Forschung
Einblicke in die Frankfurter Edda-Sammlung: Konjunktur des Meeresriesen Aegir bei Parfum, Zigaretten und Grammophonnadeln – Revival von Thor und Loki in Marvel-Comics
FRANKFURT. Edda – diesen Namen tragen zwei isländische Werke aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinsam überliefern sie den größten erhaltenen Schatz an nordischer Mythologie und Heldensage. Gern für »germanisch« gehalten sind diese Stoffe seit dem 18. Jahrhundert weit über Island hinaus bekannt. Das spiegelt sich auch in den mehr als 1200 Objekten der Edda-Sammlung im Institut für Skandinavistik an der Goethe-Universität. Prof. Dr. Julia Zernack und Dr. Katja Schulz zeigen in ihrem Beitrag des soeben erschienenen Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“, wie die Mythen buchstäblich in jeden Winkel der Kultur vordringen können.
„Diesem Nachleben der eddischen Stoffe in Literatur, bildender Kunst, Religion, Musik und Alltagskultur gilt das Interesse der Frankfurter Edda-Forschung ebenso wie den mittelalterlichen Zeugnissen selbst“, betont Zernack, die ein seit 2007 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zur Edda-Rezeption leitet. Der Bestand der Frankfurter Edda-Sammlung ist außerordentlich heterogen. Für sich genommen sind manche ihrer Objekte wertlos – Reklame- und Verpackungsmüll vergangener Zeiten. Doch als Sammlung beleuchten sie sich gegenseitig, dokumentieren die Rezeptionsgeschichte nordischer Mythologie und Heldensage durch die Jahrhunderte. „Diese Objekte bieten uns eine einzigartige Möglichkeit, das Auftreten der Mythen und ihre Funktion in verschiedensten Diskursen zu untersuchen“, so Katja Schulz, die seit Beginn in dem Projekt mitarbeitet. „So können wir exemplarisch rekonstruieren, wie die zuerst im nordischen Mittelalter überlieferten Mythen bis in unsere Zeit fortleben, sich durch die verschiedenen Medien bewegen und dabei immer wieder neu- und umgedeutet werden.“
Die Objekte machen anschaulich, was der Philosoph Hans Blumenberg 1971 als ein allgemeines Merkmal des Mythos beschrieben hat: Den Mythos gibt es nur im Zustand der Rezeption. Jede Zeit aktualisiert aus dem ihr zur Verfügung stehenden Mytheninventar die Aspekte, die ihren spezifischen Interessen dienen. Sehr anschaulich illustrieren die beiden Autorinnen dies in ihrem „Forschung Frankfurt“-Beitrag am Beispiel des altnordischen Meeresriesen Aegir: Im nordischen Mittelalter ist der Riese, der den Göttern freundlich gesonnen scheint, eine Personifikation des Meeres. Als Ende des 19. Jahrhunderts die nordischen Mythen in bewusster Abgrenzung als nationale Alternative zu den klassisch-antiken Göttern herangezogen wurden, wurde aus Aegir eine Art nordischer Poseidon, wie dieser ausgestattet mit Bart und Dreizack. Forciert wurde diese Mythenbildung im Deutschen Reich besonders von Wilhelm II.
Dazu Zernack: „In seinem seit 1894 häufig aufgeführten und oft verspotteten ‚Sang an Aegir‘ beschwor Wilhelm II. ein verklärtes, in eine unbestimmte ‚germanische‘ Vergangenheit projiziertes Heldentum. Damit appellierte er nicht nur an die Germanen- und Wikingerschwärmerei seiner Zeitgenossen, die ihren Wagner ebenso kannten wie Felix Dahns historische Romane, sondern zugleich an die verbreitete Begeisterung für die Marine.“ National propagiert und gleichzeitig in zahllosen Karikaturen ins Lächerliche gezogen, erlangte die Figur Aegir eine bis dahin ungeahnte Bekanntheit und erreichte jeden Winkel der Kultur: Aegir-Parfums und Aegir-Zigaretten verströmten ihren Duft; in einem Berliner Weinrestaurant wurden Aegir-Tropfen angeboten, die Klänge von Kaiser Wilhelms patriotischer Ballade ertönten vom goldfarben verzierten Notensatz für Klavier, gemischten Chor und Orchester bei ungezählten offiziellen Anlässen und vielleicht auch von einer Grammophon-Einspielung, die mit „Starktonnadeln“ der Marke „Aegir“ zum Klingen gebracht wurden.
