlaufende Prozess ist die große Stärke des Projekts." Zwar markiere es nur einen ersten Schritt in Richtung einer ökotoxikologisch abgesicherten Bioökonomie. Aber für Hollert steht jetzt schon fest, dass Ökotoxikologie beziehungsweise Green Toxicology bei den Plänen der EU eine zentrale Rolle spielen wird. “Geht es um künftige biobasierte Produktentwicklung und Produktdesign, müssen wir die Folgen für Mensch und Umwelt frühzeitig klären. Da kann unser Ansatz wertvolle Dienste leisten."

Publikation: Sarah Johann, Fabian G. Weichert, Lukas Schröer, Lucas Stratemann, Christoph Kämpfer, Thomas-Benjamin Seiler, Sebastian Heger, Alexander Töpel, Tim Sassmann, Andrij Pich, Felix Jakob, Ulrich Schwaneberg, Peter Stoffels, Magnus Philipp, Marius Terfrüchte, Anita Loeschcke, Kerstin Schipper, Michael Feldbrügge, Nina Ihling, Jochen Büchs, Isabel Bator, Till Tiso, Lars M. Blank, Martina Roß-Nickoll, Henner Hollert. A plea for the integration of Green Toxicology in sustainable bioeconomy strategies – Biosurfactants and microgel-based pesticide release systems as examples. In: J. Hazard. Mat. 426 (2022) 127800. https://doi.org/10.1016/j.jhazmat.2021.127800

Weitere Informationen
Prof. Dr. Henner Hollert
Institut für Ökologie, Evolution und Diversität
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +49 (0)69 798-42171
hollert@bio.uni-frankfurt.de
https://www.bio.uni-frankfurt.de/43970666/Abt__Hollert


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Feb 11 2022
11:39

Bundesweite Langzeitanalyse untersuchte 250 Millionen Krankenhausaufnahmen

Mit Leberzirrhose ins Krankenhaus: Höchste Sterblichkeitsrate aller chronischen Krankheiten

Von allen chronischen Krankheiten, die in Deutschland die Einweisung in ein Krankenhaus erfordern, hat die Leberzirrhose die höchste Mortalitätsrate. Wird sie als Komorbidität anderer chronischer Krankheiten diagnostiziert, führt sie mindestens zu einer Verdoppelung der Sterblichkeitsrate. Insgesamt hat sich die Zahl der Hospitalisierungen mit Leberzirrhose trotz der Einführung hochwirksamer Medikamente gegen Hepatitis C bundesweit erhöht. Alkoholmissbrauch bleibt dafür bei weitem die Hauptursache. Das ergab eine Studie unter der Leitung von Prof. Jonel Trebicka vom Universitätsklinikum Frankfurt, die einen Beobachtungszeitraum von 14 Jahren umfasste.

FRANKFURT. Die Zirrhose, bei der funktionsfähiges Lebergewebe untergeht und vernarbt, ist das gemeinsame Endstadium der meisten chronischen Lebererkrankungen und die vierthäufigste Todesursache in Mitteleuropa. Über ihr epidemiologisches Profil in Deutschland lagen jedoch bislang kaum aktuelle Erkenntnisse vor. Deshalb entschlüsselte ein Forschungsteam um Prof. Jonel Trebicka anhand der Datensätze des Statistischen Bundesamtes die rund 250 Millionen Krankenhausaufnahmen, die von 2005 bis 2018 in Deutschland aus irgendeinem Grund erfolgt waren, gemäß der 10. Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10). 0,94 Prozent dieser Hospitalisierungen waren der Diagnose Leberzirrhose zuzuordnen, in der Mehrzahl der Fälle als Begleit- und nicht als Haupterkrankung. In absoluten Zahlen nahmen die Einweisungen mit Leberzirrhose im Beobachtungszeitraum von 151.108 auf 181.688 zu.

Der primäre Endpunkt der Studie war die Sterblichkeit an Leberzirrhose im Krankenhaus. Zwar ist diese Mortalitätsrate im Beobachtungszeitraum erfreulicherweise von 11,57% auf 9,49% gesunken, liegt damit aber immer noch deutlich über den entsprechenden Raten anderer chronischer Krankheiten wie Herzinsuffizienz (8,4%), Nierenversagen (6,4%) und chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (5,2%). Trat eine Leberzirrhose begleitend zu einer anderen chronischen Krankheit auf, dann erhöhte sie deren Mortalitätsrate um das Zwei- bis Dreifache, am stärksten bei infektiösen Atemwegserkrankungen.

Dank der Einführung direkt wirksamer antiviraler Medikamente gegen Hepatitis C-Erkrankungen hat sich der Anteil der HCV-bedingten Zirrhosen im Beobachtungszeitraum auf knapp ein Drittel reduziert. Umgekehrt hat sich die Häufigkeit von Zirrhosen, die durch eine nicht-alkoholische Fettleber bedingt sind, in dieser Zeit vervierfacht, parallel zu einem Anstieg von Patienten mit krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Unbeeinflusst von diesen ätiologischen Verschiebungen dominieren jedoch weiterhin die durch Alkoholmissbrauch entstandenen Zirrhosen. Sie machen 52 Prozent aller in der Studie erfassten Zirrhosen aus, in absoluten Zahlen mit steigender Tendenz.

Vermutlich aufgrund der in deutschen Kliniken weithin befolgten Behandlungsrichtlinien, zum Beispiel durch endoskopische Prozeduren oder die Gabe nicht-selektiver Beta-Blocker, treten Blutungen im Magendarmtrakt als Komplikation einer Leberzirrhose im Krankenhaus immer seltener auf. Blutungen aus Krampfadern in der Speiseröhre waren 2018 sogar auf ein Zehntel ihres Ausgangswertes von 2005 zurückgegangen. Auf der anderen Seite haben   Verschlechterungen des Krankheitsbildes aufgrund von Bauchwassersucht (Ascites) oder von Gehirnstörungen durch unzureichende Entgiftungsarbeit der Leber zugenommen. Die Zahl der Pfortaderthrombosen wiederum verdoppelte sich parallel zu einer intensiveren bildgebenden Diagnostik.

Verglichen mit anderen chronischen Krankheiten, waren die mit Zirrhose aufgenommenen Patienten deutlich jünger: Die Hälfte von ihnen hatte das 64. Lebensjahr noch nicht überschritten. In den ostdeutschen Bundesländern waren höhere Hospitalisierungs- und Krankenhausmortalitätsraten zu verzeichnen als in den westdeutschen. Bundesweit waren rund zwei Drittel der mit einer Leberzirrhose hospitalisierten Patienten Männer. Sie starben häufig bereits in ihrem sechsten Lebensjahrzehnt oder früher, woraus sich die große Zahl verlorener gesunder Lebensjahre und die hohe sozioökonomische Belastung erklärt, die mit einer Leberzirrhose einhergeht. Denn Männer dieses Alters machen noch immer den Großteil aller Berufstätigen aus.

„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Entscheider und Kostenträger des Gesundheitswesens viel stärker in die Prävention alkoholbedingter Leberzirrhosen investieren sollten“, bilanziert Prof. Jonel Trebicka. „Sie verdeutlichen auch, wie wichtig es ist, die Leberzirrhose als Begleiterkrankung anderer chronischer Krankheiten wahrzunehmen und zu behandeln.“

Publikation: Wenyi Gu, Hannah Hortlik, Hans-Peter Erasmus, Louisa Schaaf, Yasmin Zeleke, Frank E. Uschner, Philip Ferstl, Martin Schulz, Kai-Henrik Peiffer, Alexander Queck, Tilman Sauerbruch, Maximilian Joseph Brol, Gernot Rohde, Cristina Sanchez, Richard Moreau, Vicente Arroyo, Stefan Zeuzem, Christoph Welsch, Jonel Trebicka: Trends and the course of liver cirrhosis and its complications in Germany: Nationwide populationbased study (2005 to 2018) The Lancet Regional Health - Europen 2022;12: 100240 https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2021.100240

Weitere Informationen
Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Jonel Trebicka
Universitätsklinikum Frankfurt
Medizinische Klinik I
Sektion Translationale Hepatologie
Tel. +49 (0)69 6301 80789 (Jennifer Biondo, Sekretariat)
Jonel.Trebicka@kgu.de

Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Feb 10 2022
14:48

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in Wirtschafts- und Bildungswissenschaft: Im neuen UniReport werden zwei zukunftsträchtige Projekte vorgestellt. 

Kompetenz im Umgang mit Daten 

FRANKFURT. Aus hundertseitigen, oftmals verstaubten Büchern zieht er mittels computerlinguistischer Methoden hochspannende Datensätze: Prof. Dr. Alexander Hillert koordiniert als Professor für Finance und Data Science das SAFE-Forschungsdatenzentrum. Jungen Forscherinnen und Forschern eine fundierte Methoden- und Datenkompetenz zu vermitteln, ist ihm ein großes Anliegen, wie er im neuen UniReport betont.
Auch in IMPACT, einem Projekt der Bildungswissenschaft, spielt die Erhebung und Analyse von Daten eine entscheidende Rolle: Prof. Hendrik Drachsler, Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt Educational Technologies am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und an der Goethe-Universität, arbeitet im Verbundprojekt mit seinen Kolleg*innen daran, mittels Daten aus Lernprozessen Studierende bei der Erreichung ihrer Studienziele zu unterstützen und zur Verbesserung der Hochschullehre beizutragen.  

