Veranstaltungen
Medienwissenschaftler beschäftigen sich bei ihrer Jahrestagung mit allen Formen der Spekulation – von der philosophischen Reflexion bis zur Finanzwirtschaft
FRANKFURT. In über 220 Vorträgen beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Spekulation in all ihren Formen und gehen ihrem schlechten Ruf ebenso auf den Grund wie ihren Risiken und Potenzialen, wenn sie sich vom 3. bis 6. Oktober zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften an der Goethe-Universität und an der Hochschule für Gestaltung Offenbach treffen. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Spekulation passe bestens zu den Frankfurter Traditionen, betont der Organisator der Tagung, Prof. Dr. Vinzenz Hediger. „Denn so setzen wir die philosophische Reflexion und die Finanzwirtschaft dialektisch zueinander in Beziehung – wie es in Frankfurt seit Jahrzehnten gepflegt wird.“
Bloße Spekulation meint in der Regel, dass einer Aussage die empirische oder rationale Grundlage fehlt. Dem Klatsch und dem Gerücht verwandt, steht sie unter dem Verdacht der Halbwahrheit und der Grenzüberschreitung. „Es ist populär, zu spekulieren, und damit ist die Spekulation ein konstitutives Medium moderner Wissensgesellschaften,“ so Hediger, der seit 2011 eine Professur für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität inne hat.
Wer spekuliert, gilt als jemand, der mit Finanztransaktionen Geld verdient, ohne wirklich zu arbeiten. Im Zeichen der fortschreitenden Integration globaler Märkte ist die Finanzmarktspekulation zum neuen „faszinosum tremendum“ der Kapitalismuskritik geworden – gleichermaßen faszinierend wie abschreckend. „Spekulation als kritische Gesamtschau und als Denken von und in Spiegelungen gehört zu den Grundfiguren der Medien- und Kulturtheorie“, betont der Frankfurter Filmwissenschaftler. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften (GfM) fragen die Teilnehmer nach den Medien der Spekulation, nach der Spekulation der Medien und nach der Spekulation als Verfahren und Versprechen der Medienwissenschaft.
Zum Programm der Tagung gehören auch öffentliche Veranstaltungen. So wird am Eröffnungsabend (3. Oktober um 20.30 Uhr im Studentenhaus, Campus Bockenheim) der selten zu sehende Film „Die Börse“ des deutschen Film-Avantgardisten Hans Richter aus dem Jahr 1939 gezeigt; ein namhaft besetztes Podium zum Thema „Karl Marx und die Kreativen“ findet am 4. Oktober um 20 Uhr in der HFG Offenbach statt.
Mit über 900 Mitgliedern ist die Gesellschaft für Medienwissenschaft die Standesvertretung der Medienwissenschaft an deutschsprachigen Universitäten. Auf der Jahrestagung werden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und neue Themen gesetzt. Es nehmen etwa 400 Wissenschaftler teil. Diese bedeutendste Tagung in dem sich rasch entwickelnden Feld der medienwissenschaftlichen Forschung findet erstmals in Frankfurt statt.
Informationen: Prof. Dr. Vinzenz Hediger, Professur für Filmwissenschaft, Campus Westend, Mobil 0177 47 53 714, hediger@tfm.uni-frankfurt.de
Programm der Tagung gibt es hier (PDF).
Forschung
500 Jahre stabile Währung zwischen Britannia und Kleinasien
FRANKFURT. Der römische Denar war vor 2000 Jahren weiter verbreitet als der Euro. Um 120 n. Chr., als das Römische Reich seine größte Ausdehnung hatte, konnte man von Britannia bis Kleinasien und von Nord-Afrika bis zum Rhein reisen, ohne Geld wechseln zu müssen. Was aus heutiger Sicht noch erstaunlicher erscheint: Das Denarsystem war über 500 Jahre stabil. Wie dieses System organisiert war und warum es plötzlich zusammenbrach, erklärt Junior-Professorin Dr. Fleur Kemmers in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ mit dem Themenschwerpunkt „Geld im Wandel“, dem Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität.