Ungewöhnlich für eine – zumal philologisch verankerte – Universitätssammlung sind die zahlreichen Objekte der Alltagskultur, die durch Untersuchungen zu nordischen Mythen in Werbung und Propaganda und durch eine Studie über die Aktualisierung eddischer Stoffe im Kontext religiöser Neubildungen (wie dem neugermanischen Heidentum an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert) hinzukamen. Zu den Alltagsobjekten gehören beispielsweise Reklamesammelbilder aus der Zeit um 1900, die nordische Götter und eddische Mythen präsentieren, Bierdosen der dänischen Marke „Odin“, Werbung für die Hitler-Jugend-Uniform „Baldur“ oder für die 1854 gegründete, noch heute existierende deutsche „Iduna“-Versicherung, Rasierklingen der US-amerikanischen Marke „Thor“, Runenorakel und zahlreiche Postkarten, auf denen die Götter Odin, Thor und Heimdall herhalten müssen, um die ideologischen Interessen diverser politischer Vereinigungen zu vertreten. Eines der bekanntesten Edda-Zitate ist unter Adler und Hakenkreuz auf der Beileidskarte zu lesen, mit der die NSDAP den Angehörigen von Gefallenen kondolierte: „Niemals stirbt der Toten Tatenruhm.“
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts leben die nordischen Mythen auch in Filmen oder Comics weiter. So fungiert Thors missgünstiger Stiefbruder Loki beispielsweise in den Marvel-Comics über Jahrzehnte hinweg als dessen wichtigster Gegenspieler und Hauptschurke. Zuletzt ist er in dieser Rolle in den Verfilmungen „Thor“ (2011) und „The Avengers“ (2012) zu sehen – bis heute mit seinem markanten Hörnerhelm, der an eine Inkarnation des Teufels denken lässt. Auch in der Heavy-Metal-Szene haben die nordischen Mythen Konjunktur, dies belegen die Cover der einschlägigen CDs, die im Zusammenhang mit einer musikwissenschaftlichen Studie über nordische Mythen im Heavy Metal in die Edda-Sammlung kamen.
Wie steht es um die Zukunft der Frankfurter Sammlung? „Soll dieses Potenzial der Edda-Sammlung der Forschung nicht verloren gehen, gilt es, die Sammlung zu institutionalisieren und ihr Auseinanderfallen zu verhindern, das mit dem Auslaufen der gegenwärtig geförderten Projekte im kommenden Jahr droht“, so Zernack. Die beiden Skandinavistinnen wollen ein Anschlussprojekt beantragen, in dem Informationen über den Bestand der Sammlung ebenso wie die von der Frankfurter Edda-Forschung erhobenen Daten in einem multimedialen Forschungsportal online veröffentlicht werden sollen.
Informationen: Prof. Dr. Julia Zernack, Dr. Katja Schulz, Institut für Skandinavistik, Campus Westend, Tel. (069) 798-33104. Zernack@em.uni-frankfurt.de; k.schulz@em.uni-frankfurt.de
„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de
Im Internet: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe
Forschung
Frankfurter Comic-Forscher betrachtet moderne Manga als eine Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur
FRANKFURT. Als 1887 „Der Wolf und die sieben Geißlein“ in Tokio in einer mit Farbholzschnitten illustrierten Übersetzung erschien, konnte noch niemand ahnen, dass die Brüder Grimm heute zu den mit Abstand bekanntesten deutschen Literaten im Land der aufgehenden Sonne gehören. Inzwischen haben die Stoffe der Grimm’schen Märchen längst auch Eingang in den japanischen Comic gefunden. „Das hängt nicht zuletzt mit dem Wesen des modernen Manga als einer Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur zusammen“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist Dr. Bernd Dolle-Weinkauff in seinem Beitrag des soeben erschienenen Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (3/2012) darlegt. Er beschäftigt sich seit 1983 mit dieser Literaturgattung und zählt zu den international anerkanntesten Comic-Forschern.
Schneewittchen, das sich beinahe in einen niedlichen Feenzwerg verliebt, der narzisstische Hänsel, der Klein-Gretel wegen der betörenden Hexe Hildegard im Wald stehen lässt, der Bishônen-Jüngling Rapunzel, der die sportliche Jungfer Eva schwängert – diese Geschichten und einige andere mehr entstammen dem Universum der japanischen Comics des 21. Jahrhunderts und haben ihre Wurzeln in der Grimm’schen Märchenwelt. Die Manga haben mittlerweile begeisterte Leser und Nachahmer selbst im Heimatland von Jacob und Wilhelm Grimm gefunden. Dazu der Literaturwissenschaftler Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität: „Was in Deutschland und den anderen westlichen Ländern gegenwärtig als Comic japanischer Herkunft entgegentritt, spiegelt häufig amerikanische und europäische Einflüsse wider, die das Resultat der Rezeption in diesen Ländern seit Beginn der 1950er Jahre sind.“ So gehen etwa die heute als so typisch japanisch geltenden tellergroßen Augen und kindlichen Proportionen auf Disney-Filme und Disney-Comics zurück, die vor über einem halben Jahrhundert in Japan ihren Siegeszug feierten.