Weitere Themen im aktuellen UniReport:

  • Hoffnung auf ein Sommersemester mit mehr Präsenz: Universitätspräsident Prof. Enrico Schleiff schaut optimistisch nach vorne.
  • Erziehung nach Auschwitz: Der Erziehungswissenschaftler Prof. Wolfgang Meseth erforscht die schulische Vermittlung des Nationalsozialismus und des Holocaust.
  • Wissenschaftliche Expertise für ein traditionsreiches Berufsfeld: Der Duale Kooperationsstudiengang Hebammenwissenschaft der Goethe-Universität mit der Frankfurt University of Applied Sciences startet im Sommersemester.
  • Grenzübergreifendes Zentrum für religionsbezogene Forschung: Die Goethe-Universität und die Tel Aviv University wollen sich zusammenschließen.
  • Märchenparodien: Der Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser erhält die Grimm-Bürgerdozentur 2022 der Goethe-Universität und der Stadt Hanau.
  • Hören, was gerade wichtig ist: Wie die Brillenblattnasen-Fledermaus Dauergeräusche ausblendet.
  • Rechtschreibung lernen: einfach nur hinhören? Die Sprachwissenschaftlerin Prof. Angela Grimm zum Schreib- und Leseunterricht an Grundschulen.
  • Persönlichkeitsunterschiede im Umgang mit Stress und Emotionen: Die Psychologie-Professorin Sonja Rohrmann im Porträt.
  • Der intuitive Zugang zum Urknall: Gespräch mit der theoretischen Physikerin Hannah Elfner über das Warten auf Daten, über die Rolle von Visualisierungen vom »Little Bang« und die Betreuung von Studierenden.
  • Müssen wir immer noch mehr Gutes tun? Die Philosophin Jessica Fischer, Postdoctoral Fellow des Justitia Center for Advanced Studies, forscht zur moralphilosophischen Begründung der Maximierung des Gutseins.
  • Im Spannungsfeld zwischen Kindeswohl und Kontrolle: Die Kulturanthropologin Laura McAdam-Otto hat in ihrer Doktorarbeit den Umgang europäischer Behörden mit jungen Geflüchteten erforscht.
  • Die Gestaltung des eigenen Lebens üben: »Re:Start nach der Krise« ist ein Angebot der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende.
  • Die bizarrsten Objekte im Universum: Der Astrophysiker Luciano Rezzolla nimmt in seinem Buch die Leserinnen und Leser mit auf eine Entdeckungsreise zu Schwarzen Löchern und Neutronensternen.
  • Wie bildet man den richtigen Plural von Campus? Campusse, Campus oder Campi? Der Klassische Philologe Prof. Hans Bernsdorff hält nur Campi für richtig.
  • Dumme Fragen gibt es nicht: Julia Sammet leitet seit acht Jahren das Physik-Lernzentrum.

Der UniReport 1/2022 steht zum kostenlosen Download bereit unter: https://www.uni-frankfurt.de/112735018

 

Feb 10 2022
14:17

Internationales Forschungsteam untersucht photoelektrischen Effekt mithilfe eines COLTRIMS-Reaktionsmikroskops

Einsteins photoelektrischer Effekt: So lange dauert die Freisetzung eines Elektrons

Wenn Licht auf Material fällt, können daraus Elektronen freigesetzt werden – der photoelektrische Effekt. Auch wenn dieser Effekt bereits bei der Entwicklung der Quantentheorie eine wichtige Rolle spielte, birgt er immer noch einige Geheimnisse: Bislang war nicht klar, wie schnell diese Freisetzung in Molekülen vonstattengeht. Jonas Rist, Doktorand in einem internationalen Forschungsteam am Institut für Kernphysik der Goethe-Universität Frankfurt, konnte dieses Rätsel mithilfe eines sogenannten COLTRIMS-Reaktionsmikroskops – einer Frankfurter Entwicklung – nun lösen: Sie geschieht rasend schnell innerhalb weniger Attosekunden, also milliardstel milliardstel Sekunden.

FRANKFURT. Vor genau hundert Jahren erhielt Albert Einstein den Nobelpreis für Physik für seine Arbeiten zum photoelektrischen Effekt. Seine revolutionäre Relativitätstheorie hatte die Jury noch nicht richtig verstanden – doch auch beim photoelektrischen Effekt hatte Einstein Bahnbrechendes geleistet. Mit seiner Analyse konnte er nachweisen, dass Lichtstrahlung aus einzelnen Energiepaketen – sogenannten Photonen – besteht. Dies war eine entscheidende Bestätigung für Max Plancks Hypothese, dass Licht aus Quanten besteht, und ebnete der modernen Quantentheorie den Weg.

Obwohl der photoelektrische Effekt in Molekülen mittlerweile gut untersucht ist, war es bislang aber nicht möglich, seine zeitliche Entwicklung experimentell zu bestimmen. Wie lange dauert es, nachdem ein Lichtquant ein Molekül getroffen hat, bis schließlich ein Elektron unter einer bestimmten Richtung herausfliegt? „Der Zeitabstand zwischen Photonenabsorption und Elektronenemission ist sehr schwer zu messen, weil er nur wenige Attosekunden kurz ist“, erklärt Prof. Till Jahnke, der Betreuer von Jonas Rist. Das entspricht nur wenigen Lichtschwingungen. „Es ist bislang unmöglich gewesen, diese Dauer direkt zu messen, weshalb wir sie nun indirekt bestimmt haben.“ Dazu haben die Wissenschaftler ein COLTRIMS-Reaktionsmikroskop genutzt – eine Messapparatur, mit der einzelne Atome und Moleküle in ungeheurem Detailgrad untersucht werden können.

Die Forscher schossen hochintensives Röntgenlicht – erzeugt an der Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II des Helmholtz-Zentrums Berlin – auf eine Probe aus Kohlenmonoxid im Zentrum des Reaktionsmikroskops. Das Kohlenmonoxid-Molekül besteht aus einem Sauerstoff- und einem Kohlenstoffatom. Der Röntgenstrahl besaß nun genau die passende Energie, um eines der Elektronen aus der innersten Elektronenschale des Kohlenstoffatoms herauszuschlagen. Dadurch bricht das Molekül auf. Das Sauerstoff- und Kohlenstoffion sowie das freigesetzte Elektron wurden dann vermessen.

„Nun kommt uns die Quantenphysik zu Hilfe“, erläutert Rist. „Die Emission der Elektronen geschieht nämlich nicht symmetrisch in alle Richtungen.“ Da Kohlenmonoxid-Moleküle eine ausgezeichnete Achse besitzen, werden die herausgeschossenen Elektronen, solange sie sich noch in der unmittelbaren Nähe des Moleküls befinden, von dessen elektromagnetischen Feldern angezogen. Das verzögert die Freisetzung ein klein wenig – und zwar unterschiedlich stark, je nachdem in welcher Richtung das Elektron herausgeschleudert wird.

Da Elektronen nach den Gesetzen der Quantenphysik nicht nur Teilchen-, sondern auch Wellencharakter besitzen, sorgt diese Verzögerung dafür, dass die Wellentäler und Wellenberge der Elektronen ein Interferenzmuster auf dem Detektor zeichnen. „Anhand dieser Interferenzeffekte, die wir mit dem Reaktionsmikroskop messen konnten, ließ sich die Verzögerungsdauer indirekt mit hoher Genauigkeit bestimmen, auch wenn die Zeitdauer unglaublich kurz ist“, so Rist. „Dazu mussten wir allerdings alle quantenphysikalischen Tricks ausnutzen.“

Die Messungen zeigten einerseits, dass es in der Tat nur einige Dutzend Attosekunden dauert, das Elektron zu emittieren. Andererseits offenbarten sie, dass diese Zeitdauer sehr stark davon abhängt, unter welcher Richtung das Elektron das Molekül verlässt, und dass die Zeitdauer außerdem auch stark von der Geschwindigkeit des Elektrons abhängt.

Diese Messungen sind nicht nur für die physikalische Grundlagenforschung interessant. Die Modelle, mit denen man diese Art von Elektronendynamik beschreibt, sind auch für viele chemische Prozesse relevant, bei denen Elektronen nicht nach außen freigesetzt werden, sondern etwa zu benachbarten Molekülen übertragen werden und dort weitere Reaktionen auslösen. „In Zukunft könnten solche Experimente deshalb auch helfen, chemische Reaktionsdynamiken besser zu verstehen“, sagt Jahnke.

Publikation: Jonas Rist, Kim Klyssek, Nikolay M. Novikovskiy, Max Kircher, Isabel Vela-Pérez, Daniel Trabert, Sven Grundmann, Dimitrios Tsitsonis, Juliane Siebert, Angelina Geyer, Niklas Melzer, Christian Schwarz, Nils Anders, Leon Kaiser, Kilian Fehre, Alexander Hartung, Sebastian Eckart, Lothar Ph. H. Schmidt,1 Markus S. Schöffler, Vernon T. Davis, Joshua B. Williams, Florian Trinter, Reinhard Dörner,1 Philipp V. Demekhin, Till Jahnke: Measuring the photoelectron emission delay in the molecular frame. Nat Commun 12, 6657 (2021). https://doi.org/10.1038/s41467-021-26994-2

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/112731392

Bildtext
COLTRIMS_atBESSYii_PhotoMiriamKeller.jpg:
Viel Technik: Das COLTRIMS-Reaktionsmikroskop am Elektronenspeicherring BESSY II, Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Foto: Miriam Weller, Goethe-Universität Frankfurt

Rist_Jonas_PhotoAlexanderHartung.jpg:
Doktorand Jonas Rist von der Goethe-Universität Frankfurt. Foto: Alexander Hartung, Goethe-Universität Frankfurt

Weitere Informationen
Prof. Dr. Till Jahnke
European XFEL und
Institut für Kernphysik, Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: + 49 (0)69-798 47023 (Sekretariat)
till.jahnke@xfel.eu

Prof. Dr. Reinhard Dörner
Institut für Kernphysik
Goethe-Universität Frankfurt
Tel. +49 (0)69 798-47003
doerner@atom.uni-frankfurt.de
https://www.atom.uni-frankfurt.de/

Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Feb 7 2022
09:27

Präsident Enrico Schleiff würdigt bahnbrechende Erkenntnis für Quantenphysik – Dienstag Festveranstaltung mit Livestream in Frankfurter Paulskirche

Nobelpreis-Experiment: 100 Jahre Stern-Gerlach-Versuch an der Goethe-Universität

FRANKFURT. In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1922 waren die Physiker Prof. Otto Stern und Prof. Walter Gerlach an der Goethe-Universität mit einem Experiment erfolgreich, das ausschlaggebend für die Verleihung des Nobelpreises 1943 an Otto Stern sein sollte.