Obwohl das Konzept der Münze schon seit etwa 600 v. Chr. im Mittelmeerraum bekannt war, prägten die Römer erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. eigene Münzen. Systematisch und in größeren Auflagen entstanden Münzen aus Bronze, Silber (Denare) und (gelegentlich) Gold erst ab circa 211 v. Chr., vermutlich aufgezwungen durch die Kriegswirren und die rasche Expansion des Römischen Reichs im Laufe des zweiten Punischen Krieges. Die genauen Hintergründe erforscht die Frankfurter Arbeitsgruppe von Fleur Kemmers, Inhaberin der von der Volkswagenstiftung geförderten Lichtenberg-Professur für Münze und Geld in der griechisch-römischen Antike.
Griechenland wurde besser behandelt als Süd-Italien
Die Bedingungen, unter denen das römische Münzsystem in den neu eroberten Gebieten eingeführt wurde, waren von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umständen abhängig. In Süd-Italien hatten sich beispielsweise die meisten Städte im zweiten Punischen Krieg gegen Rom gestellt. Nach ihrer Niederlage wurde die lokale Münzprägung eingestellt, das süd-italienische Silbergeld eingefordert und umgeschmolzen. Die anschließende Einführung des römischen Denarsystems statuierte ein klares Exempel des Siegers. In Griechenland dagegen, wo es schon seit Jahrhunderten eine reiche Tradition von Münzprägung gab, durften die meisten Städte (Poleis) die Prägung ihrer Bronzemünzen fortsetzen. Allerdings wurde das Silbergeld nun von Rom angefertigt.
Viele mittel- und westeuropäische Gebiete besaßen zur Zeit ihrer Eroberung durch Rom noch kein Münzsystem. Die einheimische Bevölkerung benutzte das Münzgeld anfangs vermutlich nur bei Steuerzahlungen an den neuen Machthaber. Geprägt wurden die Münzen fast ausnahmslos in Rom. Der gewaltige logistische Kraftakt zur Verteilung des Geldes relativierte sich dadurch, dass vorwiegend regionale Kreisläufe entstanden: Münzgeld, das innerhalb eines Finanzdistrikts als Steuern eingesammelt worden war, verwendete man als Sold für die dort stationierten Truppen. Die Soldaten bezahlten damit auf dem lokalen Markt Produkte, die nicht in ihrem Dienstvertrag enthalten waren. Mit diesen Münzen entrichteten wiederum die lokalen Händler und Bauern ihre Steuern, und so setzte der Kreislauf sich fort. Wenn die Steuern nicht reichten, um den Sold zu bezahlen, oder Sonderzahlungen angesagt waren, wurde frisches Münzgeld aus Rom geliefert.
Münzen als PR-Instrumente
Von Zeit zu Zeit verfolgten die römischen Machthaber mit dem Transport frisch geprägter Münzen in die Provinzen auch ein ideologisches Interesse. Auf der Vorder- und Rückseite platzierten sie Bilder und Texte, die gezielt politische Botschaften verbreiteten. Ein besseres PR-Instrument wäre zur damaligen Zeit kaum denkbar gewesen. Im Jahr 71 n. Chr. erhielten beispielsweise die Soldaten am Rhein überwiegend Münzen mit Darstellungen von Victoria (Sieg) und Securitas (Sicherheit), denn sie hatten kurz zuvor den verheerenden Aufstand der Bataver niedergeschlagen. In Italien waren dagegen in demselben Jahr Münzen mit der Abbildung von Concordia (Eintracht) besonders zahlreich. Dort war die Gesellschaft durch einen bereits zwei Jahre währenden Bürgerkrieg zerrissen.