Die häufig fantastischen Szenarien der Bildgeschichten greifen nicht nur auf die Grimms zurück, sondern auch auf Erzählungen, Mythen und Sagen aus unterschiedlichsten Kulturen: „Die Manga in der Gegenwart stellen eine üppige Ansammlung von Versatzstücken und Elementen der kulturellen und literarischen Überlieferung im Weltmaßstab dar, die mit eigenkulturellen japanischen Elementen amalgamiert wurde“, so Dolle-Weinkauff. Dies gilt im Übrigen auch für die artverwandten Zeichentrickfilme – „Anime“ genannt –, wie etwa die vielfach prämierten Werke Hayao Miyazakis, von denen die Frankfurter Japanologin Prof. Lisette Gebhardt deshalb sagt, dass sie „eine üppige west-östliche Ausstattung“ aufweisen.
Die für Kinder von erotischen und gewalttätigen Passagen gereinigten Märchen waren für die Manga untauglich: „Denn die Manga setzen sich gerne – in augenzwinkernder Übereinkunft mit ihrer Leserschaft – über allzu enge moralische und pädagogische Einwände hinweg“, wie der Frankfurter Comic-Spezialist erläutert. 1998 veröffentlichte Misao Kiryu den Erzählband „Grimms Märchen sind eigentlich grausam“ und bot damit eine neue und sehr viel drastischere Lesart als die bislang gewohnten an; auch vor dem Einsatz von Horror-Motiven machte er nicht halt. „Seitdem lässt sich beobachten, wie im Manga verstärkt Erzählungen aus den Kinder- und Hausmärchen aufgegriffen und recht freizügig umgestaltet werden“, hat Dolle-Weinkauff festgestellt.
Die „Grimms Manga“ von Kei Ishiyama, die der Verlag Tokyopop seit 2007 produziert, verfahren nach dem Prinzip des „Märchen-Verwirrbuchs“. Diese Bezeichnung brachte der Frankfurter Politologie-Professor und Hobby-Märchenautor Prof. Iring Fetscher auf, der den Prototyp dieser Märchen-Lesart bereits 1972 mit dem Band „Wer hat Dornröschen wachgeküßt?“ mit großem Erfolg vorstellte. „Kei Ishiyama deutet die Vorlagen mehr oder minder radikal um, verdreht Figuren, Motive und Handlungen parodistisch und führt die Erzählungen zu ganz neuen Pointen“, analysiert der Literaturwissenschaftler. So wird aus dem „Gestiefelten Kater“ ein selbst wandlungsfähiger Katzen-Dämon, „Der Froschkönig“ wie auch „Rapunzel“ erfahren eine höchst folgenreiche Geschlechtsumwandlung und das neue „Rotkäppchen“ heiratet wahrscheinlich ihren geliebten Wolf.