Prof. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität Frankfurt und selbst Physiker, erinnert an den Forschungsgeist, der die Arbeiten am Institut für Physik der erst acht Jahre zuvor gegründeten Goethe-Universität prägte: „Wirtschaftlich war die Lage sehr schwierig, doch die Neugierde von Otto Stern und Walter Gerlach konnte das nicht bremsen; sie wollten unbedingt die theoretisch vorhergesagte Raumquantelung experimentell überprüfen. Das Geld für die Apparaturen bekamen sie von Freunden sowie Stifterinnen und Stiftern, ein Engagement der Frankfurter Bürgerschaft zur Stärkung der Forschung der Goethe Universität, ohne die auch heute die Forschung auf Spitzenniveau kaum möglich wäre.
Getragen wurden sie vom 'Spirit' am Institut für Physik, von dem Walter Gerlach später einmal sagte, dass die Zusammenarbeit großartig gewesen sei und man dauernd über alles gesprochen und voneinander gelernt habe. Dieser 'Spirit' ist auch für unser heutiges Miteinander an der Universität und den mit uns verbunden Partnern in der Forschung von enormer Bedeutung, um die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft mitzugestalten.
Das Experiment von Otto Stern und Walter Gerlach hat uns gezeigt, wie wichtig die Grundlagenforschung wer und ist, denn sie legt die Basis für zahlreiche Anwendungen, wie im Fall von Stern und Gerlach das Kernspinverfahren, die Atomuhr oder den Laser. Gerade die Erinnerung an diese Experimente sollte auch in die Politik getragen werden, denn auch in der heute so schnelllebigen Zeit ist langfristig angelegte Grundlagenforschung das Fundament für die langfristige Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Gleichzeitig mahnt uns ein Rückblick auf diese Zeit zu nie nachlassender Toleranz und Weltoffenheit, denn wegen des erstarkenden Antisemitismus in den 1920er-Jahren verließ Otto Stern zunächst unsere Universität und dann Deutschland.“

Zum Gedenken an das "Stern-Gerlach-Experiment" vor 100 Jahren veranstalten die Deutsche Physikalische Gesellschaft, der Physikalische Verein Frankfurt, der Fachbereich Physik der Goethe-Universität und die Gesellschaft Deutscher Chemiker in der Frankfurter Paulskirche eine Festlichkeit, die per Livestream übertragen wird:

Dienstag, 8. Februar 2022
18 Uhr bis 19:30 Uhr
https://hvo.events/dpg

Programm:

"Das Stern-Gerlach-Experiment - Ein Meilenstein der Physikgeschichte"
Vortrag von Prof. Horst Schmidt-Böcking, Institut für Physik, Goethe-Universität

"Stern-Gerlach in der Moderne - Präzisionsphysik mit gespeicherten Ionen"
Vortrag von Prof. Klaus Baum, Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg

Grußwort der Frankfurter Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg

Dialog-Gespräch zwischen Prof. Dorothée Weber-Bruls, Präsidentin des Physikalischen Vereins, und Dr. Lutz Schröter, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Feb 4 2022
08:23

Neues Licht auf die Rolle des Tumorsuppressors pVHL

Krebsentstehung: Wichtige Erkenntnisse zur Signalübertragung in Zellen

Der Transforming Growth Factor beta (TGF-ß) ist ein Signalprotein, dessen Fehlregulation Entwicklungsstörungen und Krebs hervorrufen kann. Forschende um Dr. Xinlai Cheng von der Goethe-Universität Frankfurt haben herausgefunden, wie ein Tumorsuppressor mit der Kurzbezeichnung pVHL die Signalübertragung mittels TGF-ß beeinflusst. Ihre Erkenntnisse liefern mögliche Ansatzpunkte für neue Medikamente.

FRANKFURT/HEIDELBERG. Die Signalübertragung in Zellen ist eine komplexe Angelegenheit. So reguliert TGF-ß viele Zellfunktionen während der Entwicklung von Mensch und Tier, aber auch im erwachsenen Organismus. Wie das im Detail funktioniert, ist nur unvollständig bekannt. Klar ist, dass sich aktiviertes TGF-ß zunächst an Rezeptoren bindet, die sich an der Zelloberfläche befinden. Die TGF-ß-Rezeptoren wiederum aktivieren in der Zelle ein Protein namens SMAD3. Dieses lagert sich dann mit SMAD4 zusammen und wandert gemeinsam mit ihm in den Zellkern. Dort beeinflussen die SMAD-Proteine, in welchem Ausmaß Gene angeschaltet und in Proteine und andere Genprodukte übersetzt werden.

Forschende der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Heidelberg, des Deutschen Krebsforschungszentrums sowie der Universitätskliniken Heidelberg und Jena haben nun herausgefunden, wie der Von-Hippel-Tumorsuppressor (pVHL) in diesen Signalweg eingreift. Tumorsuppressoren sind Proteine, deren Defekt oder Mangel in einem vielzelligen Organismus mit einem hohen Risiko einhergeht, dass Zellen zu Tumorzellen entarten. Die Wissenschaftler berichten im „Journal of Cell Biology“ über den erstmaligen Nachweis, dass pVHL das SMAD3-Protein abbaut. Dies geschieht bereits, bevor sich SMAD3 und SMAD4 verbinden. pVHL hemmt somit die Signalkette, die von aktiviertem TGF-ß ausgeht. „Diesen Nachweis konnten wir sowohl in Kulturen menschlicher Zellen als auch an Taufliegen der Gattung Drosophila erbringen“, sagt Letztautor Dr. Xinlai Cheng. „Das spricht dafür, dass pVHL schon sehr früh in der Evolution die regulierende Funktion übernommen hat, die wir nun aufgedeckt haben.“

Xinlai Cheng ist seit 2019 Leiter einer Nachwuchsgruppe am Buchmann Institut für Molekulare Lebenswissenschaften der Goethe-Universität. Begonnen hatte er die Untersuchungen am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Universität Heidelberg. Sein Mentor Prof. Stefan Wölfl erläuterte eine wichtige Erkenntnis, die sich aus dem gefundenen Zusammenhang zwischen pVHL und dem TGF-ß-Signalweg ergibt: „pVHL ist bekanntermaßen daran beteiligt, wie Zellen Sauerstoff gleichsam fühlen und auf dessen unterschiedliche Verfügbarkeit reagieren. Somit beeinflusst die Versorgung von Zellen mit Sauerstoff auch die TGF-ß Signalübertragung.“

Die Entdeckung der Forschenden bietet neue Chancen für die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs. „Könnte man beispielsweise mit einem Wirkstoff die pVHL-Aktivität gezielt regulieren, so würde man darüber auch den TGF-ß Signalweg beeinflussen, der wiederum eine große Rolle bei der Bildung von Tumoren und speziell von Metastasen spielt“, sagt Xinlai Cheng. Tumorzellen können sich gut an ihre Umgebung im Organismus und an unterschiedliche Sauerstoffverfügbarkeiten anpassen. Dabei hilft ihnen, dass sie in ihrer zellulären Aktivität sehr flexibel sind. Diese Aktivität wird unter anderem durch den TGF-ß-Signalweg reguliert.

Publikation: Jun Zhou, Yasamin Dabiri, Rodrigo A. Gama-Brambila, Ghafoory Shahrouz, Mukaddes Altinbay, Arianeb Mehrabi, Mohammad Golriz, Biljana Blagojevic, Stefanie Reuter, Kang Han, Anna Seidel, Ivan Dikic, Stefan Wölfl, Xinlai Cheng: pVHL-mediated SMAD3 degradation suppresses TGFß signalling. Journal of Cell Biology (2022) 221 (1): e202012097 https://doi.org/10.1083/jcb.202012097

Bild zum Download:
https://www.uni-frankfurt.de/112400017

Bildtext: Gefärbtes Lebergewebe zeigt das komplementäre Vorkommen von pVHL und SMAD-Proteinen: Wo pVHL (grün) reichlich zu sehen ist, gibt es SMAD2/3 selten und umgekehrt. Die Zellkerne sind blau gefärbt. Im Bild unten rechts sind alle drei Farben überlagert. Fotos: Xinglai Cheng/ Goethe University

Weitere Informationen
PD Dr. rer. nat. habil. Xinlai Cheng
Buchmann Institute for Molecular Life Sciences Chemical Biology
AK Cheng
Goethe Universität Frankfurt
Tel. +49 69 798-42718
Cheng@pharmchem.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Stefan Wölfl
Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie –
Pharmazeutische Biologie, Pharmazeutische Bioanalytik und Molekulare Zellbiologie
Universität Heidelberg
Tel. +49 6221 544880
wolfl@uni-hd.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de 

 

Feb 3 2022
13:58

Fotografen Ingmar Björn Nolting und Stefano Dili stellen im Foyer des Wiesbadener Rathauses aus 

»Erinnerung schaffen«. Deutsch-Italienische Fotografien aus dem Leben in der Pandemie

Als die Pandemie ausbricht, haben der italienische Fotograf Stefano Dili und sein deutscher Kollege Ingmar Björn Nolting dieselbe Idee: ihr Land im Lockdown zu dokumentieren. Beide wissen nichts voneinander - bis sie gebeten werden, das Buchprojekt Goethe-Vigoni Discorsi. Ein deutsch-italienisches Tagebuch der COVID-Krise zu begleiten. Nun sind ihre Fotografien im Wiesbadener Rathaus bis zum 10. Februar in einer Ausstellung zu sehen.

FRANKFURT. Um sein Land in der Pandemie zu dokumentieren, reiste der deutsche Fotograf Ingmar Björn Nolting rund 9000 Kilometer durch Deutschland; Stefano Dili kehrte aus einem anderen Kontinent in seine italienische Heimat zurück, als sie bereits im Lockdown lag. Beide Fotografen treffen auf eine Gesellschaft in größter Verunsicherung. So verschieden die Perspektiven sind, mit denen sich die Fotografen ihrem Gegenstand nähern, so sehr gleicht sich ihr Ziel: »diese Zeit zu dokumentieren und so Erinnerung zu schaffen«. Dili und Nolting nehmen den Alltag von Covid-19 nach eigenen ästhetischen und ikonografischen Parametern in den Blick: Dili oft so dicht am Menschen vor der Kamera, dass auch die Schmerzgrenze des Betrachters nahe rückt, Nolting aus einer Perspektive, die die Umgebung des Menschen und damit ihren gesellschaftlichen Zusammenhang miteinbezieht.

Die beiden Fotografen konnten damals nicht wissen, dass sie eingeladen werden würden, die zweisprachige Buchausgabe der Goethe-Vigoni Discorsi. Ein deutsch-italienisches Tagebuch der COVID-Krise zu bereichern. Präsentiert in Bildpaarungen korrespondieren sie miteinander, als seien sie für den deutsch-italienischen Dialog geschaffen.

Die Fotografien sind nun in einer Ausstellung zu sehen bis zum 10. Februar 2022 in Wiesbaden, im Foyer des Rathauses (Schloßplatz), während der Öffnungszeiten der Behörde (es gilt die 2G+Regel). Kuratiert wird die Ausstellung von der Goethe-Universität, der Hessischen Staatskanzlei, dem Generalkonsulat der Republik Italien und Villa Vigoni. dem Deutsch-Italienischen Zentrum für den Europäischen Dialog. Die Ausstellung wird gefördert durch den Johanna Quandt Jubiläumsfonds, Bad Homburg, und die BBBank eG, Karlsruhe.


Zu den Fotografen und dem Buchprojekt:

Die Schwarzweißbilder von STEFANO DILI (1986) erzählen Geschichten von Menschen. Die Streetfotografie des Künstlers, der für fotojournalistische Projekte mit verschiedenen NGOs zusammenarbeitet, spürt den krisenbedingten Veränderungen im urbanen, öffentlichen Raum nach, indem sie einzelne Menschen, Akteure und Facetten der Gesellschaft ins Bild rückt.

