Forschung
Verhaltenstherapie-Ambulanz der Goethe-Universität beteiligt sich an umfassender Untersuchung – Teilnehmer für Studie gesucht
FRANKFURT. Eines von vier Mädchen und einer von elf Jungen wird in Deutschland Opfer eines sexuellen Missbrauchs, zehn Prozent der Kinder erleben körperliche Misshandlung. Die meisten entwickeln nach einem solch belastenden Erlebnis eine Posttraumatische Belastungsstörung: Schmerzliche Erinnerungen kehren immer wieder, die Jugendlichen leiden unter Albträumen, fühlen sich gefühlstaub und ständig angespannt. An der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Goethe-Universität wurden bisher zwölf Betroffene nach einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Konzept behandelt – mit Erfolg, wie Dr. Regina Steil, Leiterin der Studie, erläutert: „Diese Intervention konnte die Symptome der Jugendlichen in durchschnittlich 33 Sitzungen über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten deutlich reduzieren. Jetzt wollen wir verschiedene Wirkfaktoren genauer betrachten und suchen weitere Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die an der nächsten Studie teilnehmen.“
Bisher gibt es nur sehr wenige Behandlungsstudien, die Jugendliche mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung berücksichtigen und auch kein speziell zugeschnittenes, wissenschaftlich evaluiertes Therapiekonzept. „Gerade um einer Chronifizierung der Symptome entgegenzuwirken, haben wir in den vergangenen Jahren an der Goethe Universität ein Behandlungsmanual entwickelt, was speziell auf diese Jugendliche zugeschnitten ist“, erläutert die Psychologin, die auch wissenschaftliche Geschäftsführerin der Verhaltenstherapie-Ambulanz ist. Die Bostoner Psychologin Patricia Resick hat einen sehr wirksamen Behandlungsansatz für erwachsene Patienten entwickelt, der nun in Frankfurt auf die Lebenswelt Jugendlicher zugeschnitten wurde. „Wir gehen in der Therapie besonders auf Schwankungen in der Gefühlslage und in der Motivation ein und berücksichtigen auch die schulischen und sozialen Anforderungen.“
Eine umfassende vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie, an der neben Frankfurt noch zwei weitere Behandlungszentren beteiligt sind, ermöglicht es dem Psychologen-Team der Goethe-Universität nun, die Wirksamkeit ihres Therapieansatzes, aber auch verschiedene Wirkfaktoren, die den Erfolg der Behandlung fördern oder behindern, näher zu untersuchen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie bieten den Jugendlichen, die Opfer sexuellen Missbrauchs oder körperlicher Misshandlung geworden sind und unter einer Posttraumischen Belastungsstörung leiden, eine Einzeltherapie an; diese umfasst 30 bis 36 Therapiesitzungen in einem Zeitraum von vier bis fünf Monaten. „Die Therapien können zügig beginnen“, so Steil.
Von sexuellem Missbrauch sprechen die Psychologen, wenn eine Person, die gegenüber dem Jugendlichen oder Kind beispielsweise aufgrund ihres Alters und ihres Einflusses in einer überlegenen Position ist, das Kind zu sexuellen Handlungen drängt oder zwingt. Dies muss nicht immer gewaltsam sein. Täter sind häufig Verwandte, Freunde der Familie oder andere Jugendliche. Körperlicher Misshandlung liegt immer dann vor, wenn Bezugspersonen körperliche Gewalt anwenden und dies beim Jugendlichen zu körperlichen oder seelischen Schäden führt. Die Dunkelziffer der Kinder und Jugendlichen, die missbraucht oder misshandelt werden, dürfte deutlicher höher liegen als die oben genannten Zahlen.
Informationen: Dr. Franziska Schreiber, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Campus Bockenheim, Tel: (069) 798-23973, schreiber@psych.uni-frankfurt.de oder Dipl.-Psych. Jana Gutermann, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Campus Bockenheim, Tel: (069) 798-23989, gutermann@psych.uni-frankfurt.de
Personalia/Preise
Prof. Dr. Jan Landwehr und PD Dr. Susanne Gerhardt-Szép erhalten Fellowships, um neue Lehrformate zu entwickeln.
FRANKFURT. 15 Auszeichnungen wurden vergeben, zwei davon sind an Wissenschaftler der Goethe-Universität gegangen: Prof. Jan Landwehr vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften und PD Dr. med. dent. Susanne Gerhardt-Szép vom Fachbereich Medizin/Zahnmedizin haben die mit bis zu 50.000 Euro dotierten „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ erhalten. Vergeben wurden die Auszeichnungen für herausragende Leistungen in der Lehre von der Baden-Württemberg Stiftung, der Joachim Herz Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.