Kei Ishiyamas Grimm-Parodien haben mittlerweile Nachfolger in der deutschen Manga-Szene gefunden: „So hat David Füleki 2012 mit dem bezeichnenden Titel „Blutrotkäppchen“ das Grimm’sche Vorbild in Form einer Slasher-Komödie inszeniert, die in einem wilden ‚Märchen-Monster-Massaker‘ endet. Bereits 2011 veröffentlichte Tokyopop einen ‚Grimms Manga‘-Sonderband, an dem sich einige der namhaftesten Eleven des Manga-Stils aus dem deutschsprachigen Raum mit jeweils eigenen Märchen-Neuerzählungen beteiligten.“
Auch die genre-typischen Erzählformen und Darstellungsweisen der Manga nahm Dolle-Weinkauff unter die Lupe: „Die Geschichten zeichnen sich durch höchst rasante Bildfolgen mit dynamischen Layouts aus, die mit gefühlig-ruhigen Passagen wechseln. Die vermenschlichten Tiere werden dabei gründlich nach dem Niedlichkeitsprinzip (japanisch ‚kawai‘) verformt, und die weiblichen Hauptfiguren erhalten ein Design von zartestem Körperbau und Physiognomien mit den bekannten treuherzigen, tellergroßen Augen.“ Erstaunlich auch, was aus den im deutschen Märchen meist etwas bieder geratenen männlichen Protagonisten wird: „Sie sind durchgängig geformt nach dem Modell des Bishônen, des – beinahe unnahbar – schönen Jünglings, der in der luziden Gestalt des Märchenprinzen seine höchste Vollendung erreicht.“
Informationen: Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, Institut für Jugendbuchforschung, Campus Westend, Tel. (069) 798-33001, dolle-weinkauff@rz.uni-frankfurt.de
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Im Internet: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe
Veranstaltungen
Öffentliche Weihnachtsvorlesung der Pharmazeuten Theo Dingermann und Dieter Steinhilber widmet sich der Krankheitsgeschichte eines prominenten deutschen Rockmusikers. Freitag, 14. Dezember, 10 Uhr, Campus Riedberg
FRANKFURT. „Wie aus heiterem Himmel“: So lautet der Titel einer ungewöhnlichen Vorlesung, die am Freitag auf dem Campus Riedberg stattfindet. Die Pharmazeuten Prof. Theo Dingermann und Prof. Dieter Steinhilber sprechen über das Thema Schlaganfall und rücken dabei einen Künstler und Musiker in den Fokus, der wohl jedem Zuhörer bekannt sein dürfte. Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölschrock-Band BAP, erlitt 2011 einen Schlaganfall. Wie es dazu kam, erläutern Dingermann und Steinhilber in ihrer Vorlesung.
Die Vorlesung „Wie aus heiterem Himmel“ beginnt am
Freitag, 14. Dezember, 10 Uhr, in Hörsaal B1, im Biozentrum auf dem Campus Riedberg der Goethe-Uni, Max-von-Laue Straße 9.
Seit sieben Jahren laden die beiden Professoren Dieter Steinhilber und Theo Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt im Dezember ihre Studenten und auch andere interessierte Gäste zu einer Weihnachtsvorlesung ein. Thematisch geht es dabei stets um Suchtverhalten oder um Krankheiten aus Sicht der Wissenschaft und um die Verantwortung des Einzelnen für die eigene Gesundheit. Medizinische Aspekte verknüpfen die Professoren mit der Biografie betroffener bekannter Musiker, darunter zuletzt Michael Jackson, Freddie Mercury oder George Harrison.
Ein Interview mit Dingermann und Steinhilber zur Krankheitsgeschichte von Elvis Presley ist gerade aktuell im UniReport erschienen: www.unireport.info/44376478/unireport_6-12.pdf
Hochschulpolitische Themen
Goethe-Universität stärkt mit Zeitung in neuem Format Debatten zu aktuellen Bildungs- und Hochschulthemen
FRANKFURT. Sind Hochschulrankings nützliche Orientierungshilfen für Studieninteressierte? Oder stellen sie eine mangelhafte Form der Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen dar? In der aktuellen Ausgabe des UniReport streiten der Soziologe Prof. Sighard Neckel (Goethe-Universität) und Prof. Frank Ziegele (Geschäftsführer CHE Zentrum für Hochschulentwicklung) über eines der wohl prominesten Rankings. Während Neckel dem CHE Hochschulranking methodische Mängel und falsche Vergleiche vorwirft, verteidigt Ziegele das Ranking als differenzierte Sichtweise auf die Hochschullandschaft.
„Mit solchen Kontroversen im UniReport wollen wir künftig stärker den universitären Meinungs- und Willensbildungsprozess begleiten“, betont Olaf Kaltenborn, Pressesprecher der Goethe-Universität. Die aktuelle Ausgabe der Universitätszeitung präsentiert sich in einem moderneren Layout. Interviews mit interessanten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte sollen künftig das journalistische Profil der Zeitung stärken. In der aktuellen Ausgabe stellt sich der designierte DFG-Präsidenten Prof. Peter Strohschneider, der die 1. Dagmar Westberg-Professur im Wintersemester an der Goethe-Universität übernommen hat, den Fragen der Redaktion.
Weitere Themen der aktuellen Ausgabe:
Die aktuelle Ausgabe des UniReport steht zum kostenlosen Download bereit unter http://www.unireport.info/44376478/unireport_6-12.pdf
Kontakt: Dr. Dirk Frank, Pressereferent, Pressereferent /stv. Leiter, Abteilung Marketing und Kommunikation, Tel. (069) 798-23753, frank@pvw.uni-frankfurt.de
Forschung
Das Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ erscheint pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen
FRANKFURT. Pünktlich zum Jubiläum von Grimms Märchen, die zum ersten Mal im Dezember 1812 als „Kinder- und Hausmärchen“ erschienen sind, beschäftigen sich Literaturwissenschaftler in der gerade erschienenen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ damit, wie sich dieser literarische Fundus im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. „Märchen und Mythen“ ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins der Goethe-Universität (3/2012). Am Beispiel der nordischen „Edda“, zu der zwei verschiedene auf Altisländisch verfasste literarische Werke gehören, zeigen die Frankfurter Skandinavistinnen, wie Mythen buchstäblich in jeden Winkel der Kultur vordringen.
Blick in die Frankfurter Edda-Sammlung
Die beiden literarischen Edda-Werke aus dem 13. Jahrhundert überliefern den größten erhaltenen Schatz an nordischer Mythologie und Heldensage. Gern für „germanisch“ gehalten sind diese Stoffe seit dem 18. Jahrhundert weit über Island hinaus bekannt. Das spiegelt sich auch in den mehr als 1200 Objekten der Frankfurter Edda-Sammlung im Institut für Skandinavistik an der Goethe-Universität. Prof. Dr. Julia Zernack und Dr. Katja Schulz zeigen in ihrem Beitrag, wie die verschiedenen Objekte der sehr heterogen Sammlung sich gegenseitig beleuchten und wie sie eine Rezeptionsgeschichte durch die Jahrhunderte dokumentieren.
Grimms Märchenideal im Biedermeier
Was die beiden Hessen Jakob und Wilhelm Grimm als reine „Volkspoesie“ darboten, war ihr literarisches Kunstwerk. Sie waren davon überzeugt, mit ihrem neuen Märchenideal das ursprüngliche Wesen des Märchens erfasst zu haben. Gesellschaftliche Bezüge wurden aus ihren Märchen verbannt, ihnen ging es allein darum, die fernliegende Vergangenheit widerzuspiegeln, wie der Germanist Prof. Hans-Heino Ewers in seinem Artikel analysiert. Den Erwachsenen im bürgerlichen Biedermeier gefiel genau diese Perspektive: Sie genossen den wehmütigen Rückblick auf eine vormoderne Vergangenheit, den Reiz eines naiven Wunderglaubens und ein Dasein jenseits von Sexualität und Triebhaftigkeit.
Die Grimms und die Manga
Dass Grimms Märchen auch in den japanischen Comic Eingang fanden, hängt mit dem Wesen des modernen Manga als einer Form der globalisierten Populär- und Jugendkultur zusammen. Was in westlichen Ländern als Comic japanischer Herkunft entgegentritt, spiegelt aber auch oft amerikanische und europäische Einflüsse wider. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff beschäftigt sich fast 30 Jahren mit der Comic-Forschung und dazu gehören auch die Manga.
Grimms Märchen in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur
Was alles unter der literarischen Marke »Märchen« auf dem Kinder- und Jugendbuch-Markt firmiert, ist äußerst variantenreich – vom Wimmelbuch im Großformat bis zum SMS-Märchen in 160 Zeichen. Neben dem üblichen Dauersortiment tun sich auch immer mehr Parallelwelten zu den Grimm’schen Märchen auf: Dazu gehören beispielsweise die Märchen-Lovestories für Mädchen, in denen Märchen-Figuren als Strippenzieherinnen in der realen Welt auftreten, ebenso wie die Einbindung der Brüder Grimm in Jugendthriller. Die Verlage suchen Kontakt zum jungen Publikum über vielfältige crossmediale Angebote, Apps und Fanclubs im Netz bedienen den modernen Märchen-User. Wie sich das Angebot gewandelt hat, beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Dr. Claudia Maria Pecher, die auch Vorstandsmitglied der Märchen-Stiftung Walter Kahn ist.
Was Film- und Fernsehproduktionen aus Märchen machen
Auch in Film und Fernsehen erleben Märchen eine Renaissance. Die Filme knüpfen an das an, was Kindern und Erwachsenen aus mündlicher Überlieferung und Lektüre vertraut ist, und beleben den Stoff auf ihre Art neu. Während die Filme von ARD und ZDF, die insbesondere zur Weihnachtszeit ausgestrahlt werden, noch relativ nah an die Textvorlagen der Brüder Grimm angelehnt sind, entfernen sich amerikanische Serien und Filme immer weiter von den Quellen. Häufig entsteht daraus ein Genre-Mix aus klassischen Märchen, Mythen und Populärkultur verknüpft mit Fantasy-Elementen, wie die Kinder- und Jugendbuchforscherin Anke Harms zeigt.
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