Die Fotografien von INGMAR BJÖRN NOLTING (1995) sind Teil seines mehrfach prämierten Foto-Essays Maß und Mitte – Eine Deutschlandreise in Zeiten der Covid-19-Pandemie, für den er während des ersten Lockdowns rund 9000 Kilometer durch Deutschland reiste. Eine Auswahl seiner Arbeiten sind in verschiedenen Medien erschienen, u.a. im ZEITmagazin, im US-Magazin Time, in Geo und in der Süddeutschen Zeitung.

Goethe-Vigoni Discorsi. Ein deutsch-italienisches Tagebuch der COVID-Krise versammelt gut 50 Autorinnen und Autoren aus allen gesellschaftlichen Bereichen mit deren Eindrücken, Fragen und Perspektiven zur Pandemie – darunter der Dalai Lama, Angelo Bolaffi, Jürgen Kaube, Christian Sewing, Roberto Saviano, Massimo Cacciari, Sandra Eckert, Durs Grünbein, Renzo Piano, Nicole Deitelhoff, Rainer Forst und Alexander Kluge. Herausgegeben wurde das Buch von einem Konsortium aus Goethe-Universität, Hessischer Staatskanzlei, Generalkonsulat der Republik Italien und Villa Vigoni. Deutsch-Italienisches Zentrum für den Europäischen Dialog. (Villa Vigoni Editore/Verlag, 457 S., ISBN 978-3-96966-513-8, 19,80 EUR).

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/112400006

Bildtext Foto 1:
Deutsch-italienischer Dialog über Alltagsbilder aus der Pandemie: Fotografien von Ingmar Björn Nolting und seinem Kollegen Stefano Dili in einer Ausstellung im Wiesbadener Rathaus (Uwe Dettmar/Goethe-Universität)

Bildtext Foto 2:
Deutsch-italienischer Dialog über Alltagsbilder aus der Pandemie: Fotografien von Ingmar Björn Nolting und seinem Kollegen Stefano Dili in einer Ausstellung im Wiesbadener Rathaus (Anna Dmitrienko/Goethe-Universität)

Weitere Informationen
Dr. Wolfgang Schopf
w.schopf@lingua.uni-frankfurt.de
mobil 0173 470 2612


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763 12531, p.barth@em.uni-frankfurt.de  

 

Feb 2 2022
11:08

Berufsperspektiven für Pädagoginnen und Pädagogen – Expertinnen und Experten berichten von ihren Erfahrungen: Freitag, 4. Februar 2022, von 14 – 17 Uhr

JOB-MESSE – der pädagogischen Praxis auf der Spur 

FRANKFURT. Wer Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik oder Soziale Arbeit studiert, ein Praktikum oder einen Job parallel zum Studium sucht, eine passende Stelle für seinen/ihren  beruflichen Einstieg finden oder sich beruflich verändern und/oder neu orientieren möchte, ist hier genau richtig: Die Online-JOB-MESSE für Pädagog*innen startet am kommenden Freitag um 14 Uhr mit einem Auftakt-Impuls von Dr. Christiane Ehses, stellv. Verbandsdirektorin und pädagogische Leitung des Hessischen Volkshochschulverbandes e.V., und Marta Slusarek, Absolventin der Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität und Pädagogische Mitarbeiterin beim Hessischen Volkshochschulverband e.V. Sie werden einen exklusiven Einblick in den Berufseinstieg nach dem Hochschulstudium gewähren. Beide werden ihre eigenen Perspektiven beleuchten und Erwartungen und Erfahrungen von Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen darstellen.

Anschließend stehen 12 unterschiedliche Einrichtungen aus der pädagogischen Praxis in virtuellen Räumen bereit, ihre Arbeit und laufenden Projekte vorzustellen und Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu beantworten. Ziel der JOB-MESSE ist es, Studierenden, Absolventinnen und Absolventen sowie pädagogischen Fachkräften durch die Auswahl an verschiedenen Institutionen zu zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten in dieser Branche sind und wie bedeutsam die Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen ganz besonders in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten ist.

Interessierte können sich noch anmelden unter: www.jobmesse-paedagogik.uni-frankfurt.de


Kontakt:
Ursula Krämer, Career Center der Goethe-Universität Frankfurt.  
Tel. (069) 71 58 57 -125; E-Mail: uk@uni-frankfurt.campuservice.de


Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798–13753, frank@pvw.uni-frankfurt.de

 

Feb 1 2022
11:00

Archäologe Rüdiger Krause startet umfangreiches Projekt zur Ökosystemforschung rund um den Berg Ipf

Nördlinger Ries: Vier Jahrtausende Kulturgeschichte

Vier Jahrtausende Kulturgeschichte am Westrand des Nördlinger Rieses zu rekonstruieren – dieses ehrgeizige Ziel hat sich Prof. Rüdiger Krause, Archäologe an der Goethe-Universität, mit einem neuen Projekt gesetzt. Im Fokus der Forschung, die von einer regionalen Stiftung gefördert wird, steht die Gegend um den Ipf, die als Schauplatz wichtiger Ereignisse eine bedeutende Rolle gespielt hat.

FRANKFURT. Im 6./5. Jahrhundert vor Chr. schufen die frühkeltischen Eliten nördlich der Alpen bedeutende Machtzentren. Eines davon befand sich im östlichen Allgäu: Auf dem Berg Ipf am Nördlinger Ries war einer der Fürstensitze errichtet worden. Von hier aus pflegte man die Kontakte zum mediterranen Süden des griechisch-etruskischen Italien. Die Besiedlung des Ipf reicht jedoch noch viel weiter zurück. In der späten Bronzezeit um 1000 v. Chr. entstand auf der weithin sichtbaren Erhebung im Osten der Schwäbischen Alb eine mächtige Befestigungsanlage.

Seit mehr als 20 Jahren erforscht Prof. Rüdiger Krause vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität die Kulturgeschichte des Ipf. Nun will der Prähistoriker zusammen mit der Archäobotanikerin Prof. Astrid Stobbe die Entwicklung von Kulturlandschaft und Ökosystem vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die Neuzeit neu bewerten und die Vergangenheit der Region rekonstruieren. Gefördert wird das Vorhaben von der Stiftung Kessler + Co für Bildung und Kultur mit Sitz in Abtsgmünd.

Die Idee für das Projekt erwuchs aus Rüdiger Krauses langjährigen Forschungen zum frühkeltischen Fürstensitz auf dem Ipf und im Umfeld des imposanten Berges, wo er und sein Team seit 1995 umfangreiche archäologische Ausgrabungen sowie naturwissenschaftliche Analysen durchgeführt haben. Aus zwei DFG-Schwerpunktprogrammen und mehreren, ebenfalls von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Einzelprojekten stehen archäologische, archäobotanische, geomorphologische und andere Daten zur Verfügung. Die Archäobotanikerin Prof. Astrid Stobbe konnte mit ihren vegetationsgeschichtlichen Untersuchungen zeigen, wie sich die Kulturlandschaft unter dem Einfluss des Menschen und seiner Nutztiere verändert hat. So belegten pollenanalytische Daten aus Vermoorungen eine deutliche Entwaldung und eine zunehmende Nutzung der Landschaft seit der späten Bronzezeit.

Das neue Projekt soll diese Daten nun in einer Gesamtschau zusammenführen, offene Fragen sollen durch neue Analysen geklärt werden – zum Beispiel durch die zusätzliche Erschließung naturwissenschaftlicher „Archive“ wie Ablagerungen in Moor- und Sumpflandschaften. Standen bisher der Westrand des Nördlinger Rieses am Ipf und der Ohrenberg im Zentrum der Untersuchungen, soll nun auch das Kartäusertal am Südrand des Rieses einbezogen werden. „Damit decken wir drei unterschiedlichen Naturräume ab von der Riesebene über die Riesrandhöhen mit dem Ipf bis auf die Hochfläche der östlichen Schwäbischen Alb“, erklärt Prof. Krause. Diese Regionen zeichnet sich durch archäologische Denkmäler von der Steinzeit bis zum Spätmittelalter aus. Prägend für das Kartäusertal sind die Grabhügel in den Wäldern und der Weiherberg mit seinen Befestigungen und einem Brandopferplatz aus der Bronze- und älteren Eisenzeit. Aus karolingischer Zeit um 800 n. Chr. sind etliche Orte durch Quellen überliefert. „Sehr spannend könnte das ehemalige Schlachtfeld auf dem nördlich gelegenen Albuch werden, wo 1634 die berühmte Schlacht von Nördlingen stattfand, in deren Folge einige Dörfer und ihre Wirtschaftsflächen für lange Zeit wüst fielen“, sagt der Archäologe.  

„Wir wollen in einer Synthese große Datenmengen zusammenführen und die Entwicklung des Kulturraums in einer diachronen Perspektive von der Bronzezeit bis in das Mittelalter historisch neu bewerten“, formuliert Krause. „Die Förderung durch die Kessler + Co Stiftung ist eine Riesenchance, ein so umfangreiches Vorhaben anzugehen“, ergänzt Mitantragstellerin Stobbe. Das Projekt wird zunächst für zwei Jahre mit 170.000 Euro gefördert – mit Aussicht auf Verlängerung. Im Rahmen des Projekts sollen mehrere Abschlussarbeiten und eine Dissertation entstehen. Der Projekttitel lautet: „Sozioökonomie und Kulturlandschaft am Fürstensitz auf dem Ipf. Eine archäologisch-naturwissenschaftliche Studie am Westrand des Nördlinger Rieses“.

„Wir glauben an den hohen Nutzen vielfältiger privater Initiativen für unsere Gesellschaft“, so der Diplomphysiker Gerhard Grimminger, Stiftungsratsmitglied und Geschäftsführer der Kessler-Werke. Die Stiftung Kessler + Co für Bildung und Kultur engagiert sich vor allem in der Region Ostalb und Schwäbische Alb in Baden-Württemberg. Sie fördert Bildung, Ausbildung und Erziehung einerseits, andererseits die Pflege der Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb. (https://www.stiftung-kessler-co.de)

Bilder und Bildtexte zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/112190931

Weitere Informationen
Prof. Dr. Rüdiger Krause
Institut für Archäologische Wissenschaften
Vor- und Frühgeschichte
Telefon: +49(0)69 798-32120
E-Mail: R.Krause@em.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de  

 

Jan 31 2022
11:13

AIWG veröffentlicht Handreichung für mehr Nachhaltigkeit in Moscheegemeinden

„Grünere“ Moscheen 

Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) an der Goethe-Universität hat heute die erste Ausgabe ihres neuen Publikationsformats „Praxisperspektiven“ veröffentlicht. Darin geht es um das Thema Nachhaltigkeit in Moscheegemeinden.