Prof. Dr. Jan R. Landwehr hat seit April 2012 den Lehrstuhl für Produktmarketing und Kommunikation an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Seine inhaltlichen Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Produktdesign/Ästhetik, nachhaltiges Konsumverhalten, intuitive Kommunikation und Entstehung/Veränderung emotionaler Präferenzen. Landwehr wurde mehrfach vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert und erhielt verschiedene Nachwuchsforscherpreise von der Universität St. Gallen. Als engagierter Dozent hat er sich im Rahmen des zertifizierten Ausbildungsprogramms Hochschuldidaktik (CAS) der Universität St. Gallen umfangreich in aktuellen Fragen der Hochschullehre weitergebildet. Er erhält eines der fünf Fellowships, die von der Joachim Herz Stiftung vergeben werden. „Eine schöne Auszeichnung, die die herausragende Entwicklung der Frankfurter Wirtschaftswissenschaften in Forschung und Lehre unterstreicht“, freut sich Prof. Rainer Klump, Vizepräsident der Goethe-Universität.
Frau Dr. Susanne Gerhardt-Szép ist Privatdozentin der Poliklinik für Zahnerhaltung an der Goethe-Universität. Seit 2002 ist sie als Oberärztin der Poliklinik für Zahnerhaltung tätig. Sie absolvierte 2011 das Projekt „ProProfessur“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ebenfalls 2011 qualifizierte sie sich mit ihrem Team für die Endrunde des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre und wurde vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit „Engagement in der Lehre“ ausgezeichnet. Gerhardt-Szép erhält eines von fünf Fellowships, die vom Stifterverband vergeben werden. „Frau Dr. Gerhardt-Szep beweist mit ihren umfangreichen Forschungsarbeiten, dass moderne Lehrforschung nicht nur den hohen Ansprüchen wissenschaftlichen Arbeitens erfüllt, sondern dass solche Forschung auch der Ausbildung des akademischen Nachwuchses direkt zugute kommt - ein hervorragendes Beispiel einer akademischen Zahnmedizin“, betont Prof. Robert Sader, Direktor der Klinik für Mund, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Goethe-Universität.
Die „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ werden von der Baden-Württemberg Stiftung, der Joachim Herz Stiftung und dem Stifterverband der Deutschen Wissenschaft bereits zum zweiten Mal vergeben. Bewilligt werden insgesamt 15 Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre. Eine Jury aus Fachvertretern, Hochschuldidaktikern und Studierenden wählte die Empfänger der Auszeichnung aus. Auf die Ausschreibung haben sich 210 Hochschullehrer beworben. Bewerben konnten sich Lehrende aller Fächer und aller Statusgruppen, vom wissenschaftlichen Mitarbeiter bis zu Professoren, die an staatlichen oder privaten Hochschulen in Deutschland unterrichten. Die 15 Fellowships sollen Anreize für die Entwicklung und Erprobung neuartiger Lehrformate schaffen, den Austausch der Hochschullehrer und die Verbreitung der entwickelten Projekte befördern und im Ergebnis zu einer systematischen Weiterentwicklung der Lehre in curricularer, didaktischer und methodischer Hinsicht beitragen.
Weitere Informationen: http://www.stifterverband.de/lehrfellows2012
Veranstaltungen
Hochschulpolitisches Gespräch im Rahmen des Philosophischen Fakultätentages an der Goethe-Universität. 29. November, 19 Uhr, Campus Westend
FRANKFURT. Der Philosophische Fakultätentag als die hochschulpolitische Vertretung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften an den deutschen Hochschulen wird vom 29. November bis zum 1. Dezember 2012 seine Herbstplenarversammlung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main veranstalten.
Am Anfang steht wie immer das hochschulpolitische Gespräch. Diesmal diskutieren auf dem Podium Prof. Dr. Peter Funke (Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft), Jürgen Kaube (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Prof. Dr. Werner Müller-Esterl (Präsident der Goethe-Universität Frankfurt) und Jürgen Chr. Regge (Vorstandsvorsitzender der Fritz Thyssen-Stiftung) über die Forschungsförderung für die Geisteswissenschaften. Die Leitung hat Prof. Dr. Norbert Franz (Stellvertretender Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages).
Die Veranstaltung beginnt am 29. November um 19.00 Uhr auf dem Campus Westend: Casino Raum Cas. 1.801.
Medienvertreter sind herzlich zur Veranstaltung eingeladen!
Weitere Informationen: http://www.philosophischerfakultaetentag.de/termine.html
Veranstaltungen
Niederländischer Literaturwissenschaftler stellt den Autor und seinen endlich auf Deutsch erschienenen Roman „Mein kleiner Krieg“ vor
FRANKFURT. Louis Paul Boon, einer der experimentierfreudigsten niederländischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, gab radikale Impulse zur Erneuerung des Romans. Sein scheinbar nichtliterarischer Stil, sein brutaler Realismus und seine bedingungslose Gesellschaftskritik sorgten für eine Schockwelle, die bis heute in der niederländischen Literatur – aber nicht nur dort – wahrgenommen wird. Am Donnerstag (29. November) um 19 Uhr hält Dr. Jan Lensen, Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, einen öffentlichen Vortrag in Niederländisch über Louis Paul Boon. Diese Veranstaltung findet auf Initiative des Lektorats Niederländisch des Fachbereichs Neuere Philologien auf dem Campus Westend, Casino, Raum 1.802 (1. Stock) statt, der Eintritt ist frei. Eine deutsche Zusammenfassung des Vortrags liegt aus.
