Nov 28 2006

Akademische Feier für den renommierten Frankfurter Historiker

Lothar Gall zum Siebzigsten

FRANKFURT. Mit einer akademischen Feier ehren der Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften und das Historische Seminar am 4. Dezember einen großen Gelehrten ihres Fachs: Prof. Dr. Lothar Gall, der am 3. Dezember 70 Jahre alt wurde, ist nicht nur in der „scientific community“ hoch angesehen, er ist darüber hinaus einem breiten Publikum als Autor der„Bismarck“-Biographie, der Monographie „Bürgertum in Deutschland“ und in jüngster Zeit durch seine Bücher über Krupp und die Biographie des langjährigen Sprechers der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, bestens bekannt. Im Mittelpunkt der Feier, zu der zahlreiche auswärtige Gäste erwartet werden, wird die Laudatio von Professor Dr. Klaus Hildebrand, Universität Bonn, stehen und die Übergabe einer Festschrift seiner zahlreichen Schüler und Kollegen. Die Veranstaltung ist öffentlich. Der 1936 im ostpreußischen Lötzen geborene Gall lehrt seit 1975 als Professor an der Universität Frankfurt Neuere Geschichte. Zuvor war er bereits als Professor in Gießen, an der Freien Universität Berlin und in Oxford tätig. Trotz verschiedener Rufe ist Gall der Johann Wolfgang Goethe-Universität treu geblieben. Auch nach seiner Emeritierung im Februar 2004 leitet er noch mehrere drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte, darunter ein Teilprojekt in dem geisteswissenschaftlichen Forschungskolleg „Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel“; zudem betreut er immer noch zahlreichen Doktoranden. Für sein wissenschaftliches Werk erhielt Gall zahlreiche Preise, darunter 1987 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1990 den Herbert-Quandt-Medienpreis und vor allem 1993 den renommierten, vielfach mit dem Nobelpreis verglichenen Balzan-Preis der internationalen Balzan-Stiftung. Gall ist Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, er war von 1992 bis 1998 Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von 1992 bis 1996 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Er ist darüber hinaus Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und Kommissionen. Seit 1975 ist er Herausgeber der „Historischen Zeitschrift“, des wichtigsten Publikationsorgans der deutschen Geschichtswissenschaft, die immer noch ihren Redaktionssitz in Frankfurt hat.

Mit großen Ausstellungen zu historischen Themen, die er konzipierte und leitete, hat Gall eine entscheidende Mittlerrolle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft eingenommen. Es begann mit der Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“, die von 1971 bis 1996 im Reichstagsgebäude zu sehen war und seitdem gänzlich neu gestaltet im Deutschen Dom in Berlin zu sehen ist, gefolgt von der großen Ausstellung „Bismarck. Preußen, Deutschland und Europa“, die 1990 im Deutschen Historischen Museum gezeigt wurde und schließlich den beiden großen Ausstellungen, die Frankfurt Lothar Gall verdankt: „FFM 1200“, die 1994 zur 1200 Jahrfeier Frankfurts im Bockenheimer Depot gezeigt wurde, und „Aufbruch zur Freiheit“ im Jahr 1998 zum 150. Jahrestag der Revolution von 1848 in der Kunsthalle Schirn. Mit seiner 1980 erschienenen Biographie des ersten deutschen Kanzlers sprach Gall auch ein breiteres Publikum an. „Bismarck. Der weiße Revolutionär“ ist mittlerweile in achter Auflage erschienen und wurde auch ins Englische, Französische, Italienische und Japanische übersetzt. Zur Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hat Gall ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus Mitteln des Leibniz-Preises finanziertes Forschungsprojekt geleitet mit dem Titel „Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert“, in dessen Rahmen 1989 auch sein Buch über „Bürgertum in Deutschland“ erschien, die Geschichte einer bürgerlichen Familie, der Bassermanns, über neun Generationen vom Dreißigjährigen Krieg bis in unsere unmittelbare Gegenwart. Außerdem gingen aus diesem Projekt eine Fülle von Einzelstudien und mehrere Sammelwerke hervor.

In den vergangenen Jahren hat sich Gall verstärkt wirtschaftshistorischen Themen zugewandt, die er stets im Zusammenhang der allgemeinen Geschichte betrachtet. Von diesem Interesse zeugen bereits sein Beitrag „Die Deutsche Bank von ihrer Gründung bis zum Ersten Weltkrieg 1870 - 1914“ in der gemeinsam mit Gerald D. Feldman, Harold James, Carl-Ludwig Holtfrerich und Hans E. Büschgen verfassten Darstellung „Die Deutsche Bank 1870 - 1995“ (1995), „Die Eisenbahn in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart“, das er 1999 gemeinsam mit Manfred Pohl herausgegeben und in dem er den Beitrag „Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg“ geleistet hat. Dazu gehören auch seine Forschungen zu Krupp, die in die 2000 erschienene Monographie „Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums“ mündeten sowie in den von ihm herausgegebenen Sammelband „Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung“ (2002). Zuletzt ist er 2004 mit einer Biographie des langjährigen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Herman Josef Abs, hervorgetreten, die den Titel trägt: „Der Bankier. Hermann Josef Abs“.

Nähere Informationen: Sekretariat Prof. Gall, Monika Hahn und Gerhild Müller, Historsiches Seminar, Tel. 069/798- 32621, E-Mail: L.Gall@em.uni-frankfurt.de