Zerfall und ein plötzliches Ende
Ausufernde Ausgaben durch Kriege an den Grenzen des Reiches, Bürgerkriege im Inneren und erschöpfte Silberminen bereiteten dem Denarsystem schließlich während des 3. Jahrhunderts n. Chr. ein Ende. Von Anfang an war der Denar aus beinahe purem Silber hergestellt worden. Damit der Staat mehr Münzen prägen konnte, wurde der Silbergehalt ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. in kleinen Schritten immer weiter gesenkt. Solange der Denar auf dem Markt und bei der Steuereintreibung aber für seinen Nennwert akzeptiert wurde, war das nicht problematisch. Im Laufe des 3. Jahrhunderts fiel der Silbergehalt dann dramatisch ab und enthielt zum Schluss nur noch einige Prozent Silber. Er scheint aber immer noch akzeptiert worden zu sein, bis relativ plötzlich um 274/275 n. Chr. die Preise explodierten. Von da an wurde der Denar nur noch zum Wert seines Metallgehalts angenommen. Damit brach das ganze Münzsystem nach fast 500 Jahren zusammen.
„Auffällig ist, dass das Ende des Denars erst kam, als das Vertrauen in das politische System verloren ging, welches den Wert der Münzen garantierte“, erklärt Fleur Kemmers. Ohnmächtige Kaiser, meuternde Truppen und einfallende Barbarenhorden stürzten das römische Reich in eine tiefe politische Krise. Nachdem diese überwunden war, entstand im späten 3. und frühen 4. Jahrhundert ein neues Geldsystem, das aber nie mehr so erfolgreich und nachhaltig war wie der Denar.
Informationen: Jun.-Prof.‘in Fleur Kemmers, Lichtenberg-Professur für Münze und Geld in der griechisch-römischen Antike, Institut für Archäologische Wissenschaften, Campus Westend, kemmers@em.uni-frankfurt.de. Bitte nehmen Sie Kontakt per Mail auf, da Fleur Kemmers zurzeit in Elternzeit ist. Sie liest ihre Mails täglich.
„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de
Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe
Personalia/Preise
Neue „Chillida Gastprofessur“ stärkt Forschung und Lehre im Fach Kunstgeschichte und startet im Sommersemester 2013
FRANKFURT. Das Instituto Vasco Etxepare und die Goethe-Universität Frankfurt haben die Vereinbarung für eine Professur für baskische Kunst und Kultur an der Goethe-Universität unterzeichnet. Die Chillida-Gastprofessur, benannt nach dem baskischen Bildhauer und Zeichner Eduardo Chillida, wird jährlich für ein Semester an internationale Wissenschaftlerpersönlichkeiten vergeben werden , die Schwerpunkte der baskischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts im internationalen Kontext vertreten.
Das baskische Kulturinstitut Instituto Vasco Etxepare ist daran interessiert, die baskische Kunst und Kultur international bekannt zu machen. Die Goethe-Universität möchte die Kompetenz ihres Instituts für Kunstgeschichte in kuratorischen Arbeiten im internationalen Kontext stärken. Insbesondere soll durch die Gastprofessur auch der zum Teil englischsprachige Masterstudiengang „Curatorial Studies“ an der Goethe-Universität aufgewertet werden. Die Professur wird jeweils im Sommersemester besetzt, der Start erfolgt zum Sommersemester 2013.
Weitere Informationen: Prof. Martin Büchsel, Kunstgeschichtliches Institut der Goethe-Universität, Tel: (069) 798-22222, buechsel@kunst.uni-frankfurt.de
Veranstaltungen
FRANKFURT. Mit dem Projekt „ScienceTours – Lernen mit Herz und Hand“ bietet die Goethe-Universität Frankfurt für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I verschiedene Exkursionen im Rhein-Main-Gebiet an. Die ScienceTours sind Partner des Wissenschaftsjahres 2012 – Zukunftsprojekt Erde und knüpfen so an viele Projekte an, die Nachhaltigkeitsforschung für junge Menschen erfahrbar machen. Anhand ausgewählter didaktischer Konzepte führen die ScienceTours Schüler an wissenschaftliche Forschungsfragen und -methoden unterschiedlicher Fachgebiete heran.