„Man soll die Leute treten, bis sie ein Gewissen haben“ – dieses Zitat von Louis Paul Boon stellt Jensen an den Anfang seines Vortrags über „Louis Paul Boon als radikaler Literaturerneuerer“. Vor hundert Jahren, am 15. März 1912, wurde Louis Paul Boon in der ostflämischen Arbeiterstadt Aalst geboren. Nichts ließ damals erahnen, dass er einer der wichtigsten Schriftsteller der niederländischen Literaturgeschichte werden sollte. Sein bildungsferner Hintergrund und das Arbeitermilieu, in dem er aufwuchs, schienen keine geeigneten Voraussetzungen für eine literarische Karriere zu sein. Aber gerade dieser Hintergrund stellte sich als idealer Nährboden für seine radikale Art des Schreibens dar.
Anlässlich der Übersetzung von Boons berüchtigtem Kriegsbuch „Mijn kleine oorlog“ (1947) (Mein kleiner Krieg, Alexander Verlag, Berlin, 2012) wird Jan Lensen sich mit der Frage beschäftigen, warum Boons Oeuvre generell, aber insbesondere dieses Buch, so ungewöhnlich und so erneuernd sind, und weshalb viele es heute immer wieder lesen oder noch mal lesen sollten. Der Belgier Jan Lensen hat an der Katholischen Universität Leuven promoviert und arbeitet nun am Institut für Niederländische Philologie der FU Berlin an seiner Habilitation.
Informationen: Laurette Artois, Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, Lektorat Niederländisch, Campus Westend, Tel.: (069) 798 32851, artois@lingua.uni-frankfurt.de
www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/Niederlaendische_Sprache_Literatur_Kultur/index.html
Veranstaltungen
Hamburger Kunsthistorikerin spricht im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“
FRANKFURT. Was sagen die Materialien der Kunst über den Wert der Werke? Ton galt beispielsweise als „plastischer Urstoff“, den ein göttlicher Schöpfungsakt geadelt hatte, Gips hingegen wurde als „totes“ Material und als Inbegriff der Reproduktion angesehen. Ein Vergleich dieser beiden, für die Plastik so wichtigen Materialien, zeigt die großen Unterschiede in der Bewertung. Ähnliches lässt sich für viele andere Werkstoffe zeigen. Darüber spricht Prof. Dr. Monika Wagner, Kunsthistorikerin an der Universität Hamburg, am Donnerstag (29. November um 18.15 Uhr) in der öffentlichen Vortragsreihe „Vom Eigensinn der Dinge“, die im Wintersemester im Rahmen der Deutsche Bank-Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ stattfindet.
Titel ihres öffentlichen Vortrags im Hörsaalzentrum, Campus Westend (HZ 5) lautet: „Das Material der Dinge. Ton und Gips als plastische Werkstoffe“. Moderieren wird diese Veranstaltung die Frankfurter Kunsthistorikerin Dr. Stefanie Heraeus. Die Vortragsreihe haben Ethnologen und Archäologen aus dem Graduiertenkolleg „Wert und Äquivalent“ konzipiert und organisiert; dort wird eine international zusammengesetzte Gruppe von 26 Doktoranden betreut.
Monika Wagner hat mit ihren Studien zum Material der Kunst eine neue Perspektive in der Kunstgeschichte eröffnet, die sie in ihrem Vortrag auch dem Frankfurter Publikum nahe bringen wird. Darüber hinaus hat sie am Institut für Kunstgeschichte der Universität Hamburg ein Archiv für Materialien in der Kunst eingerichtet. Die Hamburger Kunsthistorikerin wird zeigen, wie Künstler heute mit den Bedeutungszuschreibungen von Materialien experimentieren und damit Bedeutungsunterschiede erzeugen. Anhand einiger Beispiele wird sie untersuchen, wie das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Materialeigenschaften sowie Verwendungs- und Bearbeitungsweisen der Werkstoffe aussieht. Der Vortrag beschäftigt sich auch mit der Frage, inwieweit es in den Industriegesellschaften die „Kunstdinge“ sind, welche die Geschichte und Bedeutung tradierter Materialien und ihrer Verarbeitung in Erinnerung halten.
Die Veranstaltungsreihe, die bis zum Februar läuft, geht den überraschenden Zusammenhängen nach, die sich aus dem „Eigensinn der Dinge“ ergeben. Die Vorträge zeigen, wie wenig die bislang vorgestellten Ordnungen der Dinge ausreichend sind, um die Welt des Materiellen zu verstehen. Der Eigensinn der Dinge wird dabei sowohl als Phänomen einzelner herausragender Objekte wie auch als Frage des Verstehens materieller Kultur insgesamt und damit nach der „conditio humana“ behandelt.
Informationen: Prof. Dr. Hans Peter Hahn, Institut für Ethnologie, Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel, Institut für Archäologische Wissenschaften, Campus Westend, 069-798 32293, value@em.uni-frankfurt.de, www.value-and-equivalence.de