FRANKFURT. „Obwohl sich Moscheen zunehmend für Umweltschutz und Nachhaltigkeit engagieren, ist das Thema längst nicht im Moscheealltag angekommen. Vielen Gemeinden fehlt es oft an Ressourcen, um ihre Nachhaltigkeitspotenziale voll auszuschöpfen“, sagt Baraa Abu El-Khair, Autor der AIWG-Praxisperspektiven „Imara – Moscheen und Umweltschutz. Moscheegemeinden als Akteurinnen nachhaltiger Entwicklung.“ „Imara“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet „Kultivierung“.

Im direkten Austausch mit Moscheegemeinden in Deutschland und Großbritannien hat der Wirtschaftsingenieur einen Handlungskatalog erarbeitet, der darlegt, wie Moscheegemeinden mit ihren Ressourcen gezielt Maßnahmen für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit umsetzen können. Wasser und Strom sparen, Plastikfasten im Ramadan – anhand von Best-Practice-Beispielen zeigt Abu El-Khair, wie schon kleine Dinge zu mehr Umweltschutz führen können. Die Empfehlungen, die er im Rahmen seines AIWG-Praxisfellowships erarbeitet hat, zeigen: Umweltschutz und Nachhaltigkeit müssen nicht mit Mehrkosten verbunden sein, sondern können auch zu Einsparungen führen. „Ich möchte mit diesen Handlungsempfehlungen einzelne Moscheegemeinden dabei unterstützen, sich weiterhin für mehr Umweltschutz zu engagieren.“

Umweltschutz findet sich bereits im Koran

Als Fellow an der Goethe-Universität hatte Baraa Abu El-Khair die Möglichkeit, praktisch zum Thema zu arbeiten und sich hierbei mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auszutauschen. Er interessierte sich auch für die islamtheologische Perspektive, die Dr. Asmaa El-Maaroufi vom Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in die Ausgabe einbringt mit ihrem Beitrag „Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Islam“. „Wirft man einen Blick in die islamische Geistestradition, so finden sich zahlreiche Ansätze, an denen sich Muslim_innen für Umweltsensibilisierungsmaßnahmen der heutigen Zeit orientieren können“, so die Theologin. Sowohl koranische Quellen als auch Prophetenüberlieferungen hielten zu nachhaltigem Handeln und Umweltschutz an.

Mit ihrem neuen Format der Praxisperspektiven richtet sich die AIWG an eine interessierte Öffentlichkeit aus der Praxis, und mit dieser Thematik insbesondere an die muslimische Zivilgesellschaft. „Die Publikation ist hauptsächlich aus praktischer Sicht gedacht und formuliert. Imara ist ein Ansatz auf Augenhöhe, der die Gemeinden und ihre Möglichkeiten vor Ort ins Zentrum stellt. Wir hoffen, dass die vorgeschlagenen Lösungen für Moscheegemeinden praktikabel sind und ihnen Impulse für eigene Umweltschutzmaßnahmen liefern “, so AIWG-Geschäftsführerin Dr. Raida Chbib.

Baraa Abu El-Khair ist Wirtschaftsingenieur und arbeitet in der Projektierung von

Erneuerbaren Energielösungen. Daneben ist er zweiter Vorstandsvorsitzender von NourEnergy e.V., der ersten deutschsprachigen muslimischen Umweltschutzorganisation. Die jetzt veröffentlichten AIWG-Praxisperspektiven fassen die Ergebnisse seines AIWG-Praxisfellowships zusammen. Weitere Informationen zum Praxisfellowship und zum Projekt „Imara“ unter: https://aiwg.de/praxisfellows/

Dr. Asmaa El Maaroufi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik des Zentrums für Islamische Theologie in Münster. Sie wurde 2020 mit einer Arbeit zum Thema „Ethik des Mitseins. Grundzüge einer islamischen Tierethik“ im Fach Islamische Theologie promoviert. Aktuell beschäftigt sie sich als Postdoktorandin mit Fragen der Anthropologie und Ethik in der islamischen Geistesgeschichte, insbesondere mit praktisch-ethischen Fragestellungen.

Über die AIWG

Die AIWG ist eine universitäre Plattform für Forschung und Transfer in islamisch-theologischen Fach- und Gesellschaftsfragen. Sie ermöglicht überregionale Kooperationen und Austausch zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der islamisch-theologischen Studien und benachbarter Fächer sowie Akteurinnen und Akteuren aus der muslimischen Zivilgesellschaft und weiteren gesellschaftlichen Bereichen. Die AIWG wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und durch die Stiftung Mercator.


Die Publikation kann auf der Website der AIWG kostenfrei heruntergeladen werden unter: https://aiwg.de/publikationen/

Die Titelseite finden Sie zum Dowload unter: https://www.puk.uni-frankfurt.de/112081240

Weitere Informationen
Stefanie Golla
Koordinatorin Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft
Goethe-Universität
Telefon 069 798-22459
E-Mail golla@aiwg.de
Homepage https://aiwg.de/


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de

 

Jan 27 2022
10:43

Eine Veranstaltungsreihe der Universität des 3. Lebensalters (U3L) in Kooperation mit Scientists for Future. 

Online-Vortragsreihe Klima- und Umweltschutz: Was können wir im Privaten tun? 

FRANKFURT. Klimawandel und Umweltzerstörung sind oft mit dem Eindruck eigener Machtlosigkeit verbunden, da es sich dabei um komplexe Krisen handelt, die in erster Linie international gelöst werden müssen. Dennoch kommt es auch auf die Konsum- und Lebensgewohnheiten aller an. In einer Vortragsreihe an der Universität 3. Lebensalters in Zusammenarbeit mit den Scientists for Future Frankfurt am Main werden die eigenen Handlungsspielräume aufgegriffen. Drei Referent*innen aus den Bereichen Energie, Mobilität und Biowissenschaften geben Impulse, welche Möglichkeiten wir als Bürger*innen haben, z.B. zu einer „Energiewende von unten“, zu einem Wandel von Verkehr bzw. Mobilität und zum Artenschutz beizutragen.

Jürgen Eiselt wird in seinem Vortrag über die Energiewende auf Konzepte der dezentralen im Gegensatz zur aktuell zentralen Energieversorgung anhand von konkreten Beispielen zu sprechen kommen. Dr. Jutta Deffner befasst sich mit der Rolle des Verkehrs als einer der Hauptquellen von Treibhausgasen und zeigt Beispiele für nachhaltige Alternativen im Bereich der Mobilität auf. Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese erläutert in ihrem Vortrag die Ursachen des Artensterbens, die Auswirkungen des Klima- und Landnutzungswandels auf Tier- und Pflanzenarten, was das für den Menschen bedeutet und wie wir alle dazu beitragen können, den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten.

Die Idee zu dieser Veranstaltungsreihe entstand im Kontext des aktuellen Studiengangs an der Universität des 3. Lebensalters zum Thema „Mensch und Natur“ und greift den verstärkt geäußerten Wunsch vieler Studierenden auf, über das theoretische Wissen zu den Ursachen der Klima- und Umweltkrise hinaus, anwendungsbezogenes Wissen zu erwerben.

Die Reihe findet montags ab dem 31.1. bis 14.2.2022 jeweils von 16-18 Uhr in ZOOM statt.

Termine:
31.01.22: Erneuerbare Energiewende bis 2030 – Dezentrale Konzepte für Strom, Wärme und Mobilität. Jürgen Eiselt, Projektmanagement für erneuerbare Energien.

07.02.22: Die Verkehrswende gestalten – was gehört dazu? Dr. Jutta Deffner, ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung.

14.02.22: Das große Artensterben – Was wissen wir und was müssen wir tun? Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese, Professorin Goethe-Universität Frankfurt & Direktorin Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.

Weitere Informationen und ZOOM-Zugangsdaten auf der Website der U3L: www.u3l.uni-frankfurt.de  

Kontakt:
Claudia Koch-Leonhardi, Studieninformation/Öffentlichkeitsarbeit
Universität des 3. Lebensalters an der Goethe-Universität Frankfurt am Main e.V.
Tel. +49 (0)69-798 28861 
Fax +49 (0)69-798 28975
koch-leonhardi@em.uni-frankfurt.de
www.u3l.uni-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798–13753, frank@pvw.uni-frankfurt.de 

 

Jan 26 2022
10:53

Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ über die Erforschung von Metastasierungen

Hirnmetastasen: Die Tricks der Tumorzellen

Metastasen sind mittlerweile die häufigste Todesursache bei Krebspatienten. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität zum Thema Bewegung berichtet Dr. Lisa Sevenich vom Georg-Speyer-Haus, mit welchen Tricks es wandernden Tumorzellen gelingt, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und sich im eigentlich gut abgeschotteten Organ Hirn anzusiedeln.

FRANKFURT. Die weitaus meisten der Tumorzellen, die den Primärtumor verlassen und mit dem Blutstrom durch den Körper wandern, werden durch das Immunsystem vernichtet. Doch ein Prozent dieser Zellen siedelt sich in anderen Organen an und bildet dort eine Metastase – für Krebspatienten ein gefährlicher Prozess, und bei bis zu 45 Prozent der Erkrankten ist das Gehirn betroffen.

Die Blut-Hirn-Schranke überwinden die Tumorzellen dabei mit Protein-abbauenden Enzymen und Signalstoffen, die die Barriere zwischen Blutkreislauf und Nervengewebe durchlässig machen. Immunzellen, die den Tumorzellen folgen, werden inaktiviert. „Wir haben herausgefunden, dass Tumorzellen die Abwehr des Körpers regelrecht blockieren und zu ihren Gunsten verwenden“, berichtet Dr. Lisa Sevenich in „Forschung Frankfurt“.

In weiteren Artikeln der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ geht es etwa um den Bau von Teilchenbeschleunigern, die winzige Teilchen bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit bringen und dabei helfen, Geheimnisse der Materie zu entschlüsseln. Andere Beiträge zeigen, wie Stroboskopbilder im Physikunterricht helfen können, zu beleuchten, wie in den Anfängen der Verhaltensforschung Wildtierforschung an zahmen Tieren gelang und wie die „Zappel-Philipp“-Krankheit ADHS auch noch Erwachsenen zu schaffen macht.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2021) kann von Journalistinnen und Journalisten kostenlos bestellt werden über: ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Alle Beiträge sind online erhältlich unter www.forschung-frankfurt.de.


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Büro PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Jan 25 2022
10:13

Ärztin der Medizinischen Hochschule Hannover erforscht Leukämie und Darmkrebs

Herausragende Forschung zur Krebsresistenz: Laura Hinze erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis

Die 24-jährige Ärztin Dr. Laura Hinze von der Medizinischen Hochschule Hannover erhält den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2022. Das gab der Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung heute bekannt. Die Preisträgerin wird für ihren bedeutenden Beitrag zum Verständnis der Signalübertragung in Krebszellen ausgezeichnet. Sie hat entdeckt, wie Leukämiezellen Resistenz gegen das Chemotherapeutikum Asparaginase entwickeln, und so einen neuen Angriffspunkt für die Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) erschlossen. ALL ist die häufigste Krebsart bei Kindern. Ferner konnte sie einen neuen Ansatz zur Behandlung von Darmkrebs und anderen soliden Tumoren ableiten.

FRANKFURT. Leukämiezellen sind im Gegensatz zu normalen Körperzellen nicht in der Lage, ausreichende Mengen der Aminosäure Asparagin selbst herzustellen. Sie müssen Asparagin importieren. Weil das Enzym Asparaginase den Abbau von Asparagin katalysiert, reduziert es das extrazelluläre Angebot dieser Aminosäure drastisch. Asparaginase ist deshalb ein wirksames Mittel zur Behandlung von ALL, denn davon gehen Leukämiezellen zugrunde, während es normalen Körperzellen nicht schadet. Leukämiezellen können jedoch lernen, sich der Wirkung der Asparaginase zu entziehen.

Um herauszufinden, wie ihnen das gelingt, schalteten Dr. Laura Hinze und ihr Team mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 in einer Kultur resistenter ALL-Zellen systematisch rund 19.000 Gene aus – in jeder Zelle jeweils nur eines – und beobachteten, was geschah, wenn sie die Zellen mit Asparaginase behandelten. Als Vergleich diente eine Kultur, die nur mit einer Pufferlösung ohne Wirkstoff versetzt worden war. Von den mit Asparaginase behandelten Zellen starben besonders häufig diejenigen ab, in denen eines der beiden Gene NKD2 oder LGR6 ausgeschaltet worden war. Ihnen war die Resistenz offenbar abhandengekommen. Das deutete im Umkehrschluss darauf hin, dass Leukämiezellen, in denen diese Gene funktionieren, besonders häufig resistent werden. Beide Gene codieren, das zeigten Hinze und ihr Team, für Inhibitoren des Wnt-Signalweges.

Im gesunden Organismus ist dieser Signalweg für die Embryonalentwicklung und später für Erhaltungsarbeiten im Gewebe zuständig. Seine außerplanmäßige Aktivierung begünstigt die Entstehung von Krebs. Die Hauptrolle spielt dabei ein Überschuss des Proteins ß-Catenin, das Wachstumsimpulse in den Zellkern trägt. Wenn der Wnt-Signalweg inaktiv ist, wird ß-Catenin für den Abbau markiert. Zentral für diese Markierungsarbeit ist das Enzym Glykogensynthase-Kinase 3 (GSK3). Es sorgt dafür, dass ß-Catenin der innerzellulären Proteinverwertung (dem Proteasom) zugeführt und dort wie alle Proteine, die der Zelle schaden könnten oder die sie nicht braucht, in kleine Bruchstücke und Aminosäuren zerlegt wird. Aus dieser Quelle holt sich die Leukämiezelle Asparagin, das ihr durch die Behandlung mit Asparaginase vorenthalten worden ist.

Hinze und Kollegen gelang es, durch eine partielle Aktivierung des Wnt-Signalweges, die den Abbau von ß-Catenin blockiert, ohne dessen potenziell onkogene Signale zu beflügeln, diese Resistenzquelle weitgehend auszutrocknen. Denselben Effekt erzielten sie durch eine selektive Blockade von GSK. Leukämiekranke Mäuse, die gleichzeitig Asparaginase und GSK3- Inhibitoren erhielten, überlebten sehr viel länger als solche, die nur mit Asparaginase behandelt wurden.

Mutationen auf dem Wnt-Signalweg, die zu dessen Überaktivierung führen, sind besonders typisch für Darmkrebs. Deshalb prüfte Hinze, inwieweit sich ihre Forschungsergebnisse auf diese zweithäufigste aller Krebsarten übertragen lassen. Ihre Ausgangshypothese: Etwa 15 Prozent aller Wnt-Signalwegmutationen liegen bei Darmkrebs stromaufwärts des Enzyms GSK3. Das Enzym ist bei Patienten mit dieser genetischen Signatur also bereits durch Mutationen im Erbgut der Krebszellen inhibiert. Das Proteasom liefert kein Asparagin mehr. Entzieht man das Asparagin außerdem durch die Gabe von Asparaginase, könnte man die Darmkrebszellen aushungern. Diese Hypothese haben Laura Hinze und ihr Team inzwischen präklinisch belegt. Sie könnte auch für andere solide Tumoren gelten, die durch eine Wnt-induzierte endogene Inhibition von GSK3 charakterisiert sind.

Der Preis wird – zusammen mit dem Hauptpreis 2022 und den Preisen des Jahres 2021 ­– am 14. März 2022 um 17 Uhr vom Vorsitzenden des Stiftungsrates der Paul Ehrlich-Stiftung in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Pandemiebedingt ist das Platzangebot begrenzt. Die Veranstaltung wird per Livestream übertragen. Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Bilder der Preisträgerin und ausführliche Hintergrundinformation „Zangenangriff über beide Flanken“ zum Download auf: www.paul-ehrlich-stiftung.de

Weitere Informationen
Pressestelle Paul Ehrlich-Stiftung
Joachim Pietzsch
Tel.: +49 (0)69 36007188
E-Mail: j.pietzsch@wissenswort.com
www.paul-ehrlich-stiftung.de


Redaktion: Joachim Pietzsch / Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Jan 24 2022
13:06

COVID-19 Wirkstoffe sind zudem wirksam gegen Omikron in Zellkulturstudie

Forscher:innen von Goethe-Universität und University of Kent finden Erklärung für mildere Omikron Verläufe

Eine neue Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität und der University of Kent zeigt, dass die SARS-CoV-2 Omikron-Variante weniger gut zelluläre Abwehrmechanismen („die Interferonantwort“) gegen Viren blockieren kann als die Delta-Variante. Außerdem deuten Zellkulturdaten darauf hin, dass acht wichtige Wirkstoffe gegen COVID-19 auch die Vermehrung der Omikron-Variante hemmen.

FRANKFURT/CANTERBURY. Die SARS-CoV-2 Omikron-Variante verursacht weniger häufig schwere COVID-19-Verläufe als die Delta-Variante, obwohl es ihr besser gelingt, den Immunschutz durch Impfung und vorherige Infektionen zu umgehen. Die Gründe hierfür sind unklar.

Nun zeigt eine aktuelle Studie eines Teams von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität Frankfurt, dem Universitätsklinikum Frankfurt und der britischen University of Kent, dass die Viren der Omikron-Variante besonders empfindlich gegenüber einem nicht spezifischen, zellulären Abwehrmechanismus sind, der sogenannten Interferon-Antwort. Dies erklärt zum ersten Mal, warum mit der Omikron-Variante infizierte Patienten häufig weniger schwer erkranken.

Außerdem zeigte die Studie, dass acht der wichtigsten COVID-19-Wirkstoffe – zum Teil in der Entwicklung, zum Teil bereits zugelassen – auch die Vermehrung der neuen Omikron-Variante effektiv hemmen. Getestet wurden EIDD-1931 (ein Metabolit von Molnupiravir), Ribavirin, Remdesivir, Favipravir, PF-07321332 (Nirmatrelvir, ein Paxlovid-Bestandteil) sowie die Proteasehemmer Nafamostat, Camostat und Aprotinin. Alle Substanzen zeigten in der Zellkulturstudie eine ähnliche Wirksamkeit wie gegen die Vermehrung der Delta-Variante.

Prof. Martin Michaelis, School of Bioscience, University of Kent, erläutert: „Unsere Zellkulturexperimente liefern eine erste Erklärung dafür, warum Omikron-Infektionen häufiger milde klinische Verläufe nach sich ziehen: Offenbar kann Omikron im Gegensatz zu Delta nicht verhindern, dass die befallenen Zellen Interferon produzieren und ausschütten.“

Prof. Jindrich Cinatl vom Institut für Medizinische Virologie der Goethe-Universität sagt: „Obwohl unsere Zellkulturexperimente natürlich nicht ohne weiteres auf die ungleich komplexere Situation in Patienten übertragbar sind, geben sie Hoffnung, dass die enormen Anstrengungen zur Entwicklung von COVID-19-Medikamenten nicht vergebens waren. Wir können also zuversichtlich sein, dass auch gegen die neue Omikron-Virusvariante bald ein breites Spektrum an Wirkstoffen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung steht.“

Publikation: Denisa Bojkova, Marek Widera, Sandra Ciesek, Mark N. Wass, Martin Michaelis, Jindrich Cinatl jr. Reduced interferon antagonism but similar drug sensitivity in Omicron variant compared to Delta variant SARS-CoV-2 isolates. In: Cell. Res. (2022) https://doi.org/10.1038/s41422-022-00619-9

Weitere Informationen: Wirkstoff Aprotinin verhindert Eindringen von SARS-CoV2 in Wirtszellen (23.11.2020)
https://www.puk.uni-frankfurt.de/94489118/Wirkstoff_Aprotinin_verhindert_Eindringen_von_SARS_CoV2_in_Wirtszellen

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. rer. nat. Jindrich Cinatl
Institut für Medizinische Virologie
Universitätsklinikum Frankfurt
Tel.: +49 (0) 69 6301-6409
cinatl@em.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Martin Michaelis
School of Biosciences
University of Kent
Phone: +44 (0)1227 82-7804
Mobile: +44 (0)7561 333 094
m.michaelis@kent.ac.uk

Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Jan 21 2022
14:40

Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität zum Thema Bewegung erschienen – Mimik und Gestik stehen im Fokus eines neuen Schwerpunktprogramms

Bewegung mit Bedeutung

Kommunikation besteht nicht nur aus gesprochenen Worten und Sätzen. Auch die Bewegung von Armen, Händen und Gesicht übermitteln wichtige Informationen. Der von der theoretischen Linguistik noch kaum erforschte Bereich der visuellen Kommunikation steht im Fokus eines neuen DFG-Schwerpunktprogramms, das von der Goethe-Universität aus koordiniert wird. Näheres lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ zum Thema „bewegt“.

FRANKFURT. Wie Gestik und Mimik die Bedeutung von Wörtern und Sätzen unterstreichen, ergänzen und modifizieren können, damit befassen sich allein an der Goethe-Universität gleich mehrere Disziplinen. Linguistikprofessorin Cornelia Ebert interessiert sich dafür, wie sich die Semantik der Gesten in ein allgemeingültiges System bringen lässt. Bis vor Kurzem wurden visuelle Bedeutungsbeiträge nicht in der formalen Linguistik behandelt, sondern vornehmlich in den Kommunikationswissenschaften, aber auch in Rhetorik, Semiotik und Psychologie.  

Zusammen mit dem Göttinger Gebärdensprachforscher Prof. Markus Steinbach hat Ebert erfolgreich ein DFG-Schwerpunktprogramm beantragt, für dessen Koordination sie zuständig sein wird. Ziel ist es, die bestehenden Erkenntnisse aus verschiedenen Fächern zusammenführen und mit der Linguistik vernetzen. Um welche Forschungsfragen es dabei gehen wird, lesen Sie in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt, die dem Thema Bewegung gewidmet ist.

In weiteren Beiträgen berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über ihre Forschungsprojekte zu verschiedenen Aspekten von Bewegung, zum Beispiel, wie sie Computern das Erkennen unterschiedlicher Bewegungen wie „schneiden“ oder „winken“ beibringen, wie die „Zappel-Philipp“-Krankheit ADHS auch noch Erwachsenen zu schaffen macht oder wie sich in der Quantenphysik zwei Bewegungen überlagern, die jeweils nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftreten. Andere Beiträge wiederum gehen zum Beispiel der Frage nach, wie die fast immer und überall verfügbaren Smartphones das Medium Film verändern oder wie die Integration von Migranten durch Sportvereine gefördert werden kann.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2021) kann von Journalistinnen und Journalisten kostenlos bestellt werden über: ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Alle Beiträge sind online erhältlich unter www.forschung-frankfurt.de


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de  

 

Jan 21 2022
11:07

ZOOM-Veranstaltung aus der Reihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“ mit Daniela Grunow und Andreas Zick. 

Neue Konfliktlinien: Polarisiert sich Deutschland?

FRANKFURT. Der Frankfurter Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) lädt ein zum ersten Termin im neuen Jahr der Reihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“ aus dem Frankfurter Transferprojekt „Frankfurt streitet!“. Am 27. Januar um 16.30 Uhr diskutieren Prof. Dr. Daniela Grunow und Prof. Dr. Andreas Zick über „Neue Konfliktlinien: Polarisiert sich Deutschland?“.

Zum Hintergrund: Die in Politik und Öffentlichkeit artikulierte Sorge um eine gesellschaftliche Polarisierung umfasst verschiedene Annahmen: Politische Streitfragen zu Pandemiebekämpfung, Klima-, Gender- und Migrationspolitik würden zunehmend verhärtet geführt, Meinungen und Einstellungen, Gruppen und Parteien stünden sich dabei unversöhnlich bis feindschaftlich gegenüber und radikalisierten sich. Wechselseitiges Vertrauen und Kompromissbereitschaft gingen verloren und Konflikte würden immer häufiger gewaltsam ausgetragen. Das „Auseinanderdriften der Gesellschaft“ wird darüber hinaus in einer unüberbrückbar werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, regional ungleichen Lebensverhältnissen sowie fehlenden Bildungs- und Aufstiegschancen diagnostiziert.

Im Format „Kontrovers: Aus dem FGZ“ sollen diese Thesen wissenschaftlich eingeordnet und diskutieren werden: Haben wir es überhaupt mit einer Polarisierung der Lager und politischen Einstellungen in Deutschland zu tun oder ist diese Sichtweise verzerrt? Lassen sich neue kulturelle und sozioökonomische Konfliktlinien und gesellschaftliche Spaltungstendenzen erkennen? Welche Daten sprechen dafür, welche dagegen? Und schließlich: Wie viele dieser Gegensätze kann und muss eine plurale Demokratie aushalten?

Mit der Diskussion dieser und weiterer Fragen zwischen Prof. Dr. Daniela Grunow (Professorin für Soziologie, FGZ Frankfurt/Goethe-Universität) und Prof. Dr. Andreas Zick (Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, FGZ Bielefeld/Universität Bielefeld), moderiert von Heike List (Wissenschaftliche Referentin der Geschäftsführung, FGZ), startet die Reihe „Kontrovers: Aus dem FGZ“ ins Jahr 2022.

Die Veranstaltung findet online via Zoom statt. Wir bitten um eine Anmeldung an veranstaltungen-fgz@uni-frankfurt.de. Die Login-Daten werden nach Anmeldung übermittelt.

Daniela Grunow ist Direktorin des Institute for Empirical-Analytical Research (InFER) und Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt „Quantitative Analysen gesellschaftlichen Wandels“ am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität sowie Sprecherin der Forschungsgruppe „Reconfiguration and Internalization of Social Structure“ (RISS). Am FGZ-Standort Frankfurt ist sie stellvertretende Sprecherin und leitet zwei Teilprojekte, darunter „Wertkonflikte, Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Zusammenhalt im Geschlechterverhältnis“. Ihre Forschung und Lehre konzentrieren sich auf die Wechselwirkungen von Arbeitsmarkt, Hausarbeit und Geschlechterbeziehungen in verschiedenen Wohlfahrtsstaaten sowie auf Aspekte sozialer Integration und Kohäsion. Zur Erforschung dieser Themen verwendet sie unterschiedliche empirische Methoden; speziell Methoden zur Analyse von Längsschnittdaten.

Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld sowie Sprecher des Standorts Bielefeld des FGZ. Am FGZ-Standort Bielefeld leitet er vier Forschungsprojekte, darunter das Projekt „Zusammenhalt in und durch Nachbarschaften – Stadtteilstudien und Regionalpanel NRW und Niedersachsen“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei Intergruppenkonflikten, Vorurteilen und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Radikalisierung und Extremismus sowie Migrations- und Integrationsprozessen. Er engagiert sich zudem langjährig in der medialen und öffentlichen Vermittlung seiner Forschungsergebnisse zu Ursachen, Formen und Folgen innergesellschaftlicher Konflikte, Diskriminierung und Gewalt.

Heike List ist Wissenschaftliche Referentin der Geschäftsführung des FGZ. An der Goethe-Universität arbeitete sie zuvor in der Geschäftsstelle des Exzellenzclusters „Normative Orders“ und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im EU-Verbundprojekt „Reconstituting Democracy in Europe“ (RECON) am Lehrstuhl für politische Theorie und Philosophie in der Lehre und Forschung u.a. zu normativen Ordnungsstrukturen der EU und dem Spannungsverhältnis von nationaler Vielfalt und Demokratie.

Kontakt:
Yvonne Blum, Referentin für Wissenstransfer. Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Geschäftsstelle Frankfurt. Goethe-Universität Frankfurt am Main. Telefon: +49 (0)69 798 31550; yvonne.blum@em.uni-frankfurt.de; www.fgz-risc.de


Redaktion: Dr. Dirk Frank, Pressereferent / stv. Leiter, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798–13753, frank@pvw.uni-frankfurt.de

 

Jan 20 2022
10:32

Archäologen und Archäobotaniker der Goethe-Universität rekonstruieren die Wurzeln der westafrikanischen Küche

Schon vor 3500 Jahren kam Blattgemüse auf den Tisch

Blattgemüse gehört in Westafrika als Beilage zu vielen Gerichten wie dem gestampften Yams im Süden der Region. In Zusammenarbeit mit Chemikern der Universität Bristol ist Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität nun der Nachweis gelungen, dass die Ursprünge solcher Gerichte 3500 Jahre zurückreichen.

FRANKFURT. Mehr als 450 Töpfe aus prähistorischer Zeit wurden untersucht, 66 von ihnen enthielten Reste von Lipiden, also wasserunlöslichen Substanzen. Im Auftrag des Nok-Forschungsteams der Goethe-Universität extrahierten Chemiker der Universität Bristol Lipidprofile, die Aufschluss über die verwendeten Pflanzen geben sollten. Die Ergebnisse sind jetzt in der Zeitschrift „Archaeological and Anthropologial Sciences“ veröffentlicht worden: Mehr als ein Drittel der 66 Lipidprofile zeigten sehr unterschiedliche und komplexe Verteilungsmuster – ein Hinweis darauf, dass hier verschiedene Pflanzen und Pflanzenteile verarbeitet wurden.

Blattgemüse gehört heute in Westafrika als Beilage zu vielen Gerichten. Gekocht werden Blätter von Bäumen wie beispielsweise dem Baobab (Adansonia digitata) oder die bitter schmeckenden Blätter eines strauchigen Korbblütlers (Vernonia amygdalina). Diese Blattsoßen werden mit Gewürzen, Gemüse, auch Fisch oder Fleisch, angereichert und komplettieren die stärkehaltige Grundlage von Speisen wie dem gestampften Yams im Süden Westafrikas oder dem festen Brei aus Perlhirse in den trockeneren Savannen im Norden. Mit vereinter Expertise haben Archäologie und Archäobotanik der Goethe-Universität und chemische Wissenschaften der Universität Bristol nachgewiesen, dass die Ursprünge solcher Gerichte in Westafrika 3500 Jahre zurückreichen.

Die Untersuchungen sind Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts unter Leitung von Prof. Peter Breunig und Prof. Katharina Neumann, das im Dezember 2021 seinen Abschluss fand. Mehr als zwölf Jahre lang haben Archäologen und Archäobotaniker der Goethe-Universität die Nok-Kultur Zentralnigerias untersucht, die bekannt ist für ihre großformatigen Terrakotta-Figuren und für frühe Eisenproduktion in Westafrika im ersten Jahrtausend v. Chr. – wobei die Wurzeln der Nok-Kultur bis in die Mitte des 2. Jahrtausends zurückreichen. Im Fokus der Forschung stand vor allem der gesellschaftliche Kontext, in dem die Skulpturen geschaffen worden waren, also auch Wirtschaft und Ernährung. Anhand verkohlter Pflanzenreste aus Zentralnigeria konnte nachgewiesen werden, dass die Nok-Leute Perlhirse kultivierten. Ob sie aber auch andere stärkehaltige Pflanzen wie Yams nutzten und welche Gerichte sie aus der Perlhirse zubereiteten, lag bislang im Dunkeln.

„Verkohlte Pflanzenreste wie Samen und Nussschalen, die verkohlt in den archäologischen Sedimenten erhalten geblieben sind, spiegeln nur einen Teil dessen wider, was die Menschen damals gegessen haben", erklärt Prof. Katharina Neumann. Von den chemischen Analysen habe man sich zusätzliche Erkenntnisse über die Nahrungszubereitung erhofft. Und tatsächlich konnten die Forscher aus Bristol mit Hilfe von Lipid-Biomarkern und Analysen stabiler Isotope an mehr als 450 prähistorischen Töpfen zeigen, dass verschiedene Pflanzenarten zur Herstellung von Speisen verwendet wurden.

Dr. Julie Dunne von der Abteilung für organische Geochemie der Universität Bristol sagt: „Diese ungewöhnlichen und hochkomplexen pflanzlichen Lipidprofile sind die vielfältigsten, die bisher (weltweit) in archäologischer Keramik gefunden wurden.“ Es scheint mindestens sieben verschiedene Lipidprofile in den Gefäßen zu geben, was ein deutliches Indiz für die Verarbeitung verschiedener Pflanzenarten und -organe in diesen Gefäßen ist, darunter möglicherweise auch von unterirdischen Speicherorganen (Knollen) wie etwa Yams.

Seit Beginn des Projekts suchten die Archäobotanikerinnen im Projekt Belege für die frühe Nutzung von Yams, liegt die Nok-Region doch im „Yamsgürtel“ Westafrikas, also in dem Bereich des Kontinents, in dem Yams heute kultiviert wird. Verkohlte Reste helfen hier nicht weiter, denn das weiche Gewebe der Knollen ist oft schlecht erhalten und zudem wenig spezifisch. Die chemischen Analysen deuten nun darauf hin, dass neben Blättern und anderen noch nicht identifizierten Gemüsen auch suberinhaltiges Pflanzengewebe gekocht wurde – diese Substanz findet man in der Rinde sowohl von oberirdischen als auch unterirdischen Pflanzenorganen – möglicherweise also ein erstes Indiz für die Zubereitung von Yams, wenn auch nicht der erhoffte eindeutige Beweis.

Durch die archäobotanische Untersuchung von verkohlten Resten wusste man bisher von Perlhirse (Cenchrus americanus) und Kuhbohne (Vigna unguiculata), den ölhaltigen Früchten des Canariumbaumes (Canarium schweinfurthii) und von einer Afrikanischer Pfirsich genannten Frucht (Nauclea latifolia), die wegen ihre Vielzahl von Samen an große Feigen erinnert. Die molekulare Untersuchung komplettiert nun das Bild der Nahrungszubereitung an den Fundplätzen der Nok-Kultur. Die Frankfurter Archäobotanikerin Dr. Alexa Höhn erklärt: „Die sichtbaren und unsichtbaren Reste der Nahrungszubereitung im archäologischen Sediment und in der Keramik vermitteln uns ein viel vollständigeres Bild vergangener Ernährungsgewohnheiten. Die neuen Belege lassen nun auf eine beträchtliche zeitliche Tiefe der westafrikanischen Küche schließen."

Publikation: Julie Dunne, Alexa Höhn, Katharina Neumann, Gabriele Franke, Peter Breunig, Louis Champion, Toby Gillard, Caitlin Walton‑Doyle, Richard P. Evershed Making the invisible visible: tracing the origins of plants in West African cuisine through archaeobotanical and organic residue analysis. Archaeological and Anthropological Sciences https://doi.org/10.1007/s12520-021-01476-0

Bild zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/111577824

Bildtext: Ausgrabung eines Nok-Gefäßes am Fundplatz Ifana 3. (Foto: Peter Breunig)

Weitere Informationen
Dr. Alexa Höhn
Archäologie und Archäobotanik Afrikas
Telefon +49 (0)69  798-32089
E-Mail a.hoehn@em.uni-frankfurt.de  


Redaktion: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-13066, Fax 069 798-763-12531, sauter@pvw.uni-frankfurt.de  

 

Jan 19 2022
15:53

Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität zum Thema Bewegung erschienen – Informatikerin Hilde Kühne trainiert Computer mit 100 Millionen Youtube-Videos

Ist es Kochen oder Winken? Künstliche Intelligenzen lernen Bewegungen zu unterscheiden

Gegenstände und Gesichter können Computer schon recht gut erkennen, auch dass sich etwas bewegt und in welche Richtung. Um beispielsweise den häuslichen Notruf zu unterstützen, reicht das nicht. Dafür müssten sie erkennen können, um welche Art von Bewegungen es sich handelt und etwa zwischen einem Sturz und einem Bücken unterscheiden können. Solche Bewegungserkennung trainieren Computer an der Goethe-Universität Frankfurt. Die jüngste Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ gibt einen Einblick, wie ein solches Trainingscamp für Künstliche Intelligenzen funktioniert.

FRANKFURT. Wenn eine ältere Person zuhause in der Küche stürzt, liegt der Handsender des Hausnotrufs womöglich gerade unerreichbar im Badezimmer. Wie eine Videoüberwachung funktionieren könnte, die zwar den Sturz feststellt, aber keine Bilder aus der Privatsphäre an die Hausnotrufzentrale übermittelt, erforscht die Informatikerin Prof. Hilde Kühne von der Goethe-Universität. In der jüngsten Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ zum Thema „bewegt“ erläutert sie, wie sie Computern beibringt, zwischen verschiedenen Bewegungen zu unterscheiden. Dazu sind die Maschinen mit einem künstlichen neuronalen Netz ausgestattet und trainieren an 100 Millionen Youtube-Videos. „Beim Assistant Living könnte Bewegungserkennung unterstützen“, ist Kühne überzeugt, denn die Bilder müssten  nicht an eine Überwachungszentrale übermittelt werden. Und „für den Computer sind Videos schlicht Zahlenkolonnen“.

In weiteren Beiträgen der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität über ihre Forschungsprojekte zu verschiedenen Aspekten von Bewegung, zum Beispiel mit welchen Tricks es metastasierende Tumorzellen schaffen, ins Gehirn einzudringen, wie die „Zappel-Philipp“-Krankheit ADHS auch noch Erwachsenen zu schaffen macht oder wie sich in der Quantenphysik zwei Bewegungen überlagern, die jeweils nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftreten. Andere Beiträge wiederum gehen zum Beispiel der Frage nach, wie die fast immer und überall verfügbaren Smartphones das Medium Film verändern oder wie die Integration von Migranten durch Sportvereine gefördert werden kann.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2021) kann von Journalistinnen und Journalisten kostenlos bestellt werden über: ott@pvw.uni-frankfurt.de.


Redaktion: Dr. Markus Bernards, Referent für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12498, Fax 069 798-763-12531, bernards@em.uni-frankfurt.de  

 

Jan 19 2022
14:21

Bronzeskulptur der Frankfurter Bildhauerin Wanda Pratschke auf dem Campus Westend eingeweiht

Die „Unbesiegbare“, prominent platziert

FRANKFURT. Ob Skulpturen, Wandgemälde, Büsten oder andere Objekte: Auf dem weitläufigen Gelände des Campus Westend haben zahlreiche Kunstwerke ihren Ort. Nun kommt zur Kunst auf dem Campus ein neues Werk hinzu: die Bronzeskulptur „Unbesiegbare“ der renommierten Frankfurter Künstlerin Wanda Pratschke. Die überlebensgroße, dunkle Figur eines liegenden Frauenkörpers hat auf der Wiese zwischen Hörsaalgebäude und Seminarhaus nahe dem Adorno-Arbeitsplatz im Glaskasten einen prominenten Platz gefunden. Die Skulptur wurde heute in Anwesenheit der Künstlerin, des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Enrico Schleiff und, stellvertretend für die Stifter, dem Vorstandsvorsitzenden der Vereinigung der Freunde und Förderer der Goethe-Universität Prof. Dr. Wilhelm Bender eingeweiht.

Die Skulptur „Unbesiegbare“ ist Anfang der Corona-Pandemie entstanden. „Immer ist es der Mensch und dessen Ausstrahlung, die mein Interesse erwecken“, erklärte die Künstlerin Wanda Pratschke vor Ort. Es gehe ihr um eingefangenes Leben, Sinnlichkeit und Grazie – ein Prozess, der Zeit brauche. „Wenn es mir dann gelingt, Zeitlosigkeit in der Skulptur zu gestalten, überrascht es mich oder andere Betrachter.“ Die 1939 in Berlin geborene Bildhauerin, die nach einer Ausbildung zur Bühnenbildnerin an der Frankfurter Städelschule studierte, ist durch ihre Plastiken von großen, selbstbewussten, runden Frauen bekannt geworden. Zahlreiche ihrer Werke sind im öffentlichen Raum zu sehen, wie die „Große Stehende Betty (1984)“ in den Frankfurter Wallanlagen, „Die Schöne“ (2001) im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, die „Große Liegende“ (2016) in der Dienstvilla des Hessischen Ministerpräsidenten in Wiesbaden. „Frauen, an denen niemand vorbeikommt“, heißt es in einem Zeitungsbericht über Pratschkes Skulpturen.

„Wir freuen uns sehr, dass die eindrückliche Plastik ,Unbesiegbare' nun auf unserem Campus steht und dazu einlädt, sich mit ihr auseinandersetzen“, sagte Prof. Dr. Enrico Schleiff bei der Einweihung. An der Stiftungsuniversität Frankfurt habe Kunst und Kultur eine „sehr lange Tradition“. Diese Tradition gebe es jedoch nur dank des Engagements großzügiger Stifter, die Kunst für die Universität erwerben und ihr übereignen, erklärte Schleiff in Bezug auf die Stifter, unter anderen Stefan Quandt, Friedrich von Metzler und Wilhelm Bender. „Hierfür danken wir Ihnen sehr.“ Vor allem dankte Schleiff auch den Freunden und Förderern der Universität, die immer wieder Möglichkeiten eröffneten und Impulse für interessante Projekte und Ideen setzten.

Der Vorstandsvorsitzende der Freundesvereinigung Wilhelm Bender zeigte sich überzeugt: „Wanda Pratschkes ,Unbesiegbare' wird den Campus Westend bereichern.“ Der Entstehungsprozess der Skulptur kann im Video „Unbesiegbare 2021 - Von der Skizze zur Skulptur - Wanda Pratschke“, produziert von der Medienkünstlerin Katja Pratschke, Berlin, in der Webadresse gesehen werden: https://vimeo.com/660884676

Bilder zum Download: https://www.uni-frankfurt.de/111581394

Bildtext:
Bild 1: Die Bildhauerin Wanda Pratschke mit ihrer Bronzeskulptur „Unbesiegbare“ auf dem Campus Westend der Goethe-Universität (Foto: Uwe Dettmar/Goethe-Universität)

Bild 2: Die Bildhauerin Wanda Pratschke mit ihrer Bronzeskulptur „Unbesiegbare“, gemeinsam mit einem der Stifter, Prof. Dr. Wilhelm Bender, und Universitätspräsident Prof. Dr. Enrico Schleiff auf dem Campus Westend der Goethe-Universität (Foto: Uwe Dettmar/Goethe-Universität)

Weitere Informationen:
www.wanda-pratschke.de/
https://www.uni-frankfurt.de/39005880/Kunst_im_Fokus


Redaktion: Pia Barth, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Abteilung PR & Kommunikation, Telefon 069 798-12481, Fax 069 798-763-12531, p.barth@em.uni-frankfurt.de