Ganz neu ist dabei das Thema Tierisches Verhalten: Fernsehsendungen wie „Giraffe, Erdmännchen & Co“ rücken Zoos in den Fokus des öffentlichen Interesses und machen diese zu einem anhaltenden Publikumsmagneten. Kein Wunder also, dass Zoos ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und Schulklassen sind.
Die Verhaltenstour im Kronberger Opel-Zoo ermöglicht Schülern den Blick hinter die Kulissen: Wie leben Tiere in menschlicher Obhut im Vergleich zu Artgenossen in freier Wildbahn? Wie prägt die jeweilige Lebenssituation das Verhalten der Tiere? Während der ScienceTour „Viele Tiere – Ein Zuhause. Tierisches Verhalten im Opel-Zoo“ lernen die Schüler die Arbeit von Verhaltensforschern kennen und entwickeln eigene Strategien zur Bereicherung der Lebenswelt von Zootieren.
Unterstützt werden die Schüler dabei von Wissenschaftlern und Studierenden der Abteilung Didaktik der Biowissenschaften der Goethe-Universität und Mitarbeitern des Opel-Zoos, die diese Tour gemeinsam entwickelt haben. Durch diese Kooperation wird außerschulisches Lernen, auch im Sinne des Wissenschaftsjahrs 2012 – Zukunftsprojekt Erde, zum nachhaltigen Erfolg.
Wir laden Sie herzlich ein zur
Pilottour „Viele Tiere – Ein Zuhause. Tierisches Verhalten im Opel-Zoo“
am Montag, 1. Oktober 2012 um 11 Uhr
im Opel-Zoo Kronberg (Taunus), Verwaltungsgebäude (Sitzungszimmer)
Anwesend sein und Ihre Fragen gerne beantworten werden die Geschäftsführer des Opel-Zoos, das Projektteam der ScienceTours sowie die beteiligten Wissenschaftler und Studierenden.
Tierisches Verhalten ist nur eines der Themen, die im Rahmen der ScienceTours Schülerinnen und Schülern wissenschaftliches Denken und Handeln vermitteln.
Ein wesentliches Element aller ScienceTours ist der Kontakt zu Wissenschaftlern der Goethe-Universität und Experten der beteiligten Projektpartner. Sie lassen die Jugendlichen ihr Forschungsgebiet entdecken, geben Hilfestellung und vermitteln im direkten Kontakt, wie Wissenschaftler arbeiten und was sie an ihrem Beruf begeistert. Die Arbeit in Kleingruppen von durchschnittlich 5 Schülern wird durch die Beteiligung von Studierenden ermöglicht, die als Betreuer den Schülern vom Alter her näherstehen. Sie können konkrete Auskünfte über ihr Studium und wichtige Hilfestellung bei der beruflichen Orientierung geben. Thematisch decken die ScienceTours ein breites Themenspektrum von den Naturwissenschaften über die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften ab. Weitere Informationen zum Konzept der ScienceTours und den Inhalten der verschiedenen Touren erhalten Sie unterwww.science-tours.de.
Bitte senden Sie uns eine kurze Rückmeldung bis Freitag, 28. September, ob Sie teilnehmen werden, an stephanie.mayer@vdv.uni-frankfurt.de
ScienceTours ist eine Kooperation mit: Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region, Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Wissenschaftsjahr 2012 – Zukunftsprojekt Erde. Eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)
Mit freundlichen Grüßen
Stephanie Mayer
Projektleiterin ScienceTours
Forschung
Mehr Sozialprestige durch Geben und Annehmen
FRANKFURT. Als der polnisch-britische Anthropologe Bronislaw Malinowski 1922 den Kula-Tauschring auf den Trobriand-Inseln im westlichen Pazifik beschrieb, war er überzeugt davon, dieses Phänomen als einer der letzten Forscher zu beobachten. Ein- bis zweimal im Jahr legen die Inselbewohner mehrtägige Seereisen zurück, um die überlieferten Tauschpartner aufzusuchen und aus Schneckengehäusen gefertigte Armreifen gegen Halsketten aus Spondylus-Muscheln zu tauschen. Aber Malinowski irrte: Auch nach der Einführung des Geldes scheuten die Männer keine Mühe, ihre Tauschexpeditionen fortzusetzen. Warum Tauschringe heutzutage weiterhin existieren und weltweit verbreitet sind, erklärt der Ethnologe Hans Peter Hahn in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“, dem Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität
„Keine Gesellschaft kann existieren, ohne Praktiken der Gabe und ohne Anerkennung für Gebende“, erläutert Hahn, Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität. Der Wert der Objekte des Kula-Tauschrings speist sich aus den immer wieder erzählten Geschichten von erfolgreichen Tauschakten, Vorbesitzern und Gefahren, die beim Tausch zu meistern waren. Das Ansehen des Tauschpartners in Verbindung mit der Wertschätzung des Tauschobjektes sind soziale und kulturelle Tatsachen; zugleich sind sie das Fundament sozialer Beziehungen. Deshalb ist die Verpflichtung der Gabe universal verbreitet und wurde mit der Einführung des Geldes nicht obsolet.
Das gilt auch in modernen Gesellschaften, in denen Geld längst dominiert. Tauschringe gibt es in vielen Städten Deutschlands (www.regiogeld.de/initiativen.html). In der Regel verstehen sie sich zunächst als Einrichtungen der Nachbarschaftshilfe. Im weltweiten Maßstab gibt es jedoch auch sehr viel größere Tauschringe, etwa in Argentinien, wo mehrere hunderttausend Personen beteiligt sind. Egal ob es dabei um „Creditos“ (in Argentinien), „Time Dollar“ (in den U.S.A.) oder „Bockis“ (in Frankfurt-Bockenheim) geht, stets geben sich die daran beteiligten Personen bestimmte Regeln, denen die getauschten Leistungen unterliegen. So sind vielfach nur bestimmte Leistungen gegeneinander zu tauschen, oft verfallen die Gutscheine, wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist eingelöst werden, und nicht zuletzt gibt es Begrenzungen, was das Ansammeln solcher Gutscheine betrifft.
Hahn hebt zwei Eigenschaften als gemeinsame Merkmale des Kula-Tauschzyklus und des modernen Tauschringes hervor: Erstens geht es um die sozialen Pflichten, die an den - stets nur vorübergehenden - Besitz geknüpft sind. Der zweite Aspekt betrifft das Verhältnis zum gemünzten, staatlich garantierten Geld: Entgegen der Auffassung, bei Tauschsystemen handele es sich um „primitive“, zeitlich vor der Verbreitung des Geldes einzuordnende Institutionen, beweisen sie die Möglichkeit einer gleichzeitigen Existenz. Tauschringe haben offensichtlich spezielle Eigenschaften, die dem Geld fehlen, oder wenigstens in der monetären Sphäre weniger leicht zu realisieren sind. Dazu Hahn: „Wer bereit ist zu geben und eine Gabe anzunehmen, erhält mehr als den Wert der Ware. Für die Öffentlichkeit klar erkennbar genießt er auch soziales Ansehen. Die Pflichten der Annahme und der Erwiderung zeigen seine Bereitschaft, am Erhalt sozialer Bindungen mitzuarbeiten.“ Die genauere Betrachtung der vielen Dimensionen von Tauschringen leistet deshalb einen wichtigen Beitrag, um verborgene Dimensionen des Geldgebrauchs aufzuzeigen und die nicht ökonomischen Voraussetzungen der Wirtschaft besser zu verstehen.
Informationen: Prof. Hans Peter Hahn, Institut für Ethnologie, Campus Westend, Tel: (069) 798-33064, hans.hahn@em.uni-frankfurt.de.
„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de
Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe